Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021108--05065-3029283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 848 Dr. Bloch's Wochrnschrifi. Nr. 46 Unterschieden abgesehen, ist ja ihre Religion der unserigen sehr ähnlich, und sind nicht selbst unsere religiösen Ceremonieu, die Psalmen, die Evangelien und Episteln jüdischen Ursprungs? Freilich unterscheiden sie sich durch die Beschneidung und den Tempel, aber wenn man sie schon wegen solcher Differenzen verfolgen will, warum gestattet man Lutheranern und andern Ketzern den Aufenthalt bei uns?" So blieben die Juden ungestört in Venedig, und fleißige jüdische Studenten kamen selbst aus Polen und Rußland nach Padua, um an der dortigen Universität den Doctorhut zu erwerben. Selbstverständlich war die Zahl der einheimischen Juden, welche dort promovirten, viel ansehnlicher, und ein besonders starkes Contingent zu den Fahnen Aesculaps stellte die Familie Conngliano, aus der im Laufe eines Jahrhunderts ein halbes Dutzend Aerzte hervorging. Das Leben eines von diesen, des Diplomaten Doctor Israel Conngliano, schildert der als Verfasser einiger werthvoller Monographien zur Geschichte der Juden rühmlichst bekannte Professor Dr. David Kaufmann in einer höchst interessanten, fast durchaus auf Acten venetianischer Archive beruhenden Schrift,**) aus der ich hier das Interessanteste mitthellen will, soweit es sich auf Juden bezieht. Die gründliche Arbeit Professor Kaufmann's hat aber auch einen über unsere Kreise hinausreichenden Werth und bildet einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Diplomatie und der orientalischen Frage. Israel Conngliano, im Jahre 1640 in Padua geboren, studirte daselbst und erhielt am 8. Juni 1673 den Doctorgrad der Medicin und Philosophie, nachdem sein älterer Bruder Salamon bereits dreizehn Jahre früher mit dem Doctorhut geschmückt worden war. Damals waren italienische Aerzte in der Türkei sehr beliebt, und so begab sich auch Doctor Israel nach Konstantinopel, wo er 1675 zu prakticiren begann. Seine Geschicklichkeit verschaffte ihm zahlreiche Patienten, zu denen auch der Großvezier und Schwiegersohn des Sultans gehörte. Das Ansehen und die Beziehungen Israels zu den türkischen Großen entgingen nicht der Aufmerksamkeit des venetianischen Gesandten (Ballo) Donato, und als Israel im September 1681 nach Padua reiste, um die dortigen Aerzte im Aufträge des Großveziers, wegen dessen Krankheit zu consultiren, empfahl Donato seiner Regierung, sich der Dienste des seinem Vaterlande anhänglichen Arztes zu versichern, um über Vorgänge und Zustände in Konstantinopel verläßliche Berichte zu erhalten. Wiederholt lobte er in seinen Berichten dessen Geschicklichkeit und gewinnende Manieren und empfahl, ihn zum außerordentlichen Arzt der Gesandtschaft mit entsprechendem Gehalt zu ernennen. Die Negierung ging darauf ein, und Ende 1682 kehrte Conngliano mit seinem neuen Titel nach Konstantinopel zurück. Er hatte sich entschieden geweigert, einen bestimmten Gehalt zu verlangen, und erklärt, dies ganz der Großmuth der Regierung zu überlassen, „da ein Unterthan", wie er sagte, „verpflichtet ist, dem Staate ohne Rücksicht auf eigenen Vorthell zu dienen". Man bestimmte ihm, nicht als Gehalt, sondern als Entschädigung für den Entgang an Privatpraxis, den seine neue Stellung mit sich brachte, 140 Zecchinen (bei 1400 Gulden nach jetziger Währung) jährlich. Wir wollen hier gleich bemerken, daß chm der Gehalt nur ein Jahr lang ausbezahlt wurde, und als er zwölf Jtchre später in schlechten Vermögensumständen nach der Heimat zurückkehrte, mußte er um Auszahlung der Rückstände ansuchen. Die Regierung verfügte, ihm den Rückstand in jährlichen Raten von 140 Zecchinen und für die folgenden Jahre weitere 140 Zecchinen als laufenden Gehalt zu zahlen. **) Dr. Israel Conngliano und seine Verdienste um die Republik Venedig bis nach dem Frieden von Carlowitz, von Prof. Dr. Kaufmann. Im Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest für das Schuljahr 1894—95. Budapest 1895, 103 Seilen Text un- 131 Seiten Beilagen. Auch nach Ausbruch des Krieges zwischen Venedig und der Pforte im Jahre 1684 verblieb Israel in Konstantinopel, wo jetzt seine Anwesenheit für die Republik von besonderem Werthe war, da sie dort keinen offlciellen Vertreter hatte. „Ohne Amt und Titel, unbesoldet und ohne Verpflichtung war er stillschweigend und namenlos der Vertrauensmann der Republik, mit blindem Gehorsam und selbstvergessenem Eifer ihrem Dienste hingegeben". Hatte doch selbst der gegen ihn wegen seines Judenthums (il peccato suo originale) mißtrauische Ballo Giovanni Capello seinen Eifer und seine Klugheit anerkennen müssen. Als Beispiel seines politischen Verständnisses, mag Einiges aus seinen Berichten dienen. Bald nach Ausbruch des Krieges, der von dem Kaiser, Polen und Venedig gegen die Türkei geführt wurde, setzte er seiner Regierung auseinander, daß nur Eroberungen auf dem festen Lande, unmittelbar an der Grenze (also Bosnien!) für sie von wirklichem Vortheil sein könnten, „Erwerbungen einzelner Inseln im griechischen Archipel sind nur glänzende, aber kostspielige Erfolge, wirklichen Nutzen und Machtzuwachs bringen sie nicht, die Kraft des Staates wird durch die Verteidigung weit entfernt gelegener Plätze nur geschwächt". Einige Jahre später machte er sich über die Gesandten Hollands und Frankreichs bei der Pforte lustig: „Der Franzose möchte die Türken zur Fortsetzung des Krieges gegen den Kaiser animiren und erzählt ihnen beständig ungeheure Lügen von den Siegen seines Königs über den Kaiser, der Holländer möchte sie zum Frieden bewegen und erklärt alle französischen Berichte für prahlerische Lügen; so handeln beide", sagt Conngliano, „ganz verkehrt, denn die Türken sagen, wenn der Kaiser von den Franzosen geschlagen wird, so wird er bald mit ihnen Frieden schließen und seine ganze Macht gegen uns wenden, kommen wir ihnen zuvor und schließen Frieden mit dem Kaiser; hören sie wieder die Berichte des Holländers, so sagen sie: Kaiser und Frankreich halten einander die Waage, also setzen wir den Krieg fort, denn die Entscheidung liegt in unserer Hand. So wirkt der Franzose für den Frieden, der Holländer für den Krieg". Dabei blieb aber Conngliano beständig in freundlichem Verkehr mit dem französischen Gesandten Marquis de Chateauneuf, was ihm mehr als einmal Gelegenheit gab, sowohl seiner Regierung als den in der Türkei befindlichen Venetianern werthvolle Dienste zu leisten. Als ihn im Jahre 1687 Familienverhältnisse bewogen, nach der Heimat zurückzukehren, ließ er seinen Bruder Leo, als seinen Vertreter und Berichterstatter zurück. Mitte Mai 1690 ging er wieder nach Konstantinopel mit dem erneuerten Aufträge, über alle Vorgänge Bericht zu erstatten. Er that aber noch viel mehr. Als die türkische Regierung 1693 den Zoll auf von Venedig eingeführte Maaren erhöhen wollte und der französische Gesandte, unter dessen Schutz die Venetianer in der Türkei während des Krieges standen, sie nur lau unterstützte, war es Conngliano, der den Sturm beschwor und dem es gelang, wenigstens für die wichtigsten Einfuhrartikel Venedigs eine Zollermäßigung durchzusetzen. Kaum war diese Angelegenheit in Ordnung gebracht, als der französische Gesandte ihm sagen ließ, er habe von seiner Regierung den Befehl erhalten, den venetianischen Juden seinen Schutz zu entziehen, während die türkische Regierung ihnen nicht gestatten wollte, sich unter holländischem Schutz zu stellen. Das hieß, die venetianischen Juden in der Türkei für vogelfrei erklären. Aber wieder war es Conngliano, dem es durch seine Freunde unter den höheren türkischen Beamten gelang, seinen Glaubensgenossen die Erlaubniß zu erwirken, den Schutz der Holländer zu genießen. Und als dann fünf venetianische Juden unter dem Verdachte der Spionage verhaftet wurden, war es wieder Conngliano, dem es in unermüdlicher, nicht gefahrloser Thätigkeit gelang, ihre Unschuld nachzuweisen und mit Hilfe des französischen Gesandten ihre Freilassung zu erwirken. Bald aber begann die Pforte einzusehen, oder es wurde ihr von Concurrenten der Venetianer eingegeben, daß