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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 802 Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift. ist 55 Jahre alt. Er erhielt seine Ausbildung auf dem Kings College in London. Er ist Mitglied des Geheimen Rathes. 1885—86 und 1886—88 bekleidete er den Posten des parlamentarischen Seccetärs des Handelsamtes. 1888—92 war er Unterstaatssecretär der Colonien. Baron de Worms war mit einer Tochter des Baron von Todesco in Wien in erster Ehe verheiratet. Nach ihrem Ableben heiratete er die Tochter des verstorbenen Alderman Sir Benjamin Philipps. Seine Menschenfreundlichkeit ist in London bekannt. Feuilleton. Warum? Skizze aus dem Kinderleben von S. M o t s ch an. Aus dem Russischen übersetzt von L. R i 11 o f f. Kein Mensch hatte eine Ahnung von dem bittern Schmerze, von welchem das Herz der kleinen Maria gequält wurde . . . Heute hat ihr eine Mitschülerin in der Schule zornig zugeschrieen: „Ach, Du verfluchte Jüdin!" „Ich 5in keine Jüdin!" antwortete Maria stolz. „Eine Jüdin, eine Jüdin bist Du!" wiederholte jene voll Zorn, „und Dein Papa ist ein Jude, und noch schlimmer als das. er ist getauft! Da hast Du!" schloß sie triumphirend und zeigte ihr zum Beweise ihrer Verachtung ihr rothes Zünglein. Marias Herz preßte sich krampfhaft zusammen. Mas getauft ist, das wußte Maria nicht, sie hörte dieses Mort zum ersten Male, aber an dem Tone ihrer Freundin merkte sie, daß in diesem Morte für sie und ihrem heißgeliebten Papa etwas äußerst Beschämendes, äußerst Beleidigendes liege. „Getauft. . . das muß etwas Schreckliches sein . . . sogar schlimmer als ein Jud' hat Tania gesagt." Von den Juden hatte Maria einige Begriffe, sie hörte Manches über sie von der Dienerschaft, hauptsächlich der Amme; sie wußte, daß die Juden Christus an's Kreuz geschlagen hatten, daß sie von Gott verflucht wären, kein Schweinefleisch äßen, in schmutzigen Kleidern umhergingen, komisch und schlecht russisch sprechen; sie wußte ferner, daß sie mit alten Sachen handeln und von Niemandem geliebt werden und daß es verächtlich sei, ein Jude zu sein; darauf beschränkte sich der ganze Borrath ihrer Kenntnisse über die Juden. Daß weder sie noch ihr Papa Juden seien, daran zweifelte Moria keinen Augenblick: sie und Papa hatten ja Christus nicht gekreuzigt, russisch sprachen sie wie alle Menschen, Schweinefleisch aßen sie und alte Kleider verkauften sie auch nicht; das Eine ist also klar: Juden sind sie nicht, das hat die Freundin einfach gelogen. Aber getauft .. . Mer sind die Getauften? warum sind sie schlimmer als die Juden? und warum ist Papa getauft? und warum wagt Tania es zu sagen? Alle diese Fragen beunruhigten Marias Seele, sie ließen ihr keinen Augenblick Ruhe und erfüllten ihr kleines Herz mit bitterem Kummer. * * * Als Maria nach Hause kam, hatte sie keine Lust, mit ihrer Lieblingskatze „Beljanka" und deren sechs Jungen zu spielen, wie sie es gewöhnlich that, sie lief auch nicht in die Küche zu ihrer Freundin Axinia, um zu erfahren, was heute zum Dessert sein werde, sondern setzte sich still in eine Ecke und zerbrach sich ihr Köpfchen darüber, bei wem sie sich wohl über die Getauften erkundigen könnte? Mama zu fragen konnte sie sich nicht entschließen, aus Furcht vor der ewigen Antwort: „Hör auf mit deinen Dummheiten, Maria! Du bist noch zu klein, um Alles zu wissen!" Die Amme... Axinia ... „Aber die wissen es vielleicht selbst nicht, auch sind sie ja jetzt beschäftigt und werden mich nicht beachten." So kam die Mittagszeit heran. Bei Tische nahm Maria sich vor, Papa aufmerksam zu betrachten, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen, um zu erspähen, wieso er getauft ist und ob er denn überhaupt getauft ist? Aber Papa war wie immer, heiter und freundlich, er scherzte mit ihr und sagte ihr: „Warum bist Du so schweigsam mein Schmetterling?" — Nein, er ist nicht getauft, entschied Maria, ein Getaufter ist wahrscheinlich ganz anders; sie schämte sich, daß sie von ihrem Vater so etwas hatte denken können. Sie küßte ihn herzlicher als gewöhnlich. * # * Es war Dämmerstunde. Im Kinderzimnier brannte ein kleines Lämpchen und die Amme ging mit großen Schritten durchs Zimmer, den kleinen Mischa einschläfernd. Er bekam Zähne und war furchtbar unruhig. Maria öffnete leise die Thür und blieb an der Schwelle stehen. Sie wußte, daß es jetzt nicht die rechte Zeit sei, die Amme mit Fragen zu belästigen; sie wird ihr nicht antworten und nur böse werden, sie am Ende gar fortjagen; aber Maria hatte keine Kraft mehr, allein zu sein mit ihrem Zweifel und sie entschloß sich, ihr Glück zu versuchen. „Amme, liebe Amme", begann Maria zögernd: „Was willst Du, Schmetterling? Warum kommst Du jetzt? Du siehst ja, da^ ich Mischenka in den Schlaf singen muß!" erwiderte sie mürrisch. „A-a ä-a a-a-ä, ä-a ä-a a-a-ä, baju bajuschky baju“*) sang die Amme mit ihrer zitternden Summe, im Zimmer umhergehend und das Kind auf ihren Armen schaukelnd. Maria stand und wartete. Es vergingen einige Minuten, Mischa wurde stiller und ruhiger. „Worauf wartest Du, Schmetterling?" fragte die Amme in demselben mürrischen Tone, aber an dem Klange ihrer Stimme erkannte Maria, daß sie in Wirklichkeit nicht böse war. „Liebste Amme, sag mir, weißt Du, was cs heißt „getauft"? fragte sie plötzlich und ihre Stimme zitterte beim letzten Worte. „Himmlische Königin! Was ist das für ein Einfall!" schrie die Amme erstaunt auf und fast hätte sie den kleinen Mischa fallen lassen. „ A-a ä-a a-a-ä, ä-a ä-a a-a-ä, schlaf mein Kindchen, schlaf" sang sie wieder, durchs Zimmer schreitend. „Liebe, liebe Amme", flehte Maria, „sag' mir, weißt Du es?" „Wie werde ich nicht!" antwortete die Amme, „ein Getaufter, — nun, das ist Einer, der früher Jude war und zu unserem Glauben übertrat, — dann nennt man ihn einen Getauften!" „Er war ein Jude . . . trat zu unserm Glauben über . .. Aber wozu braucht er denn unfern Glauben?" ging es ihr durch den Kopf. „Amme, wozu braucht er denn unfern Glauben? Warum nimmt er denn unfern Glauben an?" wandte sie sich an die Alte. „Das kann ich nicht wissen, Kindchen! Ich habe niemals meinen Glauben gewechselt!" antwortete sie halb beleidigt, halb verächtlich. „Aber sie haben ja ihren eigenen Glauben . . . Wie ist denn ihr Glaube? Ec ist wohl schlecht?" „Natürlich haben sie einen, wie sollten sie nicht? Aber ihr Glaube ist der j ü d i s ch e Glaube: sie gehen nicht zur Kirche, schlagen kein Kreuz, essen niemals von unseren Speisen, arbeiten nicht am Sonnabend, und wenn ihr Ostern kommt, da kann man Einen todtschlageu, daß er einen Bissen Brot in den Mund nimmt!... So einen Glauben haben sie!" schloß die Amme. „Unser Glauben ist wohl besser?" forschte Maria. „Unser Glauben ist der christliche Glauben!" sagte die Amme wichtig und streng. „Aber wenn der jüdische Glauben schlecht und der unsrige besser ist, so thun sie doch gut, wenn sie unfern Glauben annehmen, fuhr Maria erregt fort, „warum schimpft man sie denn? Warum sagt man, sie sind schlimmer als Juden?" Sie war dem Weinen nahe. „Ganz gewiß schlimmer," erwiderte die Amme. „Aber warum denn? Warum?" „Siehst Du, Kindchen, ich werde Dir sagen, das kannst Du noch nicht begreifen, aber in welchem Glauben ein Mensch geboren ist, in dem muß er auch sterben. Wer Tatar ist, muß als Tatar sterben, wer Jude ist, muß als Jude sterben. So muß es sein," und fing wieder an, Mischa zu schaukeln. Maria sah ein, daß sie von der Amme nichts mehr erfahren könnte. ->- * * Jetzt wußte Maria, was ein Getaufter ist, aber sie fühlte sich durch dieses Wiffeu nicht im Geringsten befriedigt. Das Gespräch mit der Amme erweckte in ihrer Seele eine Reihe anderer Fragen: warum muß man im eigenen Glauben sterben? Warum, wenn dieser eigene Glauben schlecht, und *) Anfang eines russischen Wiegenliedes. D. Uebers.

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