Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43 Seite 791 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. sich als eine Chimäre erweist. Fürst Meschtschersky wiederholt nur das, was der berühmte Herausgeber der „Moskowskije Wjedomosti", der verstorbene Michael Niklfirowitsch Katkow, bereits vor Jahren gesagt: „Da wir nun einmal die fünf Millionen Juden von uns nicht abschütteln können, (und ist es noch eine große Frage, ob diese „Abschüttlung", wenn sie sich realisire, für uns so segensreich wäre, als man glaubt), so sollte man bestrebt sein, ihnen eine behagliche, angenehme Existenz in Rußland zu schaffen, wir könnten nur dabei gewinnen. " Die Lippen, die diese weisen, humanen Worte gesprochen, sind im Tode verstummt und gar sonderbar berührt es, wenn man fast dieselben Ausdrücke aus einem Munde vernimmt, aus dem man bis jetzt gewohnt war, nur Schmähungen und Anklagen zu hören. Gleich Bileam spricht Fürst Meschtschersky jetzt (vielleicht ganz unfreiwillig) anstatt Flüche und Verdammungs urtheile Segenssprüche und Lob und die zum vernichtenden Schlage erhobene Hand sinkt sanft zu einer Liebkosung herab. Leicht möglich, daß das nur Früchte einer wandelbaren Laune sind, doch nehmen wir auch dieselben dankbar an, umsomehr als das Urtheil des Fürsten über den Sieg der Antisemiten bei den Wiener Gemeinderatbswahlen mit ernster Würde gehallen ist und sehr wohlthuend berührt, wenn man dasselbe mit der durch die anderen judenfeindlichen Preßorgane bekundeten kannibalischen Freude vergleicht. Fürst Meschtschersky widmete dem Resultate der Wiener Gemeinderathswahlen einen langen Leitartikel, in welchem er unter Anderem sehr geschickt die gegenwärtige Sachlage in der österreichischen Metropole charakterisirt: „Die Wiener Liberale n", bemertk er, „zeichnen s i ch d u r ch eine e r st a u n. liche Apathie aus. Die Regierung hatte temporär die Verwaltung der städtischen Angelegenheit übernommen, um nach einem gewissen Zeiträume neue Municipalwahlen festzusetzen, wobei sie sich von der Voraussetzung leiten ließ, daß die Liberalen Muß: haben werden, sich den Sieg in dem bevorstehenden Wahlkampf zu sichern. Die Wiener jedoch, durch Erfahrung gewitzigt, wußten im Voraus, daß die Liberalen mit der ihneneigenenSorglosigkeit und Abwesenheit jeglicher Energie der Antisemiten nicht Herr werden würde n, die sich durch wunderbare Thätigkeit auszeichnen. Diese Vorahnung hatte die Wiener nicht getäuscht. Während die Liberalen debattirten und raisonnirten, handelten und wirkten die Antisemiten und schließlich ergab es sich, daß Wien jetzt einen weit schlechtem Municipalrath hat, als der frühere war. Im Grunde genommen, darf man sich über den Sieg der Antisemiten nicht wundern. Die Führer der antisemitischen Partei zeichnen sich durch eine erstaunliche Thatkraft aus. Ohne Ruh' und ohne Rast propagiren sie ihre Doctrinen, säen unermüdlich Zwietracht zwischen den verschiedenen Claffen der Bevölkerung und bearbeiten gleichzeitig den Boden, um die politische Lage der Partei im Lande zu consolidiren. Anfangs genossendie Antisemiten die lebhafte Unterstützung der Clericalen, indem diese neue Gruppe von politischen Abenteurern ihre eigentlichen Tendenzen sehr geschickt durch gewisse religiöse Bestrebungen zu maskiren verstanden. In Oesterreich, gleichwie in Deutschland, schloß sich die Geistlichkeit der antisemitischen Bewegung an, was selbstredend die Bedeutung dieser neu entstandenen politischen Partei erheblich vergrößerte. Die Geistlichkeit durchschaute jedoch die Antisemiten bald (?), sie kam zu der Ueberzeugung, daß die Feinde der Juden im Grunde genommen ganz dasselbe anstreben, wie die Socialisten, die sich auch der heuchlerischen Maske der Vertheidiger des Christenthums bedienen. Nachdem die Geistlichkeit ihren Jrrthum eingesehen (?) beeilt sie sich, ihre'Sache von der der Antisemiten zu trennen (?!). Jedoch das Uebel war nun einmal geschehen, die Antisemiten hatten sich consolidirt und setzten ihren Triumphzug fort. Binnen Kurzem werden wir natürlich sehr interessante Mittheilungen über die Thätigkeit der neuen Wiener Municipalität vernehmen und unterliegt es keinem Zweifel, daß, nachdem die Antisemiten die Zügel der Communalverwaltung ergriffen, sie durch ihre Thätigkeit dem neuen Ministerium viel Scherereien verursachen werden. Zum Schluß können wir noch hinzufügen, sagt Fürst Meschtschersky, daß die Majorität der Bevölkerung Wiens durch das Resultat der G-meinderathswahlen sehr schmerzlich berührt worden ist." ,,Die Ermordung eines ruffifchen Juden.** Die Antisemiten generalisiren nicht nur das Verbrechen eines einzelnen Juden auf das ganze Judenthum, sondern sie erdichten auch dieses Verbrechen selbst und generalisiren dann dieses erdichtete Verbrechen auf die Gesammtheit. Wir Juden haben uns daher davor in Acht zu nehmen, antisemitische Berichte über die Schlechtigkeit eines Juden zu glauben und ohne Prüfung zuzugestehen, nur um uns gegen die Generalisirung zu verwahren, wie wir im Mittelalter auf der Folter falsche Geständnisse machten, um nur Andere dadurch zu retten. Nein, die antisemitischen Berichte über die Schlechtigkeit eines Juden sind zumeist Lügen und auf die Lüge hin wird dann erst generalisirt. So war der geehrte Verfasser der Artikel-Serie: „Bei trag zur Geschichte der russischen Juden" in der „Oesterr. Wochenschrift", in Nr. 39 so unvorsichtig, die Charakterschilderung des am 27. Juli (a. St.) in dem Dorfe Gaul bei Ataki in Bessarabien von dem Edelmann de Katzmann ermordeten jüdischen Großgrundbesitzers Oiser Dimant den ruffifchen Blättern, die fast alle antisemitisch sind, zu entnehmen, wonach das Opfer dieses Verbrechens ein blutsaugerischer Wucherer, ein erbarmungsloser Vampyr und der Mord nur der Racheact eines von ihm zugrunde Gerichteten gewesen sei. Er schilderte denErmordeten als ein Scheusal, gegen dessen Treiben die Judenschaft Odessas schon früher bei den Behörden petitionirte und dessen Grausamkeit selbst Frau und Kinder von ihm entfremdet hätten. Nachträglich haben wir jedoch über diesen Fall die jüdischen Blätter Rußlands, vor Allen den „Hameliz", und die wenigen nicht antisemitischen russischen Blätter gelesen, und nach denselben war der Ermordete Oiser Dimant nichts weniger als ein Wucherer und an>. allerwenigsten seinem Mörder gegenüber, dessen Schuld an den Ermordeten gar nicht aus einem Darlehen, sondern aus einem regelrechten Handelsgeschäfte entstand. Oiser Dimant kaufte nämlich Ende 1872 von den Brüdern de Katzmann 100 000 Pud Weizen ihrer Fechsung vom Jahre 1873 und zahlte ihnen dafür sofort 71.000 Rubel aus. Anstatt aber die Frucht ihm zu liefern, verkauften sie dieselbe an Andere und wollten ihn für den von ihm empfangenen Kaufschilling mit einen Wechsel abfinden. Es kam zu einem langwierigen Proceffe. Während desselben verkauften die Brüder Katzmann, notorische Lebemänner und Verschwender, fast ihre sämmtlichen Grundstücke. Endlich verlangten die Gläubiger, deren sie außer Oiser Dimant noch mehrere hatten, das Executionsrecht auf das noch übrige Besitzthum. Und bei Durchführung einer solchen Execution in dem Dorfe Gaul tödtete einer der Brüder Katzmann den Oisor Dimant während des Besteigens seines Wagens durch einen Revolverschuß von rückwärts, nachdem es ihm nicht gelungen war, sein Opfer durch eine Einladung, mit ihm auf einer Einschicht zu übernachten, heimlich aus der Welt zu schaffen. Es war kein Racheact, sondern ein verabredeter Mord mit der Berechnung, sich eines Gläubigers zu entledigen und' von einer Schuld zu befreien. Um, wenn der Fall zur Verhandlung kommt, auf die Geschwornen einzuwirken, versuchten nun die Anverwandten des Mörders, sein Opfer als den Auswurf der Menschheit zu zeichnen. Bei den antisemitischen Blättern kostete es ihnen allerdings keine große Anstrengung, sie setzen aber auch alle Hebel in Bewegung, um selbst in jüdischen Kreisen diese Meinung von dem Ermordeten zu verbreiten, damit der Vertheidiger feinen Clienten auch noch als Rächer des Judenthums hinstellen könne. Aber selbst wenn das Verbiet der Geschwornen zu Gunsten des Mörders ausfallen sollte, wird die Gerichtsbehörde es gewiß nicht zulaffen, daß eine solche Blutthat unbestraft bleibe, mag sie auch nur an einen Juden verübt worden sein. Daß der Ermordete übrigens ein zärtlicher Gatte und Vater und ein geachtetes Mitglied seiner Gemeinde war, geht aus den Berichten dieser eben nicht jneenfeindli'chen Blätter hervor, die von dem Schmerze der Kinder, die an den Thatort eilten, melden und daß die ganze Einwohnerschaft Ataki's, wohin der Tobte zur Bestattung gebracht wurde, sich tiefergriffen an dem Leichenbegängnisse betheiligte _ Dr I. Wolffson. Hamburg, den 12. October. Herr Dr. jur. Jsaac Wolffson ist nach kurzer Krankheit heute aus dem Leben geschieden. Ein Jude, dessen sich Deutschland rühmt, ein Deutscher, dessen sich Allisrael