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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-01 · 44 (1.11.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 822 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr, 44 Jtzkany, 26. October 1895. Herr Max Dische. Astocie der Firma Adolf G o l d b e r g in Jtzkany. hatsich mit Fräulein Klara Rosenblum, Tochter der Frau Diana R o f e n b 1 u m aus Jassy, verlobt. Algier. Der Generalgouverneur von Algier hatderjüdischen Gemeinde in Oran zum Zwecke der Vollendung ihrer neuen Synagoge 25.000 Francs gewährt. Paris. Abgesehen von den neulich gespendeten 100.000 Francs, die der Finanzminister für die verwundeten Soldaten in Madagaskar erhalten hat, haben die Herren von Rothschild dem Comite, welches für die geheilt heimgekehrten Soldaten Feste veranstaltet, 5000 Francs übergeben. London. Es wird nun officiell bestätigt, daß Ihre Majestät die Königin Victoria ihre Absicht kundgethan hat, Herrn Henry Baron de Worms die Pairswürde zu verleihen. Es heißt, daß Herr Baron de Worms den Titel eines Lord Pirbright of Pirbright (nach seinem Gute in Surrey) annehmen wird. London, 8. September. Die englische „Gesellschaft zur Verbreitung des Christenthums unter den Jude n" gibt bekannt, daß sie in diesem Jahre bereits 35.648 Lstr. (712.960 Mark) verausgabt und dafür 1 Erwachsenen und 5 Kinder „bekehrt" hat. Jeder „Bekehrte" kostet also rund 120.000 Mark! Seit ihrem Bestehen hat die Gesellschaft 4372 Millionen Mark für ihre Zwecke ausgegeben. Wie viel wirklich Gutes hätte mit dieser riesigen Summe gestiftet werden können! Feuilleton. Warum? Skizze aus dem Kinderleben von S. M o t s ch a n. Aus dem Russischen übersetzt von L. Ritt off. (Schluß.) Die Thür zum Cabinet knarrte leise und über die Schwelle trat Maria. Papa saß tief in Gedanken versunken vor dem Schreibtisch, so daß er Maria gar nicht bemerkte. Den Kopf aus die Hände gestützt, saß er da, die Augen in die Ferne gerichtet, mit einem so traurigen Ausdruck auf dem Gesichte, wie ihn Maria noch niemals gesehen hatte. Zaghaft machte sie einige Schritte vorwärts — sie verhallten aus dem weichen Teppich, nur Papa bemerkte ihre kleine Gestalt immer noch nicht. Marias Herz war unruhig wie ein Vöglein im Käfig. Soll ich nicht lieber fortgeh'n? ging es ihr durch den Kopf. Da wandte sich Papa aber um, bemerkte sie, und sein Gesicht wurde mit einemmale so freundlich, liebevoll, erfragte so herzlich: „Was willst Du, mein Töchterlein? Wie kommst Du hierher?" daß Marias Schüchternheit plötzlich verschwunden war. „Sag' mir, Papa, sag," begann Maria in wachsender Erregung, „die Gelausten, die waren früher Juden, — die Juden find schlecht, — ihr Glaube ist schlecht, sie sind von Gott verflucht und gehen nicht zur Kirche. Unser Glauben ist bester; warum aber schimpft man sie, wenn sie unfern Glauben annehmen, warum sagt man: sie sind schlimmer als Juden, das kann doch gar nicht sein. Warum ist es so? sag -warum?" » Auf dem Gesichte des Vaters war eine große Veränderung vorgegangen. Er war blaß wie Leinwand und zitterte. „Da ist es ... da beginnt es . . ." dachteer, „ich habe es verheimlicht, ich wollte nicht sprechen vor der Zeit, wollte keine Collisionen Hervorbringen, keinen Mißklang in das Kinderherz bringen, ich habe aufgepaßt, jede Möglichkeit ähnlicher Fragen ferngehalten — und doch habe ich es nicht verhüten können . . . Woher, wo und wann hat sich das kleine Geschöpf diese Kenntnisse angeeignet, die auf seine Kinderseele gewiß einen großen Eindruck gemacht haben, wenn es so aufgeregt uud zitternd vor mir steht mit seinem „Warum?" „Maria, mein Kind, wer hat Dir das Alles gesagt? das ist erfunden, erlogen! . . Die Juden sind nicht von Gott verbucht, sie sind nicht schlecht und ihr Glaube ist nicht schlecht... Sie sind elend, unglücklich . . . man muß sie bedauern und lieben," — sagte er, nicht weniger aufgeregt als Maria, „sie haben kein eigenes Land, überall werden sie verfolgt und beschimpft, sogar die Jungen auf der Straße werfen nach ihrun mit Steinen ... sie sind elend, unglücklich ..." „Unglücklich . . . elend . . . man muß sie lieben . . . und ihr Glauben ist nicht schlecht," ging es Maria durch den Kopf. „Warum werfen sie aber ihren Glauben weg? Warum nehmen sie unseren Glauben an? Warum?" fragte sie, fast befehlerisch, mit funkelnden Augen. Der Vater saß vor ihr, elend, vernichtet und in seiner Seele entstand die quälende Frage: hatte er recht gethan, indem er seine Tochter isolirt aufwachsen ließ, ohne sich um seinen wunden Punkt zu kümmern, ohne ihr von seinem unglücklichen Volke zu erzählen und die Liebe zu demselben einzupflanzen? „Warum? Warum?" klang immer nervöser Marias Stimme. Der Vater schwieg noch immer, und dieses Schweigen, dieses elende, krankhafte Aussehen rief in Maria eine Unruhe wach, die Furcht, daß die Worte ihrer Freundin keine leere Erfindung gewesen seien, und nicht mehr im Stande, an sich zu halten, schrie sie auf: „Papa, Papa! Du bist auch getauft? . . Tania hat es mir gesagt!" Der Vater erbebte. Sein Gesicht nahm einen ängstlichen, schuldvollen Ausdruck an. Laut schluchzend warf sich Maria ihm an den Hals: „Papa, Papa! Warum, warum hast Du es gethan?" Der Vater hielt sie in seinen Armen und seine Thronen benetzten ihr blondes Köpfchen; unter heftigem Schluchzen wiederholte Maria in ememfort: „Warum? Warum?" Eine Tragödie aus der Gaffe. Im ganzen Orte, unter Christen, wie unter Juden, wie auch unter beiden miteinander, war seit vierzehn Tagen von nichts Anderem die Rede, als von der bevorstehenden Ankunft des Grafen und der gespenstischen Erscheinung im Walde. Der Graf war seit langen Jahren nicht auf diesem seinem Gute gewesen, sondern lebte theils im Auslande, theils auf seinen anderen Gütern und hatte plötzlich seine Hieherkunft für die nächste Zeit ankündigen lassen, was dem Verwalter auf dem Schlosse jetzt umso ungelegener kam, als gerade ein Gerede im Umlauf war, daß sich in dem zum Gute gehörenden meilenweit sich erstreckenden Walde ein menschliches Ungethüm herumtreibe, von dem die ihm Begegneten die haarsträubendsten Schilderungen machten: eine verwachsene Gestalt mit einem weißen Barte bis über die Knie, einem geisterbleichen Angesicht, aus dem aber Augen wie Flammen blitzen, halb nackt und ein« große Pelzmütze auf dem Kopfe, in der einen Hand einen schweren Stock und in der anderen einen vollen Sack, in welchem die Phantasie der Erzählenden bald Menschenschädel, bald Wunderschätze hineindachte und die Erscheinung zum Waldteufel oder zum Waldgeist machte. Bei der Jagdliebhaberei des Grafen wären die Folgen gar nicht zu berechnen, wenn er einmal mit diesem Wesen im Walde Zusammentreffen würde. Jndeß wurde Tag und Nacht mit dem Aufgebote aller verfügbaren Kräfte gearbeitet, um die Zimmer des Grafen in Stand zu setzen, Hof und Park auf den Glanz herzustellen, die öffentlichen Gebäude des Ortes: die Kirche, das Pfarrhaus, die Schule, das Bersorgungshaus und die armselige Synagoge in der Judengasse, zu scheuern und zu putzen. Dabei wurden täglich mehrere Trupps der Ortsbewohner in den Wald geschickt, um des Umgethüms habhaft zu werden. Juden wurden zu diesen Expeditionen nicht verwendet, obwohl beide Confessionen^ sonst in schönster Eintracht lebten. Der Pfarrer meinte eben, wenn das Waldungethüm ein Geist ist, könne es nur durch Christen beschworen werden. Aber diese richteten bei all ihrer Frömmigkeit doch nichts aus, denn gleich am Saume des Waldes verkroch sich einer nach dem anderen vor Schrecken. Endlich ist der Tag da, der für die Ankunft des Grafen bestimmt war. An beiden Seiten längs der Hauptstraße des Ortes steht seit Stunden schon die Schuljugend Spalier bildend, rechts die christliche, links die jüdische; am Beginn der Pappelallee, die sich zwischen dem Ort und dem Schlosse hinzieht, steht in derselben Ordnung rechts- und linksseitig der christliche und der jüdische Gemeindevorstand und hinter denselben die Gemeindemitglieder, so viel mobil gemacht werden konnten.

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