Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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■**&*&££ *- -ÄKSj£\3SM^7y«tttfMM»ihg*-rag«wdmr^^ Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 843 demselben Herrn, der mich in dieses Waldschloß gebracht, weggeführt. Wieder fuhren wir einige Tage, bis er mich unter dem Namen Max Hellwig, einem Beinamen, der mir erst jetzt ertheilt wurde, denn ich wußte bis zu dieser Stunde nur, daß ich Max heiße, in der Stadt .... einem Profeffor des dortigen Gymnasiums übergab. Obwohl ich auch diesem nicht von der Hand gehen durfte, konnte ich doch mit Menschen meines Alters, mit meinen Mitschülern sprechen, und wurde zu keinen kirchlichen Ceremonien gezwungen, denn im Hause meines Professors war .keine Spur von Religion, es wurde sogar frei über das Christenthum gespottet, so daß fich in mir die Meinung befestigte, die geheimnißvolle Macht, die über mich verfügt, habe es darauf abgesehen, die Lehren, die der schwarze Mann im Waldschlosse mir aufzwang, mich wieder vergessen zu lassen und es ihm genüge, daß ich nur zum Namenschristen gemacht bin. Ich absolvirte das Gymnasium mit bestem Erfolge, war jetzt im zwanzigsten Jahre und glaubte hoffen zu dürfen, nun frei zu werden von den geheimnißvollen Fesseln, in die ich geschlagen war. Ich ward, es auch, aber v o g e l frei, ich wußte nicht, wie ich mich erhalten werde. Mein erster Gedanke war, meine Freiheit dazu zu benützen, das Räthsel meines bisherigen Lebens zu lösen. Aber ich erkannte bald die Unmöglichkeit, denn ich wußte nicht, wie mein Geburtsort geheißen, in welchem Lande er gelegen und welchen Familiennamen meine Mutter führte, wußte auch nichts Näheres über das Waldschloß anzugeben, so daß mir jeder Anhaltspunkt fehlte, um meine Nachforschungen zu beginnen. Ich folgte meinem Professor, der mir zum Rechtsstudium rieth und bezog die Hochschule in derselben Stadt, für meinen Lebensunterhalt auf zwei Lectionen angewiesen, die ich mir verschaffte. Anfangs faßte ich das Studium mit Energie an, erlahmte aber bald, denn das Räthsel meines Lebens ließ mich nicht zur Ruhe kommen, die die Spannkraft des Geistes erfordert. Ich wurde träumerisch und fing an, Gedichte zu machen, die immer und immer mein Schicksal wiederspiegelten. In diesem Zustande erhielt ich einen Freund, etwas älter als ich; er war durch Vermittelung eines Collegen von der tiefen Melancholie meiner Gedichte berührt worden. Ich schüttete ihm meine ganze Seele aus. Bald konnten wir nicht ohne einander existiren, wir bezogen ein Quartier; er ermunterte mich zum Lernen, aber ich schwelgte in Gefühlen und verzehrte mich darin; ich verlor allen Lebensmuth. Dann warf ich mich auf das Lesen philosophischer Werke, konnte aber auch durch fie nicht zum Frieden kommen, dafür wurde ich verrufen und verlor die Lectionen. Ich kämpfte mit der bittersten Noth, schämte mich aber, an den Freund heranzutreten, der immer sein Auskommen hatte. Bei zwei Prüfungen wurde ich geworfen. Ich brachte also sechs Jahre auf der Universität zu, während mein Freund schon längst in einer Advocaturskanzlei saß. Und als ich es mit meinen Studien doch fertig brachte, stand ich erst recht rathlos da. Ich galt als verkommenes Subject, während ich ethisch hocherhaben über sie Alle war, bei denen ich um einen Platz bat und abgewiesen wurde. Mehr als einmal stand ich auf der Brücke über dem Strom, der die Stadt in zwei Theile theilte, und es reizte mich, mit einem Sprung dieses Leben wegzuwerfen, allein die Hoffnung auf die Lösung meines Lebensräthsels hielt mich immer vor diesem Todesschritte zurück. Da fand ich eines Tages, als ich wieder vergeblich von einer Vorstellung behufs eines Postens verzweifelt in mein armseliges Quartier zurückkehrte, einen Brief mit einer für meine Verhältnisse ansehnlichen Geldsumme auf meinem Tische liegen. In dem Schreiben wurde ich aufgefordert, unverzüglich nach .... zu reisen und mich der Güteradministration des Grafen . . . ., deren genaue Adresse beigefügt war, vorzustellen. Die Unterschrift des Briefes war unleserlich. Am nächsten Tage schon stand ich vor dem Direktor dieses Bureaus, der mir eröffnete, daß ich ihm empfohlen worden sei und sofort die Stelle eines Actuars auf dem Gute seines Grafen in . . . . antreten könne. Der Oberamtmann daselbst, wäre heute bereits brieflich davon verständigt worden. Wer war glücklicher als ich! Und so bin ich denn vor einem Jahre auf dieses Schloß gekommen. Als ich das erste Mal in den Ort ging und eine Judengaffe sah, zitterte ich vor wonniger Aufregung, und als ich in dieser Gaffe auf den Synagogenplatz kam, mußte ich mich an den Haaren fassen, ob ich wach bin und nicht träume. Das ist ja der Platz, wo ich meine Kindheit verlebte! Seit mehr als zwanzig Jahren stand er so in meinem Gedächtnisse. Ich mußte alte meine Kraft zusammennehmen, um nicht niederzufallen und die Erde zu küssen. Lange stand ich da in Erinnerungen versunken, und als ich mir meiner wieder bewußt wurde, war mein erster Gedanke: Ein Züpfel des Schleiers, der dein bisheriges Schicksal umhüllt, ist gelüftet, von da an müssen die weiteren Nachforschungen ausgehen, bis das Dunkel ganz erhellt und die, welche an deinem und der deinigen Leiden schuld sind, dir gegenüberstehen. Während ich noch auf diesem Platze verweilte, sah ich aus dem Häuschen, welches wir bewohnten, den Synagogendiener mit dem Hammer in der Hand herauskommen, um seinen Rundgang durch die Gaffe zu machen. Es war nicht mein Großvater, der mußte also nicht mehr da fein. Die Klugheit gebot mir aber, mich bei den Juden, die schon vereinzelt in das Gotteshaus gingen, um nichts zu erkundigen, dan it nicht vorzeitig meine Stammesangehörigkeit errathen werde, wodurch ich gewiß meinen Posten verlieren würde, auf dem ich aber ausharren muß, bis in dem mich umgebenden Gcheimniß voller Tag ist". „Er ist mein!" rief das Fräulein laut aus und warf das Heft wieder in die Schublade, „mit der Drohung, ihn als Juden zu verrathen, ist er gefangen". Sie entfernte sich schnell und schloß wieder die Thür hinter sich. Bald darauf kam der Graf todtenbleich, an Leib und Leben zitternd, das Gewehr hinter sich nachschkeppend aus dem Walde zurück. Das ganze Schloß wurde alarmirt. Er litt aber nicht, daß man den Arzt aus der Judengasse hole, sondern gab Befehl, daß man sofort anspanne, er müsse wieder fort, und ehe eine Viertelstunde verging, wankte er zu dem bereitstehenden Wagen. Beim Einsteigen fiel sein Blick auf den soeben von dem Besuche der Wirthschaftsgebäude heimkehrenden Controleur und ein schmerzliches Lächeln flog über sein plötzlich gealtertes Antlitz. Traurig trabten die Pferde mit ihr.m Herrn davon, den sie erst vor drei Tagen mit dem ganzen Feuer des Heimführens des Gebieters in seine Residenz hieherbrachten. Das ganze Personal des Schlaffes, wie auch sämmtliche Bewohner des Ortes waren überzeugt, daß nur ein Zusammentreffen des Grafen mit der Erscheinung im Walde die Ursache seiner Depression bei der Rückkehr von der Jagd und seiner schnellen Abreise sem konnte. Und es wurden sofort alle verfügbaren Männer zu einer Expedition zusammengebracht, um des Ungethüms habhaft zu werden. Diesmal wurden auch die Juden mitgenommen, denn der Controleur selbst machte den Anführer und er hatte nicht die Bedenken des Pfarrers. Diesmal verkroch sich auch kein Einziger, denn der Muth des Anführers befeuerte Alle. Es wurde tief in den Wald vorgedrungen. Nach einer stundenlangen Wanderung kam man endlich an eine kleine Lichtung und sah von ferne schon mitten de'selben die Schreckgestalt ausgestreckt auf dem steinigen Boden liegen. Die Leute wollten „Hurrah" schreien, aber der Sckrecken schnürte ihnen die Kehle zu. Der Controleur ging kühn auf die Erscheinung zu, fie war — tobt, und bei näherer Betrachtung erkannte er in dem Todten seinen — Großvater. Es schwindelte ihm vor den Sinnen, aber er bemeisterte fich und sagte zu den Hinzutretenden: „Wir haben eine Leiche vor uns. Ich werde den Augenschein amtlich aufnehmen und sie in den Ort bringen lassen". Als er bei der Beschreibung an den neben der Leiche gelegenen Sack kam, zog er aus demselben einen Gebetmantel, Gebetriemen und ein schimmeliges Brotstück. „Er war ein Jude", sagte er kalt, „und nur Juden dürfen die Leiche tragen". Er beorderte dazu einige der Ananwesenden, und der Zug machte fich auf den Rückweg. Der Controleur ging an der Seite der Leichenträger. Im Orte angelangt, wurde die Leiche in die Wohnung des Schülklopfers, der zugleich „Liberer" war, erbracht. Der Controleur trat in seiner amtlichen Eigenschaft mit in das Zimmer ein. So war er mit seinem Großvater wieder beisammen in demselben Raume, wo sie vor mehr als zwanzig Jahren zusammen lebten. Er suchte den Sturm der Gefühle zu beschwichtigen, beherrscht nur von dem einen Gedanken: Ich bin der Lösung meines Lebensräthsels wieder um einen bedeutenden Schritt näher gerückt.