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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-15 · 46 (15.11.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 846 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl Nr. 46 Antisemitischer „Patriotismus". Der noch vielfach verbreiteten Anschauung, daß man besser daran gethan hätte, Herrn Lueger und seine Genossen in der Wiener Gemeindestube abwirthschasten zu lassen, ist Graf B a d e n i mit der Erklärung entgegengetreten, daß man mit einer Partei, deren Vergangenheit keinen Zweifel an ihrem wahren Charakter zulasse, keine Experimente machen dürfe. Wie sehr der „Pole" Graf B a d e n i, der angeblich das „Voll von Wien" so naiv beurtheilt, mit dieser Auffassung Recht hatte, beweist das Verhalten der antisemitischen Wortführer und der antisemitischen Presse in den letzten Tagen. Die Herren haben die Maske der Kaisertreue, des Patriotismus und der selbstlosen Hingebung an die Vollsinteressen gründlich fallen lassen und sich in ihrer ureigenthümlichsten Gestalt als eine Gesellschaft heuchlerischer und verleumderischer Abenteurer der schlimmsten Sorte gezeigt. Und es ist gut, daß es so gekommen, es ist gut, daß endlich diejenigen, welche die Juden bisher nur als eine Horde von vaterlandslosen Fremdlingen und selbstsüchtigen Glücksjägern hinstellten, keinen Zweifel darüber ließen, wie hoch ihre eigene Vaterlandsliebe und ihre Opferwilligkeit für das Gemeinwohl bewerthet werden müsse. In solchen Dingen beweist nicht lärmendes Geschrei, sondern die That, und fürwahr, die wenigen Tage, die seit der Nichtbestätigung des Dr. Lueger verstrichen sind, haben die Menschenkenntniß des Grafen B a d e n i in das hellste Licht gestellt! Da ist zunächst der „geborne Erbsührer", ein Sproß jener erlauchten Geschlechter, welche wie ein schützender Wall den Thron umgeben, der Prinz Alois Liechten st ein. Wie er selbst von stolzer Höhe in die Kneipen der Vorstadt hinabgestiegen ist, so hat er auch die erhabenen Traditionen des österreichischen Adels verleugnet. Im Dienste jenes Ordens, der wie eine Riesenspinne sein Netz über den ganzen Erdball zieht, hat Prinz Liechtenstein längst verlernt, für sein Vaterland zu denken und zu fühlen. Drohend ballte er die Faust nach oben und sprach in heuchlerischem Tone banger Befürchtung von der Möglichkeit, daß die dynastischen Gefühle der Wiener Bevöllerung um der Person eines Lueger willen eine Beeinträchtigung erfahren könnten! Der unerhörte Frevel, die nichtswürdige Blasphemie ist thatsächlich versucht worden, Herrn Lueger gegen jenes theure Haupt auszuspielen, zu welchem jeder Oesterreicher mit glühender Liebe und ehrfürchtiger Hingebung aufblickt — und an der Spitze der Frevler steht der Mann mit dem fürstlichen Namen, aber mit den Gesinnungen eines Stammgastes vom „blauen Luchsen" — der Prinz Alois Liechtenstein. Aber das ist noch nicht Alles! Man hat die geheiligte Person des Monarchen noch in ganz anderer Weise in die widerlichen Debatten der letzten Tage zu ziehen versucht. Am vorigen Samstag brachte das „Deutsche Volksblatt" an der Spitze seiner „Politischen Rundschau" die Nachricht, daß Rothschild durch Vermittlung des Grafen Bad eni vom Kaiser in längerer Audienz empfangen worden sei. Der Zweck dieser unverschämten Lüge Ijegt auf der Hand. Es sollte im „christlichen Volke von Wien" der Glaube erweckt werden, als ob Rothschild auf die Entscheidung der Krone bezüglich der Bürgermeisterschaft Lueger's einen bestimmenden Emfluß genommen, es sollte der Schein hervorgerufen werden, daß die allerhöchste Entschließung nicht eine Folge der unbefangenen Würdigung aller in Betracht kommenden Momente, sondern daß sie zu Gunsten der Juden und gegen das „christliche Volk von Wien" erfolgt sei. Es gibt kein Beispiel in der Geschichte der constitutionellen Staaten, welches sich zu diesem gegen die höchste Stelle im Staate gerichteten Verleumdungsversuche als Vergleich heranziehen ließe. Dieser schamlosen Herabzerrung des Höchsten und Heiligsten gegenüber kommen alle übrigen, von der antisemitischen Presse ausgestreuten Gerüchte, wie jenes von der Erschütterung der Position des Cabinets B a d e n i, von dem bevorstehenden Rücktritt des Graf K i e l m a n s e g g, von der Consignirung des Militärs und der Betheilung desselben mit scharfen Patronen am 6. November, nur als symptomatische Begleiterscheinungen in Betracht, und wenn die saftigen Schimpfworte, mit denen bisher nur die Juden regalirt wurden, nunmehr auch dem Graf B a d e n i und seinen Ministercollegen in offener Parlamentssitzung an den Kopf fliegen, so mag er sich damit gettösten, daß das „Volk von Wien" noch aus anderen Elementen besteht wie die des Vor- und Nachttab von „Pülchern", welcher Herrn Lueger umgibt. Zur Ehre Wiens und der Wiener dürfen wir sagen, daß diese Menschen ihre öffentliche Rolle zu Ende gespielt haben. Es wird noch einige Spektakelseenen auf der Straße und in den Vertretungskörpern geben, aber kein anständiger Mensch und kein ehrlicher Oesterreicher kann fürderhin mit den Lueger und Genossen gemeinsame Sache machen. Das war auch offenbar die Empfindung des Grafen Hohenwart, als er im Namen des ganzen Parlaments die Protokollirung des Ordnungsrufes gegen Herrn Steiner verlangte. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. xmi. Auch ein Neophyt. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, einen höchst interessanten Fall zu erzählen, dertz sich nicht mit einem Kinde, sondern mit einem erwachsenen Mann ereignete, der gleichfalls wider seinen Willen getauft wurde. Dieser merkwürdig und vielleicht einzig in seiner Art dastehende Jncident ereignete sich vor mehreren Jahren und lebt der Held desselben noch jetzt, nimmt eine hohe Stelle in der Hierarchie ein und habe ich noch dieser Tage mit ihm, gelegentlich des Aronowitsch- Proceises über das ihn betroffene seltsame Geschick gesprochen und hat er mich ermächtigt, seine Leidensgeschichte hier an Vieser Stelle wiederzugeben, selbstredend mit Verschweigung von Ort und Namen. Das war, wie gesagt, vor ziemlich langer Zeit. In einer Universitätsstadt des russischen Südens lebte ein Student der Medicin, Jude, im Hause einer bejahrten Witwe. Die gute Alte hatte ihren Miether sehr lieb gewonnen, der sich durch besondere Ruhe und Sanftmuth hervorthat und ein musterhaftes, zurückgezogenes Leben führte. Ein Umstand jedoch gab der Hauswirthin keine Ruhe, nämlich, daß der junge Mann als Jude der ewigen Berdammniß anheimsallen müsse, da er, trotz aller ihrer Ermahnungen, nicht den Irrlehren des Glaubens seiner Väter entsagen wollte. Die gutmüthige, doch äußerst fanatische Alte konnte sich mit den Gedanken nicht versöhnen, daß ihr Miether, den sie so sehr in ihr Herz geschloffen habe, im Fegfeuer schmoren würde, da alle Versuche, ihn auf den Weg des Rechts, d. h. in den Schooß der alleinseligmachenden, rechtgläubigen Kirche an der religiösen Festigkeit und Ueberzeugungstreue des jungen israelitischen Studenten scheiterten. Auch ein frommer Geistlicher, den die Witwe als Bundesgenossen heranzog, um dieses unschuldige Lanim aus den Klauen Beelzebubs zu retten, war nicht im Stande, etwas auszurichten. Plötzlich erkrankte der junge Student sehr gefährlich an einem typhösen Fieber; seine Wirthin widmete ihm die liebevollste Sorgfalt und eine zärtliche Mutter hätte für ihr Kind nicht mehr thun können, als diese rechtgläubige Christin für ihren jüdischen Miether. Trotz alledem,- trotz aufmerksamer ärztlicher Behandlung verschlimmerte sich der Zustand der Kranken immer mehr, die Krankheit nahm eine lebensbedrohende Richtung an, und eines Tages erklärte der behandelnde Arzt, daß die Lage des Patienten eine hoffnungslose sei, daß er wahrscheinlich noch im Laufe des Tages das irdische Jammerthal mit einer besseren Welt vertauschen würde. Die untröstliche Witwe zerfloß in Thränen und sank schluchzend an dem Krankenbette nieder, auf welchem der Unglückliche bewußtlos lag; der Todesengel schien bereit, mit seinen düsteren Fittichen die kalte bleiche Stirne zu beschatten. Plötzlich erhellt die gute Alte ein tröstlicher, freudiger Gedanke. Wenn die sterbliche Hülle nun einmal unrettbar dem Tode verfallen ist, so wäre es vielleicht Zeit, die unsterbliche Seele zu retten, den geliebten Sterbenden vor der ewigen

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