Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 790 Nr. 13 Dr. Bloch's Wochenschrift Zahl von 100 Sitzplätzen durch Hereinstellen geflochtener Stühle erreicht. Dgs Gotteshaus war sowohl zur Kol-Nidre, wie am Tage darauf nur in ganz kurzen Augenblicken nahezu vollbesetzt, während zeitweilig, und dies war fast ständig der Fall, kaum zwanzig Personen anwesend waren. Daß der Gottesdienst die Weihe und Würde des Tages wiederspiegelte, kann ich nicht behaupten; zwar durchhallte ein Geräusch den Raum, wie wenn vie vorgefchriebenen Gebete verrichtet würden, aber man betete nicht, sondern unterhielt sich recht ungenirt und laut. d. h. nicht blos die Nachbarn miteinander, sondern von Bank zu Bank ging das Geplauder, während die Gebete, die in der eintönigen Weise der Sephardim vom Rabbiner, Vorbeter und zwei — sagen wir — Assistenten heruntergeleiert wurden, ungehört vorübergingen. Der Gemeindevorsteher, der auf dem Almemor seinen Ehrenplatz hatte, discuiirte von dort herab ziemlich laut mit dem Publicum, und der Rabbiner winkte Diejenigen, mit denen er sich unterhalten wollte, an seinen Platz heran. Es kam uns nach alledem durchaus nicht verwunderlich vor, daß die weitaus größte Mehrzahl mit Gehstöcken, Werktagsanzügen und — rauchend zur Synagoge kam, während andererseits selbst die mahnende Predigt des Rabbino Maggiore, welche übrigens nicht volle fünf Minuten dauerte, kaum irgend welche Ruhe erzeugte. Als wir uns dem Rabbiner vorstellten, machten wir die Bemerkung, daß er unser Französisch sehr wenig, unser Hebräisch — übrigens in seiner eigenen Aussprache — fast gar nicht verstand. Dem entsprechend waren auch die Leistungen des Vorbeters bei der Vorlesung aus der heiligen Thora; aus einem Punktirten Texte las ihm der Rabbiner vor und der Vordeter gab sich alle Mühe, ihm wörtlich nachzusprechen, ohne jedoch, wie ich genau zu beobachten Gelegenheit hatte, zu wissen, wo die betreffende Stelle in der Thorarolle geschrieben stand. Man wird die schmerzliche Empfindung nachfühlen, daß ich, zumal auf einer Reise wie der weinigen, den Jom-Kippu in einer Gemeinde zubrachte, in welcher die Achtung tu?; unseren Satzungen und Bräuchen so völlig erstorben ist. Mög« bald der Tag erscheinen, an dem auch hier neues Leben am den Rainen erblüht! Mit diesem Wunsche verließen wir un mittelbar nach Ausgang des Versöhnungstages Bologna. Dar Dampfroß führte uns schnell durch die entzückenden Flurer Italiens an den blauen Fluthen des adriatischen Meeres laug bis nach der Hafenstadt Brindisi. Dort wartete unser di« Enttäuschung, daß wir, anstatt sofort zu Schiffe gehen zr können, einen dreitägigen Aufenthalt neh nen mußten. Brindisi ist ein langweiliges Nest, und so setzten wir uns, wieder in's Eisenbahncoupe und durchquerten Italien, um nach dem schönen Neapel zu gelangen. Wie überall, war auch hier unser erster Weg dazu bestimmt. Glaubensgenossen zu ermitteln. Daß in Neapel Juden wohnen, war uns bekannt, und der „Kaufmann'sche Kalender" weiß sogar von einem koscheren Restaurant in der Strada capulla vecchia und von einem Rabbiner Professor Cameo zu berichten^ Zu Letzterem machten wir uns sofort vom Bahnhofe auf den Weg, um aber zu erfahren, daß Profeffor Cameo Neapel verlassen hatte. Eine andere jüdische Adresse vermochten wir nicht festzustellen, und so mußten wir unverrichteter Sache umkehren. Am anderen Morgen wandten wir verschiedene Mittel an, um zu ermitteln, wo sich die Synagoge befindet. Der Adreßkalender kennt keine Synagoge, ebenso wenig einen Rabbiner; in unserem Hotel wußte man überhaupt nichts von Juden in Neapel und so gingen wir endlich zur Polizei. Hier nannte man uns den Namen einer Straße, die wir mit Hilfe eines Führers nach vielen Jrrgängen auch endlich erreichten; ein kleines, in dem engen Gäßchen ganz versteckt gelegenes Gebäude bezeichnete man uns als Synagoge; thatsächlich war es die — griechischorthodoxe KirchWir fragten weiter und man wies uns in den Hintergassen ein anderes kleines Häuschen, das aber gleichfalls einer christlichen Secte gehörte, und nun wußte uns aber Niemand zu sagen, wo die Synagoge der Juden oder Hebräer liege. Selbst eine nochmalige Anfrage bei einem Polizeibeamten war nutzlos, bis wir endlich durch Zufall auf einem Firmenschild einen ausgesprochen jüdischen Namen entdeckten und nun alle Auskünfte erhielten, welche wir wünschten. Erfreulich lauteten aber die Mittheilungen nicht, die man uns über die Verhältnisse der Juden in Neapel machte. Allerdings leben einige Hunderte dort, aber sie sind so assimilirt und haben alles Jüdische derart abgestreift, daß das Volk sie gar nicht mehr als Juden kennt. Einen Rabbiner haben sie zwar in der Person des Professors Sonnino, aber in der einzigen Synagoge findet nur an Sabbathen und Feiertagen Gottesdienst statt, während dieselbe an den Wochentagen geschlossen ist. Bezeichnend ist, daß die Juden als solche den Neapolitanern und selbst der dortigen Polizei so unbekannt sind, daß mansie mit allen möglichen christlichen Secten verwechselt. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. XXVI. Für st Meschtschersky über die Wiener Communalwahlen. Der eclatante Sieg, den die Antisemiten bei den Wiener Gemeinderathswahlen davongetragen, hat in den hiesigen judenfeindlichen Kreisen Hellen Jubel hervorgerustn, der in der begeistertsten Verherrlichung von Dr. Lueger und seiner Gesinnungsgenossen zum Ausdruck gebracht wird. In diesem wilden Chor unserer Antisemiten, der in mächtigen Schallwellen über das gesammte Rußland dahinbraust, berührt gar seltsam eine einzelne Stimme, die jedoch bestrebt ist, diese stürmischen Accorde des Racenhasses zu übertönen. Und seltsamerweise gehört diese in die trui kene Jubelhymne über den Sieg der Wiener Antisemiten gebieterisch ertönende nüchterne Stimme einem Manne, von dem man etwas Derartiges nie und nimmermehr gewärtig hätte sein können, und zwar dem bekannten Publicisten und Herausgeber einer vielgelesenen, noch mehr commentirten und noch mehr geschmähten Tageszeitung „Graschdanin", Fürsten Wladimir Meschtschersky. Dieser talentvolle Journalist (der auch auf dem belletristischen Gebiete Erkleckliches geleistet und eine Reihe Romane aus dem Petersburger high life und den höheren Tschinownikisphären geschrieben, von denen besonders „Einer unserer Bismarcke" eine beißende Satyre auf unser gesammtes Beamteuwesen enthält) zeichnet sich durch Extravaganzen und Sonderbarkeiten aus, die ihm eine ganz eigene, nicht immer beneidenswerthe Stellung in der russischen Presse geschaffen haben. Er schwimmt nicht mit dem Strome, ist ein abgesagter Feind der Panslavisten, verspottet die Bestrebungen Rußlands, alle Slaven unter einen Hut zu bringen, gießt die scharfe Lauge seiner beißenden Satyre über die Balkanbratuschka aus, von denen man nach seinen Worten außer schwarzer Undankbarkeit nichts Anderes erwarten könne, und tritt resolut gegen die französische Alliance auf, da er die Franzosen als Republikaner und Demagogen perhorrescirt und nicht begreifen kann, wie das outokratische Rußland sich mit dem ultrademokratischen Frankreich verbinden, wie der Hut Monomach's mit der phrygischen Mütze Bruderschaft schließen kann. Wie Sie sehen, geht Fürst Meschtschersky in seinem Organ einen ganz eigenen Weg und läßt sich durch das Geheul der gegen ihn gehetzten Preßjagdhunde, die Anderer Ansichten ebenso wenig respectiren, als fremde Portemonnaies, durchaus nicht beirren. An moralischem Muthe fehlt es dem Manne nicht, denn kühn bietet er der ihn umgebenden, racheschnaubenden und blutlechzenden Meute die Stirne und schreitet rüstig die von ihm einnial betretene Bahn fürbaß. Was die Judenfrage anbetrifft, so ist Fürst Meschtschersky gleich seinen Collegen eingefleischter Antisemit und hat bis jetzt keine Gelegenheit verabsäumt, Israel etwas am Zeuge zu flicken und zeichneten sich seine Ausfälle durch ungewöhnliche Rohheit und Heftigkeit aus, wie überhaupt dieser Journalist nicht sonderlich wählerisch in seinen Ausdrücken ist und gar oft pöbelhaft wird. In der jüngsten Zeit jedoch bat sich in den Anschauungen des fürstlichen Publicisten in Bezug auf die Judenfrage ein bemerkenswerther Umschwung vollzogen, der als symptomatisches Zeichen der Zeit gedeutet werden dürfte. Fürst Meschtschersky hat wiederholt humane und rationelle Ansichten bekundet und strebt eine befriedigende Lösung dieser verfluchten Frage an, welche dem Henker ebensoviel Kopfbrechen verursacht als den Opfern. Ohne unter die Philosemiten gegangen zu sein, hat der Redacteur des „Graschdanin" letzthin verschiedentliche Male die Meinung ausgesprochen, daß es vielleicht auch im Interesse des russischen Staates und Volkes liege, den Juden ein mehr menschenwürdiges Dasein zu schaffen, da doch nun einmal der geplante Exodus Israels aus Rußland