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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-11-01 · 44 (1.11.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 816 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 Minuten darauf ertönt schon ihr schrilles Pfeifen — kein Concert der Welt hat dem armen, in der Hausflur auf den Steinfliesen liegenden Mädchen jemals so süß in's Ohr geklungen — ein Nothverband wird angelegt und die Radfahrerin endlich glücklich in ihre Wohnung transportirt. Wenn man dieses an sich unscheinbare Geschichtchen unter die psychologische Lupe nimmt — es ist manchmal ganz lehrreich und interessant, Momentphotographien mit dem Vergrößerungsglas zu betrachten — so sieht man allerlei Merkwürdiges. Derselbe grandiose Zug von edler Menschlichkeit und rührender Hilfsbereitschaft ist darin zu erkennen von damals, als der Bürgermeister Prix in Rekawinkel vom Herzschlage gerührt wurde und dem Sterbenden der Einlaß in eine, guten Ariern gehörige Villa brüsk verweigert wurde. Die Hausbesorgerin von der Westbahnstroße hatte wenigstens einen zureichenden Grund für ihre Hochherzigkeit. Man muß sich doch die Toilette der Leute ansehen. Wenn dieser Grundgedanke consequent durchgeführt wird, kann Einer am Ende gar im Wasser elend versaufen, ohne daß ihm Jemand eine Stange hineinhält oder einen Strick zuwirft, wenn er nicht im Frack und weißer Cravatte ist. Und einen Bettler wird man mit den Worten abweisen: „Leute in grünem oder blauem Ueberzieher unterstütze ich grundsätzlich nicht". Und die im Kastan? a|e Der arme Prix kriegte jetzt in Rekawinkel ein mit seinem wohlgetroffenen Bildnisse geziertes Denkmal. Der Obelisk wird sich nicht weit von der Pforte erheben, die ihm in seiner Sterbestunde zugeschlagen wurde und verschlossen blieb, und zugleich ein Denkmal sein,menschenfreundlicher arischer Gesinnung. Wenigstens werden es die, die es angeht, immer nah und immer vor Augen haben. Das ist doch schließlich auch etwas werth. Die Momentaufnahme der bei der Enthüllung des Prixdenkmals in Rekawinkel anwesenden officiellen Vertreter der Commune Wiens und der vereinigten Linken des Abgeordnetenhausts mußte leider unterbleiben. Es ist eben Niemand von den Herren erschienen? Armer erster Bürgermeister von Groß-Wien! * * Noch ein ganz kleines Momentbildchen, mit dem Detcctive-Apparat ausgenommen. Der Dichter Anzengruber ist zwar arm gestorben, dafür aber haben seine Kinder einen Vormund bekommender dafür sorgt, daß die Nachkommen Anzengruber's den Ruhm ihres großen Vaters fortpflanzen. Die Buben läßt er Handwerker werden und die Tochter hat er kürzlich mit dem Administrator eines ihm nahestehenden antisemitischen Volksblattes verlobt. Dem „Pfarrer von Kirchfeld" würde es das Herz brechen, wenn er das Paar copuliren müßte. Glücklicherweise ist dem Vormund der Pfarrer Deckert näher, dessen Herz äußeren Einflüssen widersteht, als wäre es aus der eisernen Haut des Singhalesen herausgcschnittten. Der Beuschel-Bürgermeister. Der „Retter des kleinen Mannes", der Herrgottpfänder, der Beuschel-Doctor Carl Lueger ist seit Dienstag den 29. October Bürgermeister von Wien. Er hat — vorbehaltlich der kaiserlichen Bestätigung — das heißersehnte Ziel seines Ehrgeizes, dem er ein ganzes Leben voll Lug und Trug, voll Verrath und Heuchelei, voll feiger Hinterlist und Tücke, voll brutaler Gewalt und Rohheit geweiht,.endlich erreicht. Um den Stuhl des Wiener Bürgermeisters zu besteigen, hat Dr. Carl Lueger seine politischen Überzeugungen dreimal gewechselt, wie ein lästig gewordenes Gewand; er hat das „Volk von Wien" — so lautet ja nur der officielle Titel — aus einer liebenswürdigen, gegen fremde Art und Sitte duldsamen, im innersten Herzen freiheitlich gesinnten Bevölkerung zu einem streitbaren Heere für die confeffionelle Unduldsamkeit und für die Herrschaft der Kirche erzogen. Er hat Verachtung gegen Vernunft und Wissenschaft gepredigt und hat gläubige Ohren gefunden. Aber der Teufel läßt sich nicht betrügen! In dem Augenblicke, wo Dr. Carl Lueger, der Erwählte des „christlichen Volkes", den curulischen Stuhl besteigen will, präsentirt der Böse seinen Schein. Durch Lüge ist Carl Lueger emporgekommen und die Lüge muß er fortschleppen als eine klirrende Fessel an seinen Füßen. Seine Antrittsrede war ein Meisterstück bodenloser Heuchelei. Zum vierten Male hat er dabei dasjenige verleugnet, was er für seine Ueberzeugung ausgab. Er, der Söldling Roms, pries die Macht der deutschen Cultur und die Macht der deutschen Kaiser, die diese Stadt geschaffen; er, der im Landtag die medicinische Wissenschaft für einen Humbug, alle graduirten Aerzte für betrogene Betrüger erklärt und die Heilkünste der alten Kräutlerweiber gepriesen hatte, mußte nun seine Verneigung machen vor der Wiener Universität und dem Glanze der Wiener medicinischen Schule! Das „Volk von Wien", dem der wilde Hepp-hepp^Ruf bisher der Inbegriff aller Weisheit war, hört plötzlich aus dem Munde seines Führers neben dem Kampfrufe gegen die „Feindedeschristlichen Volkes" auch den Ruhm und Preis der Kunst und Wissenschaft, die man es bis heute verachten gelehrt hat! Herr Lueger scheint die Verantwortlichkeit seiner Stellung kaum zu ahnen. Von dem Wege aber, den er betreten, gibt es keine Rückkehr, von seinem Capitol führt der Pfad nur zum tarpejischen Felsen! Der Antisemitismus auf dem Parteitage Her Deutschliberalen Böhmens in Prag hat wahre Triumphe gefeiert. Ein Antrag des Stadtrathcs Dr. F l e i s ch u e r in Karlsbad, eine schärfere Accentuirung gegen das antisemitische Programm der neuerstandenen, deutschnationalen, antisemitischen Volkspartei in Böhmen zu wählen, wurde verworfen. Aber auch der Antrag, die Candidatur des Redacteurs der antisemitischen „RumburgerZeitung", Pfeifer jun., zueliminiren,erhielt nur eine schwache Minorität. Die Ablehnung beider Anträge wurde damit begründet, daß man eine Annäherung der dcutschnalionalen antisemitischen Volkspartei durch eine scharfe Pointirung nicht unmöglich machen dürfe. Weiters wurde als Errungenschaft ins Feld geführt, der antisemitische Candidat Pfeifer habe den Anschluß an die deutschliberale Partei in verbindlicher Form zugesagt, zweifellos deshalb, weil Pfeifer der festen Ueberzeugung ist, für sein antisemitisches Glaubensbekenntniß bei den Deutschliberalen Proselyten machen.zu können; oder beabsichtigen gar die Deutschliberalen sich in puncto Judenhetz? Herrn Pfeifer zu nähern? Interessant ist die Thatsache. daß Pfeifer kein gewöhnlicher, harmloser, sondern ein verbissener Antisemit ist und daß die Haltung und Richtung der von ihm redigirten „R u m bu r g e r Z ei tun g" in Nichts dem perfiden Wiener Kampforgane nachsteht. Rumburg ist zudem eine Fabriksstadt, deren Erzeugnisse nahezu ausschließlich durch Juden in den Handel gelangen. Und da verlangt die deutschliberale Partei noch immer, die Juden sollen ihnen bei den Wahlen zu den Mandaten verhelfen, sollen ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen, ihre Existenz gefährden und Leib und Leben in die Schanzeschlagen. Was nützen denJuden alle akademischen und platonischen Liebeswerbungen in Wahlaufrufen, auf der Tribüne und im Parlamente, wenn in der Praxis der crasseste Judenhaß zum Ausdrucke gelangt und in autoritativer Weise gefördert wird! E. B. Ein Mahnwort. (Der geleugnete Antisemitismus.) Wien, 28. October 1895. Löbl. Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" Wien. Unter Berufung auf § 19 P. G. ersuchen wir um Aufnahme nachstehender Berichtigung der in Nr. 41 vom 9. October 1895 unter dem Schlagworte „Ein Mahnruf" enthaltenen, unsere Firma betreffenden Notiz. „Es ist unwahr, daß wir einem Reisenden oder speciell dem Reisenden, der die österreichischen Provinzen bereist, den Auftrag ertheilten, mit den jüdischen Kunden nicht mehr zu arbeiten, respective unsere jüdischen Kunden nicht mehr zu besuchen; wahr ist es vielmehr, daß wir alle unsere Kunden, ohne uns um die Confession derselben zu kümmern, mit gleicher Coulance bedienen. Brüder Oberwalder. Gegen den ehemaligen Chefredactenr der „Kreuzzeitung^ v. Nathttsins, den Vorgänger Hammerstein's, 'ist der „Bolksztg." zufolge das Strafverfahren wegen Betrugs, Unterschlagung und Urkundenfälschung eingeleitet worden. Die Blutbeschuldigung von Garam-Kis-Sallo. Obwohl diese Affaire seit Wochen bereits vollkommen geklärt ist, finden es die antisemitischen Blätter in Deutschland doch noch immer für gut, sich in spaltenlangen Artikeln mit dem angeblichen Ritualmorde zu beschäftigen. Bekanntlich hat der Garam-Kis-Salloer Kaufmann Ignaz Adler gegen das clericale Blatt „Magyar Allam" einen Preßproceß angestrengt,, weil es in diesem Blatt geheißen hatte, der rituelle Mord wäre im Hause Abler's geschehen. Der Untersuchungsrichter in Preßsachen hat den verantwortlichen Redacteur des „Magyar Allam",

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