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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 782 Nr. 42 M. Blöch's Wochenschrift wurfs, mit bestürzten Augen und einem von Fasten heißen, äusgetrockneten Athem in die Ohren: „Wie, mein Sohn: An der Schwelle, vielleicht zum ewigen Heil, wolltest du uns also verlassen?!" („Die Zeit.") Wandlungen. Es ist beinahe schon hundert Jahre her. Links von der Landstraße, die von der nur eine Wegstunde entfernten Stadt in das Dorf führte, das eigentlich nur ein Judenort war, weil in der Stadt kein Jude wohnen durfte, hart am Eingänge in die Gasse, lag das Schloß; rings um dasselbe herum zogen sich tiefe Gräben, in welchen Schilf und Rohrbomben wuchsen, und eine Brücke führte in das Einfahrtsthor. Es war vor alten Zeiten ein Ritterschloß. Von der letzten Biegung der Straße hervor, erklang Pferdegetrappel; deshalb beeilte sich das kleine Mädchen, das eben mit einem Kübel Milch aus dem Schlöffe kam, schnell die Brücke zu passiven. Die Herrschaft mit ihrer Jagdgesellschaft kam aber mit solcher Hast herangaloppirt, daß das Mädchen, um nicht überr.tten zu werden, sich auf einen der hohen Ecksteine an der Brücke stellen mußte. Indem der Schloßherr an der Kleinen vorübersprengte, kehrte er die Peitsche in der Hand um, und in roher Lustigkeit stieß er das Kind mit dem Schaft vor die Brust, daß es rücklings in den Graben fiel. „In die Pfütze mit der Judenbrut" lachte er laut auf, und die Gesellschaft mit ihm! Das arme Mädchen wäre im Moraste erstickt, wenn nicht in demselben Augenblicke eine kräftige Hand von der Böschung herab sie ergriffen und herausgezogen hätte. Es war die Hand eines jungen jüdischen Hausirers. Dieser, auf dem Wege in das Schloß, war in einiger Entfernung Zeuge des Borgefallenen gewesen und eilte herbei, um Hilfe zu leisten, so daß kein größeres Unglück die Folge war, als daß die Gaffe an diesem Tage ohne Milch blieb. Der Hausirer begab sich hierauf in's Schloß. Er trat in die Gesindestnbe und die Knechte und Mägde beschauten leine Maaren und handelten. Aber von der herrschaftlichen Tafel schallte es schreiend und lärmend herab, es sollte singen heißen und sie thaten ihr Bestes. Lautes Gelächter und Hundegeheul drang durch die offenen Fenster heraus. Dort war ein Schmausgelage, wie Tag für Tag; Wein floß in Strömen und die Hunde fraßen mit der Herrschaft; dann und wann wurde auch eine dieser Bestien von den Junkern geküßt. Den Hausirerjuden ließ man heraufholen, aber nur um Spott mit ihm zu treiben. Sie goßen ihm Wein in einen Strumpf und zwangen ihn mitzutrinken. Dann ging's an's Spielen. Ganze Viehtriften und Bauernhöfe wurden auf eine Karte gesetzt. Es waren keine zehn Jahre verstrichen, als der gnädige Herr als armer Mann am Bettelstäbe von Haus und Hof wanderte und der Herrensitz von einem reichen Juden gekauft wurde, und dieser war derselbe, der dort zum Spott und Gelächter gedient, dem man Wein in einen Strumpf eingeschenkt und auf den die Hunde gehetzt wurden, daß er an Leib und Leben zitterte, wobei sich die Gesellschaft schieb zu Tode lachte. Der neue Gutsbesitzer hatte ein Weib. Es war dies kein anderes, als das ehemalige Milchmädchen, das er aus dem sumpfigen Schloßgraben gerettet. Der alte Herrensitz ward geputzt, seine Schäden ausgebeffert, die Gräben verschüttet und mit Fruchtbaumen bepflanzt. Im Hofe herrschte reges wirthschaftliches Leben und von Jahr zu Jahr strömte der Segen mehr und mehr zu. Dabei ward an Gott nicht vergessen. Aus dem ehemaligen Ahnensaale ward eine Haussynagoge, in der an jedem Sabbathe und Feiertage mit Heranziehung zehn armer Leute auL der Gaffe öffentlicher Gottesdienst abgehalten wurde und Freitag zu Nachts strahlten die Lichter des Speisezimmers über den ganzen Ort und noch weiter hinaus und Bettler von weit und breit saßen am Tische mit den Herrenleutem Die Kinder wurden auch religiös erzogen und der Alte saß noch bei seinen Urenkeln zu Gevatter bei deren Aufnahme in den Bund Abrahams. Und bei fünfzig Jahren waren wieder verstrichen. Es war schon in unserer Zeit. Der alte Herrensitz ist bis auf einige Maüerreste fast schon verschwunden und in Ackerland verwandelt. Hoch am Waldeshügel, mit herrlicher Aussicht liegt der neue Herrenhof, groß und prächtig und mit allem modernen Comfort ausgestattet. In der Gemäldegalerie hängen die kostbarsten Bilder, während einige Bilder, die einst zum Staat auf dem alten Herrenhof gewesen, jetzt als altes Gerümpel in dem Gange, der in die Gesindezimmer führt, hängen, namentlich zwei alte Portraits, das eine einen Mann mit einem Barte und einem Sammetkäppchen auf dem Kopfe, in einem Folianten lesend, das andere eine Frau mit einer Haube und einem Stirnband, daß kein Haar sichtbar war, an einem Strumpf strickend, vorstellend. Diese beiden Bilder hatten gar viele Löcher, weil die jungen Herrchen immer die beiden alten Leute als Zielscheibe bei ihrem Schießübungen benutzten. In dem neuen Schlöffe wohnte der Baron mit seiner Familie und die zwei Portraits stellten die Ahnen der freiherrlichen Familie dar. „Aber sie gehören nicht recht zu unserer Familie!" sagte einmal einer der kleinen Barone auf einen Verweis überfeinem Muthwillen, „er war ein Handeljud und sie ein Milchmädchen, sie waren nicht wie Papa und Mama." Der Sohn des alten Rabbiners der Gasse und selbst Rabbinats-Candidat war Hauslehrer auf dem Gute. Eines Tages ging er mit den kleinen Baronen und deren ältester Schwester, einem Dämchen von fünfzehn Jahren, spazieren und zwar den Weg, der an dem Platze, wo das alte Schloß ge-A standen vorüberführte. Der Lehrer sprach während des dahin-D schreitens von den großen Männern und Frauen der Geschichte, ch Seine aufmerksamste Zuhörerin war die Baronesse. Sie wärI eine gesunde, herrliche Natur, geadelt an Seele und GedankenH mit einem Herzen, das Alles mit Liebe umfing. H Bei den Mauerresten des alten Schlosses machten die, 1 Spaziergänger Halt. Die Baronesse erzählte zum Verdruss? \ ihrer Brüder von dem alten Herrenhose, vom Hausierer und! dem Milchmädchen, die sich hier zum erstenmale trafen und die dann die Stammeltern ihrer Familie wurden.! „Sie selbst wollten sich nicht adeln lassen, die alten, guten Leute" sagte sie, „mein Großvater, der Baron wurde, war deren Sohn, er soll ein sehr angesehener Mann und bei Prinzen und Prinzessinnen und bei Hoffesten zugegen gewesen sein. Es ist etwas an dem alten Paare, das mein Herz zu ihnen zieht. Wie patriarchalisch muß es auf dem alten Hofe gewesen sein, woselbst die Hausmutter sich mit Strumpf stricken beschäftigt und der alte Herr in einem heiligen Buche liest." „Das sind herrliche, vernünftige Leute gewesen", sagte der Lehrer und mit diesen Worten kam die Rede wie von selbst auf Adelige und Bürgerliche. Es war fast als gehörte der Rabbinersohn nicht dem Bürgerstande an, in solcher Weise sprach er über die Bedeutung adelig zu sein. „Es ist ein Glück, einer Familie anzugehören, die sich ausgezeichnet hat und dadurch gleichsam einen Sporn im Blute zu besitzen, um vorwärts zu schreiten in Allem, was tüchtig ist. Adel bedeutet edel. Es ist der Ton der Zeit, daß Alles, was adelig ist, auch schlecht und dumm, daß aber je niedriger man steige, Alles umsomehr glänze. Allein das ist nicht meine Ansicht. Aber wo ein Stückchen Mensch, weil er einen Adelsbrief hat, von Bürgerlichen nur als von „Leuten auf der Straße" spricht, da ist der Adel nur lächerlich und selbst schuld, wenn eine solche adelige Person der Satyre anheimfällt. Und wenn jüdische Adelige den Adel so auffassen, schänden sie damit das ganze Judenthum, weil man mit ihrer Lächerlichkeit den ganzen jüdischen Stamm belastet, während es im Judenthume von ewig her doch nur Weise, mindestens kluge Leute gegeben hat." Bei der Rückkehr vom Spaziergange fanden sie auf dem Schlosse große Gesellschaft; viele Gäste aus der Umgegend und der Hauptstadt, viele Damen meist mit Schmuck überladen und nach der letzten Mode in's Extremste gekleidet. Man sprach über Alles, über Politik, über Kunst und Wissenschaft, über Finanzen, zumeist aber über Religion. Es war damals Mode in vornehmen jüdischen Kreisen, über die Religion zu spotten. Ein junger Mann, der besonders redselig war und damit bei der Baronesse brilliren wollte, auf die er Absichten hatte, sagte: „In dieser Welt ist nichts ewig, die Erde wandelt sich um, die Schönheit vergeht, die Mahlzeiten haben ein Ende und die Religionen schwinden auch — ja, es ist eine historische Thatsache das allgemeine Gesetz des Werdens und Vergehens — auch d i e Götter vergehen." „Ja, die Götter vergehen, aber Gott bleibt", erschallte in diesem Augenblicke eine feierliche Stimme. Es war die Stimme des Lehrers, der bis jetzt still zugrbört hatte, aber bei dieser Gotteslästerung nicht an sich halten konnte.

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