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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Sfr. 43 Dr BLoch's Wochenschrift. Seite 78V ein Geheimniß, daß sich ihnen durch den zugcstandenen Zutritt zu Stellen und Aemtern neue Lebensquellen erschlossen haben. Denn sie thaten nichts, um der Aufforderung nachzukommcn, sich die Landessprache in Wort und Schrift anzueignen und endlich einmal ein wirklicher Theil des Volkes zu werden. Indem sie diese einzige Bedingung nichterfüllt und das Mittel zum Verkehre mit der Obrigkeit, das ihnen zugleich als Befähigungsnachweis zu den Posten, die man ihnen anvertrauen wollte, gedient hätte, nicht erworben haben, sind die angenehmen Stellungen und hohen Vortheile, die man ihnen zugedacht, in andere Hänoe übergegangen. Die oltomanische Regierung >var daher m vollem Rechte, wenn sie nicht aufgehört hat. darüber Klage zu führen, daß die Juden sich ihrer außerordentlich angenehmen Lage nicht bewußt sind und die hohe Gunst nicht zu würdigen wüßten, deren sie sich im türkischen Reiche fortgesetzt erfreuen. Besonders unangenehm berührte es jedoch die Türken, daß die Israeliten das Spanische beibehielten, anstatt in dem Volke, dem sie nun einmal angehörten, aufzugehcn und seine Sprache anzunehmen. Sie empfanden es fast als eine Beleidigung, wenn sie die Juden ihre alte Muttersprache (?!) sprechen hörten, die freilich schon zu einem Kauderwelsch herabgesunken ist. Roch heute kann darüber einem Muselmann, trotz seiner sonstigen Freundlichkeit, eine wenig schmeichelhafte Aeußerung entfahren. Indessen ist es ein großer Fehler gewesen, in dm Schulen, die vom Auslande in der Türkei für die jüdische Bevölkerung gegründet wurden, der Landessprache nicht den ersten Rang eingeräumt zu haben. Damit wäre ihnen sicherlich der größte Liebesdienst erwiesen worden. Es ist wahr, der Orient ist kosmopolitisch, und alle Welt ist hier polyglott; die Amtssprache ist und bleibt jedoch türkisch. Das Französische, obwohl in außerordentlichem Umfange verbreitet, genügt dem Juden im öffentlichen Leben doch nicht. Wohl wird die türkische Sprache gelehrt, aber nicht genügend, und weil er sie eben nicht im verlangten Maße beherrscht, darin liegt vornehmlich der Grund, warum er noch so wenig in die Verwaltungen eingedrungen ist. Trotzdem hat die Zahl der jüdischen Beamten bereits zugenommen; denn die Erkenntniß hat sich doch Bahn gebrochen, daß man der Landessprache nicht entrathen kann, will man zu einer ansehnlichen Stellung gelangen. Im Erlernen des Türkischen liegt für den Juden in Constantinopel der Fortschritt seiner wirthschaftlichen Verhältnisse, im Besitze desselben die Verbesserung seiner Lebenslage. Darum bedauern nun auch Viele, den so einfachen Weg zu Regierungsstellen nicht eingeschlagen zu haben. Besonders jetzt ist dieses Bedauern groß. Denn unter den gegenwärtigen betrübenden Zuständen im Innern werden die Juden, die türkisch können und natürlich die nöthigen Fähigkeiten besitzen, von der Regierung geradezu gesucht. Schon hat sie vielen Armeniern, nachdem sie in furchtbarer Weise die feste Ueberzeugung gewonnen, daß sie in ihnen an der eigenen Brust gefährliche Schlangen großzieht, den Laufpaß gegeben und dadurch entstandene Lücken durch Türken und soviel als möglich durch Juden ansgefnllt. In der That sind infolge der neulichen Unruhen in der türkischen Hauptstadt mehrere unserer Glaubensgenossen zu bedeutenden Posten gelangt. Doch die eigentlichen Umwälzungen in der Verwaltung stehen noch aus; denn man konnte sich gleichwohl der besten Kräfte und tüchtigsten Beamten nicht so ohneweiters berauben. Hätten daher die Juden die gewünschten Fähigkeiten, so wären sie einfach zu beneiden. Schon so bildet ihre Lage in Bezug auf das öffentliche Leben im Vergleiche zu derjeuigen ihrer Brüder in anderen Ländern, eine erfreuliche Ausnahme. Wenn sie nun noch im Stande wären, dem Baterlande in kräftigster Weise zu dienen, wodurch selbstverständlich ihre vielfach herrschende bittere Noth ein Ende hätte, so wäre das Los der Juden am Goldnen Horn das glänzendste. Denn trotz der mißlichen Finanzlage des Reiches und der eigenartigen Zahlungsverhältnisse der Regierung können sich die Angestellten vom Kanzlisten bis hinauf zum Kanzler nicht beklagen. Der Türke liebt die Bequemlichkeit und die breite Wirtsschast und läßt deshalb, als guter Mensch, Niemand Noth leiden. Die Juden haben also durch eigene Schuld die Vortheile verscherzt, die sie schon längst haben und aus den jetzigen ihnen günstigen Zuständen ziehen könnten. Darüber machen ihnen nun die Türken selbst die stärksten Vorwürfe. Ein hoher Beamter soll sich dieser Tage gelegentlich wie folgt geäußert haben: „Die Armenier können unter den obwaltenden Umständen auf ihren Plätzen nicht bleiben. Das isi klar. Durch wen aber eine solche Menge von Beamten ersetzen? Könntet ihr Juden diese Stellen doch einnehmen! Ihr wäret bei eurer Treue und Anhänglichkeit, euren glänzenden Fähigkeiten und Eigenschaften die besten und würdigsten. Leider! leider!...." Diese Ansicht über die jüdische Unterthanen der Türkei theilen alle Osmanen, und alle bedauern sie bei ihm den Mangel ihrer Sprache. Sie haben aber auch sonst gute Meinungen von den Israeliten und sind ihnen wahrhaft zugcthan, sei es, weil sich ihre Religionen nicht so scharf von einander trennen, sei es, weil sie sich durch ihre Abstammung mehr zu ihnen hingezogen fühlen. Dies zeigte sich so recht während des armenischen Aufstandes. Als die Empörung ausbrach und Polizei und Ansständische in blutiges Handgemenge geriethen, da gaben die Türken den Juden den wohlmeinenden Rath, die Geschäfte zu schließen, damit sie keinen Schaden erleiden. Zugleich riesen sie „die treuen guten Juden" herbei, ihnen beizustehen im Kampfe gegen die undankbaren Verschwörer und nichtswürdigcn Menschen. Auch forderten die Muselmanen einander ans, n in: bei Juden; u kaufen! „Sie haben ebenso gute Maare wie die Armenier. Geht hin. kauft bei den Juden! (Diese Politik haben die Türken sicherlich von den Christlich-Socialen gelernt, nur mit umgekehrter Anwendung). Sie sind keine Blutsauger wie die Armenier! (Was werden dazu die edlen Antisemiten sagen? O, Ihr Arier!)" In der That hat die Kundschaft vieler jüdischen Geschäfte mit einem Schlage zugenommen. Die armenischen Kaufleute sind von der türkischen Bevölkerung förmlich geächtet. Die Sache ist übrigens begreiflich. . . . Folgendes Euriosum. Bei den während des Aufstandes vorgenommenen Verhaftungen der Armenier sinv auch einige Juden untergelaufen, die neugierigerweise hinzugeeilt waren. Um loszukommen — man lies meistens Gefahr, von der wuihentbrannten Volksmenge gelyncht zu werden — kamen sie aus den glücklichen Einfall, den Polizisten ihre Schaufäden zu zeigen. Natürlich wurden sie sofort freigelasscu. 0. 0. Meine Reise nach Palästina. Von Willy B a m b u s. (Nachdruck verboten.) V V t tl b t f t, 30. Äkptember 1895. Am Dienstag den 24. September traten wir, mein Begleiter, Herr Dr. Heinrich L o e w e. und ich, die Reise an. Der Zug führte uns mit rasender Eile durch die Districte Schlesiens und die gesegneten Fluren Mährkns. Die Donau wurde paffirt, und Wien war der erste Punkt, wo wir einen kürzeren Aufenthalt hatten. Es war kein freudiges Bewußtsein, das wir aus Wicn Mitnahmen, als wir auf dem Südbahnhofe den Schnellzug bestiegen, der uns nach Triest führen sollte. Bald näherten wir uns den Hügelketten, welche Niederösterreich durchqueren, und dann dem Semmering, jener grandiosen Gebirgslandschaft, deren überwältigende Großartigkeit zu staunender Bewunderung hinreißen muß. In der gesprächigen Reisegesellschaft that sich besonders ein Herr mit ausgesprochenem jüdischen Typus — er las sogar das „Wiener Tagblatt" — hervor, der, als wir die Steiermark durchflogen, uns eine Lectirn über steierische Nationalspeisen und slovenische Untugenden hielt, wobei er seinen national-deutschen Standpunkt und seine Vorliebe für ein Gericht, „Sterz" genannt, hervorhob, das, wie er wiederholt betonte, mit Schweinsohren genossen werden müsse. Abends kamen wir in Triest an, wo wir uns nach zweistündigem Aufenthalte nach Venedig einschifften, von Wind und Wetter einzigartig begünstigt. Bon der Lagunenstadt führte uns der Schnellzug nach Bologna, wo wir den Jom-Kippur halten wollten. Bei unserer Ankunft war es bereits Nachmittag, und wir hatten Eile, uns zu erkundigen, wo sich die Synagoge befände und wo wir speisen könnten. Man wies uns nach der via Battisasso, wo ein koscheres Restaurant Cacciatore sein sollle. Nach einigem kurzen Umherirren fanden wir dasselbe, aber leider Niemanden, der der deutschen, französischen oder lateinischen Sprache mächtig gewesen wäre. Die Verständigung war schwer, versetzte aber uns, sowie Wirthin, Wirthstochter und Schaffnerin in die größte Heiterkeit. Da jene Drei sich beeiferten, uns recht deutlich zu werden und Jede offenbar sich nur selbst zutraute, die beste Interpretin zu sein, so redeten sie Alle gleich auf einmal. Endlich war es uns gelungen, uns soweit verständlich zu machen, daß die Drei verstanden, wir wollten »Ka8cvär« essen, und nunmehr ging der Redefluß der Wirthin dahin, uns in einem mit falschen französischen Brocken untermischten Italienisch darzulegen, daß sogar Herr Dr. Deffan aus Fürth bei ihr speise und wir ohne Bedenken das Gleiche thun könnten. Zugleich erfuhren wir, daß man ohne Karte Einlaß in die Synagoge fände. Der Gottesdienst begann um 6V2 Uhr. während er auf 5‘/a Uhr festgesetzt war. Der Grund der Verzögerung war sehr einfach: die Herren aus Bologna kamen — am Kol-Nidre-Abend! — so spät, daß vor 6'/- Uhr an ein „Minjan" nicht zu denken war. Obwohl, wie wir auf genaue Erkundigung erfuhren, die jüdische Gemeinde zu Bologna 820 bis 850 Mitglieder zählt, hatte die Synagoge nur 72 Sitzplätze; für den Feiertags Gottesdienst wurde die

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