Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 840 Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift und theilt mit, daß die finanziellen Verhältnisse der Gemeinde nunmehr vollkommen consolidirte genannt werden können und daß dieselbe über ein Vermögen verfügt, das es ihr ermöglicht, den Haushalt im bescheidenen Rahmen ungestört fortführen zu können. Redner fühlt sich glücklich, dies der Generalversammlung, der zweiten seit dem Jahre 1869, eröffnen zu können und führt aus, daß der gegenwärtige Vorstand im Jahre 1683 eine bedeutende Schuldenlast übernommen, dieselbe aber, dank der Opferwilligkeit der Mitglieder und dank der ersprießlichen Wirksamkeit des Vorstandes, bis zum heutigen Tage nahezu getilgt hat. (Lebhafte „Ziviorufe".) Mit Rührung gedenkt der Vorsitzende derjenigen Gründer des Tempels, die inzwischen mit Tod abgegangen sind. Zur Ehre ihres Andenkens erhebt sich die ganze Versammlung und spricht mit tiefer Bewegung den religiösen Spruch aus, welcher die Dankbarkeit und Pietät der Gemeinde bekunden soll. Nachdem der Vorsitzende dor Versammlung Herrn Senator N o v a k als Vertreter der politischen Behörde vorgcstellt hat. bestimmt er zur Autenthicatjon des Generalversammlungsprotokolles die Herren Franz Weiß und Oscar W e iß m a y e r. — Secretär Schwarz bringt hieranf den formell und inhaltlich überaus gehaltvollen Rechenschaftsbericht,ur Verlesung, welcher des Ablebens der Vorstandsmitglieder Leopold Brandt und Gustav W e r t h e i m e r in pietätvoller Weise gedenkt. Die Gemeinde zählte im Jahre 1692 nahezu 260 Mitglieder, deren Zahl sich bis Ende des laufenden Jahres auf etwa 300 erhöhen dürfte. Die Einnahmen beliefen sich im Jahre 1892 auf fl. 12.620, im Jahre 1893 auf fl. 12.894, im Jahre 1894 auf fl. 14.466 und im Jahre 1895 (bis Ende September) auf fl. 11.061. Den Einnahmen stehen folgende Altsgaben gegenüber: 1892 fl. 12.361. 1893 fl. 11.934,1894 fl. 13.576 und 1895 (bis Ende September) fl. 10.455. Die vorhandene Baarcassa betrug am 1. Oktober l. I. fl. 605-87 und an transitorischen Einnahmen fl. 1121-93. mithin fl. 1727 80. Die Activen der Gemeinde wurden mit fl. 54.090, die Paffiven mit fl. 12.171 ausgewiet'en. Dem Gemeindecassier Herrn Josef Kunetz, sowie dem Secretär Schwarz wird für deren gewissenhafte Amtsführung der Dank der Generalversammlung votirt, der Rechenschaftsbericht befriedigend zur Kenntniß genommen und dem gesammten Vorstande das Absolutorium ertheilt. — Advocat Dr. Hugo Spitzer bringt hierauf den von ihm mit großer Sorgfalt verfaßten neuen Statutenentwurf zur Verlesung, welcher ohne Aendernng zur Annahme gelangt. — Der Vorsitzende beruft hierauf die Herren Oscar Weiß map er. Adolf Kraus juit., Josef Fischer, Bella Springer und Simon Horn in die Scrutiniumscommiffion und suspendirt, zum Zwecke der Vornahme der Wahl die Versammlung auf 10 Minuten. Vorher beantragt jedoch Herr W e i ß m a v e r, in Anbetracht der großen, unvergänglichen Verdienste. welche sich der gelammte Vorstand, insbesonders aber dessen Vorsteher Herr Kästen bäum, um das Gedeihen derCultusgemeinde erworben hat, die Wiederwahl des Letztgenannten per Acclamation. Der Antrag entfeffelt unter den Anwesenden großen Beifall, der sich noch steigerte, als auch Herr Adolf Kraus jun. dem Anträge zustimmt und gleichfalls die Verdienste des Vorstandes beleuchtet. Nachdem jedoch blos zwei Mitglieder die Wahl per Acclamation ablehnten, ordnete der Vorsitzende behufs Ausübung der statutarischen Rechte der Gemeindemitglieder die Neuwahl an. Nun wurde mittelst Stimmzettel gewählt. Das Scrutinium ergab, daß sämmtliche abgegebenen Stimmen ans die bisherigen Mitglieder des Vorstandes entfielen. An Stelle des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Wertheimer wurde Herr Oscar Wcißmayer neugewählt, worauf der Vorsitzende unter lebhaften ..Ziviorusen" die Versammlung um halb 7 Uhr Abends schließt. — Besonders bemerkenswerth erscheint folgender Passus aus dem Berichte des Secretärs Schwarz, welchen wir hier wörtlich reproduciren: „Auf der bereits solid zu nennenden Basis wird die Cnltusgemeinde, getreu ihren guten Traditionen, auch weiter fortschreiten, ohne neuen Bestrebungen befangen oder gar feindlich gegenüberzustehen. Sie wird auch weiter den Standpunkt vertreten, daß man die Pietät für Vergangenheit nicht zu verlängern braucht, um den Anforderungen der Gegenwart zu entsprechen. Darum ist und bleibt es unser Programm, auch in Zukunft den so schwer errungenen Besitz durch ernstes, umsichtiges und einheitliches Zusammenwirken zu erhallen und zu fördern. Wir wollen stets, eingedenk unserer Pflichten, dem erhabenen Träger der heiligen Stephanskrone, unserem geliebten Könige gegenüber, (allgemeines Erheben von den Sitzen und brausende Ziviorufe), wir werden auch fernerhin als loyale und treue Staatsbürger den ersten und obersten Würdenträger unseres engeren Vaterlandes Se. Excellenz den Grafen Khu-n-Hßderväry verehren (Lebhafte „Ziviorufe), die Interessen unserer geliebten Vaterstadt einmüthig fördern und in der Wahrung des Friedens mit allen Confeffionen und der gegenseitigen Achtung auch in der Zukunft unsere wesentlichste Aufgabe erblicken. Zu diesen Principien, geehrte Generalversammlung, wollen wir alle uns bekennen, diese fördern und vertreten, für diese wirken und schaffen. Des gemeinnützigen Wirkens des Herrn Oberrabbiners wurde in dem Generalberichte des Secretärs in dem wärmsten Worten gedacht, welcher Passus begeisterte „ZibioS" entfesselte. Herr Vorsteher Sam. Kästenbaum wurde nun zum fünften Male mit Acclamation gewählt, welcher Umstand für die Beliebtheit des verdienstvollen Mannes zeugt. Smichow, den 5. November 1895. Die Stadt Smichow hat bis zum Vorjahre den Ruf einer toleranten, friedliebenden und einträchtig wirkenden Gemeindevertretung genossen, welches Lob ihr sogar von Sr. Majestät dem Kaiser wiederholt gespendet wurde. Heuer ist nun leider in Folge eines Compromisses ein großer Theil der Stadtverordneten-Mandate in die Hände der Jungczechen gefallen und damit hat auch das bisherige musterhafte Einvernehmen zwischen Deutschen und Juden sein Ende gefunden. So wurde vorige Woche der Antrag des Stadtrathes, dem in der ganzen Stadt allgemein geachteten und werthgeschätzten Kaufmann und Hausbesitzer Herrn Ludwig Soyka, welcher seit 30 Jahren in dieser Stadtim besten Einvernehmen mit Jedem lebte und als Zeichen seines Ansehens Vorstand des hiesigen Handelsgremiums, Börserath der Prager Productenbörse, Vorstrndsmitglied der hierortigen Cultusgemeinde ist, die Zuständigkeit nach Smichow aus keinem anderen Grunde verweigert, nur weil er ein Jude ist. Einer der jungczechischen Vertreter machte hiebei die Bemerkung: »Mäme jich uz tady dost«, „Wir haben ihrer schon genug hier". Dieser Vorgang der Smichower Stadtvertretung erregt allgemeines Aufsehen und Mißbilligung. E. B. Protznitz. (D i e st ä d t i s ch e n G em e i n d ewahlen) finden nächstens statt. Das deutscheWahlcomite hat den Wählern Wahlenthaltung empfohlen, was im Sinne der Mehrzahl der Wähler liegt. Denn eineWahlbetheiligung würde wieder zu Kämpfen geführt haben, welche für diejenigen Wahlberechtigten, die Geschäftsleute sind, verhängnißvoll hätten sein müssen und dazu angethan gewesen wären, neuerlich zahlreiche Existenzen zu gefährden, ja zu ruiniren. Bedauert müß es nur werden, daß der Antrag auf Herbeiführung eines Compromisses seitender Parteileitung abgelehnt worden ist; im Kreise der Wähler hätte die Anbahnung eines guten Einvernehmens mit der Gegenpartei gewiß die vollste Billigung gefunden. Der Furor teutonicus, von welchem die jüdischen Wähler bis zum Exceß durchdrungen waren, hat an Intensität viel verloren, seitdem man täglich die Wahrnehmung wachen kann, daß die Führer der deutschliberalen Partei mit den deutschnationalen Antisemiten kokettiren und auf Unkosten der Juden Concessionen machen. Geht dies noch weiter in dieser Dicke fort, dann wird sich die deutschliberale Partei den Rest der Sympathien verscherzen, welche sie derzeit noch besitzt und dann hätte sie auch in Mähren ihre Basis verloren. Paris. Anläßlich der hundertjährigen Jubelfeier des Instituts von Frankreich zählen die „Arch. Isr." die bisherigen Mitglieder desselben, soweit sie einer der fünf Akademien .angehörlen, auf. Das erste jüdische Mitglied war F. H a l e v y, der Cvmpouist der „Jüdin", 1836. Dann kamen A d o l p h e Frank 1844, Salomo n Munk 1855, später M. Break, Henry Weilt, I. O p p e r t, I. D e r e n bo n r g, Maurice L 6 v y, Lipp m a n n, H o lp h e n, L y o n - C a e n, A. v. R o t s ch i l d, R.Bischoffsheim, G. A s c o l i, Th. Gompertz, M. Israels, Emilie Worms und L. Königswarte r. Unter den 200 Mitgliedern der fünf Akademien befinden sich gegenwärtig neun Juden. — Besondere polizeiliche Vorsichtsmaßregeln wurden in der Synagoge in der Rue la Victoire, Paris, am, Versöhnungstage getroffen, infolge von Warnungen vor einer bevorstehenden antijüdikchen Kundgebung, welche an die Polizeipräsictur gelangt waren. Die Ordnung wurde jedoch nicht gestört. — Frau H e i n e - F u r t a d o, die bekannte Wohlthäterin, hat der Synagoge von Versailles, die sie aus eigenen Mitteln ganz allein erbauen ließ, prachtvolle Fenster von hohem künstlerischen Werthe geschenkt. — David Segr 6, der italienische Gesandte in Per u, ist im Alter von 55 Jahren in Saluzzo gestorben. Nach Vollendung seiner Studien an der Universität von Turin., wurde S e g r 6 dort Professor der Staatswissenschaften. Darauf beschloß er, die diplomatische Laufbahn einzuschlagen und wurde znm Staatsdienste zugelassen und von der Regierung häufig mit delikaten politischen Missionen betraut. Er war Consul in mehreren Orten, bevor er die Ernennung zum bevollmächtigten Gesandten mehrerer Republiken Südamerikas erhielt. Zuletzt wurde er Minister-Resident in Lima (Peru). Odessa. Der Chef des Bankhauses ,,O. Chayes", Herr Osias Chayes, feierte den 25. Jahrestag seiner finanziellen Thätigkeit. Die Vertreter sämmtlicher hiesiger Gesellschaftsklassen ohne Unterschied der Confession und Nationalität beeilten sich, Herrn Chayes ihre Gratulationen darzubringen. Der Gratulationsbrief vom Stadtgouvernenr hat folgenden Wortlaut: „Geehrter Herr Osias Soweljewitsch! Es macht mir ein ganz besonderes Vergnügen, Sie zum 25jährigen Jubiläum des Bestehens Ihres Bankgeschäfts in Odessa beglückwünschen zu können. Der wachsende Erfolg in Ihren Handelsmiternehmungen bat Ihr Herz , dennoch nicht gefühllos werden lassen; im Gegentheil.- Sie halten stets Mitgefühl mit der Noch ihrer ärmeren Brüder und brachten denselben reichliche Opfer an Geld und persönlicher Arbeit. Eine so ehrenvolle Thätigkeit bereitete Ihnen einen bcr.eidenswerthen und anerkannten Rahm unter den Einwohnern Odeffa's, welche Sie auch zu ihrem Vertreter in der Duma und für andere Ehrenämter gewählt