Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 794 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 43 beginnt, während die zum Untergang neigende Sonne freundliche Gefilde, friedliche Menschen mit goldigem Scheine verklärt. Jetzt ist die Sonne untcrgegangen. Noch leuchtet das Abendroth und läßt diejenigen, die diesen verewigten Freund kannten, seine ehrwürdige und liebenswerthe Gestüt deutlich erkennen. Auch das wird vergehen und die Nacht kommen, wo unseres Wolsfson Person fremd ist und nicht mehr gekannt wird. Aber sein Name wird fortleben in der deutschen Rechtswissenschaft, sein Werk an den Gesetzbüchern wird nicht untergehen und die edlen Triebe, die er durch sein Beispiel angeregt, die Saat der Menschenliebe, der Dankbarkeit, die von ihm ausgegangen ist, sie werden fortwirken ohne Ende. Ehre seinem Andenken, Friede seiner Asche." Herr Dr. Fehling aus Lübeck folgte mit einer aus wärmsten Herzen kommenden Würdigung des Verstorbenen als Mitglied des Anwaltstandes, zu dem die jüngere Generation stets in Verehrung und Dankbarkeit aufgeblickc habe. — Den Verdiensten des Verstorbenen um die Förderung des Bürgerlichen Gesetzbuches widmete Herr Professor Man dry im Namen und Auftrag der Commission anerkennende Worte. Herr Dr Rieß er, Leiter der Filiale der Darmstädter Bank i r B.'r'in, sprach im Namen der Freunde, wozu er aus 50jährigen nahen Beziehungen zu dem Hause des Verstorbenen als Neffe Gabriel Rießer's sich besonders berufen fühle. Der Chor sang dann das Lied: „Ueber allen Wipfeln ist Ruh", und mährend die letzten Töne verschwebten, wurde der Sarg aufgehoben und hiuausgetragen zu der letzten Fahrt. Herr Dr. Albert Wolffson, als Vertreter der Familie, folgte mit feiner Tochter und drei Söhnen, und ihm schloffen sich zahllose Equipagen an. Am Friedhofsthor in Ohlsdorf wurde der Zug von Musik empfangen und zu dem Grabe geleitet, wo Herr Dr. May dem Verstorbenen die wärmsten Äbschiedsworte im Namen der näheren Hamburger Freunde widmete. Dann kehrten die Trauernden heim zu ihren Geschäften, der Mann aber, um den heute so viele Thränen geflossen sind, ruht draußen in friedvoller Stille. Sein Andenken wird in Segen bleiben bei Allen, die ihn gekannt haben. Vom Jahrmarkt des Lebens. Momentaufnahmen. Er ist schon wieder da mit seinem Apparat, welcher die Leute aufnimmt, wenn sie sich seiner am wenigsten versehen; und zeigt er ihnen die unretouchirten Bilder, so fühlen sie sich getoffen, ohne es ihm zu danken. Diesmal schlägt er sein Zelt auf dem Exercierplatz auf, wo die Kasernhofblüthe üppig und farbenbunt in die Höhe schießt. Unter diesen sonderbaren Blumen gedeihen auch Giftpflanzen, die sich durch ihren scharfen, stechenden Geruch von ihren harmlosen Schwestern wesentlich unterscheiden. Recruten werden abgerichtet. Einer capirt das Rechts¬ und Linksum nicht mit wünschenswerther Raschheit. Der Feldwebel schreit ihn mit Donnerstimme an: „das Ohr, bei dem ich Sie reiß', das ist das rechte." So geschehen auf dem Exercierplatz der Franz - Josefskaserne zu Wien. Eine Menge von gaffenden Zaüschauern bildet die Staffage der Scene. Dies war gewiß nicht geeignet, das soldatische Selbstgefühl des jungen Kriegers im Sinne des Dienstreglements zu wecken und zu kräftigen. Aber der, den's anging, war ein unzweifelhafter Arier. Der Jude bekommt witzigere Dinge anzuhören, z. B.: „Der Kerl steht ja vor der Front, wie ein Borbeter?" Die jüdischen Soldaten besuchten erst vor wenigen Tagen das jüdische Gotteshaus, ehe sie den Eid der Treue dem obersten Kriegsherrn zu leisten hatten. Das jüdische Gotteshaus ist also unter Umständen auch eine Einrichtung, die zum Militarismus mitdazugehört und seine Functionäre sollten aus dem einem Gesichtspunkte schon allein, von allem Anderen abgesehen. Anspruch auf Achtung haben und vor Schmähung geschützt sein. Wenn ein Vorbeter vor dem Almemor stünde, wie ein Rittmeister in der Reitschule, wäre diese Art Stellung gewiß nicht am Platze. Aber wir haben noch nie gehört, daß ein Rabbiner einem Bocher bei nachlässiger Körperhaltung gesagt hätte, er stünde da, wie — na wie der oder jener. Das sind unpaffende, nicht genug rügenswerthe Redensarten. Der Soldat bedarf der Religion, sie stützt, sie hebt und hält ihn. Das Wort sie sollen lassen stehn und die Diener am Worte desgleichen. Und noch eine Momentaufnahme. Diesmal nicht im Freien, sondern im geschloffenen Raum. Officiersprüfung. Auch ein Jud' unter den Candidaten. Vorzugsschüler im Gymnasium. Ausgezeichnete Conduite.Em fleißiger, ernster, strebsamer Mensch — ein Heller Kopf dazu. Er weiß seine Sachen prächtig, besser oder so gut mindestens als seine arischen Kameraden. Sie kommen durch, er aber fällt. Seme Vorgesetzten, bei denen er sehr belie. t ist, thun ihr Möglichstes, ihn durchzubringen. Einer derselben entschuldigt sich sogar nach der Prüfung gnarn bei ihm: „Es thut mir recht leid; habe mich für Sie eingesetzt — konnte aber nichts machen. Sie st e h'n dem Herrn General n i ch t z u Gesicht." (Wörtlich!) — Das ist doch eine Momentaufnahme, aber eine mit tiefschwarzem Schatten. Lustiger, eigentlich tragikomischer ist der folgende Vorfall. Ein jüdischer Freiwilliger der Wiener Garnison wird seines Glaubens, Namens und Aussehens wegen in ganz unleidlicher Weise geschunoen, gequält und gemartert. Er ist das Zielblatt aller angeblich und vermeintlick Witzigen im Regiment, die ihren sogenannten „Geist" an ihm auslassen. Alle unangenehmen Dinge werden ihm übertragen, er ist der Sündenbock des Regiments. Zur größten, aber nicht eben angenehmsten Ueberraschung der unmittelbaren Vorgesetzten, meldet er sich eines schönen Tages als — katholisch in der Regimentskanzlei. Was der Religionsaustreiber „Weißbartel" nicht zu Stande gebracht, den vereinten Kräften war's gelungen. Aber die Situation hatte sich dadurch nicht etwa geklärt und vereinfacht, sondern war zur unlösbaren Verwicklung gediehen. Wie sollte man dem Manne jetzt entgegentreten? Ein so urplötzlichen sein strictes Gegentheil umschlagendes Benehmen —im Verhältniß zu dem bisherigen — sollte gegen ihn ein geführt werden? Nun war er ja sozusagen ein Mensch wie die andern. Schwerer Fall, das mit „Jtzig Lebele katholisch" in erneuerter Auflage. Den Inden konnten sie noch brauchen, wenngleich nur als Marterobject, mit dem „Getauften" wußten sie gar nichts anzufangen. Er wurde denn auch richtig zu einem anderen Regimente versetzt. Eine amüsante Stöcker-Reminiseenz. Daß Stöcker Juden gelten läßt und jüdischen Patriotismus anerkennt, ist so amüsant, daß wir es hier feststellen wollen. Im evangelischen Vereinshause zu Berlin hielt er 1876 einen Vortrag über den „religiösen Geist im Volk und Heer während des französischen Krieges." Diesen Vortrag nahm er 1885 in seine Sammlung „Christlich-Social" auf (Lpz. n. Bielefeld 1885. S. 277 f.), wo er neben seinen judcnfresserischen Vorträgen steht. Darin heißt es (S. 284): „Die Israeliten dachten nicht anders, auch sie ergriff der Strom religiöser Begeisterung. „Wir fühlen es, wir haben gesündigt, wie unsere Väter," — betete am Kriegbußtag der Rabbiner von Köln — „Reue durchzuckt jebeg Herz. Wende dein Antlitz nicht von uns ab, wir müßten sonst vergehen. Dein Volk Israel und unsere deutschen Brüder alle, sie demülhigen sich und liegen in Staub vor Dir." Mit einem aus tiefster Seele gesprochenen Segen über Israel und Deutschland endete das ergreifende Gebet." Im Jahre 1876 wußte Herr Stöcker noch, wie patriotisch die Juden sich 1870/71 benommen haben. Zwei Jahre später und Herr Stöcker begann die Hetze gegen die „unpatriotischen" Juden! Die Juden und ihr deutsches Vaterland. Die Schmäh- Schnorrpost Spitzer-Weimar's (!) ärgert sich über L'Arronge's „Pastor Brose" im Deutschen Volkstheater. Dem Juden wird, wie bekannt, in diesem Stück Vaterlaudsgesühl abgesprochen von einem darin auftretcndcuAntisemiten. „Sami Birnbaum," io die Reichspost, „ein herzensguter jüdischer.Hausirer, hatdas(„Wai geschrien") mit'anhören müssen und beklagt sich jammernd bei dem Pastor. Sein Jüngel hat nämlich gegen die Franzosen für „sein" (!) Vaterland und „seinen" Kaiser sein Blut gelassen, und nun kommt so ein rr.r Antisemit und bestreitet, daß Deutschland des Juden Sami Birnbaum Vaterland sei. Wenn da nicht alle Antisemiten reuig sich bekehren und zu Judenknechten werden, dann ist den rohen Leuten überhaupt nicht mehr "zu helfen. «Wiederum nebenbei bemerkt: Die an sich höchst unwahrscheinlicke Heldenthat des Sohnes unseres Sami Birnbaum's und ihre jammervolle Schilderung durch den alten Hausirer gefällt nicht einmal dem „Blatte des schlechten Kerls von Wien".) — Wir sind natürlich durchaus nicht gesonnen, mit einem unfreiwilligen Witzblatt von so niedriger Sorte in eine ernstliche Polemik einzutreten. Wir lassen lieber — es liegt dies schon einmal in unserer Kampfesweise — die Thatsacheu für uns reden. Eine Tafel in der Synagoge zu Schwerin i. M. enthält folgende Inschrift: Mtt Gott für Fürst und Vaterland kämpften in den Befreiungskriegen 1813—15 j 1. Lazarus Ladewig aus Brüel, 2. Raphael Steinhard aus Gadebusch, 3 Joel Seligman ans Gadebusch, 4. Jakob Hesse aus Gadebusch,