Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 818 Nr. 44 Dr Blvch's Wochenschrift. Schulden contrahirte. Als ihm in dieser Lage eine ältere Wittfrau mitleidig Unterstand gewährte, da glaubte Battisti einen Haltepunkt auf der schiefen Bahn gefunden zu haben. Doch nicht allzulange währte dies Zusammenleben. Auch dieses Haus muhte Battisti verlassen, und wieder stand er da, ohne Obdach, ohne Unterhalt. Und so beschloß er — zu betteln. Ia, ein ganz gewöhnlicher Bettler ist der ehemalige Katechet von Ottakring geworden, der. von Haus zu Haus gehend, -sich ein Almosen erbettelt. In den letzten Wochen hat sich diese gewesene antisemitische Große den Bezirk Döbling vornehmlich zum Befiel,: ausersehen, und wenn ihm Jemand, gerührt von seinem Aussehen, einen Kreuzer als Almosen iu die bittende Hand drückt, da dankt der ehemalige Hetzcaplan mit einem kläglichen „Vergrli's Gott!" Tritt den Frauen zart entgegen. An der Prager deutschen Universität wurden kürzlich mit Beschluß des Professoren-Collegiums einige Studentinnen der Medicin als,ordentlicheHörerinnen ausgenommen. Dazu bemerkt die „Ostdeutsche Rundschau": „Es wäre in der That beschämend, wenn die älteste deutsche Universität sich zum Clilturdünger für die fremde Pflanze weiblicher Bildungsmeierei erniedrigen tollte"; und weiter: „Wir glauben, der dentschnationalen Studentenschaft Prags nicht erst die richtigen Mittel zur Abwehr eines derartigen Angriffes auf den deutschen Charakter ihrer Hochschulen geben zu müssen." Tacitus, der alte Römer, sagt bekanntlich, daß die Germanen besonders durch zweierlei bemerkenswerth seien: durch ihr Nation alqetränk, einen aus Gerste und Malz gebrauten Stoff, den sie massenhaft vertilgen, und durch die Hochachtung, die sie dem weiblichen Geschlecht entgegenbringen. Mit dem ersten hat es seine Richtigkeit, mit dem letzteren hat sich der alte Römer gründlich getäuscht. Die „Ostdeutsche Rundschau", die. mit Ausnahme der Grammatik, durch und durch beutjdö ist, gibt den Prager Studenten den Rath, die studirenden Frauen hinauszuwerfen. Denn das ist doch mit den ^richtigen Mitteln" gemeint. Wir glauben nicht, daß sich die deutschen Jünglinge finden werden, die diesen Rath befolgen, den, wenn diese Helden einmal nach Walhall kommen, welchen Empfang hätten sie oben von den himmlischen Jungfrauen zu erwarten, deren Geschlechtsqenossinnensie hier schmählich beleidigten? Die „Ostdeutsche Rundschau", die das „Heil" auf Erden propagnt, hat kein Berständniß für das Heil ihrer Compatrioten im Jenseits. Eine Prager Leetion für ein Wiener Antisemitenblatt. Der Professor der Anatomie an der Prager deutschen Universität. Dr. Rabl, der Schwiegervater Virchow's wurde von einem Wiener Antisemitenblatte in der unfläthigsten Weise angegriffen, weil seine Vorlesungen von drei Hörerinnen besucht waren, welche an dem czechiscken Mädchen-Gymnasium itudirt hatten. Als Professor Dr. Rabl neulich nach diesen Angriffen den Hörsaal betrat, wurde er mit stürmischen Prositrufen empfangen. Er hielt hierauf eine Ansprache, in welcher er sagte: „Ich bin strenge nach dem Gesetze und den Beschlüssen des Profefforen-Collegiums vorgegangen, die Studenten werden mir wohl das Vertrauen schenken, daß ich jederzeit den deutschen Charakter unserer Universität zu wabren, das Hausrecht geltend zu macken und. falls irgend eine Störung sich ergeben sollte, sofort Abhilfe zu schaffen wiffen werde. Was die über meine Person verbreiteten, frechen, tendenziösen Lügen betrifft, so halte ich es unter meiner Würde, auf dieselben zu erwidern. Das, was ich hier gesagt habe, wird ohnedies zu den Fenstein hinausdringen und jenen elenden Schurken zu Gehör kommen, welche vor Verleumdungen nie zurückschrecken". Diese Ansprache wurde von den Hörern mit lautem Beifall ausgenommen. Ein Hundertachtjähriger. Der älteste Bewohner Wiens ist der im Hause Nr. 39 in der Schspenhanergasse in Wäbring lebende Herr M. L. K o h n. Derselbe ist, wie urkundlich festgestellt, im Jahre 1787 in Frauenkirchen in Ungarn geboren und steht sonach im 103. Lebensjahre. Bewundernswerth ist das Gedächtnis; des Mannes, welcher sich genau an die Franzosenzeit in Oesterreich erinnert. Er war. wie er erzählt, damals schon ein etwa 18- bis 19jLhriger junger Mann und wurde, da er als ein guter Reiter bekannt war, von einer Abtheilung französischer Soldaten gezwungen, denselben von Frauenkirchen ans in der Richtung gegen Raab als reitender Wegweiser zu dienen. Er führte die Truppe auf diese Meise volle vier Stunden, ..aber", meinte er ironisch lächelnd, „nach Raab kamen sie doch nicht" Der Schreiber dieser Zeilen stattete dem Greis einen Besuch ab, fand ihn jedoch nicht zu Hause, sondern in dem im selbe,: Hause befindlichen israelitischen Bethause, wo gerade Jngendgottesdienst abgeh'alten wurde. Der Greis, ein untersetzter Mann, saß in einer Bank und las in einem Gebetbuche ohne Augenglas. Auf die Frage, ob er sich noch wohl befinde, bemerkte er, daß er, bis auf eine Schwäche in den Füßen, sich noch vollkommen wohl befinde. Auch das Gehör ist noch vollkommen gut. Er war auch bis zu seinem 100. Lebensjabre nie ernstlich krank. Vor acht Tagen aber schien es, ' wie er erzählte, mit ihm — „bergab" zu gehen, allein er genas nicht nur wieder, sondern fühlte sich sogar dann kräftiger als vor seiner Erkrankung. „Freilich, arbeiten kann ich leider nicht mehr", bemerkte er traurig, „und doch sollte ich cs noch können,, denn ich lebe jetzt nur von Gott und guten Menschen". Kohn bezieht wohl eine kleine Pfründe von Seite der Währinger israelitischen Gemeinde, allein diese reicht, wie er sagt, gerade hin, um den Zins zu decken, und seine Kinder, von denen die ältesten schon hochbetagt gestorben sind, können ihn und seine im 73. Lebensjahre stehende Frau — es ist die zweite, mit welcher er seit nahezu einem halben Jahrhundert verheiratet ist — nicht unterstützen. Von seiner ersten Frau lebt noch eine Tochter, die Witwe ist. — Ein Vergleich zwischen den beiden ältesten Männern Wiens, dem Deutschmeister Andreas Sp atz ierer. welcher 102Jahre alt ist,und dem 108Jahre alten Kohn fällt zu Gunsten Kohn's aus, da dieser viel rüstiger, aber freilich nicht so lustig wie der alte Deutschmeister, was natürlich seinen Grund hat. Spatzierer lebt sorgenlos im Greisenasyl in Währing, während Ko hn kümmerlich,und zwar recht kümmerlich sein Leben foitbringt.' Jüdische Neger. Dem »American Hebrew« entnehmen wir folgende interessante Erzählung von jüdischen Negern: „Ein russischer Jude aus Meaduh macht Mittheilungen über eine große Anzahl von Juden, die die Oasen der Sahara bewohnen, wie Batha, Bis Wrabi, Faggrat u. s. w. In jedem dieser Orte befinden sich mehr als hundert jüdische Familien, in manchen sogar viel mehr, darunter an einem Platz 600 Familien, die zahlreiche Synagogen und mehr als hundert Gesetzesrollen besitzen, die auf Pergament geschrieben und uralt sind. Ein Jude, der einen Reisenden nach Timbuktu begleitete, fand nahe der Grenze der Berberei eine große Anzahl jüdischer Neger. Dieselben haben sonst in jeder Familie eine Pergamentrolle mit dem Pentateuch, dagegen besitzen sie nichts von den Propheten, obwohl sie deren Existenz kennen. Dagegen bestehen ihre Gebete, die auf Pergamentblätter geschrieben sind, aus Stellen ans den Psalmen. Sie besitzen keinen Talmud, aber sie beobachten einzelne seiner Vorschriften, freilich untermischt mit Gebräuchen der benachbarten Mohammedaner und Heiden. Die arabischen Häuptlinge, unter denen sie stehen, gewähren ihnen völlige Glaubensfreiheit und sie besitzen daher Sunagoge.i und Rabbiner. Ueber ihren Ursprung kennen sie folgende Ueberlieferung: Nach der Zerstörung Jerusalems flohen einige jüdische Familien in die Sahara, aber die Entbehrungen wurden so groß, daß alle Weiber und Kinder erlagen. Endlich wurden die Üeberlebenden von Negern gefunden und freundlich ausgenommen und schlossen sich ihnen an. Sie heirateten unter einander, die Kinder nahmen allmählich die schwarze Farbe an. aber behielten die jüdischen GesichtszÜge und wenigstens im Großen den jüdischen Glauben". — Es wäre nicht uninteressant, festzustellen, was hiervon auf Wahrheit beruht. Correspondenzen. Wien. In der Beilage zu Nr. 32 der sonst trefflich unterrichteten „Jüdischen Presse., finden wir folgende Correspondenz aus Lemberg vom 27. Juli d. I.: „Es gibt kein zweites Land in der Welt, wo einerseits die jüdischen Schulkinder einen so starken Percentsatz der gesammten Schuljugend, wo andererseits die Strenggläubigen unter den- Judeu eine so überwiegende Mehrzahl bilden, und wo doch der jüdische Religionsunterricht so im Argen läge, wie in Galizien". In dieser Correspondenz heißt es unter Anderem weiter, daß im Laufe der Zeit die Mehrzahl der Juden das Mißtrauen gegen die öffentlichen Schulen überwunden haben. Galizien wäre also ein eminentes Culturland und unsere galizischen Glaubensgenossen die culturfreundlichsten Leute, deren Kinder in hellen Haufen, wie in keinem anderen Lande, der Schule zuströmen; nur schade, daß dortselbst der Religionsunterricht so sehr stiefmütterlich behandelt wird. Dem wollen wir eine in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift"' enthaltenen Notiz aus Przemysl, einer der größten und fortgeschrittensten galizischen Provinzstädte, gegenüberstellen. Sie lautet: „Hier dominirt noch das Chedersystem. Nicht weniger als 567 Kinder sind in 20 solcher Chaderim vertheilt, von welch letzteren 14 in den ärmlichen Privatwohnungen der Melamd in,-Direktoren sich befinden. Wer nun, wie der Gefertigte, Gelegenheit hat, diese Räume in Augenschein zu nehmen, der wundert sich nicht über die traurigen Gesundheitsverhältnisse der Kinder der Armen. In derselben Stube, in welcher der „Melamid" mit seiner Familie, die meist zahlreich ist. wohnt, ißt und schläft, wird der Unterricht ertheilt. Ist ein Mitglied der Familie krank, so liegt es in einem Bette im selben Gelaß, ohne daß der Chederbesuch eine Störung erleidet. Man kann unmöglich in eine solche Stube gelangen, ohne förmlich durch Schmutz zu waten. Und das Zimmer selbst! Weder Luftzufuhr noch Licht, noch auch Raum genug für soviel Insassen. Arme Kinder! da sitzt ihr vornübergebeugt und singelt unisono all' den Galimathias, den euch der Belfer (Hilfslehrer) vorsagt. Daher auch all' der Aberglaube, daher der Cultus der Wunderrabbis, kaher der verderbliche Fatalismus.