Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 838 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 45 einen, wie unter den anderen. Wenn wir von jenen Gewohnheiten und jenen Manieren absehrn, die die Juden infolge der Lage, in der sie so lange Zeit geblieben sind, und in Rußland, in Rumänien, in einigen mohammedanischen Ländern noch heutigen Tages verbleiben, so vermag ich durchaus nicht einzusehen, worin die Juden von den Christen im Ganzen unterschieden sein sollen, und man kann vielleicht behaupten, daß rin kleines Consortium, wie sie sind, von Leuten, die, so sehr vom Hasse der anderen angestachelt, so sehr auf den Gewinn versessen, so sehr zum Sparen gezwungen, so aufmerksam, sich nach allen Seiten hin in Acht zu nehmen, so leidenschaftlich aufs Arbeiten sind, größeren Consortien, in deren Mitte es ihr Dasein führte, zur Anspornung gedient, und in demselben die Kraft, den Kampf mit dem täglichen Leben zu führen, eher erhöht, als abgeschwächt habe. Das, woraus es jetzt ankommt, ist, daß dieses Volk unter uns nicht als Feind, sondern als Freund betrachtet werde. Wenn es heute noch nicht in Allem so ist, so wird es morgen so sein, dasern man anderwärts so wie in Italien vorgeht. Wir werden die Israeliten besser gegen uns machen, wenn wir besser gegen sie werden. Ueberhaupt glaube ich nicht, daß derjenige, welcher behaupten wollte, daß sich unter den Parteien, welche die gegenwärtige staatliche oder gesellschaftliche Ordnung umzustürzen trachten, mehr Juden befinden, als unter denjenigen, die sie zu erhalten streben, dies wahrhaft überzeugend beweisen könne. Und die Juden haben etwas, was wir uns nicht ohne Nutzen aneignen könnten, denn ihre lange Geschichte, die sich wie in zwei Theile theilt, hat, wie einer unserer Staatsmänner, der bereits Minister war, zeigt, in ihrer Denkart zwei Eigenschaften groß gezogen, die einander entgegengesetzt und nicht mit einander verträglich zu s^n scheinen eine große Idealität und eine nicht geringere Geschäftskunde. Pfarrer «nd Kaufmann. In Klein-Pöchlarn führt der Kaufmann Eduard Mautner nun schon seit 18 Jahren ein Gemischtwaarengeschäft, ohne daß sich eine Klage gegen ihn ergeben hatte. Die Einwohner von Klein-Pöchlarn kaufen bei ihm, haben ihn gern, ja beschützen ihn gewissermaßen gegen ihren Pfarrer Paul Sieli pp, der den Juden nichtsehr gewogen zu sein scheint. Jüngst nun verbot er seinen Schulkindern, „beim Juden" zu kaufen, und wenn er auch nicht speciell Herrn Mautner genannt hat, so, muß er ihn doch implicite gemeint haben, da Herr Mautner der emzige jüdische "Kaufmann in Klein-Pöchlarn ist. Daß er den Schulkindern mit Strafe gedroht hätte, leugnet er allerdings in seinem Briefe, den wir weiter unten im Auszüge mittheilen werden, alles Andere aber stellt er keineswegs in Abrede. - Herr Mautner nämlich, von den Schulkindern selbst über das Verbot des Pfarrers informirt, richtete an denselben einen Brief, worin er seiner Entrüstung über die Handlungsweise von Seiner Ehrwürden Ausduck gab. Zum Schluß sagt er ganz richtig: „Ich bemerke Ihnen noch, gibt es eine Sammlung zu wohlthätigen Zwecken, sei es für die Gemeinde, für die Kirche oder für Abgebrannte, so zeichne ich als Jude mehr als ein Anderer; da wird nicht gefragt, ob es vom Juden kommt. Ich hätte schon übrigens früher Ihre Gesinnung wahrnehmen können, denn ich, der Jude, habe Sie gegrüßt, worauf Sie gar nicht erwiderten, rc." Der Pfarrer Paul S i e l i p p erwiderte jedoch diesmal und zwar in einem Briefe, in dem er das Capitel von der Nächstenliebe in seinem Sinne auslegte. Es sei nämlich damit die Liebe zum Nächsten, nicht etwa die Liebe zum Näheren oder besser Entfernteren gemeint, er achte zwar die Juden, ja er liebe sie, aber das Hemd sei ihm näher als der Rock, der Christ sei ihm lieber als der Jude. Sein Befehl an die Schulkinder entspreche vollständig der christlichen Lehre und die Zuwiderhandelnden würden es bei keinem Geringeren als Gott selbst zu verantworten haben. Zum Schluß ergeht er sich in einer langathmigen Tirade: „Endlich, daß ich Antisemit, daß ich Luegerianer bin, ist wahr, aber ich will ihnen auch sagen, warum ich es bin. Weil die nach Rettunq und Brot schreiende, arbeitende Gesellschüft das verlangt. Ich hasse keinen Juden, ich liebe ihn als Neh enmenschen (dieses Wort unterstreicht der Herr Pfarrer selbst), aber weil der Christ von ihm getreten wurde, darum müssen wir Christen und vor Allem wir Priester den Christen vor dem Juden schützen. Weil durch die allzugroße Milde und Fürsorg; der Christen für die Juden, der frech geworden ist und seine Sclavenketten über die ganze arbeitende Gesellschaft schmiedet und Alles in seiner Noth nach Rettung schreit, darum müssen die Antisemiten die Christen schützen und er in alle Christenherzen rufen: Christen wacht nur noch einmal auf. erfüllt nur Eure Pflicht, verkauft Euch nicht dem Juden, weist ihn in die Schranken zurück, in die er gehört. Er ist ja erst unser zweiter Nächster, und der Sieg, der muß dem Christen bleiben u. s. w." Die Sache wird übrigens ihr Nachspiel haben, wie wir hören, will Dr. Krona wetter diesbezüglich im Parlamente interpelliren und hoffen wir, daß Herrn Mautner dort sein Recht geschieht. Jedenfalls ist die Theorie vom Nahen und Nächsten ebenso neu als originell. Correspondenzen. Wien. (Bon der Unive rsität.)Bekanntlich studirt an der medicinischen Facultät der Wiener Universität ein großer Percentsatz von Juden. Es ist dies kein Wunder, da die Medicin der einzige Beruf ist, der den Juden halbwegs Aussichten auf Fortkommen bietet. Wiewohl nun die Juden wie überall so auch auf der Hochschule von antisemitischen Rohheiten und Ueberhebungen zu leiden haben, so fehlt ihnen doch das zwar selbstverständlich erscheinende Gefühl der Zusammengehörigkeit, so daß es der antisemitischen Minorität schon durch 3 Jahre gelungen ist, den unter dem Protektorate Sc. Majestät desKaisers stehenden Verein zur Pflege kranker Studirender völlig in ihre Hände zu erlangen. Der gesammte, von den einzelnen Facultäten gewählte Ausschuß ist nämlich rein antisemitisch. Nur als unterstützende Mitglieder und als ordinirenbe Aerzte werden die Juden in diesem von Oppolzer gegründeten und von vielen Juden geförderten Vereine geduldet. Heuer entfalten die freisinnigen Mediciner eine rege Agitation zur Eroberung der medicinischen Ausschußmandate, ein Unternehmen, welches blos auf dieser Facultät Aussicht auf Gelingen gewährt und schwierig genug ist. da man es mit einem wohlorganisirten, nur vom Judenhaß geeinten Gegner zu thun hat. Trotzdem muß es gelingen, wenigstens diese Mandate zu retten, wenn jeder jüdische Mediciner seine Pflicht thut. Es ist demnach dringend geboten, daß sämmtliche freisinnige Mitglieder zu der Samstag den 9. November d. I. pünktlich um 7 Uhr Abends im Hörsaale 41 der philosophischen Facultät stattfindenden Wahl des Ausschusses aus der medicinischen Gruppe erscheinen und geschlossen für folgende bewährte Candidaten stimmen: ...... In den Ausschuß: Med. Julius Haas, Med. Heinrich Löwenstein, Med. Carl Pollak, Med. Isidor Schalit, Med. Wilhelm Sternbach. Als Ersatzmänner: Med. Richard Gcünfeld, Med. Paul Neumann. Als Schiedsrichter: Med. Leonhard Gerbel. Wien. (DerKampfgegenjüdischeHausirer) gestaltet sich immer empfindlicher für diese Classe der Kleingewerbetreibenden : In ein Gasthaus in der Oberen Donaustraße kam an einem Abend gegen 9 Uhr ein 56jähriger Hausirer, Namens Abraham R o s e n z w e i g, ein krüppelhafter Mann, und bot seine Maare feil. Er wurde jedoch von mehreren anwesenden Gästen auf d-as Gröbste beschimpft und ihm aus seinem Hausirkasten eine Geldbörse genommen. Als er diese zurnckoerlangte. wurde er von mehreren Gästen gefaßt und mit solcher Heftigkeit auf die Straße geworfen, daß er längere Zeit bewußtlos liegen blieb und sich mehrere Verletzungen znzog. Ein Wachmann eilte dem alten Manne zu Hilfe und arretirte einen der rohen Leute. Der Exceß erregte großes Aufsehen, und unter der angesammelten Menge hörte man Aeußerungen des Unwillens über die brutale Gewaltthat. Wien. (Eine Anklage gegen Pfarrer Dr. D e ck e r t.) Man erinnert sich noch der im heurigen Sommer vom Wernhauser Pfarrer Dr. Josef Deckert acht Tage hindurch gehaltenen Predigten, deren Inhalt wir damals bekannt gaben. Dieselben bildeten bekanntlich den Gegenstand einer im Abgeordnetenbause eingebrachten, vom damaligen Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz auch beantworteten Interpellation und hatten auch die Einleitung einer strafgerichtlichen Untersuchung gegen Pfarrer Dr. Deckert zur Folge. Wie wir nunmehr mitzutheilen in der Lage sind, hat die hiesige Staatsanwaltschaft nach beendeter Untersüchung gegen Dr. Deckert die Anklage wegen Vergehens nach § 302 erhoben. Die Verhandlung findet im nächsten Monat vor' dem hiesigen Schwurgerichte statt. Wien. (Jüdische akademische Lesehalle.) Samstag den 2.November fand um 7 UhrAbends in der jüdischen akademischen Lesehalle im Beisein des EhrenmitgliedesDocent Dr. F e i lbo g e n und Prof. Graubart, sowie eines zahlreichen Auditoriums der erste officielle Abend statt, welchen der Präses des Vereines, weä