Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr Bloch's Worstensttzrifi. Seite 797 Wenn auch die Waffen, die den Juden zur Verfügung standen und stehen, größtentheils geistige Waffen sind, so dürfe doch nicht verkannt werden, daß die Situationen, in denen nur ein starker — Wille das beste Remedium sei, sich leider in der letzten Zeit gar zu häufig wiederholen. Die „Kadimah" habe dies schon lange erkannt, und wenn auch nie vergessen werden dürfe, daß die jüdischnationale Idee, die Tendenz der Verbindung sei, so stehe auch in dieser Beziehung die „Kadimah" obenan, wenn es galt, nicht nur politisch aufzutreten. Der Eröffnungsabend für das 26. Semester findet Samstag den 26. d. M. in Kuhner's Restaurant, I. Schottenring 19, 8 Uhr Abends, statt. Jüdische Gäste willkommen. Wien. (Jüdische akademische Verbindung „Unitas".) Samstag den 9. d. M. fand der Eröffnungsabend der jüdischen akademischen Verbindung „Unitas" statt. Der Präses Drd. Martin Engl ander begrüßte die sehr zahlreich erschienenen Gäste, unter welchen wir besonders hervorheben die Herren Dr. Bloch, Docent Dr. M ay e r h o f e r, Dr. S o ko l o w, Redactenr des „Hazefirah", Bernhard K o hn, Chacham A l k a l ay, Schriftsteller B rai n in, den Ehrenphilister der Verbindung Dr. I. K ohn. Das alte Gauäsktwns eröffnete den Abend; hierauf ergriff Drd. Engländer das Wort und bewies den Gedankengang s.inrr Rede in schatfer Logik, auf den Lehren der Naturphilosophie aufbanend, daß man nur zwischen gänzlichem Zugrundegehen des jüdischen Volkes oder seinem unv e r än d e r t e n Weiterbestehen zu wählen habe, daß aber eine eigenwillige Ummodelung den Naturgesetzen widerspreche, also unmöglich sei. Die geistreichen Ausführungen des Redners, dem ein wohlklingendes Organ vortrefflich zu statten kommt, fanden rauschenden Beifall. Nachdem das Bnndeslied verklungen war, hielt Berbindnnasmitglied zur. Richard Rapp a Port die Tendenzrede. Bon den Ereignissen der letzten Wiener Gemeinderathswahlen ausgehend, wies er darauf hin, daß dieselben von den Nationaljnden vorausgesagt wurden, während sie ans die im liberalen Lager stehenden Inden ebenso überraschend, als b. schämend gewirkt haben. Der Grund dieser Erscheinung sei die verkehrte Politik der Inden, die sich immer mit Hintansetzung ihrer eigenen realen Interessen in mehr lächerlicher als idealistischer Weise für Andere eingesetzt hätten. Der Redner wies ferner nach, daß gerade in jenen Ländern, wo die Inden es versucht hätten, sich zu assimiliren, der moderne Antisemitismus blühend gedeihe, während es gerade dort den Juden am besten geh-', wo sie am treuesten an ihrem Volksthum festhalten und wo der Zionismus die größten Erfolge aufzuweisen hat: in England. Aus der glänzenden Rede des zur. Richard Rappaport, welche das Programm der Indisch-Nationalen erschöpfend behandelte, sei noch hervorgehoben, daß es dem Redner in ausgezeichneter Weise darznthnn gelang, daß die Bestrebungen der Jüdisch-Nationalen nicht chauvinistisch, noch reactionär. sondern eminent eulturell und semit fortschrittlich seien.Es sprachen nunmehr die Vertreter der jüdischen akademischen Verbindungen, des Theologenvereines und der jüdischen akademischen Lesehalle, welche der „Unitas" ihre Glückwünsche nberbrachten. In gleichem Sinne toastirte Herr Dr. I. Bloch auf die Verbindung. Seine Rede wurde von wiederholtem Beifall unterb> ochen; er schloß mit den Worten: „Wir, die der älteren Generation angehören, haben nur den Trost, daß die Jugend bessere Wege einschlägt". Dem officiellen Abend, der um 1 Uhr Nachts geschlossen wurde, folgte die Fidelität. welche sich durch die äußerst gelungene Kneipzeitung und insbesondere durch die mit großem Beisalle aufgenomnienen humoristischen Vorträge des Schauspielers Herrn Groß nicht minder gelungen gestaltete, als der ernste Theil des Abends. Wien. (Eine antisemitische Liebenswürdigkeit.) Vor etwa vier Wochen saß der Prager Kaufmann Herr Siegfried R. mit mehreren anderen Pragern in einem Cafe auf der Ringstraße in Wien. Er unterhielt sich längere Zeit mit der Gesellschaft und bevor er sich entfernte, reichte er jedem einzelnen der Tischgenossen die Hand. Ohne daß er es früher bemerkt hatte, hatte sich an demselben Tische der Schneidermeister Georg Weinzurtl aus Ottakring niedergelassen. Als R. in der Meinung, der Herr gehöre auch zur Tischgesellschaft, auch diesem die Hand entgegenstreckte, sagte Weinzurtl: „Einem S . . juden reiche ich nicht die Hand" und spie dabei Herrn R. in die Handmuschel. R. über dieses rohe Benehmen empört, ergriff in seiner momentanen Erregung eine auf dem Tische stehende, mit heißem Kaffee gefühlte Tasse und schleuderte dieselbe dem W. in's Gesicht R. wurde durch einen citirten Wachmann der Polizei überstellt und nach Aufnahme eines Protokolls wieder entlassen. Da W. durch die erlittene Verletzung länger als 20 Tage bettlägerig war und heute noch an einer Hornhautentzündung leidet, wurde gegen R. die Anklage wegen schwerer körperlicher Beschädigung erhoben und heute hatte sich derselbe beim hiesigen Strafgerichte wegen dieses Dilectes zu verantworten. In Vertretung des Angeklagten war dessen Vertheidiger Herr Dr. H e r z b e r g-F r ä n k l erschienen. Nach dem glänzenden Plaidoyer, in welchem der Vertheidiger das besonders rohe und provocirende Vorgehen des W. geißelte und die dadurch hervorgerufene Erregung des Angeklagten als begreiflich bezeichnet?, fällte der Gerichtshof ein freisprechendes Urtheil. W. wurde mit seinen Ansprüchen auf den Civilrechtsweg verwiesen. Brünn. (Unsere Gy m n a si a l j u g e n d.) Inder dritten Classe des hiesigen I. deutschen Gymnasiums gründeten einige Knaben einen „antisemitischen" Verein, san.melltli ihre Ersparnisse, um sich „weiße Nelken" zu kaufen. Es ist dies natürlich kein Wunder, da in den oberen Claffen mit bösem Beispiele vorangegangen wird. So werden von Jungen der VII. und Vlll. Classe Kneipen veranstaltet, bei denen „Ritter Georg" als National-Heros gefeiert wird.*) Das Oberhaupt dieser Pymäen-Schönerianer ist ein gewiffer Braß, der Sohn des deutschnationalen Braß aus Hohenstadt. Braß sen. ist eine Hauptstütze des hiesigen „Deutschen Blattes", deffen Niveau womöglich noch unter dem des Verganischen Blattes für deutschen Pöbel steht. Redacteur des deutschen Blattes ist ein verbummelter Philologe. Selbstverständlich sind die Juden schuldtragend, daß besagter Philologos seine Studien nicht vollenden konnte. Wenn heutzutage einer es zu nichts bringt, wird er Antisemit, dann glaubt er wenigstens etwas zu sein und oftmals gelingt es derlei Existenzen, eine Rolle zu spielen. Als ich mich erkundigte, warum denn Braß senior so ganz besonders das „Deutsche Blatt" unterstütze, bekam ich zur Antwort, er sei Judenstämmling. Biala. (Abschiedsfest für den k. k. Statthaltereirath in Biala) Am 14. d. M. veranstaltete man in der„6r5tetnia poiska" (polnischer Leseverein) in Biala einen seierlichen Abschiedsabend zu Ehren des zum Statthaltereiroth ernannten hiesigen k. k. Bezirtshauptmannes Herrn Georg Piwocki. Viele schöne Reden und Ansprachen sind zu Ehren dieses höchst liberalen und beliebten Würdenträgers gehalten worden. Unter diesen wurde auch eine schöne Tankrede seitens des Herrn Dr. Berirhard Jchheise r, Advocaten in Biala, gehalten, in der er deutlich betonte, daß Herr Statthaltere>rath P iwvcki trotz des in letzterer Zeit aufblühenden verpestenden Rassenhasses, des sogenannten Antisemitismus, die jüdischen Glaubensgenossen in Biala während seines dreijährigen Amtirens in gleicher Weise wie die anderen Confessionen väterlich behandelte. Nach einer Pause von circa 20 Minuten, nachdem Herr Statthaltereirath Piwocki den anderen Rednern für die warmen und herzlichen Worte dankte, wandte er sich auch au Herrn Dr. Jchheiser mit folgenden Worten: „Ich bin vor Allem Beamter des const.tutivnellen Staates Oesterreich und als solcher muß ich die Coustitutivnsprincipien wahren und Alle Staatsbürger, ohne Unterschied der Nationalität und Confeffion, vor unverdienten Angriffen und Injurien schützen. Abstrahirt aber davon.bin ich auch Christ und Pole. Als Erster er beherzige ich stets den Satz: „Liebe den Nächsten, wie dich selbst", folglich könnte ich es auch nicht über mein Herz bringen, soliden und rechtschaffenen Bürgern, mögen sie was immer sein, Inden, Deutsche,Violen :c. rc., Unrecht znzufnge», dann wiederum als Pole kann und will ich schon selbstverständlich kein Antisemit sein, weil die Juden mit uns Polen schon seit Jahrhunderten mitgrwachsen sind, bei uns Polen, während man sie überall hetzte und verfolgte, die warme, menschliche Zufluchtsstätte und freundliche Aufnahme gemndkn, und infolge deffen mit uns so manche Freuden und Leiden getheilt haben. Der wahre Pole und ein klardenkender Bürger kann und wird auch kein Antisemit sein". Einen sehr animirten Verlauf halte dieser f-iecliche Abend genommen, und was noch hervorzuheben ist, hat man trotz der geschulten Bielitz-Bialaer Stadtcapelle nicht diese, sondern die jüdische aus acht Mann bestehende Mnsikgesellschaft aus Chrzanov speciell regniiirt. Tie Speisen sind auch von eineni jüdischen Restaurateur, Herrn S i m v n R o s e n b e r g, d?r vom polnischen Leseverein dos Local gemiethct hat, beigestellt worden, und wurde er auch von allen Gästen, in der Zahl von 90 Personen, belobt. Karl Roth. Budapest, 21. October. (Das letzte kirchenpolitische Gesotz im M ag n a t en ha us.) Das Magnatenhaus nahm heute den Gesetzentwurf über die freie Religionsübung an. Hiemit ist die letzte der kirchenpolitisÄen Vorlagen erledigt. Eine größere Debatte entwickelte sich bei demjenigen Paragraphen, welcher die Pflichten nach dem Uebertritt aus einer Confession zur anderen behandelt. Graf Ferdinand Zichy beantragte die Streichung dieses Paragraphen, da derselbe die Dogmen der katholischen Kirche verletze. Die Länder, welche diesen Paragraph inartikuliren, *) Wehe dem, der bei „Hoch Ritter Georg" sich nicht erhebt, er wird erbarmungslos vom Braß gefordert.