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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Dr. Bloch'« Wochenfclrrifl. Seite 837 Nr. 45 Arier über Antisemiten. „Bon Dr. Lueger und seinem Anhänge erwarten wir gar nichts Gutes. Dem Prinzen Liechtenstein und seinem Knappen wässert zu sehr der Mund nach der Schule und es würde mehr als eine eiserne Stirn dazu gehören, die getreuen Helfer, die so unermüdlich zum Siege mithalfen, jetzt vom Mahle ausschließen zu wollen. Allerdings können Sie ja nur Brocken bekommen, denn der Wiener Gemeinderath kann keine Schulgesetze machen, sondern nur administrative Verfügungen treffen. Aber wir kennen ja unsere ultramontanen Freunde und wissen, daß sie sich auch mit Kleinigkeiten als Abschlagszahlungen beanügen; ist das Hausthor nicht offen, so nehmen sie mit dem Nebenthürchen vorlieb und harren geduldig der Zeit, wo ihnen jenes geöffnet wird. Das Schulwesen dürfte unter der neuen Wiener Regierung zunächst noch tiefer in den Sumpf der Reaction sinken." Der ..Deutsche Lehrerfreund", das Organ des deutschmährischen Lehrerbundes in Znaim, unter bewährter, freisinniger Leitung der Herren Fr. N e t o p i l und Franz Böhm. Brünn, schreibt unter dem 16. v. M. zu den Wiener Gemeinderathswahlen : „Welche wird die Partei der Zukunft fein — was für eine Färbung wird die neue Partei haben müssen? Im Wiener Ratbbause ziehen eben die Antisemiten ein; ihnen aber wird die Zukunft nicht gehören. Der Antisemitismus predigt den Haß, es hat sich aber noch nie ein Gemeinwesen — Stadt oder Staat — erhalten, in dem der Haß regierte. Der Haß trennt die Menschen und macht Brüder zu Feinde. Nicht Haß und Verfolgung darf zwischen den Gliedern eines Gemeindew"sens bestehen, sondern Liebe und Duldung. Grundlage des öffentlichen Lebens können überhaupt nur solche Gesinnungen sein, die auch der vernünftigen Erziehung als Grundlage zu dienen vermögen. Es ist aber eine entschiedene Sache, daß die Erziehung, so sie vernünftig gehandhabt werde, zur Humanität, zur wohlthätigen Nächstenliebe führen muß. Bor der Schulthüre muß der Antisemitismus umkehren, ihn der Schulstube ist für ibn kein Boden. Und so soll er auch im öffentlichen Leben keinen Platz haben. . . . u. s. w. Deutsche Wahrheitsliebe. Die „Deutsche Zeitung" ist in den letzten Jahren immer mehr sowohl ihrem inneren Werth als ihrer-Verbreitung nach zurückgegangen; aber seitdem sie das Organ der „geläuterten" Antisemiten geworden ist. ist sie auf ein Niveau herabgesunken, das sie zum 'würdigen Genossen des „Deutschen Volksblatt" und ähnlicher, den niedrigsten Neigungen des antisemitischen Pöbels sich accommodirender Blätter macht Den Jargon, der nur noch in den entlegensten Nrwinkeln Oesterreichs sein Dasein fristet, sucht sie zu conserviren, und selten wird man eine Nummer finden, in welchem nicht in mehr oder minder ordinärer Weise Juden und Iudenthum beschimpft werden. Wie es aber das „Blatt von Deutschen für Deutsche geschrieben" mit der Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe hält, die ja angeblich ganz besondere deutsche Tugenden sind, davon sei hier aus den Vit len vorliegenden e i n Stückchen mitaetheilt. In der Versammlung der deutschen Vertrauensmänner Böhmens war der Antrag gestellt worden, den Kampf gegen die fünf antisemitischen Dissidenten in dem Wahlaufruf energischer zu betonen. Darauf antwortete der Abgeordnete Ritsche wörtlich „daß der Kampf wohl ausgenommen werden müsse, aber nur wie gegen Brüder, die doch zusammengebören und sich wiederfinden müssen." Die ..Deutsch' Zeitung" bringt nun in ihrer Nummer vom 29. October wohl die erst"n 7 Worte; der Schluß aber, der ihr nicht paßt, wird mit gewohnter arischer Ehrlichkeit unterschlagen! Jeder Corrector ist überflüssig! Als'Curiosum wird dem „Vorwärts" aus dem hessischen Orte Heldenbergen berichtet, daß dort zur Gemeinderathswahl, bei der übrigens drei Socialdemokraten auf 9 Jabre gewählt worden sind, vom antisemitischen Bauernverein ein Jude als Candidat aufgestellt worden ist. Ein antisemitischer Geschäftsreisender. Mit dem gestrigen Frühzug mußte ich eine Reise nach Villany unternehmen und da war ich Ohrenzeuge eines antisemitischen Ausdruckes, wie er nur aus dem Munde eines Wiener Antisemiten zu hören ist. In denselben-Coupe stiegen vor der Abfahrt des Essegger Zuges zwei Reisende ein. welche dcm Anscheine nach Geschäftsagenten waren. Der Hordar, welcher das Gepäck dcn Beiden nachtrug, beklagte sich zu ihnen, daß ihm ein Herr kein Trinkgeld gegeben. Ans das hin antwortete einer dieser beiden. Herren, Namens Schmidt, Reisender der' Firma von Orsbach und Tutter, Baumwollfabrik Wien, Neuthorgasse: „Das können nur „Judenbuben" thun!" Ich benütze daher die Güte der löblichen Redaction, mit dem höflichen Ersuchen, diesen Zeilen in ihrem geschätzten Blatte Raumzu geben und empfehle hiemit den genannten Wiener Reisenden der Aufmerksamkeit seiner zumeist israelitischen Kunden. Mit Hochachtung, für die gütige Aufnahme dieser Zeilen dankend, zeichnet Villany, am 31. October 1895. Anton Baumgarten. Ketzerverbrennung im 19. Jahrhundert. New- Uork, 3. November. „World" veröffentlicht eine Depesche ans Pachuca (Mexiko), wonach zehn Personen im Gefängnisse zu TexcaPu auf Befehl des Richters als Ketzer lebendig verbrannt worden seien. Der Richter erklärte, er habe den Auftrag Gottes, ließ die Opfer in ihren Betten verhaften, in das Gefäugniß bringen, schloß sie daselbst ein und legteFeuer an dasselbe an. Das Gesang n iß wurde zerstört. Die Bevölkerung ließ dies unter dem Einflüsse einer religiösen Manie zu. Zwanzig Personen wurden verhaftet. Die Untersuchung ist eingeleitet. Wechselfälschungen des gewesenen antisemitischen Gemeinderathes Moriz Litschke. Wir haben bereits vor mehreren Wochen berichtet, daß der in Mariahilf, Gumpeudorierstraße Nr. 65 etablirte Meerschaumwaaren-Erzeuger Moritz Litschke nach Berübung von Wechselfälschungen auf bedeutende Betrage flüchtig geworden sei. Auf unsere Mittheilung erfolgte damals eine geharnischte Berichtigung und thatsächlich kehrte Herr Litschke, der von seiner Gattin bei der Polizei als vermißt angezeigt worden war, wieder zurück. Nun ist aber seitens zweier hiesiger Bankinstitute gegen L i t schke die Strafanzeige wegen Verbrechens des Betruges;.'begangen durch Fälschung von Wechseln, erstattet worden. Es handelt sich um eine in großem Style begangene und längere Zeit betriebene Wechselsälschung im Betrage von mehr als 100.000 Mark. Die Situation des ehemaligen Gemeinderathes war schon lange eine kiitische. Vergebens wendete er sich an seine Parteifreunde um Hilfe. Mitie vorigen Monat sah sich Litschke gezwungen, an die Nachsicht seiner Gläubiger zu appelliren. In der letzten Zeit waren einige bei einem hiesigen Escompte-Jnstitute begebene Rimessen auf deutsche Häuser fällig geworden und wandelten, da bei den Wiener Zahlstellen keine Deckung vorhanden war, an die Acceptanten nach Delitschlaud zurück, welche jedoch die Einlösung mit der Erklärung, daß die Unterschrift auf d i e s e n W e ch s e l n gefälscht sei, verweigerten. L itsch k e sah sich sodann gezwungen, bei dem Handelsgerichte um die Eröffnung des Concnrses über seine Firma zu ersuchen. Der Cridatar legte seinen Gläubigern einen Status vor, in welchem er seinen Activstand mit 233.308 Mark und seine Passiven mit 237.903 Mark angab. Diese Bilanz stimmte jedoch schon deshalb nicht, weil, wie nun constatirt ist, Litschke Accepte im Betrage von rund 100.000 Mark mit den gefälschten Unterschriften seiner in Deutschland ansässigen Geschäflscommitteutev versehen und in Wien begeben hatte. Zn den Hanplbeschädigten gehört die Unionbank, ferner sind in Mitleidenschaft gezogen ein vorortliches Creditinstitut und einige Privatescomptenre auf dem hiesigen Platze. Im Laufe der Verhandlungen sah sich auch der Rechtsanwalt des Cridatars gezwungen, namens des Cridatars ein G e st ä u b n i der begangenen W e ch s e l f ä l s ch u n g e n abzulegen. Ruggero Boirghi, der soeben verstorbene bekannte italienische Staatsmann und Gelehrte, hat auch in der Judenfrage das Wort ergriffen. In einem ausführlichen Esiay, erschienen in der Äntologia nuova (1892) und betitelt „Die Judenhetze*), hat er sich scharf gegen den Antisemitismus gewandt. Darin sagt er u. A.: Es gibt Juden, wie es Christen gibt, die eines oder das andere Laster, itub eine oder die andere Tugend, und andere, die wieinr eine andere Tugend und ein anderes Laster haben; überhaupt sehe ich es nicht als erwiesen an, daß um deswillen, was man den ersten nachsagt, nicht auch die zweiten an geklagt wi rden können. Wenn es unter den erstell viele gibt, die ans Gewinn versessen sind, so gibt es viele auf den Gewinn versessene auch unter diesen. Ich habe ausge. zeichnete Inden gekannt, wie ich ausgezeichnete Christen gekannt habe. Das von jenen in industriellen und pecuniären Angelegenheiten befolgte Verfahren unterscheidet sich in nichts von dem Verhalten, das diese befolgen, und es gibt reiche Leute, die es auf unrechtmäßige Weise getckorden sind, oder die ihr Geld schlecht anwenden unter den *) Deutsch in Uli Schanz's „Es werde Licht" (A. Zügelt in Auma i. Th.)

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