Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Dr. Blvch's Wochenschrift Seite 819 Nr. 44 - In die „ch r i st l i ch c" Schule wollen die gläubigen Eltern sie nicht schicken; sie passen auch nicht dorthin, da sie dort wegen ihrer Sprache, ihrer Tracht und Sitten verhöhnt werden!" Dieses Culturbild ist zwar minder erfreulich, dafür aber entsprickt es leider der Wahrheit. Mit tiefem Bedauern muß dies jeder Kenner galizischer Zustände constatkren. Wien. Freitag den 25. d. M. ist Herr I. L. Freistadt, der Gründer und Ehrenpräsident des Bethausts II., große Schiffgasse, nach mehrtägiger Krankheit im 85. Lebensjahresanft verschieden. Wenn wirklich ein guter Name das größte Bermäcbtniß und ehrendste Andenken ist, das der Mensch nach seinem Tode zurücklassen kann, so hat der Verklärte, der eine in der hiesigen Gemeinde best bekannte Persönlichkeit war, einen Namen und ein Andenken hinterlassen, die in seinen vielfachen, segensreichen Werken und Schöpfungen ewig fortleben werden. Der Verklärte, der über 60 Jahre in Wien gelebt, war der Führer der orthodoxen Partei, die in ihm ihren mächtigsten Förderer und Vertreter verloren hat, der Gründer des Bethauses in der großen Schiffgasse, des Bet-Hamidrasch, der Talmud-Thora-Schule. die sich ob ihrer erfolgreichen Leistungen wohlverdienten Renommös erfreut, des Krankenhaus- Vereines, der den humanen und religiösen Zweck verfolgt, jenen Patienten, welche die Spitalskost nicht genießen wollen, streng rituelle Kost zu verabreichen.' Der alte Frei stad t, wie er imVolksmnnde genannt wurde — selbst von strengster Observanz in religiösen Dingen — war doch nicht intolerant, und vereinigte Tugenden in sich, die jetzt immer seltener zu finden sind. Fern von jedem Ehrgeiz oder gar Selbstsucht, nahm er sich jeder guten und gerechten Sache gerne und willig an, ihm war es Bedürfniß und heilige Pflicht, Jedem zu rathen, zu helfen, zu nützen. Ihm war kein Ort zu weit, keine Stunde zu spät, wenn es galt, werkthätige Nächstenliebe zu üben, sich eines Armen oder Kranken anzunehmen. Darum genoß er allgemeine, wohlverdiente Anerkennung und Verehrung, die ihm auch von der in religiösen Anschauungen mit ihm contrastirenden Seite jederzeit gezollt wurden und wovon auch das Leichenbegängniß Zeugniß gab, das trotz des strömenden Regens in imposanter Weise stattfand. Der gesummte Vorstand und zahlreiche Mitglieder obenerwähnter Vereine, sowie persönliche Freunde und Bekannte waren erschienen, um dem biedern und frommen Manne, dem ehrwürdigen Patriarchen — der er wirklich war — das letzte Geleite zu geben; ebenso war Herr Oberrabiner Dc. Güdemann im Trauerhause erschienen. In der Wohnung svrach der Sohn des Verklärten, Herr Jacob Freistadt aus Szikßö, aus tiefstem Herzen kommende Worte, worauf der Sarg zur Schiffschul getragen wurde, wo Herr Rabbiner Kohn in treffenden Worten ein kurzes Lebensbild des Verewigten entwarf, und Herr Josef Baumgarten, der im Bet- Hamidrasch lehrt, dem Gründer desselben einen ehrenden Nachruf hielt. Sodann wurde der Sarg nach Preßburg überführt und daselbst beigesetzt; eine zahlreiche Menschenmenge begleitete den Verblichenen zur letzten Ruhestätte, wo noch Herr Donath - und Herr Friedmann warme Worte des Nachrufes dem Dahingeschiedenen widmeten. Wien. (Leopold Wollner!) Am 27. October, 9 Uhr Vormittags, wurde ein Mann zu Grabe geleitet, welcher sich in allen Kreisen der Bevölkerung einer außerordentlichen Beliebtheit und Verehrung erfreute und dieser auch im vollsten Maße würdig war. Leopold Wollner war durch 30 Jahre Rabbiner und Prediger des Bethausvereines im VIII. Bezirk, sowie durch dieselbe Zeit Religionslehrer der israelitischen Cultusgemeinde der Knaben- und Mädchenschule dieses Bezirkes. Als Prediger wußte sich der Verstorbene in Fälge seiner eminenten Gaben, sowie seines bescheidenen concilianten Wesens die Werthschätzung Aller, die ihn kannten, für alle Zeiten zu sichern, und im VÜI. Bezirk ist das Emporblühen des Bethausvereines. die Einigkeit unter den Mitgliedern und den Vorständen zum großen Theile auf seine segensreiche Thätigkeit zurückzuführen. Seiner Initiative verdankt der Bezirk die Gründung verschiedener religiöser, sowie wohlthätiaer Vereine, unter welchen der Almußverein, der Frauen-Wohlthätigkeitsverein und Tempelbauverein besonders genannt zu werden verdienen. Leider war es dem Verstorbenen nicht mehr gegönnt, in dem zu erbauenden neuen Gotteshause seine ersprießliche Thätigkeit fortzusetzen. Als Religionslehrer des Bezirkes wußte sich der Verstorbene die Liebe seiner Schüler und Schülerinnen für alle Zukunft zu sichern. Die Trauerfeier gestaltete sich demnach auch zu einer imposanten Kundgebung derTheilnahme der Wiener Bevölkerung. Die israelitische Cultusgemeinde, sowie sämmtliche Bethausvereine Wiens sandten ihre Vertreter, welche sich im Trauerhause VIII., Josefstädterstraße 53 versammelten. Vom Trauerhause setzte sich der Zug, welcher aus mehr als 50 Wagen bestand, nach dem Vereinsbethause in Bewegung, der Sarg wurde von den Söhnen des Verstorbenen sowie von den Vorständen in das Bethaus getragen, wo Herr Obercantor S in g er unter Begleitung des Cantors Herrn Moritz Blatt, sowie des Männer-Chores die Trauer-Psalmen vortrug; nach Absingung derselben, hielt Herr Dr. Lang selber, namens der israelitischen Religionslehrer einen Nachruf, und wurde die Rede oftmals von dem Schluchzen der Anwesenden übertönt. Hierauf wurde der Sarg von den Söhnen des Verstorbenen und Vorständen des Bethausvereines aus dem Bethause getragen und nach dem Central-Friedhofe über führt. Auf dem Central Friedhofe, wo trotz des außerordentlich schlechten Wetters Hunderte von Trauergästen versammelt waren, verrichtete Herr Obercantor Singer unter Assistenz des Herrn Cantor Moritz Blatt, die Trauergebete, nach deren Absingung Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann die Trauerrede hielt; in derselben entrollte der berühmte Kanzelredner ein lebhaftes Bild der Thätigkeit des Verstorbenen. Nachdem noch Herr Rabbiner Dr. Schmidt in ergreifender Rede den Leidtragenden Trost spendete und die seltenen Vorzüge des Verstorbenen, sein Wissen und seine Arbeitskraft schilderte, wurde der Sarg nach dem von der israel. Cultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe getragen. Am Grabe sprach Herr Rabbiner S ch o r als Berufsgenosse des Verstorbenen, ferner namens des Bethausvereines und Tempelbauvereiues der Bicepräses dieser Vereine, Herr Leopold G u t t m a n n, welcher den großen Verlust, den diese Vereine durch den Tod des Rabbiner Wollner erlitten, hervorhob und namens dieser Vereine gelobte, das Bereinsbethaus. das gegenwärtige sowie das zu erbauende, jederzeit im Sinne und den Intentionen des Verstorbenen entsprechend zu leiten und zu verwalten. — Wie uns mitgetheilt wird, beschloß der Vorstand des Tempelbauereines im achten Bezirk über Antrag des Herrn Hermann Beck, Präses des Bethausvereines einstimmig, dem verstorbenen Rabbiner Leopold Wollner in dem neu zu erbauenden Tempel eine Gedenktafel zu widmen. Wien. (Akademische Verbindung „Kadimah".) Den svrechendsten Beweis für ihre Lebensfähigkeit lieierie die Samstag den 26. October celebrirte Eröffnungsfeier des XXVI. Semesters der akademischen Verbindung „Kadimah". Der große Khuner'sche Seal war überfüllt. Außer den corporativ erschienenen akademischen Verbindungen : Gamala, Joria, Libanonia, Verein der Theologen, Lesehalle und einem zahlreichen Publicum aus der Finkenschaft, fanden sich auch ein: die alten Herren der ..Kadimah," Dr. Birnbaum und Dr. Kokesch, ferner Rabbiner Dr. Rosenmann, Rabbiner Dr. Grün, Fabriksbesitzer Walter und andere Förderer. Der Präses der Verbindung Dr. Gerbe l eröfsnete die Feier mit einer Rede, in welcher er die erfolgreiche Thätigkeit der „Kadimah" in den abgelaufeuen XXV. Semestern schilderte und die schwierigen Ausgaben präcisirte, die ihrer noch harren. Insbesondere wies er ans das Gebahren des Vereines zur Pflege kranker Studierender hin, in welchem trotz des großen Percentsatzes der jüdischen Mitglieder Die Juden schon seit Jahren bei Bertheilung der Beneficien hintangesetzt und zu keiner Vereinsflinction zugelassen werden. Er bezeichnete es als eine der nächsten Aufgaben der „Kadimah". mit Hilfe der gleichgesinnten Vereine diesen Mißständen zu steuern und wenigstens es dahin zu bringen, daß die medicinische Gruppe im Ausschüsse für die Juden zurückerobert werde. Durch Applaus bekundeten die Anwesenden ihre Bereitwilligkeit, die „Kadimah" bei diesem Unternehmen zu unterstützen. Nach Absingung des Bundesliedes erhielt der Dritte der ,,Kadimah", Drd. meck. Wassermann das Wort zur Tendenzrede. — An die ruhmreiche Vergangenheit des Judenthums anknstpfend, zeichnete er die gegenwärtigen mißlichen Zustände und das Elend, von welchem der größte Theil unseres Volkes heimgesucht ist. Auf die Bedeutung der Colonisation Palästinas übergehend, schilderte er den belebenden Einfluß, welchen dieses Land ans die eingewanderten. phpsisch und moralisch herabgekommenen Juden übt. Es predige die „Kadimah" schon seit jeher mannhaftes Auftreten, Vertheidigung der uns gewährleisteten Rechte, so gut es geht, und eine selbstständige jüdische Politik. Redner stellte die Behauptung anst daß, wenn wir j Juden nach einem einheitlichen Programme vorgingen. t’* auch j Leichtes wäre, wahre jüdische Abgeordnete in die verschiedene:: Vt> i tretungskörper zu entsenden, welche dann durch Bildung einer selbst