Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite 851 Dr. Bloch's Wochrnschrifk Kirche sowohl, als der jüdischen umzukehren — in jedem Fall bis zu der Zeit, da die Samaritaner den jüdischen Glauben annahmen — und die Gesetzgebung Moses zu dem letzten und nicht zum ersten Stadium der Entwickelung der jüdischen Religion zu machen. Die neue Lehre behauptet, daß beträchtliche Partien des Pentateuch auf ein Alter und eine Autorschaft Anspruch erheben, die ihnen nicht gebühren, und daß H i e k i a h, als er erklärte, daß er das Buch des Gesetzes gefunden, wissentlich König und Volk getäuscht habe. Die Gründe, auf welchen dieser Nmstoß der kirchlichen Tradition basirt, sind zweifach. Erstens wird behauptet, daß literarische Analyse gezeigt hat, das Pentateuch sei das Weck einer ganzen Anzahl von Autoren (alle verhältnißmäßig späten Datums), die ihre einzelnen Beiträge so geschickt vereinigten, daß sie Jedermann täuschten, außer einigen „höheren Kritikern" um Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Andererseits wird behauptet, daß, da alle jene Auroren nach den Ereignissen lebten, die sie berichteten, und sehr häufig einer dem andern bei der Erzählung der Ereignisse widerspreche, diese selbst unhistorisch seien. Wenn man die Werke der deutschen Kritiker und ihrer Jünger liest, so muß einem eine eigentümliche Thatsache auffallen. Sie behandeln nämlich die Literatur des Alten Testamentes, als ob keine amrere Literatur je in der Alten orientalischen Welt existirt hätte, und während sie die Geschichte des Al en Testaments und als einen Theil der allgemeinen Geschichte der Menschheit zu betrachten vorgeben, so verfahren sie trotzdem damit, als ob die Hebräer für sich allein auf einer verlassenen Insel gelebt hätten. Thatsache ist, daß von Egypten, Babylonien, Assyrien, sogar von Palästina selbst alte Literaturen und Monumentinschriften in Fülle vorhanden find, welche vom gleichen Alter sind wie die Patriarchen und Moses und zahlreiche Gelegenheiten bieten, die Wahrheit und das Alter der Biblischen Geschichte zu beweisen. Das mosaische ist ein lit erarisch esZeita l t e r. Wir wissen nun, daß das mosaische Zeitalter im Osten thatsächlich ein literarisches war, wie das der Renaissance in Europa, und daß es ein Wunder gewesen wäre, wenn die Israeliten in Egypten oder Kanaan nicht Antheil genommen hätten an der allgemeinen literarischen Bildung jener Zeit. In dem Jahrhundert, das dem Exodus voran ging, fand eine Wechselbeziehung statt, von den Ufern des Nil nach denen des Euphrat, und diese Wechselbeziehung wurde in der fremden Sprache, in der fremden Schrift Babyloniens geführt; daher mußte es im ganzen civilisirten Osten Schulen und Bibliotheken, Lehrer und Schüler geben. In ein ebenso hohes Alterthum reicht die Babylonische Literatur zurück. Die Hauptstädte des Landes hatten Bibliotheken aufzuweisen, von denen einige vor 6000 Jahren gegründet wurden, und gerade um die Zeit, da Abraham in Ur geboren wurde, dichtete ein Chaldäischer Dichter ein g oßes Epos in zwölf Büchern, das eine lange Aera epischer Dichtung abschloß. So weit es sich um den alten Osten handelt, können wir uns nicht früh genug von der Meinung losmachen, daß die Literatur eine moderne Erfindung sei. Moses hätte damals schon das Pentateuch geschrieben haben können und diejenigen, an die es gerichtet war, hätten es gelesen und verstanden haben können. Die alttestamentarischen Bücher sind nur ein Bruchtheil der hebräischen Literatur welche einst existirte, und wenn wir selbst von möglichen Textverderbnissen absehen, so ist doch die Bedeutung zahlreicher hebräischer Wörter und grammatischer Constructionen nur muthmaßlich zu erschließen. Die assyrischen Denkmäler haben sich in der Bestimmung der Bedeutung hebräischer Wörter schon sehr nützlich erwiesen, und noch nützlicher in anderer Weise. Sie haben uns gezeigt, daß die semitischen Völker des Ost. ns ihre Werke nicht so zusammengetragen haben, wie die Kritiker uns gerne glauben machen möchten. In den meisten Fällen, jedenfalls aber wo es sich um Geschichte handelte, wurden ältere Stoffe von dem Autor der sie benützte, in eine bestimmte Form gebracht. Nur hie und da citirt er genau die Worte des frHeren Autors, dem er seine Erzählung zu verdanken hat. Dies bringt uns zu der zweiten Behauptung der neueren Kritik — daß die Erzählungen des Pentateuchs unhistori ch und größtenteils von der Volkslegende entnommen sind. Gegen diese Behauptung erhebt die orientalische Alterthumswissenschaft eine beständig wachsende Summe von Gegenbeweisen. Es werden fortwährend zeitgenössische Documente entdeckt, welche beweisen daß die angefochtenen Erzählungen der Genesis im Grunde wahr und historisch sind. Nehmen wir z. B. den Bericht über Chedorlaomer's und seiner babylonischen Verbündeten Feldzug gegen die Kanaaniter. Wir wissen nun, daß lange vor Abraham's Zeit die babylonischen Könige ihre Heere nach Kanaan geführt hatten, und daß viele Jahrhunderte lang die Regierung und die Civilisation Babyloniens dort vorherrschend gewesen waren. Weniger als ein Jahrtausend nach Chedorlaomer's Feldzug nennt sich ein babylonischer Herrsch r noch König über das Land der Amoritea oder Palästina, und Professor Hommel hat, soeben erst auf einen Text hingewieseu, welcher die Einnahme von Zemar in Phönicien (Genesis X. 18) durch einen König von Ur beschreibt, der einige Jahrhunderte früher regierte. In dem Namen des elamitischen Königs von Larsa, Eri-Aku, haben Assyriologen längst schon den Namen Arriach von Ellasar gesehen, und Eri-Aku beschreibt seinen Vater, Kudur-Mabug, als „den Vater des westlichen Syriens". Nun hat Herr Pinches, dem die Bibel- und Geschichtsforschenden so viel Dank schuldig find, ein zerbrochenes Täfelchen entdeckt, in welcher derselbe Eri-Aku zusammen mit zwei andern Fürsten, Kudur-Lagamar oder Chedorlaomer dem Elamiten und Tudkhal, dem Tidal der Genesis genannt ist. Der Beweis für die historischen Genauigkeit der Erzählung im 14. Capitel der Genesis ist solchergestalt geschlossen. Bilder aus der; jüdiscken Frauenwelt. I. Fanny von Arnstein. (Aus dem »Jewish Chronicle" vom 25. Oktober 1895.) Uebersetzt von Ignatz Kaufmann. In der hier vorgelegten Reihenfolge von Skizzen einiger der hervorragenderen Gestalten der Geschichte der europäischen Juden, haben wir uns vorgesetzt, Bilder von möglichster Treue und Lebendigkeit, naturgetreue und intereffante Porträts zu entwerfen und um dies um so bester zu erreichen, ihren Hintergrund, soweit es die Grenzen dieses Rahmens erlauben, mit soviel des umgebenden Details auszufüllen, damit das Leben dieser Hauptfiguren aus dieser Umgebung heraus so plastisch als möglich hervortrete und Nichts daran weder geschmeichelt, noch böswillig geschmälert erscheine, eingedenk des Satzes, daß bei einem getreuen Bilde Licht^und Schatten sich das Gleichgewicht halten müssen. Für unsere Studie Fanny von Arnstein herausgreifend, freut es uns vor Allem, daß wir nicht hier wie bei der so viel verlästerten und beklagenswerthen Rahel Levin, einen Abfall vom Glauben ihrer Väter zu berichten haben, sondern im Gegentheile hier das Bild einer Persönlichkeit vorführen können, die durch ihr edles, durchaus charakterstarkes Leben dazu beigetragen hat, die Stellung der Juden in Oesterreich, ihrem Adoptiv-Baterlande, zu heben und zu verbessern. | Sicherlich kann in allen Jahrbüchern ihrer Zeit keine malerische Gestalt gefunden werden, keine die so unmittelbar und weithin gewirkt hätte, als diese. In Berlin am 29. September 1757 geboren, war Fanny von Arnstein eines von den dreizehn Kindern (neun Töchter und vier Söhne), des hervorragenden Banquiers Daniel I tz » g, eines Mannes von festem Charakter und philosophischer Bildung. I tz i g war einer der Deputirten, welchen die preu-