Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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«LSS* *?^ack^yy-Mb-«*r"v?mu* T,mams*uci3£i Nr. 45 Dx. Vloch's Wochruschrifi. Seite 829 Nicht die politischen Folgen, nicht der Einfluß auf die Gestaltung unserer Stadt, nicht die Möglichkeit weiterer Unbill, die die jüdischen Bewohner unter solcher Herrschaft treffen könnte, soll uns beschäftigen, sie fanden und finden ihre Würdigung bereits. Was wir besprechen und zusammenfassen wollen,, ist der Einfluß, den der Antisemitismus auf die Juden selbst übt, die Wirkung nach innen. Wer mit Aufmerksamkeit der Bewegung gefolgt, die sich seit dem stärkeren Auftreten des Antisemitismus in Wien unter den Juden bemerkbar machte, wird zwei Strömungen nicht verkennen können. Vorerst, daß ein Theil der Juden, und zu diesem sind hauptsächlich die eingesessenen Elemente zu zählen, die mit der andersgläubigen Bevölkerung durch lange Zeit freundliche Beziehungen unterhielten, aufgerüttelt, sich kräftiger an dasjenige anschloß, was wegen seiner vielfach abgestuften eigen - thümlichen Mischung von Glauben und Nationalgefühl schwer zu definiren, aber unter „Judenthum" von den darin Geborenen vollkommen begriffen wird. Sodann aber, daß mit der wachsenden Gewaltherrschaft der Antiseniiten ein anderer Theil der Wiener jüdischen Bevölkerung, und diesem sind in nicht unbeträchtlicher Zahl jene Personen zuzurechnen, die kaum durch die „Thore" der Stadt eingewandert, denn diese waren schon gefallen, als jene ihren Einzug hielten, daß also die bezeichnte Bevölkerungsschichte, die zwar häufig mit Besitz, nicht immer aber mit Bildung und Geschmack ausgerüstet, um ihn zu genießen, nunmehr in Angst und Schrecken geriethen und niemals genug bedauern könnten und können, daß sie leider Juden seien. Ausgerüstet mit allen Mängeln, die dem Emporkömmling anhafteu, hat es diesem Theile der Juden nicht genügt, Mittel zu besitzen und dies mit mehr oder minder Geschmack öffentlich zur Kenntniß zu bringen, mächtig ist in ihnen der Drang nacki Geltung und Ansehen erwacht. Dort, wo sich der Schein erkaufen läßt, ist dies auch eifrig geschehen. Begegneten aber solchen Bestrebungen hemmenden Schranken, dann kam es denl Parvenü nicht in den Sinn, daß so Geartete nicht zuerst um ihrer Zugehörigkeit zum Judenthume Zurückweisung erfahren, sondern daß sie besserer Gesellschaft nicht beizuzühlen sind, welchen Glauben immer sie bekennen oder nicht bekennen. Für eigenen Mißwachs, für specielle Un- und Halbbildung für den Mangel an Tact, an Bescheidenheit und urbanen Formen, für herausforderndes Vergeuden und filziges Sparen, für vieles Andere, wodurch sie nicht nur ihre christliche, sondern auch ihre besser geartete jüdische Umgebung abstoßen, soll nun das arme Jndenthum herhalten und büßen und darum — fort damit. Zuerst nur der eigenen Brust vertraut, sodann im traulichen Zwiegespräch am häuslichen Herd, später ohne jede Scheu wird es ausgesprochen, welche lästige Bürde das Judenthum ist und wie es die Pflicht liebender, fürsorglicher Eltern sei, den Kindern die Bahn frei zu machen, den Sprößlingen wegzuräumen, was sie a l l e i n verhindern kann, Stellung, Geltung, Einfluß und Macht zu gewinnen. Der Rubicon muß überschritten, das Judenthum soll abgeschüttelt werden. Schon träumt die zärtliche Mutter, die es sich in unseren Tagen noch genügen lassen muß, in ihrer mit modernem Krimskrams vollgegropften Wohnung (denn ein Hausrath der Vorfahren fehlt) das zweifelhafte Vergnügen zu genießen, an-ihrem ,.jour“ nur ihresgleichen zu bewillkommnen, oder in kostbaren auffallenden Toiletten die Ringstraße zu fegen, daß einst ihr Sohn dieselbe Ringstraße mit goldbordirten rotheu Pantalons, den grünen wellenden Federbnsch auf dem Hute und mit klirrenden Sporen betreten wird. Der sanfteren Phantasie der Anderen schwebt im Nebe^ nur die zarte weiße Straußenfeder vor, die der Zweispitz des geheimen Rathes ziert. Wenn der Kammerherrenschlüssel, kaum aufgetaucht, 'ofort erblaßt, so gereicht dies dem immerhin rechnenden Verstände der Träumerin nur zur Ehre,^ die . da weiß, daß das Adeln im Grabe doch eine recht unsichere Sache ist. . Aber Alle, Alle sind sie einig, fände sich im Maturitätszeugniß des Sprößlings das kleine Wort „katholisch" vor, Würden und Aemter, die der Staat zu vergeben hat, sie tänden dem „Strebenden" offen, und die Bescheidenen schließen mit der IV. Rangsclasse ab. So wird ohne Kenntniß der tatsächlichen Verhältnisse oder auch mit absichtlichem Verkennen derselben das Panier der jüdischen Elternliebe zum Feldzeichen der Desertion. Uneingedenk, daß nur der Unedle, der Charakterschwache zur Zeit der Bedrängniß die Genieinschaft flieht, der seine Vorfahren durch Jahrtausende angehangen, sehen sie nicht ohne Behagen das Treiben der Gegner, um, wie sie wähnen, mit Grund den Absagebrief zu senden. Und wenn sich der abfallende Jüngling damit verschanzt, daß das Abwenden vom jüdischen Credo kein Ueberzeugungsopfer für ihn bedeute, so hat er den Standpunkt der Sache nicht getroffen. Alle aber, die sich den beschriebenen „Zukuftstrüumen" singeben, mögen es sich gesagt sein lassen, daß von der tattlichen Anzahl Hoch- und Hochwohlgebornen, daher Ahnen- und protectionsreichen jungen Männern, die alljährlich mit Begeisterung den mit dem goldenen Porteepee geschmückten Säbel umgürten, nicht viele ihre Laufbahn als Generale chließen und die Kanzleien des Staates widerhallen von den Klagen Unbefriedigter, die trotz zweifelloser arischer Abstammung und belobter Dienstleistung erst dann mehrere Sterne auf den goldenen Kragen aufdämmern sehen, wenn auch der Abend des Lebens hereingebrochen ist. Allen den eitlen Müttern und schwachen Vätern möge es klar werden, daß sie nun einmal als Juden geboren wurden, daß sich ihre Kinder nicht die arische Race und einflußreiche Abstammung durch Abwenden von der jüdischen Gemeinschaft erzwingen können, daß sie in gesellschaftlicher Beziehung kaum gewinnen, im öffentlichen Dienst und Amt mit spärlichen Abfällen zurieden sein müssen. Unter den großen weltbewegenden Fragen aber, denen die E n k e l gegenüberstehen werden, wird der Antisemitismus nicht mehr sein. _ Der Fluch der Apostasie. Von einem Freunde unseres Blattes wurden wir dieser Tage auf eine Notiz in der „N. Fr. Presse" aufmerksam gemacht, in welcher an die Meldung von dem Ableben des Dr. Horace Mayer v. Also-Rußbach die Bemerkung gekniipft wird, daß mit demselben die Familie dieses Namens aussterbe, da er wie seine fünf Brüder keine männlichen Erben hinterlaffe, was vom jüdischen Standpunkte zu denken gebe, weil der Fluch der Apostasie sich noch selten so bewährte, wie in diesem Falle. Wir finden jedoch nicht, daß das Aussterben solcher Apostaten-Familien schon im dritten oder vierten Geschlechte gar so selten sei; es ist im Gegentheil sogar die Regel. Wir brauchen nach Beispielen ja nicht weit zu greifen. Wie viele von den noch im ersten Viertel dieses Jahrhunderts und selbst noch später in Wien blühenden Apostatenfamilien sind bereits spurlos verschwunden oder wenigstens schon mit dem letzten Sprossen auf dem Aussterbeetat, z. B. die Neuwalds, die Eschkeles, die Arnsteins, die Pereiras, welch' letztere zwei, um sich fester an das Leben zu klammern, sich verbunden haben, aber selbst unter dem Doppelnamen „Arnstein-Pereira" nur noch mit dem letzten Repräsentanten existiren, die Löwensteins, deren Ahnsrau Lenau's Flamme war, die Heniksteins, dessen letzter Stammesträger erst vor wenigen Jahren starb, und viele Andere. Das Aussterben, nicht einmal als Ergänzung der abgenützten Theile des gesellschaftlichen Organismus gedient zu