Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 814 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 echtlosen Gruppe von Leuten das Wohnrecht in dem Grenzrayon verliehen wurde, in der That der kaiserliche Erlaß, dank der willkürlichen, durch nichtsmotivirlen Deutung seitens eines niederen Polizeibeamten nicht nur zu einer neuen Beschränkung wurden, sondern sogar bereits vorhandeneRechte a n n u l! i r t e. Glücklicherweise sind nicht alle Polizeichess so boshaft dumm, oder so antisemitisch angehaucht und nicht alle lassen sich so sehr durch blinden Fanatismus hinreißen, daß sie sich erfrechen, ein Kaiserwort nicht nur zu mißdeuten, sonvern geradezu zu mißachten. Selbstverständlich, daß die von dieser drakonischen polizeilichen Verordnung und deren traurigen Folgen betroffenen unglücklichen Parias sich an die höhere Gouvecnementsbehörde wandten, um gegen die polizeiliche Willkür zu protestiren und um Schutz gegen dieselbe nachzusuchen. Leider hört man, daß die Gouvecnementsbehörde die Petenten abschlägig beschieden hat, so daß dieselben sich gezwungen sahen, an die höchste Justizinstanz, dem Senat, zu appelliren, der doch darüber zu wachen hat, daß alle administrativen Personen und Institutionen die Kaisererläffe erfüllen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß den Bittstellern seitens des Senats Redreffur und Remedur zu Theil werden wird. Wer aber wird die Unglücklichen, die von Haus und Hof gejagt wurden, entschädigen? Wer wird ihnen Genugthuung geben für die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, für die Leiden, die sie ertragen haben. Das ist der Fluch der Bureaukratie, daß der kleinste Beamte sich erfrechen darf, Kaiserworte nicht nur zu deuten, sondern ihren Charakter ganz zu ändern. P. 8. Am ersten Tage des Laubhüttenfestes wurde der seit einiger Zeit aus Paris hier eingetroffene Sculptor Leopold Bernstamm (er war telegraphisch hierher berufen worden) nach Zarskoje-Selo eingeladen, da der Kaiser ihm für eine Büste eine Seance gewähren wollte. Der junge Künstler nahm im großen Palais seinen Aufenthalt und begann sofort seine ehrenvolle Aufgabe. Die erste Seance dauerte zwei Stunden anstatt der festgesetzten 45 Minuten und war Seine Majestät vorzüglich disponirt und von dem Fortschritt der Arbeit sehr zufrieden. Die Thonmasse belebte sich unter den Händen des Künstlers. Ebenso erfolgreich war die zweite Sitzung und der Kaiser war mit der Porträtähnlichkeit sehr zufrieden. Gestern, am Sonnabende, fand die dritte und letzte Sitzung statt und wird die weitere Ausarbeitung ohne den Kaiser stattfinden. Ob sich die Kaiserin modelliren taffen wird, ist unter den gegenwärtigen Verhältniffen noch fraglich. Näheres im nächsten Brief. Nachschrift. Den 7. (19.) October. Der junge jüdische Sculptor Leopold Bernstamm hat die ihm zu Theil gewordene Aufgabe, eine eben so ehrenvolle, als verantwortliche glücklich gelöst: Die Kaiserbüste ist vollendet und kann man kühn behaupten, daß sie ein Meisterstück geworden. Der Künstler hat es verstanden, dem Thon Leben einzuhauchen und die Züge des Monarchen derartig wiederzugeben, daß Alle, welche die Büste sahen, von der frappanten Lebensähnlichkeit betroffen wurden. Die Kaiserin'wohnte sämmtlichen drei Sitzungen bei, und indem sie an einer Stickerei arbeitete, unterhielt sie sich sehr leutselig mit Bern stamm, und zwar in deutscher Sprache. Der Kaiser sprach mit B ernst am m größtentheils ruffisch, doch zeitweilig französisch und bekundete eine entzückende Liebenswürdigkeit und bezaubernde Einfachheit. Der letzten Seance wohnte unter Anderen auch der Oheim des Kaisers, Großfürst Wladimir, der Präsident der Akademie der Wissenschaften, bei. Dieser Prinz ist ein Kunstkenner und hat einen sehr geläuterten Geschmack und ein bedeutendes Berständniß für alles Gute, Edle und Schöne. Der Großfürst, dessen Büste Bern stamm seinerzeit, sowie auch die seiner Gemalin gleichfalls modellirt hatte (in Paris), begrüßte den jüdischen Künstler als alten Bekannten und sprach sich sehr anerkennend über dessen neuestes Productaus, an welchem er jedoch Einiges abgeändert wünschte, was auch sofort geschah. Der Großfürst Wladimir erzählte dem Kaiser unter Anderem, daß er eine Bronzestatue des russischen Botschafters in Paris, Baron Mohrenheim, habe, die gleichfalls Bernstamm anqefertigt und die geradezu ein cdet ä'oeuv sei. Der Kaiser wünschte dieses Kunstwerk zu sehen und dasselbe gefiel ihm so ausnehmend, daß er bei Herrn Bernstan.m seine eigene Bronzestatuette Vo natürlicher Größe, bestellte. Was die Büste anbetrifft, so war anfangs davon die Rede, dieselbe in Bronze zu formen. Doch der bekannte Ausspruch: „Gyps ist Tod, Bronze — Schlaf. Marmor — Resurrcction" siegte und wurde die Kaiserbüste in weißem Marmor bestellt. Der Kaiser wird in der Obersten-Uniform des Preobraschenskischen Leibgarde-Regiments dargestellt sein. Herr Bernstamm wird seinen ehrenvollen Auftrag in Paris ausführen und das vollendete Werk zu der im nächsten Mai bevorstehenden Krönung nach Moskau bringen. Am nächsten Tage geruhte Ihre Majestät, die junge liebreizende Kaiserin Alexandra Feodorowna, dem jüdischen Bildhauer die hohe Gunst, eine Seance zu gewähren, und machte sich Herr Bernstamm daran, aus dem todten Lehm ein Conterfei dieses lieblichen Wesens zu fördern, dessen strahlende Schönheit und entzückende Anmuth den Glanz der Kaiserkrone, mit der das reizende Blondköpfchen geschmückt ist, noch erhöht. Die erste Seance dauerte gegen drei Viertelstunden, und der Thon gewann Leben und aus der unförmlichen Masse schälten sich die stolzen, regelmäßig schönen Züge der Kaiserin hervor. Eine zweite Seance hatte jedoch nicht stattgefunden, da ein Unwohlsein Ihrer Majestät dagegen ein Veto einlegte. Es ist sehr zweifelhaft, ob die Seancen werden fortgesetzt werden können . . . Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ein Seminar für jüdische Religion slehrrr in Galizien. j. Die amtliche Lemberg er Zeitung vom 23. d. M. bringt folgenden Bericht: „Im Februar 1894 beschloß der galizische Landtag auf Antrag des Abgeordneten Dr. Goldmann einhellig, dem Landesausschnß den Auftrag zu ertheilen, in Gemeinschaft mit dem k. k. Landesfchulrathe die Errichtung eines Seminars für jüdische Religionslehrer an Volksschulen in Erwägung zu ziehen. In Ausführung dieses Beschlusses wandte sich der Landesausschuß an den Landesschulrath mit der Bitte um dessen Gutachten. Der Landesschulrath erwiderte nun Folgendes: Eine solche zu gründende Anstalt könne nur in der Landeshauptstadt Lemberg ihren Sitz haben. Zur Aufnahme in dieselbe wären nur Abiturienten eines allgemeinen Lehrerseminars .zuzulassen. Außer den eigentlichen Fachstudien wäre im Lehrplan auf eine gründliche allgemeine Bildung und auf die Vortragssprache Rücksicht zu nehmen und deshalb halte es der Landesschulrath für unumgänglich nothwendig, daß der Unterricht in polnischer Sprache und Literatur für die ganze Zeit des Studiums in den Lehrplan ausgenommen werde. Dieses Studium soll zwei höchstens drei Jahre dauern. Schließlich hält es der Landesschulrath für nothwendig. über den ganzen Plan die Meinung akademisch gebildeter Rabbiner und Vertreter der Universität einzufordern. In Folge dessen wendete sich der Landesausschuß an beit hiesigen Rabbiner Dr. Jechezkel Caro mit der Bitte, er möge, gestützt auf seine erprobten Fachkenntnisse, einen dem Zwecke entsprechenden Organisations- Entwurf verfassen und vorlegen. Dr. Caro übergab nun dem Landesausschuß in einem ausführlichen Memoriale einen vollständigen, die Organisation, Lehrstoff, Lehrplan und Stundencintheilung umfassenden Entwurf, machte aber schon von vornherein den Vorschlag, auch Abiturienten des Gymnasiums zum Besuche der Anstalt zuzulassen, damit denselben Gelegenheit gegeben werde, sich während des Universitätsstudiums zu Religionslehrern an Mittelschulen auszubilden. Außer dem obgenannten Memoriale erstattete auch der politische Verein der Juden in Galizien und der Bukowina aus eigener Initiative dem Landesausschuß ein Gutachten über diese Angelegenheit. Zur Zeit beschloß nun der Landesausschuß, das gesammte Material dem Senat der Lemberger und Krakauer Universität mit der Bitte zu übergeben, im Sinne des Landesschulrathes ein Gutachten über die Errichtung eines Seminars zur Heranbildung von jüdischen Religionslehrern und über die geplante Organisation abzugeben."