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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 828 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 45 sichts der Vorgänge, die zu der Vacanz des qu. Reichsrathsmandates führten und die in dem Satze „Macht geht vor Recht" culminirten, seine Wiederwahl durch Stimmeneinhelligkeit außer Zweifel fei. Leider habe ich mich in meiner Voraussetzung getäuscht. Vielleicht aber täusche ich mich in der Hoffnung nicht, daß sämmtliche berufene Faetoren, insbesondere die Cultusvorstände jener Großgemeinden, die Dr. Bloch ihre Anerkennung in ihn ehrender Weise zum Ausdrucke gebracht, im Vereine mit chren Rabbinern dessen einstimmige Wiederwahl zu einer eigenen Angelegenheit machen und dahin wirken werden, daß der fragliche Mitbewerber, zurücktrete. Denn was Dr. Bloch widerfahren ist, hat fortan jedes Parlamentsmitglied zu gewärtigen. Ein Erfolg .und der Prinz Liechtenstein wird vor weiteren Versuchen nicht zurückschrecken. Dixi et animam meara salvayi. St, Simon Wolffsohn, Rabbiner. Von einem angesehenen Wähler in Kolomea erhalten wir das nachfolgende Schreiben: Die Mandatsniedeclegung uuftres Abgeordneten und die sie vorbereitenden und begleitenden Umstände haben die antisemitische Presse aller Parteischattirungen bestimmt, sich mit diesem bestgehaßten Manne in ihrer Weise ausgiebig zu beschäftigen. Wer diese Sorte Journalistik kennt, versteht, was das bedeutet. Die tollwüthige Preßmeute wurde losgelassen und fiel mit wildem Gekläff über ihn her. Die Wahlvorgänge in Kolomea wurden zum Gegenstände ausführlicher Behandlung gemacht und das allerunglaublichste Zeug zusammengefaselt und gelogen. Die Herren übertrafen sich diesmal selbst, die Kühnheit ihrer Phantasie streifte an von Bergani abgeschriebenen Jules Berne. Das Unsinnigste, Niederträchtigste schien ihnen gut genug, um Mit der ernsthaftesten Miene von der Welt vorgetragen zu werden. Die Blätter wurden im Wahlbezirke stark verbreitet, um einen Umschlag der Stimmung herbeizuführen. Ob mit Erfolg, das entzieht sich heute noch meiner Beurtheilung. Und alle diese krampfhaften Anstrengungen, um einen einzigen unbequemen Mann zu beseitigen, zu discreditiren, politisch unmöglich zu machen. WahAich, wenn etwas geeignet sein könnte, den gewesenen Abgeordneten mit Stolz zu erfüllen, mit Befriedigung auf seine Erfolge blicken zu lassen, so müßte es dieser blindwüthige Uebereiftr sein, mit dem seine erbitterte Gegnerschaft ihn zu vernichten trachtet. Geradedieser eine Mann ist es, den die Antisemiten fürchten und gerade dieses eineMandatist.es, das ihnen wichtig erscheint. Jeden beliebigen anderen Juden würden sie mit tausend Freuden concediren, nur diesen einen nicht. Sie halten ihn für höchst gefährlich und deshalb wurde ein ganzes wohlorganifirtes Armeecorps von Lügnern und Verleumdern gegen ihn mobilisirt, um das hohe Haus vor ihm zu verriegeln. Die einsichtigen Wähler müssen sich doch fragen, warum ist denn dieser Einzelne allen Antisemiten gar so schrecklich und fürchterlich? Welche Kraft kann denn dem Einzelnen, und wäre er der Stärkste, innewohnen? Welcher gefährlicher Waffen bedient er sich im Kampfe? Die Antwort darauf ist einfach genug. Die unerschrocken rücksichtslose Wahrheitsliebe ist es, die die Herren nicht vertragen können. Die Wahrheit ist das Licht, das ihnen in die Augen leuchtet. Der Dr. Bloch hat ihnen allen die gleißenden Larven von den Angesichtern gerissen und die fast verzehrten Fratzen aufgezeigt. Er hat mit starker Faust in ihre künstlichsten, angeblich wissenschaftlichen Lügengewebe hineingegriffen und in alle Winkel hineingeleuchtet, wo sie gesponnen wurden. Der Canonicus Rohling und das edle Paar Paulus Meyer-Deckert steht bei den Antisemiten noch in unvergessenem Angedenken. DerHaß hat ein besseres Gedächtniß als die D ankb arkeit! Die Versuche, diesen Abgeordneten kaltzustellen, lassen sich sondern in zumeist von Wien ausstrahlende theoretische Erörterungen—Lügen geschimpft — Tohuwabohu die reinste Symphonie dagegen — und in praktische, die hierin Scene gesetzt werden. Alle Kniffe der höheren Winkeltreppenpolitik ließ man spielen. Alls Künste der Jntrigue mußten herhalten. Ein Gegencandidat, der doch ungefähr ernst zu nehmen wäre, mußte um jeden Preis herbei. Woher nehmen? Das war die große Schwierigkeit. Welcher rechtschaffene Hude würde sich dazu hergeben, gegen Dr. B l o ch in die Schranken zu treten? Und ein tüchtigen ehrlicher Mann mußte er doch sein, damit die Wähler ihr acceptiren. Hier lag ein unüberbrückbarer Zwiespalt. Auch die Herren werden über diese petitio principii gar nie hinwegkommen und in diesem lustigen eireulus vitiosim können sie sich tummeln, wie das Eichhörnchen im Radkäfig. Man wendete sich an eine Persönlichkeit in Galizien von tadellosem Ruf und Charakter. Ein Name von populärem Klang. Sie haben die Sache in Ihrer letzten Nummer bereits kurz erwähnt. Gestatten Sie mir, auf dieselbe ein wenig ausführlicher zurückzukommen. Die Wähler hätten den Herrn nicht zurückgewiesen — ein Theil derselben wenigstens nicht. Dieser Mann wurde angegangen und ihm nahegelegt, sich um das erledigte Mandat zu bewerben. Er lehnte schlankweg ab und dies der Wortlaut seines Refus: „Die Art und Weise, wie die Antisemiten gegen Dr. Bloch vorgegangen sind, die Art und Weise, wie der Obmann des Polenclubs Dr. Bloch gezwungen hat, auf sein Mandat zu verzichten, um nur dem Prinzen Liechtenstein gefällig zu sein, und endlich nicht zum geringsten Theile die großen, unbestreitbaren Verdienste, welche sich der bisherige Abgeordnete von Kolomea erworben, machen es mir geradezu unmöglich, mich ihm als Bewerber um sein Mandat entgegenzustellen. Ich halte das für gänzlich unvereinbar nicht nur mit meinem Charakter ^nid meinen Grundsätzen, sondern mit dem Charakter und den Grundsätzen jedes anständigen Juden. Kleine persönliche Motive — streberisch sich in den Vordergrund drängende Eitelkeit — müssen in diesem Falle insbesonders niedergehalten und in ihre gebührenden ^Schranken gewiesen werden, und hier liegt eine Aufgabe für alle einsichtsvollen und maßgebenden Persönlichkeiten im Wahlbezirk." Diese Motivirung seiner Ablehnung ehrt den Mann und seine vornehme Denkungsweise ebenso wie der Verzicht selbst. Welche kleinlichsten Mittel im politischen Kampfe gegen den Dr. Bloch angewendet wurden und noch angewendet werden, ist geradezu unglaublich. Alle Mittel gelten. Jedem ernsthaften Politiker muß sich, wenn er die urdumme Geschichte von der Frau des Stampiglienmannes hört, ein „Zu dumm!" auf die Lippen drängen. Daß das cberebe^ la femme auch auf die Wahlvorgänge in unserem lieben Kolomea Bezug haben sollte, wer hätte das gedacht? Leider steht unsere Sache nicht sehr günstig. Die Agitation. der Gegenpartei arbeitet mit Hochdruck. Es stehen ihr die reichsten Geldmittel zur Verfügung. Die Eitelkeit des Streberthums ist ja immer gern zu Geldopfern bereit. Uns fehlt es an Allem. Nicht einmal ein Agitationslocal zu miethen sind wir in der Lage und für denü.December ist die Wahl ausgeschrieben. Dennoch sehen wir mit Gottvertrauen in die nächste Zukunft und wollen rechtschaffen unsere Pflicht thun, unserem bisherigen Abgeordneten zum Siege zu verhelfen. Die jüdischen Wähler in Kolomea werden aber bald zu entscheiden haben, ob sie den Mann ihres öisherigen Vertrauens gegen alle die jämmerlichen Kabalen und Jntriguen zu schützen und zu halten gesonnen sind. Wir werden Ihnen sagen, daß es von ihrem freien Entschlüsse abhängen wird, ob sie als denkende Männer, als gute Juden handeln oder ob sie sich zu den Marionetten der schwarzen Durchlaucht herabwürdigen wollen, welche sie zu privater Belustigung tanzen läßt, wie es ihr eben gefällt. Sott und darf es von der Einwilligung eines Prinzen Liechtenstein abhängen, ob einJude und w el ch erJudein das Parlament eintritt? Ist es in Oesterreich.schon so weit gekommen, daß die Wähler von Kolomea der Zustimmung des Fürsten Liechtenstein bedürfen, wenn es gilt den Mann ihres Vertrauens in den Reichsrath zu entsenden? Werden sie sich wirklich herbeilassen, die Stimmzettel mit einem Namen auszusüllen, der die hochfürstliche Approbation glücklich vorher erhalten hat und von dessen Unschädlichkeit Se. Durchlaucht genügend überzeugt ist? Bewirbt sich der zukünftige Abgeordnete von Kolomea um das Vertrauen seiner Wähler oder um das Vertrauen des Fürsten Alois Liechtenstein?! Standhalken oder Drsertiren? Der Tag der im Rathhause zu Wien 93 Männer versammelt fand, um die Schicksale der Reichshauptstadt in die Hände eines Antisemiten zu legen, wird stets ein denkwürdiger bleiben.

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