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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 844 Nr. 45 Dr. Blvch's Woi* rnfchrist. So erfüllt war er im Innersten, daß er auf dem Wege von der Todtenkammer in's Schloß zurück, auf die Leute gar nicht achtete, die ihn neugierig ansahen und grüßten. Auf dem Schlosse sperrte er sich in seinem Zimmer ein, um ungestört seinen Gedanken nachzuhangen. Er machte kein Licht, als es schon finster ward und saß noch um Mitternacht beim Fenster, auf den sternbesäeten Himmel starrend, dem ewigen Räthfel des All das Räthsel seines Lebens klagend. Da wurde an seine Thür geklopft und ihm ein Brief überbracht, den der Graf aus der nächsten Stadt mittels eines reitenden Boten an ihn gesendet. Er machte Licht und las: Mein Sohn! Bor mehr als 25 Jahren hielt ich mich längere Zeit auf diesem meinem Schlöffe auf, wo ich jetzt drei Tage weilte. In dem Schloßpark promenirten an jedem Sabbathe die israelitischen Mädchen. In eines derselben, das ärmste, ober reizendste der Gaffe, die Tochter des Synagogendieners verliebte ich mich und — brachte es zum Falle. Du bist das Kind dieser sündigen Liebe. Ich habe mit Geld meinen Fehler gut machen wollen; aber Deine Mutter wies jedes Anerbieten zurück. Sie konnte die Schande nicht ertragen, fing nach Deiner Geburt zu kränkeln an und starb, als Du kaum sechs Jahre alt warst. Schon bei ihren Lebzeiten machte ich Versuche, Dich von ihrer Seite zu stehlen, um mein Kind nicht in Schmach und Armuth auswachsen zu laffen; aber sie hütete Dich mehr als Ihr Leben. Nach ihrem Tode mußte ich aber Alles daran setzen, Dich, mein Blut, nicht in der Gaffe verkommen zu laffen. Es gelang mir, Dich in einer Herbstnacht entführen und in ein mir gehörendes Waldschloß bringen zu laffen. Ich wache seit zwanzig Jahren über Dich, ich kenne Dein Thun und Laffen, Dein Denken und Fühlen, die Noth, in der ich Dich während der Universitätsstudien ließ, war nur eine Prüfung. Ich habe Dich vor einem Jahre auf dieses Schloß gebracht und kam nach so langer Abwesenheit hieher, um mich an Deinem Anblicke zu weiden. Das Schicksal wollte mir diese Beseligung nicht lange gönnen. Dein Großvater war gleich am Tage nach Deiner Entführung mit einem Messer in der Hand bis zu mir gedrungen und begehrte mit der Drohung, mich sonst zu tödten, seinen Enkel von mir. Ich erwehrte mich seiner und ließ ihn frei ausgehen mit der Bedingung, daß er sofort auswandere und falls er je wieder zuückkehre, er nicht nur auf ewige Kerkerstrafe rechnen könne, sondern die ganze Gemeinde von meinem Gute vertrieben würde. Ich kannte eben das Solidaritätsgefühl der Israeliten und wußte, diese Warnung werde ihn, wenn er auch sein eigenes Leben nicht achtete, von der Rückkehr abhalten. Tags darauf war er richtig verschwunden und seit zwanzig Jahren verschollen. Doch als ich mich heute in tiefster Waldeinsamkeit befand, begegnete mir eine gespenstische Erscheinung, die in wilder Wuth auf mich zukam, mich an der Brust packte und wie rasend schrie: „Gib mir meinen Enkel oder ich erwürge dich!" Ich habe nichts mehr gethan, als ihn mit einem Stoße von mir abgewehrt, er fiel und — Dein Großvater war eine Leiche. Ich bin sein Mörder, aber ich schwöre Dir bei Golt, ohne daß ich es wollte. Nicht um all das Unheil zu sühnen, das ich über Dich gebracht, sondern weil Du mein Kind, mein Fleisch und Blut bist, habe ich in dieser Stunde einen längst gefaßten Entschluß ausgeführt. Ich habe bei einem Notar die Schenkungsurkunde hinterlegt, die dich zum Eigentümer des Gutes Deiner Heimat macht. Du waltest von heute an in Deinem eigenen Schlosse, und erbitte mir nur von Dir, daß ich jedes Jahr, wie ich es heimlich bis jetzt gethan habe, Blumen aus diesem Parke aü^ das Grab Deiner Mutter säen lassen kann, aus diesem Parke, wo ich sie kennen lernte und die Blumen, die sie besonders liebte. Verzeihe mir und liebe wie ein Sohn Deinen Vater Graf .... Das Räthel seines Lebens war gelöst. Jetzt begann in ihm der Kampf: Soll er der Rächer seiner Mutter werden oder Erbarmen haben mit. dem Vater, ihrem Mörder? In den ersten Vormittagsstunden des nächsten Tages fand die Bestattung der im Walde gefundenen Leiche statt. Max Hellwig folgte dem einfachen Conducte auf den 'jüdischen Friedhof. Während die Männer des „Heiligen Vereins" noch an der Form des neuen Grabhügels schaufelten, fiel in der Nähe ein Schuß. Auf dem Blumengrabe, dem einzigen audem ganzen Friedhofe, lag der Actuar, wie er im Orte noch immer titulirt wurde, und röchelte sein Leben aus. Briefkasten. Agram „P.." Wenn Sie unser Blatt mit Aufmerksamkeit lesen, werden Sie eine Reihe Ihrer Gedanken, welche die Gedanken jedes vernünftigen, auf seine Selbsterhaltung bedachten Israeliten sind, in der geeigneten maßvollen Form vorgetragen finden. Wien. Dr. A. Sie erzählen den vielbewegten Lebenslauf des gesinnungsfrslen Beuschelmannes in Form einer Reimchronik, welche, da sie nur All- und Längstbekanntes recapitulirt, für und nicht zum Abdruck geeignet ist — bis aus die Strophe: „Getragen hat er alle Farben, Bis zu der Nelke Unschuldweiß, Aus Kämpfen ging er ohne Narben Und gab sich nie.Gefahren Preis." ' _ Warschau. 9t. S. Wenn Sie in Ihrer Mappe wirklich Interessantes siir uns haben, soll es uns gewiß nur sehr angenehm sein. Freundschaftlicher Gruß. Lvien. Abonnent I. K. Der Angefragte ist als Christ geboren. Sie schlossen aus der Heftigkeit und Maßlosigkeit seines Antisemitismus, daß er ein getaufter Jude sein müsse. Nähere biographische Details kennen wir nicht, da wir uns mit diesen Leuten grundsätzlich niemals mehr als unbedingt nöthig befassen, was wir auch Ihnen empfehlen. Mährisch-Weißkircheu. „Gymnasiast R. G." Ihr Brief hat uns ^höchlichst amüsirt. Wir sind Ihnen für die politischen Belehrungen, die Sie uns aus dem reichen Schatz Ihrer Erfahrungen und Kenntnisse spenden, zu Dank verpflichtet. Sie wünschen die Zustände an den österreichischen Gymnasien—o diese „ungenügend!" — mittels des „radikalen Socialismus" zu ändern und drohen sogar mit einer „neuen 48er Revolution." Ferner rügen Sie den Ausdruck „Kinder" in unseren Berichten als überaus beleidigend für Obergymnasiasten; nicht minder mißfällt Ihnen das Wort „Jungen" anstatt Schüler — (vielleicht Paßt'Ihnen das a usch nicht!) — der VII. und VIII. Classe; als „stellungspflichtige Jünglinge, deren Antlitz sogar ein Schnurbart ziert", bezeichnen Sie sie etwas umständlich. Ach! Man kann - noch viel viel älter als 18 und noch immer ein dummer Junge sein! M. Szigeth- G. S. Die Kallir sind keine Barone. In Galizien gibt es überhaupt noch keine jüdischen Barone. Budapest. Freund des Humors. „Die Harkanyis sind, so viel wir wissen, jüdischer Herkunft und mit den ursprünglich ebenfalls jüdischen Wodianers verwandt." Dies schreibt der getaufte Jude Spitzer-Weimar (!) in seinem unfreiwilligen Witzblatte „Reichspost" Nr. 249. Ferner: „Wenn morgen ganz Wien zur großen Todtenstadt des Centralfriedhofes hinauL wallen wird, um im Gebete zu gedenken all der theuren Entschlafenen, der Verwandten, Freunde und Wohlthäter, werde auch ich mich den Schaaren anschließen und an der Stätte des Friedens gedenken aller Wohlthäter der „Reichspost", der lebenden, daß sie eine glückselige Sterbestunde erlangen, und der bereits verstorbenen, daß sie möglichst bald eingehen in den ewigen Frieden." (Aus dem Allerseelen Schnorr-Feuilleton der „Reichspost".) Wien. Frau Dr. Louise Kl. „Absage" erhalten. „Wir besitzen Judentempel genug in Wien — die christliche Bevölkerung hat keine Veranlassung, jüdische und von Juden geleitete Unternehmungen zu unterstützen." (Deutsches Volksblatt vom 31. Oktober.) Wer boycoltirt?? Wien, Otto L—i. Der große antisemitische Poet Bincenz Tvtzaner dichtet rüstig weiter und der Dr. Psenner drnckt's fleißig ab: „Wien hat großartige Museen, Man kann dergleichen nicht viel sch'n; Doch birgt es auch — o, welch ein Graus! — Manch Armen-, Findel-, Waisenhaus. (mc!) Ja selbst zwei große Menagerien Ergötzen unser holdes Wien; Wär's besser nicht, man schlöß' hier ein Die Menschen, deren Herz aus Stein? (Gewiß.) Die Plätze, Straßen sind sehr schön Undzeigen buntbewegtesLeb'n;(Oho!verdichten Siesich nicht!) Doch stimmt's das Herz zur Traurigkeit, Sieht man ringsum viel arme Leut'." Wien. „Neugieriger." Sie wünschen die Namen. Sehr gern. Die einzige Tochter Anzengrnber's hat sich mit Erkaübniß der maßgebenden Persönlichkeiten und mit Einwilligung des Herrn Carl G r ü n d o r f, Vormund der Kinder Anzengrnber's, mit denr Herrn Wilhelm Mader, Verwalter des „Deutschen Volksblatt" und t. k. Reserveofficier, verlobt. Laibach. „Zyx." Der selige Schönerer lebt noch. Er ist nur politisch maustodt. Wie es momentan in seinem Oberstübchen bestellt ist, zeigt sein unverfälschtes Briefkastel Nr. 21. „Bestreben wir uns unermüdlich,' den Tag der Götterdämmerung herbeizuführen (!) an dem unsere sklavische Abhängigkeit von Juda und Rom auf irgend eine Weise geendet wird und an dem die Lüge, die Heuchelei, Rückenmarksschwindsuchi und Undankbarkeit unseres Volkes endgiltig von dem siegenden Morgen unserem Volke genommen wird. Heil Bismarck!" U. d. Gr. Sch. Ein siegender Morgen, der die Rückeninarksschwindsilcht nimmt .... Ei, wie nett! Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.

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