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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 793 WßÄH-LÄA ' .ÄfeSsfiä£3S3lSESEaßäSt«i8er V äEWSKasSB^BeJt.' SKB*asassttav>aeaBns»iaua2sm Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift in unserer Stadt das Gefühl des anfrlchtigen Bedauerns ein allgemeines ist, ja daß im ganzen deutschen Baterlande Wolfsjon's Tod beklagt rmd feilt Fehlen als eine schmerzhaste Lücke empfunden wird. Lassen Sie mich in kurze» Zügen das Bild des so^allgemeiu Vermißten vor uns wachrusen. Wenn dabei ans einer Trauerrede eine Lobrede wird, so liegt das au der Schönheit des Bildes, das wir uns vergegenwärtigen wollen. Es sind säst 8 Jabre her, daß wir an dieser Stelle bei Gelegenheit von Wvlssson's Doctorjubiläum seine Verdienste um die Rechtswissenschüft und die Rechtsanwaltschaft feierten und ihn innerer Verehrung und Zuneigung versicherten. Loben durften wir ihn damals nicht, wie wir gewünscht hätten, denn wir scheuten uns zu reden, was er nicht hören mochte. Heute ist diese Rücksicht — leider! — weggefallen und ich darf ihn loben. Das gedenke ich denn auch aus vollem Herzen zu thun und Sie alle sollen meine Zeugen sein, daß ich nichts Unwahres und daß ich nicht zuviel sage. Und so sage ich denn: der Mann, denn wir heute hinaustragen sollen, war einer der bedeutendsten Geister, der verdientesten Bürger unserer Stadt, einer der Besten und Edelsten unseres Volkcs und unserer Zeit. Ich wüßte leine Tugend, die ihm gefehlt hätte, keinen Fehler, der an ihm merkbar hervorgetreten wäre. Er war tüchtig und bescheiden, arbeitseifrig i und uneigennützig, gefühlvoll und standhaft, sparsam und wohlthätig, bedürfn-ißlo^ und freigebig, ein zärtlicher Gatte und Vater, ein treuer Freund, ein liebenswürdiger Gesellschafter. Wahrhaftig k e i t und Wohlwollen bildeten den Grundzug seines Charakters, dessen wohlthueride Wärme Jeder empfand, der ihm nahe kam. Er gehörte zu den seltenen Menschen, die in einem thätigen Leben nicht nur im Handeln unsträflich, sondcrn rein in Gedanken bleiben, denen das Gemeine und Schlechte als ein Fremdes und Unverstandenes gegenüber st e h t. W e l ch e r R e l i g i o n hat er a n g e h ö r t? I ch w e i ß n u r, daß er z u d e r G emeinde derer gehörte, die sich hüte», daß sie in k e i n e S ü n d e w i l l i g e n n n d die d e n R ä ch st e u lieben wie sich selbst; n n d d a ß j e d e K i r ch e, die a u s d i e s e m Gebote a u f g e b n u t ist, i h n mit Freuden zu den Ihrigen rechnen würde. Mit seinen hohen Geistesgaben hat er als Rechtsanwalt Unzähligen genützt. Die Anwaltschaft war sein Broderwerb, der Berns, von dessen Ertrag seine Familie abhing. Aber er hat nie um Lohn gedient, hat auch nie, wenn er eine Arbeit unternahm, nach der Belohnung gefragt; und wenn er es mit vielfährigem Fleiße zu bürgerlichem Wohlstand gebrecht hat, so verdankt er das zum großen Tbeil der freudigen Dankbarkeit seiner Cli'Uten, die den Werth seiner Hilfe zu schätzen wußten. Sich selbst und alle seine Kräfte stellte er in den Dienst seiner Partei, nur sein Gewiffen nicht; er that und duldete kein Unrecht. Seine Bernfsgenossen in den drei freien Städten haben ihn als den Ersten und Besten anerkannt, indem sie ihm, dem als Juden bis zu »einem einunddreißigsten Jahre bis zur Umwälzung von 1848, das Auftreten vor Gericht untersagt war, gleich bei ihrer Organisation an ihre Spitze stellten und auf diesem Ehrenposten beließen, auch als er durch Abwesenheit an der Ausübung seines Amtes behindert war, weil sie ihn an der Stelle wollten, auf die sich zunächst die Augen richten, wohl wissend, von welcher Bedeutung ein gutes-Vorbild sei und daß an dem Anschauen großer Trefflichkeit die Nachahmung sich entzündet. Wie der Rechtsanwalt so der Bürger. Der Vaterstadt hat er gedient schon von der Zeit, wo ihn vererbte Gesetze zum Bürgerrecht zuließen. Sein ganzes Leben hindurch ist er unermüdet damit fortgefahren. Kein Client hat auch nur annähernd solche Ansprüche an seine Zeit und seine Arbeitskraft gemacht wie unser Gemeinwesen; in manchen Jahren hat seine Familie ihn weniger gehabt als die öffentlichen Geschäfte. Und wie seine Clienten, so war auch unsere Stadt von ihm wohlberathen, sei es, daß er hier unseren engeren, sei es, daß er in Berlin mit den unseren die Interessen unseres ganzen Volkes vertrat. Hier wie dort gehörte er zmn Kopf und znm Getvissen seiner Partei, der Partei, die Maß hielt und nie sich Selbstzweck wurde, sondern auf das Ganze dachte. Hier wie dort gab seine edle Beredsamkeit, getragen von der Hochachtung für seine Persönlichkeit, in vielen wichtigen Fragen den Ausschlag zum Guten; hier wie dort machte sein Auftreten, seine Wirksamkeit, sein Ruf uns Ehre und Freude. Ganz besonders hervorheben muß ich seine bedeutendste Arbeit, die opfervollste aber auch wichtigste und bleibendste That seines Lebens, seine Mitwirkung an den großen Gesetzgebnngswerken des Reiches, die ihn in den Siebziger-Jahren und wieder in dekv letzten fünf Jahren seines Lebens ausschließlich in Anspruch nahmen. Daß sein Antheil au den Berathuugeu ein lebhafter, sein Einfluß bei den Entscheidungen ein bedeutender und immer steigender war, wissen wir — denn es war nicht seine Sache, von sich selbst zu reden — aus den Miltheilungen seiner Mitarbeiter. Mit den Organisationsgesetzen, die sich in der Hauptsache. schon erprobt haben, mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch, das voraussichtlich die Probe besteheil wird, ist sein Name für immer verknüpft. Seine Mitarbeit hat gerade n.it der Vollendung des Gesetzbuches aufgehört. Den Lohn für seine Mühen und Verdienste, den einzigen, aber schönen und ihm zur vollen Genüge reichenden Lohn hat er in dem ^Vertrauen, in der Hochachtung und Dankbarkeit seiner Mitbürger erhalten. Sie haben ihn in die Bürgerschaft gewählt, als sie zuerst zu Wahlen hatten und haben ihn immer wieder gewählt, bis ec sich selbst nach vielen Jahrcn der Wahl entzog. Sie haben ihn in den Reichstag geivählt und wieder gewählt, bis eine politische Partei, die seiner Richtung, nicht seiner Person abhold war, die Oberhand gewann. Tie Bürgerschaft hat ihn zu ihrem Präsidenten gewacht im* behalten, bis tbm die Bürde der Aemter zn groß wurde. Der Reichstag hat ihn unter den Rechlsgelehrten grwählt, die die neue Gerichtsorganisation durchzuberatben und zn verbessern hatten. Und als vor füus Jahren die ausgezeichnetsten Krälte ans dem ganzen deutschen Vaterlande zusammcnberilfen wurden, um das bürgerliche Gesetzbuch überzuprüsen, da muß es ihn, wie uns, mit stolzer Genugthuung erfüllt haben, daß er, der 73jährige, der sein 50jähriges Jubiläum hinter sich hatte, als einziger Rechtsanwalt und als einziger Nichlchrist in diese Vcrsammlung berufen wurde. Die Dankbarkeit und Verehrung, die wir alle ihm schulden, ist mit dem Tode nicht erloschen und ei schöpft. Das znm Veiveise hat unsere höchste Behörde, der Senat, seiner Anerkennung und stimm Bedauern in eincm Schreiben an die Familie Ausdruck gegeben, und zn gleichem Zwecke will ich hier namens der Justizverwaltung und namens aller Hambnrgischen Juristen aussprechen daß uns Wvlssson's Name, seine Person und seine Verdienste unvergeßlich bleiben werden. Aber nicht blos Rubm und Anerkennung hat Wvlffsvn m°»: seiner Thätigkeit in den verschiedene» Köiperschasten, denen er augehört bat, heiuigedracht, sondern, wo er eirtrot, hat er warme peiiönliche Beziehungen und die Frenndschast vieler der Besten erworben-, von überall her, wo er gewesen, fließen der Familie die herzlichsten Liebesbetveise zu und die Collegrn seiner btzten Zeit sind vielleicht die wärmsten. 'Von ihnen wären heute manche hier, wenn sie die Pflicht nicht sernbielte. Lassen Sie mich noch kurz von Wolsfson als Menschen sprechen. Er war wohlwollend gegen Jedermann, mitfühlend bis zur Weichheit, für Freundschaft empfänglich und von fester Treue. Er war wohlthätig nicht blos mit der Hand und nicht blos für unschuldig Leidende. Von milder Gesinnung, urtheilte er nachsichtig über die Schwächen Anderer. Eine schöne Harmonie, ein auSgeglichencs Maßhalten drückte sich in seinem ganzen Wesen aus. Daß cr ein trefflicher Ga'te und Vater, ein guter Bruder war, ergibt sickr von selbst, wenn auch nur der kleinste Theil meiner Schilderung richtig ist. Er war aber auch ein glücklicher Gatte n»d Varer. Ich verzichte daraus, Ihnen sein häusliches Leben zu schildern, die Liebe nvischrn ihm nno der trefflichen Gattin, das innige Bcrhältniß zu den Kindern, die traute Häuslichkeit, die edle Gastlichkeit, den Frrundeskreis, kurz Alles, was das Faniilienglnek begründete und 'chwnckie. In seinem Hanse ist er von Schmerzensschlägen nicht verschont geblieben. Wer, der lairge lebt, bliebe davon verschont? Er hat zwei geliebte Töchter in den Jahren ihrer Blüthe dahin siechen sehen. Wer sein weiches Gewüth und die Zärtlichkeit kannte, mit der er seine Kinder umfing, der kann ermessen, wie ihm das Herz geblutet bar. Er war wohl bis zun? Tode betrübt, aber er hat die Prüfung bestanden, er hat nicht gemurrt, nicht gegen die Schickung sich ansgelehnt. denn er tne't sieb »ür nichts besseres, als andere Menschen, denen'ebensolches oder noch Schrecklicheres widcrnibr, und er hielt sich so, wie er es von Anderen verlangt haben würde. Brr zwei Jahren wurde ihm auch die unaussprechlich geliebte Gecktin, deren zarte Gesundheit cr früher mit jahrelanger ängstlicher Sorgfalt gehütet, unerwartet durch den Tod entrissen. Er Hai auch diesen Schlag überwunden. Ich nveifle nickt, daß er sich mit der Gewißheit getröstet, er werde sie nicht lange vermissen, und ich traue ihm zu, daß er den Schmerz, den sie, wenn sie ihn überlebte, in dieser Stunde ewpsinden würde, gern ans sich nahm. Er hat einen Sohn und eine Tochter hinierlaffen, denen er das Erbe seines Namens und Ruhmes mit vollem Bertrailen hinierlaffen konnte. Wir fühlen tief, wie groß ihr Verlust und ihr Schmerz ist und wir empfinden für sie die innigste Theilnahme. Aber wir verweisen sie auf das Gedächtniß und auf das Beispiel ihres Vaters. Mögen sie. mögen ihre Kinder, mögen die zunächst betroffenen Schwestern sich daran anfbauen und erheben.^ Unser Wolsfson ist der Aufforderung, in seinen hohen Jahren Haus und Vaterstadt, Familie und Freunde zu verlassen und aus unbestimmte Zeit nach Berlin zu ziehen, um in eine neue sehr schwere Arbeit einzutreten, vor fünf Jahren nur zögernd und im Bewußtsein, daß die Pflicht es gebiete, gefolgt. Auch ward ihm der Anfang nicht leicht. Nachdem aber die Schwierigkeiten des ersten Jahres überwunden waren, ward die Arbeit an dem Gesetzbuch die Freude seiner letzten Jahre, die er mit voller Hingebung, ja mit Behagen genoß. Während sein Körper schwerfälliger, seine Gesundheit schwankender wurde, blieb sein Geist merkwürdig frisch. Die reine Denkarbeit, die Beschäftigung mit den Rechtsbegriffen, das Ausfeilen des Ausdrucks ftir den gesetzgeberischen Gedanken paßte besonders gut zu seinen Neigungen, verfeinerte noch die Schärfe, mit der er von der Höhe des Alters und der Erfahrung die menschlichen Dinge ansah. Wer ihn in den letzten Jahren bei der Arbeit traf — und wann traf man ihn nicht an der Arbeit —, an seinem Schreibtisch unter den Protokollen und Büchern, in stiller Zufriedenheit sitzend, wer dann die freundliche Zuvorkommenheit und Theilnahme für jedes Anliegen fand, wer das kluge Auge, die Milde der Züge, die ruhige Heiterkeit des Gesprächs ans sich wirken ließ, der hatte wohl den Eindruck, als habe er in eine schöne Landschaft geschaut, auf welche die Ruhe des Abends herabzusinken

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