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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Air. 45 Dr Bloch's Wortzenfttzrifl. Seite 833 Druckes treten und dem Hader, dem Kampfe, dem Wider stände ein Ende machen. Wollen wir hoffen, daß die Bestrebungen edler, wohlgesinnter Männer nicht vergeblich sein werden und daß endlich die Aera der Versöhnung und des Friedens zwischen den verschiedenen Racen des Reiches heranbrechen wird. Das neue öffentliche Gerichtsverfahren, welches berufen ist, einen mächtigen Factor bei Erreichung dieses Zieles zu bilden, kennt keine irgendwelche Tendenzen; religiöse, politische Vorurtheile sind ihr ebenso fremd als Parteiziele; allein mit Wahrheit und Milde gewappnet, ist es nur den offenen oder geheimen Feinden verhaßt, ist ihnen furchtbar. Nichts ist so sehr geeignet, die Leidenschaften zu beruhigen, als das Bewußtsein, daß den Vertretern der Justiz der Grundsatz eingeflößt ist, „es gibt keine Hellenen, keine Juden", daß für die Gerechtigkeit und ihre Organe kein Unterschied in C o nfession, Sprache, Race. Stand und Vermögen besteht, daß es in ihren Augen nur Schuldige oder Unschuldige, Bedrücker oder Bedrückte gibt." „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus?" könnte man zu dieser oratorischen Leistung des russischen Justizministers sagen. Doch leider stehen diese goldenen Worte in gar zu grellem Widerspruche mit der eisernen That. Der Jude ist noch immer recht- und schutzlos, trotzdem daß von so competenter stelle die unveräußerlichen Menschenrechte, die Gleichstellung Aller ohne Unterschied von Glauben und Race proclamirt werden. „Es gibt weder Hellenen noch Juden." — Das klingt freilich sehr schön. Doch wenn ein gichtgeplagter Londoner Jude nach Kiew kommt, um bei der Hydropathie Linderung für se.'N Leiden zu suchen, so verweigert ihm die löbliche Polizei den Aufenthalt, weil kranke Juden wohl berechtigt sind, in der heiligen Siebenhügelfiadt sechs Wochen zu weilen, aber nur behufs Consultirung in der Klinik und des Gebrauches von Mineralwässern; von Hydropathie und Mineralwässern steht im Gesetze nichts. „Alle Glieder des großen russischen Volkes sind gleichberechtigt", erklärt der Justizminister, und den Jüdinuenwird die Thüre des neu zu eröffnenden medicinischen Institutes vor der Nase zugeschlagen, trotzdem, daß sich die jüdischen weiblichen Aerzte im Kriegund im Frieden trefflich bewährt und glänzendeBeweiseihrer Tüchtigkeit und Anstelligkeit, ihres Pflichtbewußtseins und Rechtgefühls geliefert. Selbst die den Juden am feindlichsten gesinnten Journale finden diese Ausschließung tactlos und völlig unmotivirt. Die Verfasser dieser exclusiven Maßregel sehen ein, daß man ihnen daraus berechtigte Vorwürfe von Intoleranz machen würde, daher sie auch bestrebt waren, diese Anwürfe im Voraus zu entkräften, indem der Eintritt in die neue Frauen- Universität nur Personen christlicher Corfession gestattet sei, um dadurch die Beschuldigung des Antisemitismus von sich abzuwälzen, da nicht nur Jüdinnen sondern auch Mohammedanerinnen ausgeschloffen wurden. Man wollte eben in der betreffenden legislativen Sphäre den Judenhaß, dessen man sich doch schämte, nicht zur Schau stellen und legte also eine Maske vor. Doch dadurch kamen die Herren Legislatoren aus dem Regen in die Traufe. Denn wenn man nickt für die Jüdinnen ins Feld zog, so wappnete man sich für die Mohammedanerinnen. So z B. bemerkte der „Ssewernij Wjeßnik", ein sehr geachtetes Monatsjournal, gelegentlich des gänzlich unmotivirtcn Ostracismus, dem alle Bekennerinnen nicht christlicher Confessionen unterworfen wurden, Folgendes: „In einem das Gesetzproject über die erste Frauenuniversität begleitenden Memorandum wird darauf hingewiesen, daß es in Rußland gegen zehn Millionen Frauen verschiedener nichtchristlicher Stämme gibt, welche zufolge religiöser Anschauungen, sich von keinem männlichen Arzt behandeln laffen können; für diese Millionen Frauen wären weibliche Aerzte doch gewiß nöthig, und schien es daher, daß man aus ihrer Mitte, aus der Mitte dieser nichtchristlichen Frauen, Vertreterinnen in das weibliche medicinische Institut heranziehen sollte, da dieselben unter ihren Glaubensgenossinnen sich immer größeren Vertrauens erfreuen würden, als die weiblichen christlichen Aerzte. Was speciell das die Jüdinnen betreffende Verbot des Eintritts in das neu zu creirendeInstitut betrifft, so ist diese Maßregel umso unbegreiflicher, da doch den jüdischen Frauen das Recht zuerkannt worden, Hebammen zu sein. Dem Anscheinenach kann die medicinische Bildung nichts mit der religiösen Politik gemein haben, wenn sogar eine derartige Politik existenzberechtigtwäre. „Es gibt keinen Unterschied der Religion und Race" und gleich einem Gespenst aus seiner Gruft erstehend, tritt mir in dem Annoncentheil der„Nowoje Wremja" folgende in Lapidarbuchstaben gedruckte Anzeige entgegen, eine Reminisceuz aus langentschwundener Zeit, die aber auch in der Gegenwart nichts an ihrer ominösen Bedeutung verloren, eine Erinnerung voll blutiger Thränen, herben Kummer, entsktzlicken Gram und fürchterlichen Jammer. Hier haben Sie den Wortlaut dieser Annonce vom October 1895 in wortgetreuer Uebersetzung, einer Annonce, die das Skelett zu einem furchtbaren Drama bilden könnte aus den Zeiten religiöser Unduldsamkeit und Racenverfolgungen, die auch für die Zeitgenoffen ihre Bedeutung hat. Und diese Annonce erscheint in dem antisemitischesten aller Organe. das täglich in seinen Spalten eine Hetzjagd auf die Juden veranstaltet und das keuchende gehetzte Wild nicht zur Ruhe kommen läßt und einer blutdürstigen, heißhungrigen Meute preisgibt. Hier die Uebersetzung dieser charakteristischen Annonce: „I n st ä n d i g ft e Bitte. Im Jahre 1855 ward mein Bruder Namens Jdel Chromowitsch, der damals ein kleiner Knabe war, in dem Stäbchen Orinan bei Komenetj-Podolski als Recrut in der Armee eingereiht. Nachdem er ungefähr während sechs Monate krank im Militärlazareth gelegen, ward er 1856 als Cantonist in die ehemaligen Schmolenskischen Bataillone der Militärcolonisten übergesübrt. Im März 1857 ward meinBruder von den übrigen jüdischen Cautonisten, welche ihrem Glauben treu geblieben waren, ausgeschieden und unter dem Namen Arssenij Petrow, 13 Jahre alt, denen, die zur rechtgläubigen Kirche übergetreten waren, zugezählt. Seit jener Zeit ging seine Spur verloren und alle meine Bestrebungen, über ihn Kundschaften einzuziehen, waren vergebens. Daher bitte ick inständigst alle Diejenigen, welche irgend etwas über meinen Bruder wissen, besonders seine Kameraden, mir über ihn Mittheilungen unti-r folgender Adresse zugehen zu lassen: D. Joseph 582, Turner Avenue, Chicago, United States of America." Das ist eine der zahlreichen schmerzhaften Reminiscenzen aus den Fünfziger-Jahren, wo man kleine jüdische Kinder acht bis zehn Jahre alt, gewaltsam als Recruteu den Eltern entriß, als Recruten-Cantonisten mit ins Innere sandte, sie durch Prügel und Hunger zwang, zum Christenthume überzutreten. Viele dieser armen Kinder wichen der kores wsjenre und die rechtgläubige Kirche gewann etliche hundertdrrartige Neophytsn. Doch viele dieser Märtyrerkinder widerstanden Hunger und Kälte, Prügeln und Entbehrungen und blieben den Glauben ihrer Väter treu. Das sind directe Glaubensheroen, kleine Märtyrer, deren Namen die Geschichte nicht kennt, die nicht-selten die Anhänglichkeit an den angestammten Glauben mit ihrem Leben bezahlten. ' xxxn. Gi n r*n ssische r.'^M ortara. Im Ssaratow'schen Bezirksgericht kam dieser Tage ein sensationeller Fall zur Verhandlung, der lebhaft an den Mortara-Jncident gemahnt, der vor etwa fünfDecennien in ganz Europa so viel Aufsehen gemacht und Veranlassung zu einem polemischen Zeitungskriege, ja zu einer diplomatischen, freilich erfolglosen Intervention gegeben hatte. Der russische Mortarafall kann als charakteristische Illustration zu der oben angeführten ministeriellen Programmrede dienen. DerSachverhalt ist folgender: Im Herbste dieses Jahres hatte die geisteskranke Frau des Ssaratowschen Einwohners, des verabschiedeten Soldaten Gerschka Aronowitsch — Etha Aronowitsch. in dem Dörfchen Potrowskj am Ufer der Wolga ihren zweijährigen Sohn namens Neuch verloren. Bald darauf fand die Frau des Eisenbahnarbeiters Morrsow das Kind, und da dieses ruffische Ehepaar keine Nachkommen hatte, so beschloß es, den Findling an Kindesstatt anzunehmen. Die Polizei ward davon verständigt und wurde darüber ein entsprechender gerichtlicher Act aufgesetzt. Als die Etha Aronowitsch während eines Anfalles von Geistesabwesenheit ihr Kind verloren hatte, war ihr Mann nicht anwesend. Bei seiner nach einigen Monaten erfolgten Rückkehr nach Ssaratow erfuhr er zu seiner größten Bestürzung von dem Unglück und begann sofort eifrige Nachforschungen bei allen Bekannten, von denen er auch vernahm, daß seine

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