Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 839 Adolf Schächter, mit einem Bortrage: „Sein oder Nichtsein oder das Judenthum und die Lesehalle", eröffnete. Nachdem er in der Einleitung die Aufgaben des akademischen Bürgers beleuchtete, der neben seinem Be^ufsstudium sich die Kenntniß der herrschenden Zeirströmnngen ««eignen müsse, um im öffentlichen Leben ihnen gegenüber Stellung nehmen zu können» suchte er dann durch Anführung von schlagenden Thatsachen den Beweis zu erbringen, wie sehr heute der jüdische Student dem durch äußere Angriffe, sowie innere Zersetzung geschwächten Judenthum seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden habe. Mit Recht führte hierauf der Redner aus, daß man die wahre Bedeutung des Judenthums nur dann richtig erfassen könne, wenn man sich eine klare Vorstellung über dessen, den Meisten unbekannte Vergangenheit gebildet habe. Um dies den jüdischen Studenten zu ermöglichen, w-rden in der Lesehalle sachgemäße Vorträge aus der jüdischen Geschichte, Literatur und Cultur von den hervorragendsten Gelehrten Und Schriftstellern Wiens abgehalten werden, die sich dem Vereine zur Durchführung dieses erhabenen Zweckes bereitwilligst zur Verfügung gestellt haben. Denn nur dann wird und kann der jüdische Student, sobald er das Judenthum in seiner wakren Gestalt kennen gelernt hat, in ihm auch die ihm bisher fehlende moralische Kraft finden, um sich offen vor Jedermann als Jude zu bekennen und die ihm gebührende Achtung zu verschaffen. An den mit großem Beifall anfgenommenen Vortrag schloß sich hierauf eine lebhafte Discuffion, an der unter Anderen auch Herr Docei t Feilbogen sich betheiligte, der die jüdische Studentenschaft im Interesse des Judenthums zum gemeinsamen und einträchtigen Vorgehen aufforderte. Brünnl. November. (Hohe Besuche.) Im Laufe des gestrigen Nachmittags zeichneten Se. kais. Hoheit der Herr Erzherzog Leopold Ferdinand und Se. Excellenz der Statthalter Freiherr v. Spens-Booden in Begleitung des Herrn Kammervorstehers Obersten Grafen Nostitz-Rienek, beziehungsweise des Herrn Gewerbe-Ober-Jnspectors Czerweny, Malzfabrik und Bierbrauerei der Firma S. Morgenstern mit einem Besuche aus. Die hohen Gäste wurden von den Firmachefs, den Herren Bernhard und Albert Morgen st er n, mit den Beamten des Unternehmens und dem Herrn Direktor Pfaff von der Aktiengesellschaft für Maschinenbau, vormals Brand & Lhuillier, welche die maschinelle Einrichtung geliefert hatte, im Vestibüle des Wohngebäudes erwartet und nach erfolgter ehrfurchtsvoller Begrüßung durch sämmtliche Räume des Etabliffements geleitet. Die hohen Gäste verfolgten mit sichtlichem und regem Interesse den ganzen Entstehungsproceß des Malzes und des Bieres in allen Stadien und sprachen wiederholt ihre Befriedigung über die großartige Einrichtung der bekanntlich nach den neuesten Erfahrungen erbauten Brauerei, sowie über die in allen Räumcn herrschende Reinlichkeit und Ordnung aus. Im Sudsaale nahmen hie hohen Besucher das ihnen daselbst kredenzte fertige Product entgegen, verkosteten dasselbe und sprachen sich sehr lobend über dessen Qualität aus. Schließlich betraten die hohen Besucher das Comptoir und besschtigten daselbst die der Firma seit ihrem Bestände zu Theil gewordenen Auszeichnungen, worauf Se. kais. Hoheit und Se. Excellenz sammt Begleitung nach mehr als einstündigem Besuche dieses bedeutende heimische Etablissement verließen. Brüx, 28. Oktober. (Fiascoderantisemitischen Agitation.) Durch Ueberrumpelung hatte beim Kaufmannstage in Teplitz eine antisemitische Clique einen gewissen Erfolg erzielt. Dadurch kühn gemacht, wollten dieselben Herren auch in Brüx für ihre Theorien Propaganda machen, ein Versuch, der ihnen aber so vollständig mißlang, d»ß sie in Zukunft wohl unsere Stadt mit ihren beglückenden Ideen verschonen werden. Der Verband der kaufmännischen Vereine 'für Nordwestböhmen war der Arrangeur dieses Kaufmannstages, der für den 27. d. M. nach Brüx einberufen worden war. Sowohl von Auswärts als auch von Brüx hatte sich eine große Anzahl von Kaufleuten eingefunden. Ueber Vorschlag des Vorsitzenden wurde die Absendung eines Huldigungstelegrammes an Se. Majestät und eines Begrüßungstelegrammes an den Handelsminister beschlossen. So einträchtig der Beginn der Verhandlung war, so bewegt gestaltete sich bald ihr Verlauf. Der erste Redner, Herr Wüst aus Michelsdorf, wurde, da er sich in Beschimpfungen der liberalen Partei erging, lebhaft unterbrochen und an den Vorsitzenden das Ersuchen gestellt, politische Erörterungen nicht zuzulassen. Nun hatten aber diese Redner augenscheinlich ihren Speech von der antisemitischen Parteileitung bekommen und auswendig gelernt. Das Pensum mußte also herunter und mit Pathos entledigte sich der erste Redner seiner Aufgabe unter großem Lärm und Widerspruch der Versammlung. Noch größer aber war der Wide spruch bei dem zweiten Referate. Herr Soukup, Krämer aus Kotoseruk. trat für den Befähigungsnachweis ein und gefiel sich hiebei in geschmacklosen Beschimpfungen der deutschen Parteileitung. Obzwar der Obmann des Teplitzer Vereines, Herr Saic, ein vorzüglicher Redner, unter Betonung seiner liberalen Gesinnung für die Anträge der Referenten, nach Entkleidung derselben von den antisemitischen Färbungen, eintrat, erhielten nach den sachlichen und entschiedenen Ausführungen des Vorstandsmitgliedes des Brüxer kaufmännischen Vereines, Herrn Black, und nach lebhafter Rede und Gegenrede von beiden Parteien, die Anträge der Einberufer der Versammlung auch nicht eine Stimme. Unter allgemeinem Applaus beeilte sich der Vorsitzende, Herr Siche aus Karbitz, noch vor Erledigung des Programmes die Versammlung zu schließen. Der kaufmännische Verein in Brüx hat sich durch sein mannhaftes Auftreten und die entschiedene Bekämpfung der reaktionären Bestrebungen ein großes Verdienst erworben. Saaz, 1.November. (Wie eine Stadt antisemitisch wird.) In unserer Stadt, bekannt als Emporium des Hopfen- Handels der Monarchie, war bis vor einem Jahre keine Spur von Antisemitismus im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu finden, wenn auch die nichtjüdischen Hopfenhändler, welche sich seit etwa einem Decennium hier anfäßig machten, obwohl sie erfolgreicher als die jüdischen arbeiteten, aus Concurrenz heimlich Judenfeinde waren. Die Juden betheiligten sich auch einmüthig mit der nichtjüdischen Bevölkerung an dem regen nationalen Leben, das sich seit der Aera Taaffe hier entwickelte, sie brachten der nationalen Sache größere Opfer als die arischen Mitbürger und ragten über diese besonders hervor in der Förderung und Unterstützung aller Humanitären Vereine und Veranstaltungen. Und der Wahrheit die Ehre gegeben, sie genossen auch die vollste Achtung und Anerkennung von allen Seiten und war in allen Gemeinde-Ehren und -Würden jeder konfessionelle Unterschied fremd. Die ersten Keime des Antisemitismus legten die von den Prager und Wiener Hochschulen auf Ferien hier weilenden Studenten, und einem verbummelten Studenten, Namens Trenka, gelang es, durch agitatorisches Talent aus den schüttern Keimen ein reiches Saatfeld des Antisemitismus zu machen. Derselbe gründete hier eine Ortsgruppe des antisemitischen „Bundes der Deutschen in Böhmen", dem sich sofort alle bislang verborgenen Antisemiten anschlossen. Abcr noch war der freisinnige Theil der intelligenten Bevölkerung so stark, dieser Organisation durch eine andere ein Paroli zu bieten. Man schritt zur Gründung einer Ortsgruppe des liberalen „Bundes der Deutschen Nordböhmens", und es zeichneten sich sofort noch einmal so viel Mitglieder als jener hatte, doch konnte es zu keiner constituirenden Sitzung kommen, weil keiner für den Eintritt in den Vorstand zu gewinnen war, wenn nicht der Bürgermeister die Obmannschaft übernimmt. Dieser lehnte jedoch entschieden ab, weil er mit den Antisemiten zu kokettiren begann, theils aus Charakterschwäche und noch zu wenig gefestigter Gesinnung, theils aus Angst um seine Würde vor einem Rivalen, der mit Hilfe der Antisemiten seinen Platz einnehmen könnte. So ist die liberale Organisation bis heute noch nicht zu Stande gekommen, während der Antisemitismus von Tag zu Tag mehr Terrain gewinnt, weil das Verhalten des Stadtoberhauptes ansteckend auf die Bürger wirkt, wie ja immer das Beispiel von oben maßgebend wird, und je größereDimensionen der Antisemitismus hier annimmt, desto offener neigt wieder der Bürgermeister demselben zu. In diesem ewigen Zirkel ist für die hiesigen Juden nicht die geringste Hoffnung auf Besserung derZuständevorhanden.Sämmtlichejüdischen Mitglieder des „Deutschen Casino", das unter den hiesigen Vereinen am offensten Farbe bekennt, sind bereits ausgetreten und die in den anderen Vereinen bereiten ihren Exodus vor, der bei der ersten Reibung vor sich gehen wird. Daß diese nicht lange auf sich wird warten lassen, dafür sorgt ein neuerstandenes Hetzblättchen, allerärgster Sorte, und bald wird Saaz nach Wien die zweite Stadt in Oesterreich sein, die ganz dem Antisemitismus verfallen ist. Esset. (Generalversammlung derisraelitischen Cultusgemeinde.) Unter überaus zahlreicher Betheiligung der Gemeindemitglieder fand am jüngsten Sonntag Nachmittag im Saale des „kaufmännischen Vereines" eine ordentliche Generalversammlung der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde statt. Den Vorsitz führte Cultusvorsteher Herr S. Kästen bäum und von Seite des Magistrats wohnte derselben Herr Senator Novak bei. Als Schriftführer fnngirte Gemeindesecretär Nathan Schwarz. Die Versammlung nahm folgenden Verlauf: Der Vorsitzende constatirt die Beschlußfähigkeit der Generalversammlung