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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 835 Hauptes, den Talles mit der schönen breiten Goldborte um den Nacken — ruhig forschend der Blick — das sanfte I Lächeln des Weltweisen kräuselt leicht die Lippen — und auf der Stirne thront die heitere Seelenruhe eines Mannes, der Welt und Leben kennt, der in die Vergangenheit einen tiefen Blick gethan, dem die Probe auf alle feine Exempel gestimmt hat. Und nun das Gegenstück. Kaum zu erkennen. E>n süß-säuerlicher Convertit, wie man die Sorte schon kennt, die lieber zu wenig als zu viel thut. Die gewisse Mischung von Tartuffe Arbues, Don Quixote, Pater Greuter, Torquemada und Spitzer-Weimar (!); aus die quantitave Vertheilung dieser Elemente und welches den Ausschlag gibt, kommt es an, was für eine Sorte Kerl draus wird . . . Schade — oder vielmehr nicht schade, daß all die effectvollen Gegensätze diesmal ins Wasser fallen. Der Convertit I. B. war gar kein Rabbiner, sondern blos ein russischer Cantor, der in Also-Kubin und Umgebung Stelle suchte. Da er keine fand, wurde die Sache kritisch und er beschloß, sich nach einem anderen Geschäfte umzuschauen. Als er in Jassinowe auch abgewiesen wurde mit seinem Ansinnen, erbarmte sich seiner der Pfarrer von Terstino und taufte ihu. Ob zum erstenmale, ist freilich sehr fraglich. Das ist die ganze Geschichte von dem getauften Rabbiner. Es bleibt ein kläglicher Kern zurück, wenn man die Ueberffüssigkeiten, eine nach der andern, von so einem Histörchen losschält, und das Ganze gemahnt ein wenig an den tobten Fisch König Jacob II. von England. Alle Gelehrten, alle Akademien zerbrachen sich den Kopf über das Problem warum ein todter Fisch mehr wiegt, wie ein lebender, und lange nachher fiel einem erst ein, doch nachzuschauen, ob er wirklich mehr wiegt. -i- 4- * Ebenso ununtersucht und aus guten Glauben wurde die Mittheilung hingenommen, daß Fräulein Flora Gaß, die Herzallerliebste des ehrenwerthen Freiherrn v. Hammerstein, eine Jüdin sei, Niemand bezweifelt es, Jeder glaube es und Alles staunte. Das Fräulein — die drollige Kiffengeschichte brauchen wir doch nicht nochmals zu erzählen? — ist so wenig Jüdin, wie jener Convertit jemals Rabbiner war. Die Momentaufnahme zeigt gut arische Züge, nicht die mindeste verdächtige orientalische Curve, aber ein Paar Augen blicken frech und frei in die Runde. Sie scheinen Jemanden zu suchen, Hammerstein, wo bist du? Das Kissen dürfte er ihr wenigstens als Erinnerung zurückgelassen haben. — So ein historisches Kissen kann man immer brauchen. Liberaler Philosemitismus in Mähren. Als vor mehreren Jahren gelegentlich der Gründung des hiesigen „deutschen Hauses" an die Opserwilligkeit der Brünner Judenschaft appellirt wurde und die jüdischen Gelder reichlich flößen, da ahnte man freilich nicht, daß das „deutsche Haus" dereinst die Burg sein wird, von der aus die Eroberung Brünns im deutsch-national-antisemitischen Sinne ausgehen soll. Die ahnungslosen Gemüther dachten vielleicht, wenn die Namen der Spender für ewige Zeiten in Stein ausgehauen den Antheil der Juden an der Gründung des deutschen Hauses bekunden werden, würde auch für ewige Zeiten das Band der Eintracht zwischen Juden und Deutschen erhalten bleiben. Die dieswöchentliche Nummer des hiesigen deutschen Blattes dürfte aber derartigen „naiven" Gemüthern eine gründliche Ueberraschung bereitet haben. Zwar, daß die Herren K. H. Wolf und der Gemeinderath Dr. Fochler*) aus Wien auch gegen das „mährische Jerusalem", wie er sich ausdrückte, den Kreuzzug predigen, kann Niemanden verwundern, wohl aber dürste Jeder erstaunt fragen, ob gerade das „deutsche Haus", welches in gewissen Kreisen als verjudet und als Sammelpunkt Israels gilt, zur Ver- *) Dr. Jochler ist eben 30 Jahre alt geworden und hat also schon die nöthige politische „Reife" und Erfahrung zum Hetzapostel. fügung gestellt werden mußte. (Die Versammlung der! hiesigen Antisemiten wurde im „Eugelmannsaale" sEngel- ' mann ist Judenstämmlingj abgehalten.) Diese Thatsache ist gewiß ein schlagender Beweis für das Entgegenkommen, welches die hiesigen Liberalen" den Antisemiten gegenüber an den Tag zu legen sich bemühten, und sie gewinnt noch an Bedeutung, wenn man sie mit Thatsachen, die in letzter Zeit in maßgebenden Kreisen der hiesigen „Liberalen" sich ereigneten, zusammenstellt. So sei beispielsweise nur an die Ernennung des Dr. Alfred H e l l w i g, Director der Troppauer Irrenanstalt, zum Director der hiesigen Landes-Jrrenanstalt erinnert. Dr. Hellwig war in Graz als „strammer" Antisemit bekannt, desgleichen in Troppau. (Als Student war Dr. Hellwig Mitglied der Wiener Burschenschaft Silesia, in Graz Mitglied der Burschenschaft Styria, bekanntlich der zwei extremsten deutschnational-antisemitischen Vereine von der Richtung Schönerer. Dr. Hellwig steht auch heute noch als „alter Herr" im Verbände beider Burschenschaften.) Wir wollen auf diese Ernennung, welche besonders durch das warme und rührige Eintreten des Führers der mährischen Liberalen „Promb er" erfolgt ist, deren Details ebenso erheiternd, wie für Juden belehrend wirken, vorläufig nicht näher eingehen. Nur die eine Thatsache verdient angenagelt zu werden, daß die Stelle des Directors an Dr. Hellwig bereits in der zweiten Hälfte des Aprils in einer Form von Tauschgeschäft vergeben war, zu einer Zeit, wo amtlich von einer Erledigung dieser Stelle noch keine Rede war. In eben derselben Form ist bereits die Troppauer Stelle gleichfalls an ein Mitglied der Burschenschaft Styria, Dr. Schweighofer, gegenwärtig in Salzburg vergeben, obwohl bis zum heutigen Tage der Concnrs für die Besetzung dieser Stelle noch gar nicht ausgeschrieben ist. Die Moral dieser Geschichte liegt ans der Hand. Pattai^s Wandlungen. Boa ihm, dem Einen, dem feinen, dem Salon-Antisemiten, der seit fünfzehn Jahren nach dem Jnstlz-Portefenille strebt, wie Lueger nach dem Bürger, meisterstuhl, sollte man meinen, weniger Widerspruch in seinen politischen Aeußerungen erwarten zu dürfen, als von seinem Concurrenten Lueger, dessen Wandlungen schon sprichwörtlich geworden. „Das Volk von Wien", das die goldene Kette verleiht, ist eben ein Volk, das seinen Tagesgötzen hat, den es nicht fragt, was er gestern und vorgestern war, bei einem Minister-Candidaten forscht man jedoch nach den Antecedentien. Und doch ist Pattai derselbe Proteus wie Lueger. In der Programmdebatte sagte Pattai, als Redner der Antisemiten, er und seine Genoffen bekämpfen das Judenthnm nur aus „wirthschastlichen Gründen". Bor wenigen Jahren hatte derselbe Pattai ein ganz anderes antisemitisches Programm, das er in der „Antisemitischen Correspondenz". die von Leipzig aus unter „vertraulich" an die Häupter und Führer der Antisemiten versendet wurde, entwickelte und wonach er die Juden aus allen öffentlichen Aemtern und Schulen und aus allen Verlretungskörpern, selbst aus den Gemeindeausschüffen ausgeschloffen und unter ein Fremdengesetz gestellt wissen will. Welche wirthschastlichen Gründe können herangezogen werden, einen Juden nicht zum Gerichtsadjuncten oder als Lehrer an einer Mittelschule zuzulaffen? Und sind die wirthschastlichen Bedenken behoben, wenn der Jude als Fremder betrachtet wird? Bon diesem antisemitischen Programm bis zu seiner letzten Aeußerung, er und seine Leute seien nur eine Wirthsch'aftspartei, hat Dr. Pattai einen Sprung gemacht, der gar nicht diplomatisch ist und stark an seiner staatsmännischen Begabung zweifeln läßt, ihn vielmehr aber der Charakterzeichnung frappant ähnlich macht, die Schönerer von ihm entwirft, daß er ihm auch die Eignung zum Präsidenten der Israel. Allianz zutraue. Wenn die antisemitischen Größen solche Charaktere sind, braucht der Jude wahrlich um seine Zukunft nicht besorgt zu sein. '• -Ü Arische Blutreeepte. Wie der Schelm ist — so denkt er! Der Abscheu vor Blutvergießen und vor Blutgenießen, welcher den Juden durch die heiligen Lehren eingeimpst worden

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