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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 830 Nr. 45 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. haben, ganz zwecklos dagewesen zu sein, ist wirklich der härteste Fluch für den Menschen, daher dem schwersten Verbrechen, der Apostasie, ganz angemessen und geeignet, vor ihr zurückzuschrecken. Eine Anekdote erzählt, daß ein Apostat Namens A b u r in Spanien einst einem Rabbi gegenüber spottete: „Ihr sagt, das Schicksal jedes Menschen sei in dem Liede „Haasimi" zu lesen, leset mir mein Schicksal heraus!" Und der Fromme antwortete chm mit dem 26. Vers: „Afaihem asbitha m’euos sichrem". (Ich will sie vernichten, ihr Andenken ausrotten unter den Menschen.) Die mittleren Buchstaben dieser vier Wörter geben den Namen Abur. Und der Apostat war von diesem Fluche so erschüttert, daß er sich das Lchen nahm. Dieser Fluch ist aber ein Segen für das Judenthum. Denn mit der Apostasie schändet man nicht nur die Menschenwürde, indem man das Heiligste zum Geschäfte macht, der Pietät gegen die Eltern und Voreltern spottet und sich von einer mehrtausendjährigen Vergangenheit abschneidet; der Apostat begeht ein Verbrechen an der ganzen Judenheit Vor Allem dadurch, daß er jüdisches Vermögen, das von Generationen zusammengescharrt, an dem unzählige jüdische Familien Theil haben, durch deren Betriebsamkeit es wie durch Haarröhrchen in die Hand eines Einzelnen zusammeufloß, in nichtjüdischen Besitz bringt und solange das Judeuthum nur mit Geld, Ruhe und Frieden erwirken, seine Menschenrechte erlangen kann, bedeutet jeder Vermögensverlust eine Einbuße an Existenzfähigkeit, unsere Feinde würden sagen, an Macht, doch unsere Macht besteht eben nur darin, daß wir leben können. Die Apostaten fügen dem Judenthum aber noch unmittelbar Leid und Weh zu. Wie nach der Kabbala aus der Selbstbefleckung Dämone entstehen, so erzeugt die Apostasie ein Geschlecht von Judenfeinden. Der Apostat selbst hat vielleicht noch einiges Stammesgefühl. Der neue Glaube traut chm auch nicht zu sehr und er hört öfters noch den Vorwurf „Jude". Um seine Kinder vor diesem Schimpf zu bewahren, läßt er sie zu Judenfeinden erziehen, durch arische Hauslehrer, in Klosterschulen oder gar bei den Jesuiten. Die Kinder wieder halten sich auch noch nicht für ganz sicher und vertiefen noch den Judenhaß bei ihrer Descendenz. Und es ginge gewiß so fort, von Geschlecht zu Geschlecht in immer höherer Potenz, wenn die Apostaten-Familie nicht bald ausstürbe. Wir haben zu allen Zeiten zumeist durch Apostaten und Aposiatenstämmlinge gelitten, sie standen immer in der vordersten Reihe der Verfolger. Aber noch auf eine dritte Art schaden sie dem ganzen Judenthume. Apostaten sind gottlos und achten nicht die Schranken, welche die Religion dem Egoismus zieht. Ihr Leben und Streben wird aber auf den Conto des Judentums geschrieben, für ihre Sünden muß das Judenthum einstehen, und nachdem auf die Taufe eine Prämie ausgesetzt ist und getaufte Juden jede Stelle und Würde, auf die sie aspiriren, erlangen, heißt es „jüdische Vordringlichkeit", „jüdischer Einfluß", „jüdische Herrschaft", als ob sie nocki Juden wären. Wenn Apostaten eine lauge Reihe von Geschlechtern nach sich hätten, würden gewiß alle heutigen Größen auf sämmtlichen Gebieten des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens die Nachkommen der im Mittelalter und im vorigen Jahrhundert Bekehrter sein, denn damals standen jüdische Seelen besonders hoch im Preise, und sie hätten in allen Beneficien den Erbadel verdrängt. Dann wären aber auch heute die Schrecken des Antisemitismus unberechenbar. Zum Glück läßt der Genius des Judenthums diese vom Stamme Abgefallenen bald ganz verdorren. Es geht dies übrigens mrf ganz natürliche Weise vor sich. Mit der Apostasie leben sie so sittenlos, wenn sie auch noch so sehr die Frommen im neuen Glauben spielen, daß sie bald degeneriren und entnerven und ihnen nicht einmal mehr Kinder unterschoben werden können, wie ja vor einigen Jahren von einem der Brüder dieses Mayer v. Also-Rußbach in einem Scandalproceß zwischen ihm und seiner Frau, die diesen Betrug ausführen wollte, gerichtlich erhoben worden ist. Das ist der Fluch der Apostasie. Börse und Antisemitismus. Wer die Vorgänge der letzten Tage auf den internationalen Effektenmärkten- und auf unserem Platze verfolgte, wird erfahren haben, daß überall ganz enorme Rückgänge stattgefunden haben und daß es sich dabei um ganz bedeutende Summen handelte, welche verloren wurden. Wie bei allen Katastrophen, wurden auch diesmal Elemente in Mitleidenschaft gezogen, die. den Schlag nicht so leicht verwinden können, aber dessenungeachtet ihren Verpflichtungen ganz und voll nachgekommen sind. Unser Platz, und dieser interessirt uns doch zunächst, ist diesmal, wie der Berliner Ausdruck lautet, ordentlich dem St. Petersburger „Regierungsboten" „reingefallen". Man sah schon den Krieg zwischen England und Rußland ausbrechen und allgemeine Panik war die erste Folge. Wie hat sich nun unser Markt in dieser schwierigen Zeit gehalten? Hat man von großen Zahlungseinstellungen gehört? Nicht im Mindesten. Wenn man von kleinen Ausnahmen absieht, hat sich derselbe musterhaft gehalten und speciell die Wiener Börse hat wieder bewiesen, daß der „kleine Mann der Börse" der, welcher in '/8 und '/t6 handelt, dem Sturme die Stirne zu bieten wußte. Würden wir in einer ruhigen Zeit - leben, in der normale Verhältnisse herrschen, und nicht täglich, ja stündlich Anfeindungen auf das Glaubensbekenntniß und den Erwerb ausgesetzt sein, würde der Umstand der Solvenz der Börse, an welcher sich doch viele unserer Glaubensgenossen befinden, nicht besonders hervorzuheben sein. Die antijüdische Partei aber, welche keine Gelegenheit vorübergehen läßt, das Thun und Lassen ihrer jüdischen Mitbürger der schärfsten Kritik zu unterziehen, die mit wahrer Schadenfreude jeden Mischen Concurs registrirt, der es ferner schon völlig genügt, wenn ein Jude einen guten Rock, die Frau ein besseres Kleid trägt, das Kind Intelligenz entwickelt, um die Schale des Hasses über die ganze Glaubensgenossenschaft auszugießen. Dieser Partei muß zugerufen werden, daß der Jude in seinem Erwerbe ehrlich ist und es am glänzendsten an der Börse manifestirt. Der Verkehr an der Börse ist auf das Wort basirt, das Wort ist Alles — ist heilig. Wehe demjenigen, der nicht Wort hält — er ist dort unmöglich, ausgestoßen — verachtet. Wie oft im Jahre hat die Börse solche Stürme zu ertragen! Stets bestehen aber die Vielbeneideten und deshalb Bestgehaßtesten die Probe vom Worthalten; freilich gibt oft Mancher in solchen Zeiten sein Letztes her und verblutet sich, nur seinen Verpflichtungen gerecht zu werden, ein glänzenderes Zeugniß von Ehrlichkeit kann in keinem Geschäftszweig abgelegt werden. Man wende uns nicht ein, daß das Gesetz Schutz bietet, denn lange noch bevor diese Gesetze votirt wurden, haben es die Börsen so gehalten — das Wort war heilig. Wie kommt man aber diesen Leuten entgegen? Sind sie besonders geschätzt und in der sogenannten „Gesellschaft" ausgezeichnet? Ist auch nur die Spur eines Wohlwollens diesen Leuten gegenüber höhernorts bemerkbar? Mit Nichten! „Ausgiebig" muß die Börsensteuer sein, ist das ausgegebene Schlagwort, höher „muß" deren Ertrag sein und auf einen Fußtritt mehr oder weniger kommt es ja nicht an, da doch zumeist Juden davon getroffen werden. Einen Giftbaum hat man die Börse genannt, bezeichnender wäre der Ausdruck einer Melkuh gewesen. Jeder, dersichpopulärmachenodereinBildchenhöherenorts einlegen will, schimpft weidlich auf die Börse und was damit zusammenhängt. Warum? Kann man einen vernünftigen

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