Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochrnfchrist Seite 827 l' tfÄ»' -*>S5SCT«S.S&V.L vaUCMi Nr. 46 des Prinzen Liechtenstein zu viel vom deutschnationalen Geiste angezogen haben könnte. Herr Ahlwardt erfreute sich, wie gesagt, ausschließlich der Gesellschaft des Ritters Stampiglius. Er selbst hat erzählt, daß man ihn im deutschen Reichstage den „deutschen Schneider" nenne, während Herr Stampiglius den Ehrennamen „der österreichische Ahlwardt" beigelegt erhielt. Es wäre schade, wenn die Weltgeschichte diese beiden edlen Charakterbilder durch Verwechslung der Namen verwirren würde. Sie verdienen eine durchaus individuelle Behandlung, sie sind jeder eine Specialität für sich, sie repräsentiren die Blüthe des Antisemitismus-in Oesterreich und Deutschland. Man darf sie schon aus einem sehr gewichtigen Grunde nicht verwechseln. Man kennt das Hein e'sche Gedicht vom armen Peter: „Der stieg wohl aus dem Grab heraus — Ach nein, ihr lieben Jungfräulem, Der steigt erst in das Grab hinein." Herr Ahlwardt ist schon im Zuchthause gesessen, was man von Herrn Stampiglius leider noch immer nicht behaupten kann. Das ist ein unterscheidendes Merkmal, welches die Mit- und Nachwelt nicht übersehen wird. Auch die antisemitische Spitzbüberei hat ihre differenzirenden Momente, und man wird nie darüber einig werden, ob Herrn Ahlwardt oder Herrn Stampiglius die Palme der — Biederkeit gebührt. Zur Lueger-Feier ist Herr Ahlwardt nach Wien bestellt worden und an dem Namen Lueger haftet daher der Name Ahlwardt, trotz der grobschlächtigen Diplomatie, mit welcher der neugewählte Bürgermeister der prostituirenden Gesellschaft dieses Patrons auswich. Wir wollen die Frage unerörtert lassen, wie sich das Verhältniß zwischen dem Lordmayor der Reichshauptstadt und dem „deutschen Biedermanne" von der Spree gestaltet hätte, wenn mittlerweile schon die kaiserliche Bestätigung erflossen wäre. Jenes Wien, auf welches nach dem Ausspruche des Prinzen Liechtenstein gegenwärtig die Augen ganz Europas gerichtet sind, hätte da ein merkwürdiges Schauspiel erlebt! Einen kleinen Vorgeschmack der Dinge, die unter dem antisemitischen Regime zu erwarten sind, hat man übrigens schon bei der feierlichen Begrüßung des deutschen „Zwanzig-Pfennig- Hetzers" zu kosten bekommen. DieAeußerungen Ah lwardt's im Kreise christlich-socialer Arbeiter — das Nachtmahl für ihn und seine Frau wurde selbstverständlich extra gezahlt — zeichneten sich durch eine auch vom „Deutschen Volksblatt" gerühmte, wahrhaft verblüffende Fülle der herrlichsten Gedanken aus. Herr Ahlwardt repräsentirte das „Volk der Denker und Dichter" in unnachahmlicher Weise. Er verglich die Juden mit Affen und fügte hinzu, es sei eigentlich eine Beleidigung dieser Thiere, sie mit den Juden zu vergleichen, da dieAffen doch weit höher ständen als die Juden. Er führte weiter aus, es wäre am Besten, die Juden ehestens aus dem Lande zu werfen, denn nur dann werde man wieder leben können. Vorher aber müsse man ihnen die g eraub t en Mi lli ar d en wiederabnehmen, damit sie wieder so gehen, wie sie gekommen — mit nichts. Dem Ritter Stampiglius ließen diese herrlichen, mit donnerndem Beifalle aufgenommenen Perlen antisemitischer Weisheit nicht ruhen. Er suchte seinem deutschen Rivalen, der ihm schon um so und soviele Monate Zuchthaus voraus ist, noch zu überttumpfen, indem er erklärte, es sei schade, d.aß die Juden, die sich j etzt s o h äüfig tau f en lassen, dabei leider nicht so lange unter Wasser bleib en, bis sie ersoffen si n.d. In feiner „Festrede" verglich ferner Herr Ahlwardt die Juden mit R a u b t h i e r e n und p arasitären Bacillen im gesunden Körper des christlichen Volkes. Man müsse diesen Raubthieren die Gastfreundschaft kündigen, ihnen dasGeraubte wieder abnehmen und sie dann hinauswerfen. Die arbeitende christliche Bevölkerung müsse endlich mit den Juden t abula rasa machen. Er, Ahlwardt, habe die zuversichtliche Hoffnung, vereint mit Lueger und Schneider den jüdischen Parasiten-Bacillus vertilgen zu können. Ahlwardt, vereint nnt Lueger und Schneider! Das ist das leuchtende Dreigestirn am antisemitischen Himmel — der Sträfling rechts, Stampiglius links, der Wiener Bürgermeister in der Mitte! Europa hat wirklich alle Ursache, mit verwunderten Blicken auf die Kaiserstadt an der Donau zu schauen! Ein solches Vorspiel der Inauguration eines neuen Bürgermeisters war gewiß noch nicht da! Zum Schluffe jedoch eine ernste Frage: Die oben wiedergegebenen Aeußerungen Ahlwardt's und Schneider's sind die schamloseste Verhöhnung des Gesetzes! Sie sind zum Theile in öffentlicher Versammlung gefallen. Wo war der Regierungsvertteter, und war ein solcher da, wie konnte er diese offene Aufteizung zu Mord, Raub und Plünderung süllschweigend dulden? Dem österreichischen Staatsgedanken wird wahrhaftig schlecht gedient, wenn man Menschen wie einem Ahlwardt freies Wort in Oesterreich gestattet, in einem Augenblicke, wo der antisemitische Hexensabbath in Wien seinen Höhepunkt erreicht und selbst vernünftige Köpfe verwirrt hat. Zum Wahlkampf in Kolomea. Die „Neuzeit" Nr. 44 veröffentlicht nachstehenden Artikel: Zur Resignation des Herrn Dr. Bloch. Lomnitz, den 27. October. Vor einigen Tagen las ich in den politischen Tagesblättern, daß ein gewisser Herr Trachtenberg Herrn Dr. Bloch das Reichsrathsmandat in Kolomea stteitig mache. Daß Dr. Bloch's „freiwillige" Mandatsniederlegnng die Folge einer auf ihn ausgeübten Pression war und daß die Art, wie er zur „freiwilligen" Verzichtleistung auf sein Mandat g ez w u n g e n wurde, in der Geschichte der Parlamente ohne Gleichen ist, darf als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden. Es war darum kein unberechügter Optimimus, wenn ich mich der Erwartung hingegeben, seine Wiederwahl werde — wenigstens so weit es die jüdischen Wähler betrifft — durch Stimmeneinhelligkeit erfolgen. Denn das wäre die einzig richttge Antwort, die eine poliüsch reife Wählerschaft einer Parlamentspartei geben kann, die auf ihr Votum in einer legislatorischen Rechtssache die Werbungen eines prinzlichen Stimmenhausirers influiren ließ. Zudem kommt noch folgender Umstand in Betracht: Nicht die Person des Dr. Bloch genirte den Prinzen Liechtenstein. Der muthigeund schneidige Anwaltder moralischen Integrität des' Judenthums, der gegen das Schoßhündchen des Prinzen so oft und so kräftig die Peitsche geschwungen, sollte mit Dr. Bloch aus dem Parlamente entfernt werden. Angesichts dieser Thatsache wird wohl die Versicherung allgemeinen Glauben finden, daß mir die Schamröthe ins Gesicht stieg, als ich erfuhr, es habe sich Jemand gefunden, der den ttaurigen Muth hat, als Mitbewerber mit Dr. Bloch um das Reichsrathsmandat von Kolomea in die Arena zu treten, uneingedenk, daß er dadurch dm ärgsten Judenfeinden zur Erreichung chres Zieles Vorschub leiste. Ich gestehe offm, daß weder die Anerkennung der wissenschaftlichm und sittlichen Eignung Dr. Bloch's für das fragliche Mandat, noch dessen hervorragende Verdienste um die Vertheidigung des Judenthums leitmdes Moüv vorliegender Meinungsäußerung sei. Diese zu würdigen scheint mir hier nicht die geeignete Gelegenheit. Zudem will ich Niemandem präjudiciren. Ich habe nur geglaubt, daß ange-