Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 812 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 Paragraph daraus gestrichen wurde und das Reciprocitälsrecht unserer Confefsion erst mit dem 25. Paragraph des noch zu sanctionirenden Gesetzes über die freie Religionsausübung zur Geltung kommen kann. Daß aber die Reception vorläufig nur eine ideale Errungenschaft ohne Möglichkeit praktischer Betätigung bleibt, daran sind neben den Magnaten, die ihr Re Reciprocität Herausschnitten. wir selbst, oder deutlicher gesagt, daran ist der Erbfehler unserer Religionsgenoffenschaft, das innere Zerwürfniß, Schuld. Der Umstand, daß das ungarische Judenthum zur Zeit in drei Fractionen getheilt ist. läßt den Eintritt desselben in die nunmehr durch die Reception gewährleisteten, mit den übrigen recipirten Religionen gleichen Rechte kaum möglich erscheinen, fintemal eine dieser Fractionen sich dogmatisch als separate Confefsion zu geben scheint. Wird die ganze Reception nicht zur Illusion werden oder gar als Danaergeschenk erklärt werden müssen, wenn in Fällen, wo die Reception doch zur Anwendung kommen muß. — wie z. B. Vertretung im Oberhaus, Staatsdodation, Empfang confessioneller Deputationen — der alte latente und immer wieder zum Ausbruche kommende Antagonismus zwischen Orthodoxie und Neologie ein notwendiges einheitliches Vorgehen unmöglich machen wird? Unabweislich drängt sich daher auch jetzt die Ueberzeugung auf, daß es die größte mo ralische P fli ch t der ungarischen Judenschaft wäre, endlich gemeinschaftlich eine einheitliche Organisation der ungarischen israelitischen Religion zu schaffen. Das wäre die Bethätiqungsmöglichkeit der Reception. An dem Tage, an dem die Rabbinerversammluug ihre letzte Berathung hielt, wurde auch seit dem Frühjahre die erste Ausschußsitzung der israelitisch-ungarischen Literaturgesellschaft abgehalten. Dieselbe war sehr intereffant. Ausschuß Mitglied Dr. Franz Szökely stellte den Antrag, der Verein möge die in dem Ofner Landesarchiv und eventuell auch anderswo vorhandenen, auf die Geschichte der Juden in Ungarn bezughabenden Documente sammeln und unter dem Titel „Ungarischjüdische Documenten- Sammlung" herausgeben lassen. Aus vielen noch aus der Arpadenzeit herrühren den Documenten ist nämlich schon jetzt evident, daß die Juden bereits im 12. Jahrhundert das Niederlaffungsrecht in Ungarn hatten und auch Aemter bekleiden durften. Der Ausschuß nahm diesen Antrag mit Einhelligkeit an. und so können wir dem Erscheinen eines werthvollen jüdisch-historischen Werkes entgegensetzen. Nachher erstattete das Ausschußmitglied Paul Tenczer Bericht über die von ihm eingeleitete Sammlung zur Aufbringung des Preises von 1000 fl., welche zur Prämiirung des die Geschichte der Pester und Ofener jüdischen Gem e i n d e behandelnden besten Concurrenzwerkes bestimmt wurden. Das Ergebniß der Sammlung beträgt 1100 fl. Die prämiirte Arbeit soll während der Millenniums-Feier erscheinen. Das Bereinsvermögen beträgt schon jetzt 12.800 fl.- An Stelle des bisherigen, um das Zustandekommen des Vereines hochverdienten Secretärs. Dr. Franz Mezei, dem unter großem Bedauern ob seiner Amtsniederlegung protokollarisch der Dank votirt wurde, wählte man Dr. Josef Banoczi, Director des israel. Lehrerseminars zum Secretär der Gesellschaft, die unter der fürsorglichen Leitung des hochgelehrten Präsidenten Rabbiner Dr. S. Kohn eifrig mit den Vorarbeiten zu ihrer demnächst erscheinenden literarischen Ausgabe beschäftigt ist. B. M. Budapest. 28. October. Im Csanader Comitat hat heute die erste von einem Rabbiner eingesegnete Mischehe stattgefunden, bei welcher der eine Theil der katholischen, der andere der jüdischen Religion angehört, welche vom jüdischen Rabbiner eingesegnet wurde. Arad, 28. October. Der Rabbiner Dr. Rosenberg hat, entgegen den Beschlüssen der jüngsten Rabbiner-Versammlung, eine zwischen einem Protestanten und einer Jüdin geschlossene Mischhe heute nach einjährigem Bestände cingesegnet. Veltrsg zur Geschichte der russischen Juden. XXVII. Ich verirre mich eigentlich, wenn ich über die Wiener Verhältnisse schreibe, auf ein fremdes Gebiet, da ich mir doch ausschließlich die Aufgabe gestellt. Ihnen in einer Reihe von Artikeln Beiträge zur Geschichte der russischen Juden zu liefern. Aber die leidige Judenfrage ist nun einmal so geschaffen, daß sie unwillkürlich eine gewisse Solidarität zwischen allen Kindern Israels herstellt, umsomehr, da, was mit den Juden in einem Theile der Welt geschieht, seine Nachwirkung auf die jüdische Bevöikerung eines anderen Theiles ausübt. Ganz abgesehen davon, daß wir russische Juden einen herzlichen Antheil an der traurigen Lage nehmen, welche für unsere Glaubensgenossen in Oesterreich Dank den Wühlereien der Antisemiten geschaffen, so fühlen wir selbst auch die wuchtigen Schläge mit, die ihnen versetzt werden. Und wenn die Antisemiten bei den Gemeinderathswahlen in Wien gesiegt, so empfinden wir Juden in Petersburg den Reflex. Wir waren auch ohnehin nicht auf Rosen gebettet, doch jetzt ruhen wir ganz auf Dornen. Denn das frohe, lebenslustige, civilisirte Wien wird uns immer vor Augen gestellt. Wenn man in Wien es so weit treibt, warum soll man sich in Petersburg geniren. Wenn in Oesterreich der Antisemitismus solche Blüthen treibt, solche Früchte züchtet, warum sollte man in Rußland mit den Juden Umstände machen? Früher schämte^man sich noch in Halbasien vor dem, was man in Europa sagen würde, wenn man die Judenverfolgungen auf die Spitze treiben sollte. Nachdem aber der „faule Westen" die Fahne des Antisemitismus aufgepflanzt, nachdem Culturstaaten wie Oesterreich und Deutschland theilnahmslos zuschauen, wie eine Rotte feiler Abenteurer die Gesammtbevölkerung terrorisirt, kann man doch bei uns füglich kein Gutes erwarten und der Blasebalg der Racenhaffer wird in Bewegung gesetzt und das Feuer geschürt, daß die Funken sprühen und der schwere Hammer fällt auf den Amboß, daß derselbe unter den wuchtigen Schlägen seufzt und stöhnt. Hammer oder Amboß ist seit lange die Devise und sind wir nun einmal von der gütigen Vorsehung in ihr.r unerforschlichen Weisheit zur Rolle des Ambosses bestimmt und der Antisemitismus schwingt den Hammer mit kräftiger Faust. Die Juden Rußlands befinden sich gegenwärtig in einer Ausnahmsstellung. Wir sind das Aschenbrödel, an dem die Stiefmutter ihr Müthchen kühlt. Wir werden stiefmütterlich behandelt, man bedrückt und erniedrigt uns und thut dann ganz erstaunt, wenn diese Behandlungsmethode Resultate liefert, wie sie nicht anders zu erwarten waren. Nehmen wir an, daß Eltern aus irgend welchen Gründen eines ihrer Kinder weniger als die andern, oder überhaupt gar nicht liebten, in Folge dessen sie es schlechter behandeln als die andern, es zurückstoßen, schlechter kleiden, nicht an einem Tische speisen, nicht in einem Zimmer wohnen, dem ungeliebten Kinde nicht die sorgfältige Erziehung angedeihen ließen als den andern, ja dessen Schulbesuch und Ausbildung ganz verhinderten. Was wäre die unausbleibliche Folge einer solchen Methode? Das vernachlässigte, geistig und materiell zurückgesetzte Kind würde zum Aschenbrödel, zum Paria, zum Spott und Hohn seiner eigenen Geschwister, des gesammten Hausgesindes, der Nachbarschaft werden. Da las ich neulich in einer chinesischen Reisebeschreibung (der Verfasser ist der bekannte Marquis Tseng, ehemaliger Botschafter in Paris), daß in einem Reich des barbarischen Westens, in Deutschland, ehemals die seltsame Sitte existirte, daß Prinzen und andere hochadelige Sprößlinge zusammen mit irgend einem bürgerlichen Kinde erzogen wurden, das immer gepeitscht wurde, sobald der durchlauchte Zögling' seine Lection nicht gelernt oder sich unartig betragen hatte. Diese Function war die der Prügelknaben (wie der chinesische Autor über die westlichen Barbaren spottend hinzusetzt). Durch dieses eigenthümliche Mittel wollte man den vornehmen Zögling an Fleiß und Höflichkeit gewöhnen, da man von der freilich oft sehr irrigen Voraussetzung ausging, daß der schuldige Patrizier doch nicht so grausam sein würde, den unschuldigen Heloten durch sein Vorgehen leiden zu lassen. Manchmal wirkte dieses drastische Mittel. Das edle Gefühl des aristokratischen Zöglings konnte sich mit dem Gedanken nicht versöhnen, daß ein Anderer für seine Schuld zur Rechenschaft gezogen werde, und er lernte (nicht aus Fleiß), war gehorsam (nicht aus Ueberzeugung), sondern bloS um dem armen Prügelknaben die ihm zugedachte Tracht Schläge zu ersparen. In vielen Fällen schlug das Mittel nicht an, ja es kam sogar öfters vor, daß der vornehme Zögling einen ganz besonderen Genuß daran fand, den Proletarier durchpeitschen zu lassen und er lernte absichtlich nicht, ward expreß grob und trieb'Allotria, um sich das erhebende Schauspiel zu gönnen, wie ein Unbeteiligter für fremde Vergehen durchgebläut wird.