Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr Bloch's Wochenschrift. Seite 811 den Juden auch im Handel und Verkehr der Erwerb erschwert oder gar unmöglich gemacht werde. Nachdem ihnen der Zutritt zu öffentlichen Stellungen und Aemtern verschlossen ist, müßten, so argumentiren L i e ch t e n st e i n, S ch n e i d e r, Lueger 6t tutti quanti, die Juden aus Oesterreich answandern, wenn ihnen der letzte Rettungsanker, der Betrieb der Handelsgewerbe, genommen würde. Wohl hat Dr. R u ß diese Eoncession an die Antisemiten als eine persönliche hingestellt. Allein Pflicht der liberalen Partei wäre es gewesen, gegen dieselbe sofort in klarer und unzweideutiger Weise Stellung zu nehmen und sich in formeller Weise dagegen zu verwahren, daß sie sich mit den von crassestem Antisemitismus eingegebenen Ideen eines ihrer Führer wie es Dr. 9t u ß ist, identificirt. Daß sich die liberale Partei zu dieser That nicht aufgerafft hat, muß tief bedauert werden. Denn als eine eaptatio benevolentiae hat das Kvkettiren Dr. Ruß' mit den antisemitischen Deutschnationalen den Zweck total verfehlt, dagegen hat diese bei den Inden die Meinung verstärken müssen, daß sie nach wie vor von den Liberalen nichts zu erwarten und von ihnen -nichts zu hoffen haben. Man war zu der Erwartung berechtigt, daß in der Debatte über das Regierungsprogramm auch nur einer der von der liberalen Partei designirten Redner sich über die Situation, wie sie durch das Anwachsen, die tiefe Verbreitung, die verheerende Wirkung und die dominirende Stellung des Antisemitismus geschaffen wurde, mit Offenheit und Freimuth verbreiten mtb zu dem Conclnsum gelangen werde, daß eine Remedur ein Gebot staatserhaltender Nothwendigkeit sei. Man hat es schmerzlich empfunden, daß die passende Gelegenheit unbenützt vorübergehen gelassen wurde, allein daß ein in vorderster Reihe und an der Spitze der liberalen Partei stehender Parlamentarier sich den meuchlerischesten Programmpunkt der Antisemiten zu eigen machen werde, hat wie eine eisige Douche gewirkt und dürfte möglicherweise von Folgen begleitet sein, die sich kaum ahnen lassen und gewiß dazu beitragen werden, die Idee der Abstinenz bei den Juden ztl kräftigen und zu stärken, ztt deren Ausführung es schließlich kommen müßte, wenn sie immer mehr gewahr werden, daß sie auch bei denen keinen Schutz finden, für welche sie sich mit Leib und Seele hingeben und ihre Existenz zum Opfer bringen, an deren Seite sie treu stehen in Leid und Freud, gekämpft und gestritten haben. Wünscht Dr. Ruß vielleicht die vormärzliche Zeit herbei, wo in Städten mit magistratischem Wirkungskreis, z. B. Wien, Prag, Brünn u. s. w. sixirte Bestechungstaxen für Erlangung eines kaufmännischen Befugnisses bestanden haben. Soll der Competent um ein solches wieder Tausende von Gulden in die Taschen der Vermittler und ihrer Complieen stecken müssen, bevor er die Handelslicenz erwirkt? Glücklicherweise wachsen die Bäume auch des Dr. Ruß nicht in den Himmel. Gegen die antisemitischen Velleitüten desselben erwarten wir nach den bisherigen Erfahrungen nicht von der liberalen Partei, sondern von der Regierung des Grafen B a d e n i Abwehr, die sich nie und nimmer dazu hergeben dürfte, zu Experimenten die Hand zu bieten, welche geeignet wären, Oesterreich, in nationalökonomischer, volkswirthschaftlicher und handelspolitischer Richtung auf ein tiefes Niveau herabzudrücken, die Staatsfinanzen empfindlich zu tangiren, die Handelsbilanz noch weiter zu deroutiren, den mit vielen Opfern geordneten Staatshaushalt zu zerrütten und der jenseitigen Reichshülfte auch auf dem Gebiete des Handel.■ eine präponderirende Stellung zu verschaffen. E>1. Beer. Budspester Briefe Ende October 1895. Die öffentliche Meinung des ungarischen Judenthums befaßt sich viel mit den Beschlüssen der um die Mitte dieses Monates hier tagenden Rabbinerversammlung. Die liberale Welt und ihr voran die bei uns fast durchgehends freisinnige Presse hat sich in ihren an diese Versammlung geknüpften Hoffnungen offenbar sehr getäuscht. Sie schien von den zumeist akademisch und modern gebildeten Rabbiner-Theilnehmern mit Bestimmtheit erwartet zu haben, daß sie die nun gesetzlich eingeführten Mischehen nach Art der Protestanten und in dem Sinne, wie es der Araber Rabbiner Dr. R o s e n b er g ^beantragte, facultativ als auch religiös zu weihende Institution erklären werden. Die Entscheidung darüber fiel aber, wie bereits gemeldet, in entgegengesetztem Sinne ans. Von den anwesenden 71 Rabbinern stimmten 70 für die Resolution, daß eine Mischehe, unter voller Anerkennung deren Giltigkeit in ihren bürgerlichenBeziehungen, weder durch eineTra u ung, noch durch einenSegen oder irgend eine andere religiöse Ceremonie sanctionirt werden kann. Darob nun große Entrüstung im jungliberalen Lager Ungarns, das an diesem Beschlüsse fortwährend herumnergelt und den bisher im Gerüche großer Reformsucht stehenden jüdischen Seelsorger-Doctoren „jüdischen Ultramontanismus", „religiösen Fanatismus" und dergleichen Epitheta mehr vorwirst. Daß diese so sehr angefeindete Resolution ohnehin nicht von allen ungarischen Rabbinern als bindend betrachtet wird, beweisen bisher folgende Fälle: Die Araber Gemeinde-Repräsentanz zog am letzten Donnerstag die von ihrem Rabbiner vorgeleqte Eingabe betreffs der eventuellen synagogalen Weihe einer Mischehe in Verhandlung, nahm den Antrag ihres Seelsorgers mit Acclamation an, und beschloß, sämmtliche Vaterländische jüdische Gemeinden davon zu verständigen. Noch ehe sie dies that, hat sich auch schon — wie „Bndapesti Hirlap“ meldete — die Fünfkirchner Gemeinde im ähnlichen Sinne erklärt. Diese Beschlüsse werden sich dem. in vielen jüdischen Gemeinden herrschenden liberalen, und nach inniger gesellschaftlicher Verschmelzung bestrebtem Geiste gewiß wie ein Lauffeuer mittheilen. Ja, es ist fraglich, ob sich nicht einige der an der Rabbinerversammlung theilgenommenen jungen Doctoren unter irgend einem Vorwände von der Verpflichtung zur Einhaltung des gefaßten Beschlusses dispensiren werden, und dann ständen wir wieder vor einer traurigen Erscheinung, ähnlich derjenigen, die als beklagenswerthe Folge der edlen Bestrebungen auftrat, welche Cultus- und Unterrichtsminister Josef Eötvös s. A. im Jahre 1869 bekundete, als er behufs Unificirung der jüdischen Gemeindeoraanisation einen Landescongreß einberief und anstatt Trauben wilde Ranken erntete. Anstatt der uns von ihm edlerweise zugedachten einheitlichen Organisation traten durch unsere eigene Schuld offene, noch jetzt klaffende Spaltungen ein. Was sich nun aus dem Keim der abermaligen, jetzigen durch die Mischehe heraufbeschworenen Gährung in so viel jüdischen Gemüthern entwickeln wird, läßt sich schwer im Vorhinein sagen. So viel ist aber schon jetzt gewiß, daß sie -zur Befestigung der Religiosität schwerlich beitragen kann. Später, freilich dann aber auch schon zu spät — werden unsere liberalen, jüdischen Heißsporne einsehen, daß es der theologischen Ueberzeugung unserer Reliaionswächter nicht zum Vorwurfe gemacht werden > darf, daß sie „reactionäre" und ,ultramontane" Beschlüsse I faßten. Wir wünschen solche Zeiten, wie Sie sie jetzt drüben bei Ihnen durchleben müssen, selbstverständlich nicht herbei, sollten aber gewisse Schwarzseher, die angesichts der Agitation der Volkspartei auch für Ungarn solche antisemitische Oberströmung Voraussagen, Recht haben, dann werden sicherlich jene Mischehe-Amalgamschwärmer die Ersten sein, die nach einem ungarischen Zionismus rufen werden. Ein eigenthümliches Zusammentreffen von Umständen, auf das jedenfalls hingewiesen zu werden verdient, ist es, daß der endlich nach so vielem Ach und Krach durchs Oberhaus hindurchbugsirte Gesetzentwurf über die Reception der jüdischen Religion gerade an dem Tage die Sanction Sr. Majestät erhielt, an welchem die Rabbinerversammlung ihre letzte Sitzung hielt. Nächstens wird auch das Gesetz über die freie Religionsausübung zur königlichen Sanction unterbreitet werden und damit gelangt dann der große Aufbau der neuen kirchenpolitischen Gesetze endlich auch unter Dach. Das Gesetz der Reception tritt schon am 2. November in Kraft, und ein am 19. d. M. ergangener Ministerial-Erlaß an die Behörden forderte dieselben auf. sämmtliche jüdische Gemeinden hievon zu verständigen. Zu praktischer Rechtsausübnng dieses neuen, blos aus 4 Paragraphen bestehenden Gesetzartikels wird sich kaum sobald Gelegenheit finden, zumal der ursprüngliche Uebertritts-