Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 44 Seite 823 Dr. Bloch's Wochenschrift Plötzlich erdröhnen Pöllerschüsse und die gräfliche Kntsche wird von der Ferne sichtbar. Wie ein elektrischer Schlag fährt'- durch die Reihen der Wartenden und scheint auch den Wagen zu beflügeln, denn schon ist er am Anfänge des Ortes und aus den jungen Kehlen erschall das wochenlange einstudirte: „Willkommen Euer Gnaden." Der Graf neigt sich freundlich lächelnd zu denKindern hüben und drüben und lüftet den Hut, als er die Borstände vassirt. An der Einfahrt des Schlosses empfingen zwei schwarzgekleidete Männer ehrerbietig den „Herrn". Beim Absteigen wandte sich dieser an den jüngeren und sein mattes Auge erhellte und in seinen müden Gesichtsausdruck kam Leben, als er ihn fragte: ..Er heißt und ist?" Der Angeredete verbeugte sich undantwortete: „MaxHellwig, Actuar des Herrn Oberamtmanns", indem er auf seinen Nachbar zeigte, einen Mann von reifem Alter, der in gebückter Stellung vor dem Grafen stand. „Er ist von heute an Controleur." Wieder.verbeugte sich der junge Mann und sagte ohne jede innere Erregung über sein plötzliches Avancement: „Danke, Herr Graf!" In Gedanken vertieft ging der Graf, vom Kastellan geleitet, auf seine Zimmer, ohne den Oberamtmann einer Ansprache gewürdigt zu haben. Max Hellwig war seit einem Jahre auf dem Schlosse. Er kam mit einem von der Güteradministration des Grafen, die in der Hauptstadt ihren Sitz hatte, versehenen Anstellungsdecret, ward durch seine Kenntnisse und seinen Fleiß der Nerv des Amtes, blieb dabei seinem Vorgesetzten gegenüber die Bescheidenheit selbst und ließ sein eigenes Schaffen und Wirken auf dessen Conto stellen, so daß der Oberamtmann alle Ursache gehabt hätte, mit diesem Unterbeamten zufrieden zu sein, wenn er nicht neidisch auf die Popularität gewesen wäre, die der junge Mann in der kurzen Zeit errungen. Er war der Genius des.Ortes. Bon ihm konnte Jeder erlangen, um was er beim Amte ansuchte, während der Oberamtmann ein unzugänglicher Bureaukrat war, der immer seine Autorität geltend machte. Besonders die Juden, mit denen der Oberamtmaun stets auf dem Kriegsfüße stand und ihnen Aufdringlichkeit vorwarf, vergötterten den Actuar, der sogar mit Vorliebe die Judengasse besuchte und deren Mädchen nicht wenig bezauberte mit seinkm feingeschnittenen Marmorantlitz und träumerischen Wesen. Wie den Alten durch süne Judenfreundlichkeit, reizte er dessen Tochter, ein kokettes Mädchen, das sich alle Mühe gab, den jungen Beamten zu ködern, durch seine Jüdinnenfreundlichkeit. Aber je mehr ihr Vater den jungen Mann jetzt wegen dessen e Bevorzugung vom Grafen beim Empfange haßte, desto begehrenswerther war er ihr und desto mehr kränkte sie seine Gleichgiltigkeit ihr gegenüber. Am nächsten Tage besuchte der Graf in Begleitung eines mitgebrachten Dieners den Ort, die Kirche, die Schule, das Bersorgungshaus; er kam auch in die Judengasse, wo der Vorstand ihn an der Pforte der Synagoge begrüßte. „Euer Gotteshaus ist in schlechtem Zustande, wie ich sehe," sagte er zu einem der Aeltesten, „baut ein neues, das Baumaterial soll Euch vom Amte umsonst gegeben und geliefert werden". Dann erkundigte er sich über die Verhältnisse in der Gemeinde und wie nebenbei fragte er: „Ihr habt doch schon die Mauer um Euren Friedhof?" „Ja, Euer Gnaden, wir danken für die Unterstützung dazu. Die Gräber unserer Todten sind jetzt gesichert vor dem in der Nähe des Friedhofes weidenden Vieh; von Menschen wird allerdings auch die Mauer überschritten. So z. B. ist das Grab eines schon vor langen Jahren verstorbenen Frauenzimmers noch immer jeden Sommer ein Blumenbeet, ohne daß wir entdecken können, wer sie säet. Blumen auf einem Grabe sind eine unjüdische Sitte und verletzen unser religiöses Gefühl." „Und Ihr reißt dieselben daher natürlich wieder aus." „Gott bewahre, Euer Gnaden, wir schonen die Pietät desjenigen, der die Blumen auf dieses Grab säet." „Das ist ja sehr schön von Euch." Wie geistesabwesend stand der Graf einige Augenblicke da. Er stellte hierauf noch einige Fragen über die Schule und verabschiedete sich in leutseligster Weise. Im Schlosse ging es trotz der Anwesenheit des Herrn noch stiller als sonst zu. Der Graf war, wiewohl er als einer der reichsten Cavaliere des Landes galt, schlicht in seinem Gebühren und sein Aufwand weit unter dem Niveau seines Standes und Vermögens. Als lediger, älterer Herr entfiel ihm die Pflicht, Gastereien zu geben, der Castellan, ehemals sein Leib diener, war jetzt mit dem Amte eines Kochs betraut und sein Walten war kaum zu merken, denn der Graf lebte sehr frugal; der Oöeramtmann blieb in seiner Kanzlei, beschäftigt, ganze Fascikel von Rechnungen in Ordnung zu bringen, um sie dem Grafen zur Einsicht vorlegen zu können, und konnte nicht wichtig thun, wie sonst, wenn er den Herrn auf dem Schlosse spielte; der über Nacht vom Actuar zum Controleur Avancirte saß nach wie vor in einem kleinen Nebenzimmer der Kanzlei über Schreibereien, jeden Augenblick der Befehle des Oberamtmannes gewärtig, obwol ihm dieser jetzt nicht mehr zu befehlen hatte, denn er war nun ganz unabhängig von ihm. theilweise sogar über ihm; und die Tochter des Oberamtmannes durfte jetzt nicht einmal Clovierspkelen und ihr beschwertes Herz über den blöden Geliebten erleichtern, wobei sonst alle Hunde im Hofe anschlugen, gerade, wie wenn ein Jude in's Amt kam, worauf sie eigens abgerichtet gewesen zu sein schienen. Am darauffolgenden Tage begab sich der Graf auf die Jagd; er liebte es, allein zu gehen, im tiefen Walde, allein mit seinen Gedanken zu sein. Der Oberamtmann fing zu'zittern an, denn er befürchtete ein Zusammentreffen des Grafen mit der Erscheinung im Walde, und es war keine Seele im Orte, die ans ein solches Abenteuer nicht gespannt gewesen wäre. Der Controleur zeigte seinem bisherigen Chef an, daß er in Amtsgeschäften die eine halbe Stunde vom Schlöffe entfernt gelegenen Wirthschaftsgebäude besuche. Und das Fräulein wollte heute einen längstverhaltenen Wunsch erfüllen, sich in das Wohnzimmer des jungen Mannes zu stehlen, um da vielleicht einen Anhaltspunkt für die Lösung seines räthselhaften Benehmens gegen sie zu entdecken. Sie nahm den großen Schlüsselbund, den Herrn aller Schloßgemächer, den der Castellan jetzt während seines anderweitigen Dienstes in einem Zimmer ihres Vaters hängen ließ, und schlich unbemerkt an die Thür zum Wohnzimmer des Controleurs, das sie mit Ungestüm öffnete. Sie sah's znm ersten Male und erstaunte über die Einfachheit desselben. Im ganzen Zimmer war kein Spiegel, das Meublement bestand aus dem Bett, einem Tischchen, zwei Stühlen, einem Koffer und einem Bücherschrank, an dem eine Stundeueintheilung angektebt war. Sie wollte rasch wieder umkehren, als sie aus der geöffl»ten Schublade des Tisches ein Heft mit den Schriftzügen des jungen Mannes bemerkte, auf dem mit großen Lettern geschrieben stand: „Rückblicke auf mein Leben". Sie glaubte Tritte zu hören, eilte der Thüre zu, zog die Schlüffel ab und schloß von innen zu. Mit klopfendem Herzen ging sie daran, die Seele dieses Menschen leibhaftig vor sich zu sehen. Ihre Liebe für ihn beschwichtigte ihr Gewissen, gebe ihr das Recht, den Schlüffel zu seinem geheimnißvollen Charakter zu benützen. Sie las nun mit glühendem Antlitz und brennendem Blick: „Mein ganzes bisheriges Leben ist so geheimnißvoll, daß ich auch das Geheimuiß meiner Seele nicht ergründen kann, was mich eigentlich dazu drängt, meine Erlebnisse niederzuschreiben. Wer weiß, wie ich enden werde, und ob diese Blätter nicht einst Jemandem Gelegenheit geben werden, das Dunkel in meinem Schicksale aufzuhellen. Meine Mutter war die Tochter eines Synagogendieuers, der täglich Früh und Abends mit einem Hammer an die Hausthüren klopfte, um die Leute zum Gebete zu rufen. Meinen Vater kannte ich nicht; aber der Großvater nahm in meinem Bewußtsein dessen Stelle ein. Ich kam nie aus dem Hause und dem kleinen Hofe, der dazu gehörte, neben der Synagoge, heraus; mit anderen Kindern kam ich niemals zusammen. Auch meine Mutter ging niemals aus, der Großvater brachte Alles nach Hause, was mau brauchte. Sie sprachen wenig miteinander, aber wenn sie sprachen, hörte ich ihn immer dabei seufzen und sie weinen; heiter waren sie nur, wenn sie sich mit mir beschäftigten, mit mir redeten und spielten. Auf seinem Schoße lehrte mich der Großvater hebräisch lesen und Gebete übersetzen und die Mutter führte mir die Hand zu den jüdischen Schriftzeichen. Der Kummer der Mernigen, die Nähe des Gotteshauses, aus dem die Betenden mich oft aus dem Schlafe weckten, all' das machte mich im Innersten fromm und die Sehnsucht nach Gott schwellte mein junges Gemüth. Wenn ich schlafen ging, sagte ich außer dem üblichen hebräischen Nachtgebet noch ein selbsterdachtes mit leiser In-