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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-15 · 46 (15.11.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 847 Berdammniß zu bewahren. Der Gedanke wird zur That; es erscheint der würdige Geistliche und an dem bewußtlos Daliegenden wird der feierliche Taufact vollzogen. Möge nun der Körper vergehen, die Seele ist gerettet. Doch Leben und Tod sind nicht in unserer Hand. War es der feierliche Taufact oder eine andere mehr physische Ursache — kurz, wie dem auch sei, kaum war die Seele des Kranken von der Gefahr der ewigen Berdammniß erlöst, als auch sein Körper gerettet war. Die gefährliche, lebensbedrohende Krisis ging glücklich vorüber und derselbe gelehrte Arzt, der über den jungen Mann sein unerbittliches Todesurtheil ausgesprochen hatte, beglückwünschte ihn zu feiner Genseung. Stellen Sie sich jetzt das Entsetzen der armen Witwe vor, als der wider sein Willen getaufte und von feinem Schicksal noch nichts ahnende Student sich zu erholen begann; sie hatte gewähnt, eine heilige Pflicht zu erfüllen und eine arme Seele zu retten und jetzt erstand vor ihr als Schreckgespenst der Körper, bereit, Rechenschaft zu fordern für den an ihm verübten unerhörten Gewaltact. Und so vergingen etliche Monate, ohne daß die Frau und ihr Mitschuldiger, der Geistliche, den Muth gehabt hätten, dem Unglücklichen die niederschmetternde Mittheilung zu machen. Der junge Mann, der nichts ahnte, setzte seine Beschäftigungen fort. Endlich nahte der Versöhnungstag und an die Schuldigen trat gebieterisch die Nothwendigkeit heran, das verhängnißvolle Geheimniß zu enthüllen, da sie wußten, daß der Student diesen Tag hoch in Ehren chielt und die ganze Zeit in der Synagoge in Gebet und Fasten zubrachte. Das christliche Gewissen erlaubte nicht, daß der Neophyt fortfahren sollte, den Irrlehren anzuhängen. Die Frau ladet den Geistlichen ein und in dem Augenblick, wo sich der junge Mann zum Kolnidre begeben wollte, enthüllten ihm Beide das Geheimniß. Ich bin außer Stande, die Scene zu schildern, welche darauf folgte und die mir der Held derselben selbst ausgemalte. Ohne fanatischer Jude zu sein, hing er mit allen Fibern seines Herzens am Judenthum und der Gedanke, daß er nun ausgeschlossen sei aus dem Bunde Israel, war für ihn fürchterlich. Entsetzliche Flüche entrangen sich seinen schreckensbleichen Lippen, als er die Unglücksmähr erfuhr, als er die Größe des an ihm, dem Bewußtlosen, verübten fürchterlichen Betrugs erfuhr. Sein erster Gedanke war, die Hilfe der Behörden in Anspruch zu nehmen, die Schuldigen der strafenden Justiz auszuliefern (damals straften noch die Gesetze eine solche That, die jetzt schwerlich gesühnt werden würde), zu verlangen, daß man ihm gestatte, zu den Glauben seiner Väter zurückzukehren.' Doch nach reiflicher Ueberlegung, nachdem der erste Paroxismus vorüber war, begann er einzusehen, daß er freilich Rache üben könnte für das an ihm begangene Verbrechen, daß aber an ein Nichtgeschehenmachen des Geschehenen nicht zu denken sei. Die rechtgläubige Kirche gibt ihre Adepten nicht heraus, selbst wenn dieselben durch Betrug oder Gewalt in ihren Schooß ausgenommen wurden .... Die orthodoxe Kirche hatte sich um ein Glied bereichert, aber es ist sehr zu bezweifeln, daß der wider seines Willen zum Christen Gewordene ein treuer, eifriger Sohn der Religion geworden, die ihm auf so gewaltsame Weise octroyirt wurde. Der Neophyt hat Carriere gemacht, das Glück hat ihm gelächelt, er ist die hierarchische Leiter emporgestiegen, hat Rang und Würden, Auszeichnungen und Reichthümer erlangt, doch all dieses konnte ihn nicht entschädigen für den großen unersetzlichen Verlust, den xr erlitten. Er hat nicht geheiratet, weil er, wie er mir selbst wiederholt sagte, keine Nachkommen hinterlassen will, die vielleicht seinen ehemaligen Brüdern und Glaubensgenossen einen erbarmungslosen Krieg erklären und dieselben verfolgen werden. Er ist Jude im Herzen geblieben, wenngleich er äußerlich ein correcter Christ ist, dem man keinen Vorwurf machen kann. Ein Hauch der Melancholie liegt über fein ganzes Wesen ausgebreitet und eine geistreiche Engländerin charakterisirt ihn sehr treffend : „There is a man who has been crossed in love.“ Ja, es ist wahr, ein tiefer brennender Liebesschmerz hat ihm seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt, doch ist es nicht verschmähte irdische Liebe, sondern die durch Jahrtausende und zahllose Generationen vererbte glühende Liebe zu seinem Gotte, seinem Glauben, seinem Volke. Und sie haben ihn gewaltsam aus dem heiligen Verbände geriffen, haben mit roher Hand seine zartesten Gefühle zerstört. Und so geht der Unglückliche einsam durchs Leben, refignirt, doch hoffnungslos, und ich kann Sie versichern, daß er ein besserer Jude ist, als mancher, der sich so nennt. Und wenn die hohen Festtage herannahen, das Neujahrs- und Versöhnungsfest, so geht mit ihm eine merkwürdige Wandlung vor. Er entsagt seinen üblichen Beschäftigungen, schließt sich in seiner prächtigen Amtswohnung ein, betet und fastet allein, da es ihm verboten ist, im Kreise seiner einstigen Brüder das Haus des Herrn zu besuchen. Für seine ehemaligen Glaubensgenossen hat er nicht nur ein fühlendes Herz, sondern auch eine offene Hand. Testamentarisch hat er sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen an jüdische Stiftungen vermacht, und angeordnet, daß man keinen Denkstein auf seine letzte Ruhestätte setze . . . Ein jüdischer Diplomat. Ein Jude in der Diplomatie! Ist das wirklich schon vorgekommen? Und ist der Himmel darüber nicht eingestürzt? Haben die heiligen Hallen des „Auswärtigen", die gewöhnlich nur Adelige und nur ausnahmsweise einen bürgerlichen Christen beherbergen, einem beschnittenen Semiten den Zutritt gestattet? Ein paar Mal ist das Ungeheure geschehen; freilich nicht in Wien, und lange bevor das deutschliberale Wahlcomitö gebildet wurde, das „keinen Unterschied der Confession kennt" und mit so rührendem Eifer bemüht ist, den niederösterreichischen Landtag judenrein zu erhalten. Aber die Männer, die vor zwei Jahrhunderten die Republik Venedig regierten, standen nicht auf der Höhe politischer Weisheit, wie unsere Bezirksliberalen; sie dcclamirten zwar nicht bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit: „Wir Venetianer fürchten nur Gott und sonst Niemand", aber sie fürchteten sich nicht vor der Judenherrschaft, und gaben dagegen sorgfältig Acht, daß nicht andere Leute bei ihnen zur Herrschaft gelangen sollten. Als Papst Paul V. im Jahre 1605 das Jnterdict über Venedig verhängte, verbot der Senat den Geistlichen, das bezügliche Breve zu ocrküudeu. „Ich werde thun, was mir der heilige Geist eingebcn wird", erklärte hierauf der Vicar des Bischofs von Padua. — „Ich lantt Ihnen sagen", antwortete ihm der Gouverneur, „der heilige Geist hat der Negierung schon eingegeben, alle Dieenigen aufhängen zu lassen, welche den Gehorsam verweigern würden". Auf dem Gebiete der Republik, in Padua, befand sich auch die damals einzige Universität Europas, an der Juden den Doctorgrad der Medicin erwerben konnten, und auch sonst waren die frommen Christen Venedigs vorurtheilsfrei genug, sich jüdischer Geschicklichkeit und jüdischer Tapferkeit zu bedienen. So zeichneten sich die Juden besonders bei der Belagerung von Corfu im Jahre 1716 aus. Der venetianische Generalissimus Graf Schulenburg berichtete darüber an die Regierung: „Die allergetreueste Judengemeinde von Corfu hat sich mit bewundernswerther Anhänglichkeit und Standhaftigkeit während der ganzen Belagerung benommen und die größtmöglichen Dienste geleistet; auf den Außenwerken fanden sich bewaffnete Juden ein und nahmen an den gefährlichsten Stellen am Kampfe Theil, bereit, Gut und Blut zu opfern". Aehnliches Lob spendete zwei Jahre später der Gouverneur Antonio Loredan den Juden von Corfu und fügte hinzu „obwohl sie durch das Bombardement fast ganz ruinirt sind und sich in höchst elender Lage befinden, haben sie doch sechshundert Zecchinen zur Reparatur der Festungswerke beigesteuert.*) Freilich fehlte es auch nicht an Fanatikern und Judenfeinden in Venedig, und im Jahre 1669 beantragte sogar ein Grimani im Senat die Austreibung der Juden, weil sie sich nicht zur christlichen Religion bekennen. Da antwortete ihm ein anderer Senator: „Entschuldigen, Euere Excellenz, es scheint mir, daß Sie die jüdische Religion nicht kennen oder aus Haß und Neid nicht kennen wollen, von kleinen *) Luigi Amaldo Schiavi, Gli Ebrei in Venezia e nelle sue colonie, »Appunti storici su documenti editi ed inediti.

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