Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 852 Dr. Bloch's Wochen schrist. Nr. 46 ßischen Juden dazu ausersahen, ihren Beschwerden nachzuforschen und für die Besserung ihrer Lage Vorschläge zu machen. Grätz erwähnt, daß in dem Bittgesuch, das von I tz i g verfaßt wurde, die Regierung auf gewisse lästige Zurücksetzungen, die Thatsache der niemals rechtschaffenen Behandlung der Juden bei gewiffen deutschen Gerichten und ferner auf das besondere Uebel, daß wegen jedes einzelnen Individuums ihnen Allen eine Verantwortlichkeit zugewälzt werde — worüber übrigens noch heute zu klagen ist, da selbst in unserer Zeit in den Vergehungen einzelner Juden gerne eine häßliche Eigenthümlichkeit der ganzen Nation erblickt wird — aufmerksam gemacht wurde. Der wohlgemeinte Versuch I tz i g's und anderer Deputaten hatte zwar nicht den vollen Erfolg, den er verdient hätte, doch gereicht es dem Vater der Fanny von Arnstein immerhin zur Ehre, daß er der erste war, der für die Hebung des gesellschaftlichen und politischen Standes der jüdischen Race in Deutschland eintrat. Durch die Anstrengungen Daniel I tz i g's und seiner Nachfolger wurde, wenn auch kein Erfolg in staatlicher Beziehung erreicht, so doch eine Umwälzung in der öffentlichen Meinung vorbereitet. So sehen wir in dieser Zeit eine ähnliche liberale Strömung zu Gunsten der Juden in Frankreich auftreten, wo Männer wie Abb^ Grögoire und Mirabeau sich an die Spitze der jüdischen Bewegung stellten. Daniel Jtzig wurde mit der Vertretung der vereinigten Gemeinden der preußischen Staaten als deren Vorsitzender ausgezeichnet. Mau begreift so, daß der von einem solchen Manne auf die geistige und sittliche Entwicklung seiner Kinder geübte Einfluß ein mächtiger sein mußte. Sie Alle gelangten zu Ansehen, zu dem glänzendsten aber stieg Fanny empor oder Bögerle, wie diese Tochter im internen Familienkreise genannt wurde. Schon als ganz junges Mädchen bezauberte sie ihre ganze Umgebung durch ihre Lebhaftigkeit und ihren Liebreiz, und konnte in der Tüchtigkeit der Aneignung von Sprachen, todter wie lebender, mit Henriette Herz verglichen werden. Friedrich Schlegel, der das Sanscritstudium zuerst in Europa einführte, war von ihrem Sprachentalent ganz besonders entzückt und sprach häufig von dem Zauber, den ihre leichte Fassungskraft für ihn hatte. Noch vor ihrem zwanzigsten Jahre heiratete sie den Wiener Banquier und späteren Baron N at b a n Adam A r n st e i n. Ihre Schönheit hatte einen Ausdruck van lebhafter Anziehungskraft, ihr Benehmen Würde und 'Distinktion. einen Schimmer von spielendem Humor und zuweilen blitzartiqer Sathre. Im Gebrauche des Wortschatzes eine vollendete Meisterin war ihr ganzes Wesen von Güte und einem ewig sprudelnden Quelle des Mitgefühls auch im Umgänge mit den weniger Glücklichen durchadelt. Einer der sie kannte, sagte von ihr: „In ihr waren all die Vollkommenheiten. die bei Andern einzeln vorhanden waren, in Eins zusammengefaßt. Sie hatte Geist und Witz, einen Blick und eine Leidenschaft für die Wahrheit, Fantasie und Humor. Charakterstärke und geistige Schärfe paarten sich in ihr mit weiblicher Aumuth und Lieblichkeit und das gab ihren Augen und ihrem redseligen Munde einen Ausdruck von entzückender Süße, wenn sie auch nicht immer die Kraft und das Umgestüm ihrer Gefühle verborgen hielt, wobei die Frische ihrer Sprache den gleichgiltigsten Dingen einen fesselnden Reiz und ein Kennzeichen von Wahrheit und Ursprünglichkeit verlieh." < Indem wir uns die Unterhaltungen in den damaligen Berliner und Wiener Salons vergegenwärtigen wollten, kamen uns einige Worte Thomas Carlyle's in Erinnerung, der, ein brummiger Menschenfeind, wie er bekanntlich gewesen ist, doch für die magischen Reize weiblicher Anziehungskraft nicht unempfindlich war. Die damaligen geselligen Vereinigungen besprechend, sagte er: „Um von diesem Zauber einen Begriff zu geben, müßte man zu den Mitteln der Pantomime herabsteigen. Aber abgesehen davon, ist schon das für Jeden begreiflich, daß Gespräche wie diese, aus so lieblichem, gewandten Munde, von tiefen, leuchtenden Augen und einer graziösen Rührigkeit im Fuhren der Conversation durch Fragen und Antworten begleitet. entzückend gewesen sein müssen, und besonders für Jene, die sich solcher Gespräche selber lebhaft erinnern, dürften die Briefe und Memoiren solcher Frauen immer noch Interesse und Anziehung besitzen." Madame de StaLl, in der Reihe solcher Conversationskünstlerinnen, selber eine der geistvollsten und übhastesten. traf die springenden Punkte der feinen Gespräch kunst, in der sie hervorragte, in wunderbarer Weise durch folgende treffende Beschreibung: „Von allem Andern abgesehen, ist es nicht der Gegenstand an sich, der dem lebhaft geführten Gespräche Reiz verleiht, auch besteht nicht das hauptsächliche Interesse daran, in den Ideen der Belehrungen, die es uns zuführt. Es besteht vielmehr in einer gewissen Art gegenseitiger Einwirkung, die nach beiden Seiten Wohlgefallen bewirkt, so rasch zu sprechen als zu denken, im Nu aus sich herauszutreten, mühelos zu gefallen, seinen Witz in allen Nuancen zu zeigen, durch Betonung. Geberden, Blicke, kurz — in einer Art zu elektrisiren, die Funken sprühen läßt, aber auch das Uebermaß von Lebhaftigkeit darin mildert und die die Andern aus ihrer Apathie herausrüttelt." Als Fanny von Arnstein nach Wien kam, wo ihr schon die Heirat mit dem reichen Banquier sogleich eine hervorragende Stellung verschaffte, übten ihre seltenen Gaben, durch eine hohe Bildung geläutert und befestigt, wie sie waren, ihre Liebe zur Gesellschaft und Menschheit in jeder Form, im Verein mit ihrer Schönheit und großen persönlichen Anziehungskraft sofort einen außerordentlichen Eindruck. Wien war damals nicht wie Berlin, das deutsche „Athen", ein Centrum von „Licht und Wissenschaft", und Fanny statt Eine unter Vielen zu sein, war von den Vielen die Einzige, die in der österreichischen Kapitale die führende Rolle in der Gesellschaft als deren anerkannte Königin bekleidete. Von ihrem Gemahleunterstützt, übte sie dort dieselbe großherzige und aufgeschlossene Gastlichkeit aus, die sie in Berlin gesehen hatte, und in ihrem glänzenden Salon gaben sich Schriftsteller, Künstler, Fürsten, Adelige und Diplomaten, Fremde wie Einheimische ein gemeinsames Stelldichein. Gleich ihren Freundinnen in ihrer Heimatsstadt, bahnte sie den Juden und Andersgläubigen in Wien zur socialen Vermischung den Weg, und blies so wirksamer, wie Gräf sagt, als es durch alle gelehrten Schriften und Redekünste hätte geschehen können, mit Einem Hauche, das Vorurtheil eines Jahrtausends hinweg. Eine lauge Zeit war der von ihr gebildete Salon der einzige dieser Art in Wien und wahrscheinlich auch der einzige Sammelpunkt, wo die Literatur stets das Thema der Besprechungen bildete. In Nachahmung desselben wurden später noch viele andere Salons in Wien gegründet. Nach wenigen Jahren einer ideal glücklichen Ehe starb ihr Gatte und ließ sie mit einer kleinen Tochter, der sie zärtlich zugethan war, zurück. Ein tragisches und zugleich romantisches Ereigniß knüpft sich an diese Zeit ihrer Witwenschaft. Fürst Karl von Liechtenstein, eine der vordersten Persönlichkeiten am Wiener Hofe, der selbst von seiner noblen Repräsentation, seinem edlen Herzen und seiner ritterlichen Natur abgesehen, ein Mann von gelehrter Bildung und politischer Befähigung und Erfahrung war, suchte mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, sie zu überreden, ihren Glauben zu wechseln und ffein Weib zu w-rden. Die Baronin, obwohl von seinen langen, unablässigen Bewerbungen im Innersten gerührt, blieb jedoch dem Glauben ihrer Väter treu und lehnte es ab, seinen Ueberredungen nachzugeben. Ein Nebenbuhler des Fürsten, Freiherr von Weichs, erfuhr die gleiche Entmuthigung und schrieb seinen Mißerfolg ihrer Liebe zu dem Fürsten zu, den er daher zum Duelle forderte. Es kam zum Kampf zwischen den Beiden, und der Fürst zu Tode verwundet, blieb auf dem Kampfplätze. Dieser Umstand rief die größte Aufregung in Wien hervor und stürzte die Baronin in die tiefste Trauer, von der sie niemals sich wieder ganz zu erholen vermochte. Man sagt, sie habe ein Zimmer ganz mit schwarzem Tuche ausschlagen lassen, in das sie Niemand Eintritt gewährt, und wo sie die jährliche Wiederkehr des von ihr schmerzlich beklagten Todes des für sie in den Tod gegangenen Fürsten beweinte. Wien wurde ihr ein Ort der trauervollsten Erinnerungen, den sie eine Zeit lang verließ, um mit ihrer an Schönheit, Güte, geselligen Talenten und Glücksgaben ihr ähnlichen Tochter Italien und Frankreich zu bereisen. Als sie aus letzterem Lande wieder nach Wien zurückqekehrt waren, hatte sich in Fanny von Arnstein ein unerbittlicher Hag gegen Napoleon und alles Französische festgewurzelt. Das Unglück Oesterreichs durch die Erfolge Napoleons und die Niederlage der österreichischen Armee hervorgerufen, steigerten natürlicherweise ihre Voreingenommenheit gegen den Eroberer. Sie hegte in der That gegen ihn den doppelten Haß des Preußen, dem der Patriotismus eilig, fleischt war, und des Oesterreichers, dessen Glaubensbekenntniß das Ansehen des österreichischen Heeres war". Die Liebe zu ihrem angetrautcn und ihrem Stammeslande hatte eine gleiche Obergewalt über das Herz dieser wahren Patriotin — einer echten und rechten