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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-15 · 46 (15.11.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Vloch's Wochrnfchrist Seite 849 sie nicht dulden dürfe, daß die Unterthanen der mit ihr im Kriege befindlichen Republik unter französischem Schutz und unter französischer Flagge auf türkischem Gebiete einträglichen Handel treiben, den sie auch gelegentlich zur Spionage benützen könnten. Eines schönen Tages im Jahre 1694 (Kaufmann gibt leider das Datum nicht -an), ließ der Beiliktschi (Vicekanzler) Ali Pascha, dessen Freundschaft Coungliano genoß, diesen rufen und sagte ihm, er möge schnellstens sich auf die Flucht begeben, denn es sei bereits das Handschreiben des Sultans ausgefertigt, das alle in der Türkei befindlichen Venetianer festzunehmen und ihre Güter, einzuziehen verfüge. Coungliano gab dem Pascha zur Antwort, er werde das Schicksal aller Venetianer theilen ltub nicht fliehen. Er blieb und wendete all seinen Einfluß zu Gunsten seiner Landsleute an. Die türkischen Würdenträger ließen von selbst den ersten barbarischen Beschluß fallen, der übrigens vielleicht nur ein Schreckschuß war, und begnügten sich mit der Ausweisung aller Venetianer. Conngliano gab sich alle Mühe, auch diese Maßregel rückgängig zu machen, es gelang ihm aber nur, eine Ausdehnung der ihnen zugestandenen Frist zur Abwicklung ihrer Geschäfte von zwei Wochen auf zwei Monate durchzusetzen. Ihm selbst hätte nran gern den Weiteraufenthalt gestattet, er zog es aber vor, mit seinen Landsleuten die Türkei zu verlassen, nachdem er ihnen geholfen hatte, ihre Angelegenheiten in Ordnung, ihre Maaren auf die Schiffe und ihre Personen in Sicherheit zu bringen. Was hätte der Antisemit von anno 1698 noch gesagt, wenn er gewußt hätte, daß der Jude mit den furchtbaren Staatsinquisitoren, den eigentlichen Regierern Venedigs, direct correspondirte und deren Secretär den jüdischen Medicus mit Molto illustre Signore (Sehr erlauchter Herr) anredete? Doch konnte Coungliano in Carlowitz seiner Regierung nicht so wie diese und er selbst es wünschten, dienen. Er konnte von seiner Kenntniß der Dinge und Personen keinen Gebrauch machen, da man ihn an jedem Verkehr mit seinen Freunden unter den türkischen Bevollmächtigten verhinderte. Die Alliirten Venedig's witterten hinter solch nichtofficiellem, vertraulichem Verkehr Bestrebungen der Republik, sich besondere Vortheile zu sichern, der englische Friedensvermittler wollte die Situation beherrschen und gönnte keinem Andern einen Antheil an der Ehre, den Frieden zu Stande zu bringen, und endlich scheint Ruzzini selbst auf Conngliano eifersüchtig gewesen zu fein oder sich vor seinen vornehmen Collegen beim Congreß geschämt zu haben, daß ihm in den Juden gewissermaßen ein Helfer und Berather beigegeben sei. So wurde Conngliano unter allerlei Vorwänden von dem Verkehr mit seinen türkischen Freunden zurückgehalten und ihm dieser dann ganz verboten. Und als man ihm solchen endlich gestattete, da war es schon zu spät, die anderen Verbündeten hatten bereits, ohne viele Rücksicht auf Venedig zu nehmen, die Bedingungen des Friedens festgesetzt, denen der Gesandte der Republik nolens volens zusammen mußte. Das Einzige was Conngliano in letzter Stunde noch erreichen konnte, war, die türkischen Bevollmächtigten zu überzeugen, daß die Gewährung von Begünstigungen für den venetianischen Handel auch für die Türkei vortheilhaft sein würde. So war wenigstens für die nächste Zuknnft ein besseres Verhältniß der beiden Mächte angebahnt. Conngliano's diplomatischer Ruf wurde durch diesen Ausgang nicht im Geringsten geschädigt und die Regierung war mit seinen Leistungen so zufrieden, daß sie seine Personen- und Sachkenntniß auch weiter in Anspruch nahm. Auf Wunsch des zur Regulirung der türkisch-venetianischen Grenzen ernannten Commissärs Giovanni Grimani wurde ihm Conngliano beigegeben, und so mußte dieser nun auch nach Dalmatien gehen, was ihm, wie es scheint, nicht sehr lieb war, da er es vorgezogeu hätte, gleich wieder nach der Türkei zurückzukehren, wohin ihn seine dortigen Freunde einluden. Daß die venetianische Regierung mit seinen Leistungen zufrieden war, erhellt aus den officiellen Lobsprüchen, die ihm ertheilt wurden und aus der ihm und feiner Familie ertheilten Auszeichnung. Heutzutage würde man einem solchen Manne wohl einen Orden verleihen, Israel Conngliano und die Seinigen erhielten eine noch höhere Auszeichnung, sie wurden vom Tragen des Ordens entbunden! Viele Jahrhunderte haben die Juden trotz aller Verfolgungen bei ihrem Glauben treu ausgeharrt, treuer noch als jene römische Schildwache, die angeblich auf ihrem Posten in Pompeji unerschrocken stehen blieb, bis sie unter der Asche des Vesuvs den Tod fand. Die grausamsten Verfolgungen, die lockendsten irdischen Vortheile, die boshaftesten Verleumdungen und Schmähungen, giftiger als die Asche des Vesuvs, haben das Judenthum nicht tödten, die große Mehrzahl seiner Bekenner nicht zum Abfall bringen können. Verdienten solcher Muth, solche Treue nicht die höchsten Orden? Das sahen die christlichen Regierungen, die Päpste und Concilien schon im Mittelalter ein und beschlossen daher, einen besonderen Judenorden zu gründen. Die Ordenszeichen waren in den verschiedenen Ländern verschieden. In dem einen Lande war es ein gelber, im andern ein grüner oder rother, auf der Brust zu tragender Tuchlappen, in einem Lande ein gelber, im anderen ein grüner, in Venedig ein rother Hut. Eins war aber den Statuten dieses Ordens in allen Ländern gemeinsam: Die Decorirten, worunter sämmtliche Juden und gewöhnlich auch die Jüdinnen sowie Kinder vom siebenten Jahre an zu verstehen sind, mußten das Ordenszeichen beständig tragen; legten sie es ohne besondere Bewilligung ab, so wurden sie empfindlich gestraft. Es war daher eine besondere Auszeichnung für die Familie Conngliano, als der Doge Mocenigo in Anerkennung der großen Verdienste der Doctoren Israel. Salomvn und Joseph, sowie des Kaufmannes Leo mit Diplom vom 11. März 1701 sie vom Tragen des rothen Hutes dispensirte und einen schwarzen Hut, wie alle ehrliche Christenmenschen, im ganzen Gebiete der Republik, zu tragen gestattete. Für unsern Israel mag diese Auszeichnung wohl nicht viel Werth gehabt haben, da er sich damals wahrscheinlich schon wieder in der Türkei befand. Leider weiß uns Kaufmann über seine letzten Lebensjahre und seinen Tod nichts weiter zu berichten; doch fügt er noch manche interessante Nachrichten über andere Glieder seiner Familie bei. Aber, wie wir bereits gesagt haben, Conngliano war nicht der erste und nicht der letzte jüdische Diplomat. Kaufmann erwähnt des Salomon ben Nathan, der im sechzehnten Jahrhundert als Gesandter des Sultans in Venedig erschien, und in neuester Zeit hat das diplomatische Corps der großen nordamerikanischen Republik Juden in seinen Reihen gezahlt. Und nicht blos Türken und amerikanische Republikaner haben sich jüdischer Vertreter bedient; im Jahre 1200 Unterzeichneten den Vertrag mit dem Sultan Kalavun von Egypten die Gesandten des Königs Alphons von Aragonien. Raimund Carari von Barcelona und der jüdische Arzt David, Sohn des Hasdai, und im Jahre 1717 war der diplomatische Agent des Königs Philipp V. von Spanien in Amsterdam der Jude Emanuel Bentivoglio, der mit dem damals in Wien ein hohes Amt bekleidenden Erzbischof von Valencia, Antonio Cardona hebräisch correspondirte. Der Erzbischof war aber erst ein Anfänger im Hebräischen und mußte, um die Briefe Bentivoglio's zu verstehen, die Hilfe eines geheimen Agenten des Königs von Sicilien in Anspruch nehmen. Dieser, ein katholischer Geistlicher, Unterzeichnete seine Berichte gewöhnlich Tlfltn 2'X Vielleicht weiß Professor Kaufmann uns etwas Näheres über Bentivoglio mitzutheilen und so einen weiteren interessanten Beitrag zur Geschichte der Juden in der Diplomatie zu liefern. M. L.

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