Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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l*3f1a£JÖS* ^-SWSST^iEL. S8V^M<WWM«2»s«^-«M-^LLr.-.- Nr. 44 Dr. Blochs Wochrnschrifi Seite 817 Emil Szemnecz, welcher derzeit wegen Majestätsbeleidigung eine mehrmonatliche Freiheitsstrafe im Waitzner Strafhause abbüßt, aufgefordert, den Verfasser des incrinnnirttn Artikels zu nennen und das betreffende Manuscript vorzulegen.' Szemnecz hat sich nun an den Justizminister mit der Bitte gewendet, ihm einen Tag Urlaub zu gewähren, damit er in der Redaction seines Blattes das Manuskript heraussuchen und den Verfasser nennen könne. Untersuchungsrichter Balonyi hat heute das Gesuch des Szemnecz dem Justizministerium unterbreitet. Einem Wohlbekannten ins Stammbuch: Und bist du zu allem Schlechten feil, Hon allem Guten das Gegentheil. Der allergrößte Lump und Coujon, So findest du dennoch eine — Fraktion. Hoffmann von Fallersleben: „Mein Leben." Bd. VI. Sprüche Nr. 667. Bom „Kikeriki". Das Berliner Abwehrorgan vom 26. Oct. erinnert an die Entstehungsgeschichte der Wiener Antiliberalen. Einer der Hauptkämpfer der Anticorruptionspartei, später nannten sich deren Anhänger antiliberal — war ein — Jude, der seinerzeit vielgenannte Dr.Mandl! Wie elend wurde doch dieser unbestechliche, grundehrliche Mann von der Presse behandelt! Er wollte die Bürgerschaft ausklären und wurde dafür in der unerhörtesten Weise verhöhnt und geschmäht! Wer erinnert sich nicht noch der geradezu erbärmlichen „Mandlwitze" in dem damals vielgelesenen „Kikeriki". Dieses „christliche" Blatt war überhaupt in puncto Corruption allen anderen Blättern voran. Man discutirte z. B. die Frage, ob es für Wien nicht rentabler sei, das Gas in eigener Regie zu erzeugen, denn die Herren Engländer steckten einen ganz gewaltigen Profit ein. Da erschien in dem genannten Witzblatte ein Bild, welches einen prachtvollen Palast vorstellte. Die Unterschrift lautete ungefähr: „So würden uns re Stad'.vater mit den sauren Groschen der Steuerträger die Gasometer bauen, wenn wir die Gaserzeugung in eigene Regie übernehmen müßten!" Mit solchen urdummen Sitzen konnte man damals noch eine vernünftige Idee bekämpfen! Die Gasgesellschaft siegle natürlich. Der verantwortliche Redacteur des nunmehr antisemitischen „Kikeriki", Josef Strecha, hatte sich letzthin wieder wegen dreier Hetzartikel vor dem hiesigen Schwurgerichte zu verantworten. Der Angeklagte erklärte sich für nichtschuldig. Er habe die Artikel zwar gelesen und zum Druck befördert, könne jedoch nichts Unrechtes in denselben erblicken. Bei Besprechung der einzelnen Artikel bemerkte der Präsident: „Geschmackvoll ist es nicht, einen Volksstamm, der in demselben Staate lebt, so anzugreifen." Ferner charakterisirte er den Werth eines Artikels mit folgenden Worten: „Dieser Artikel ist geradezu unfläthig und sollte auch in einem humoristischen Blatte keine Aufnahme finden. Im Parteikampf ist gewiß Vieles erlaubt, dieser Artikel aber macht keinem Blatte Ehre". StaatsanwaltHawlath betonte in seinem Plaidoyer, daß der Angeklagte seinen Freispruch vor wenigen Wochen offenbar als einen Freibrief auffafse, der ihn nun berechtige, zu thun, was er wolle, und weitere Ausschreitungen ungestraft zu begehen. Man könne die Artikel in anständiger Gesellschaft eigentlich gar nicht vorlesen oder besprechen, da sie alles A n st a n d s g e f ü h l verletzen. Es sei nun endlich an der Zeit, den Herrn Strecha zu zeigen, daß es nicht so fortgehen könne, denn auf diesem Wege müsse man von Aufreizungen zu Thätlichkeiten kommen. Der Vertheidiger Dr. Neumayer suchte die einzelnen Artikel als sehr harmlos hinzustellen. Niemand habe etwas gegen die Juden, es sollen nur „die Schäden unschädlich gemacht werden, welche durch das Ueberwuchern gewisser Dinge entstanden sind". Der Antisemitismus habe überhaupt nur einen wohlthätigen Einfluß, insbesondere für die Juden selbst, die dafür noch sehr dankbar sein werden. Der Angeklagte wurde hierauf mit sieben gegen fünf Stimmen freigesprochen. Frohlockend constatirt ein antisemitisches Tagblatt, daß die Geschwornen „abermals die vom ersten Staatsanwalte gehegten Bedenken der Aufreizung zu Feindseligkeiten nicht getheilt haben". Ein Opfer Stöcker's. Zu Gunsten des P f a r r e r s W i t t e, der ein Opfer von Stocke r'schen und Hamm er st ei n's ch e n Mach i Nationen geworden ist, wird in Berlin folgender Aufruf veröffentlicht: Seit 1889 mit dein damaligen Hosprediger Stöcker, dazu dem journalistischen Gehilfen desselben Freiherrn v. H a m m e r st e i n, damaligem Chefredakteur, in Widerstreit gerathen, ist Herr Pfarrer Witte von St. Golgatha, Berlin N., Tieckstraße 2y, I., bekanntlich unausgesetzt der Gegenstand vitaler Anfeindungen gewesen. Wesentlich gingen dieselben, w'e gleichfalls bekannt ist, von der S tö cker's ch e n Presse aus. Kirchenregimcntliche Personen standen mehr oder minder bewußt leider unter dem tiefgreifenden Einfluß jenes ersten Gegners. Demnächst geschah etwas wohl bisher noch nicht Dagewesenes. Eine geistliche Behörde erklärte ohne Zuziehung eines Arztes einen nicht zum welligsten durch seine Geistesklarheit weithin bekannten Mann, wie Herrn Pfarrer Witte für geistesschwach, daran die Mittheilung knüpfend, derselbe sei dauernd unfähig für das geistliche Amt. Nachträglich wurde unter Nichtberüclfichtigung der Mehrzahl der von Pastor Witte selbst vorgeschlagenen A>rzte nur e i n Arzt gehört, und die Entscheidung erfolgte aus Grund dieser sehr einseitigen, lücklnhastcu und widerspruchsvollen einen ärztlichen Begutachtung. Hofprediger Stöcker aber glaubte, seinen Amtsbrnder hiernach in öffentlicher Volksversammlung als einen „Wahnsinnigen" ousrufen zu sollen. Darauf ist Herr Pfarrer Witte mehr als 42 Monate als ,.W ahnsinniger" behandelt, beziehungsweise in der Schwebe gelassen worden von geistlichen Behörden, obscho» Pfarrer Witte durch das Obergutachten des königlichen Medicinalcollegiums der Provinz Brandenburg vom 30. März 1894 schon seit Längerem endgiltig glänzend gerechtfertigt erschien. Pfarrer Witteha* Solches überdauert und siegreich übe wunden. Wer aber vermöchte die Größe der ihm augethan-n Entwürdigung und die Tiefe der Qual ut ermessen, wie sie eine so klare, feinfühlige Persönlichkeit nur doppelt schwer empfinden konnte!? Doch noch ist sein Leid nicht erschöpft. Denn zwar ist endlich das von ihm selbst im Jahre 1891 beantragt gewesene Disciplinarverfahren zur Zeit in geordnetem Geschäftsgänge. Aber es ist damit die Amtssuspension und mit dieser die Herabsetzung feiner Einnahme auf die Hälfte seines Gehaltes unter Fortdauer des vollen Betrages seiner fämmrlichen Abgaben verbunden. Dabei hat er schon seit 7 Jahren ohnehin die schwersten Einbußen erlitten, so dab er bei der langen Dauer des Disciplinarversahrens in bittere materielle Noth gerathen ist. Sein 25jähriges Jub i läum in St. Golgatha hat Pfarrer Witte, im 37. Amtsjahre stehend, am 16. August d. I. nur mit einer gewissen Wehmuth feiern können. Eine hohe moralische Genugthuung ist dem Bedrängten freilich schon dadurch geworden, daß Tausende von Gemeindegliedern gebeten haben, ihn , seiner stets segensreichen Amtswirksamkeit' wiederzugeben. Es ist selbstverständlich auch längst sestgestellt, daß absolut nichts Ehrenrühriges gegen diesen im Lande wohlbekannten Mann vorliegt. Trotzdem läuft er Gefahr, mit W e i b u n d K i n d a n Nahrun g s sorgen zu Grunde zu gehen. Sollte das der Ertrag einer so reichen Lebensarbeit sein? Sollte das das Ende sein dieses heldenhaften Mannes, der in seinem ganzen Amtsleben notorisch sich stets so selbstlos und so fürsorglich seinerseits Tausender von Bedrängten und Bedürftigen angenrivwen, hat?! Nein! Dieser Mann soll und darf nickt zu Grunde gehen! Wir kennen ihn, wir lassen ihn nicht fallen! Darum: EineEhrengabefür diesen Ehre n mann Herrn Pfarrer Witte in Berlin! Wir bitten ebenso herzlich wie dringend um Beiträge an den mitrmterzeichneten Schatzmeister Herrn Redacteur O. Klein, Berlin SW., Alte Iakobstraße 170. Unterzeichnet ist der Aufruf von den Herren Freiherr v. Zedlitz N e u k i r ch, Geh. Ober-Regierungsrath, Mitglied des deutschen Reichstages und des Hauses der Abgeordneten, E. Hoppe. Fabriksbesitzer, Redacteur O. K le i n, Geh. RegierunqsrathProf. Dr. D i et er i c i, Dr. Hartmann, königl. Oekonvmierath, v. Holtzendorff, Paul Hoppe, Ingenieur. F. Hugo Hoppe, Ingenieur, Dr. med. Ad. Klein, L ü ck h o f f. Mitglied des Hauses der Abgeordneten, Dr. P a a lz o tu,königl.Sanitätsrath, Fr. Schindler. Rentier, C. H. Schwalbe, Fabriksbesitzer, Prof. Dr. B. Schwalbe, Direktor, v.Julius Thikötter, Pastor primarius und Garnisonprediger in Brrmen, C. Witt Standesbeamter. Bon Stufe zn Stufe. Ein Gesinnungsgenosse inOttakring schreibt uns: Wer in Wien sollte sich des famosen Hetzpaters und antisemitischen Agitators Dr. Georg B a t t i st i und seiner Streiche nicht erinnern, deren Schauplatz zumeist die ehemaligen Borortegemeinden Wiens gewesen? Bon Stufe zu Stufe ging's seither mit denk Manne, der den Priesterrock trug, bergab. Einstmals ein gesuchter Redner unv Agitator in antisemitischen Kreisen, sank der Mann, den craffer Leichtsinn bis zu dem gewöhnlichsten Zechpreller trieb, immer tiefer bis ihm das Consistorium die Berechtigung benahm, Religionsunterricht zu erlheilen und Messen lesen. Die Ottakringer waren durch den Abgang Battisti's, der ihren Kindern Religionsunterricht ertheilte, keineswegs unangenehm berührt. Mit Spott und Schande zog Dr. Batti'sti aus seinen Wirkungsstätten, in Massengnartieren trieb er sich herum, mit Schande mußte er die elendsten Spelunken verlassen, in denen er schmutzige