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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
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«...JsSE^aagsc' ■ Dr. Bloch's Wochenschrift. Seile 781 Nr. 43 hatte nämlich einen Moment im Spalt zwischen Thür und Mauer den Schimmer der Laterne weiterleuchten gesehen. Eine krankhafte Idee, entsprungen der Erschöpfung seines Gehirns, brachte sein Wesen in Aufruhr. Er schleppte sich zu der nngewohnten „Erscheinung" hin. Und indem er sehr sanft, mit langen, vorsichtigen Zögerungen den Finger in den Spalt steckte, zog er die Thür zu sich hin . . . O Verblüffung! Durch einen Zufall hatte der Familiaris, als er schloß, den großen Schlüssel umgedreht, ehe sie noch ganz den Stein des Thürstocks berührt, so daß der rostige Riegel nicht in die Mutter hineingegangen war und die Thür m den Kerker hineinrollte. Der Rabbi wagte einen Blick hinaus. Begünstigt von einer Art fahlen Dunkelheit, unterschied er ein Halbrund erdfarbiger Mauern, durchbrochen von mehreren Wendeltreppen, und gerade vor sich, fünf oder sechs steinerne Stufen überragend, etwas wie einen schwarzen Porticus, der zu einem weiten Corridor führte, von dem man von hier unten aus blos die ersten Bogengewölbe sehen konnte. Der Rabbi streckte sich also ans und kroch bis zur Höhe jener Schwelle empor. — Ja, allerdings war es ein Corridor, doch von wie uugemessener Länge! Ein bleicherTag, das Licht eines Traumes erhellte ihn; Nachtlateruen, die von den Wölbungen hingen, gaben manchmal der dunipfen Färbung der Luft einen bläulichen Ton; — der Hintergrund des Corridors war nichts als Schatten. In der ganzen Dehnung nicht eine Seitenthür! Nur links, in Vertiefungen der Mauer, ließen kreuzweise vergitterte Kellerfenster ein Dämmerlicht durch; — es mußte das des Abends sein, denn rothe Streifen überquerten da und dort die Bodenbretter. Und welche furchtbare Stille! —Jedoch, dort unten, im Fond jener schwarzen Schatten, konnte ein Ausgang zur Freiheit führen! Die flackernde Hosinung des Juden hielt sich zäh, denn es war die letzte Hoffnung. Ohne also zu zögern, wagte er sich hinaus auf den Boden des Ganges, hielt sich an die Fensterwand und strebte mit der düstern Tünche der langen Mauer möglichst zu verschmelzen. Er kroch langsam, auf der Brust liegend vorwärts, und hielt jeden Schrei zurück, wenn es in einer frischen Wunde zuckte. Plötzlich brachte ihm das Echo dieser steinernen Allee das Geräusch von nahenden Sandalen an's Ohr. Ein Beben erschütterte, die Angst erstickte ihn; vor seinen Augen dunkelte es. Also, es war aus, ohne Zweifel! Er drückte sich mit dem Körper jn eine Vertiefung hinein und wartete, halbtodt. Es war ein Familiär. Eine Kneipzange in der Faust, die Kapuze gesenkt, schrecklichen Aussehens eilte er rasch vorüber und verschwand. Das Entsetzen, das ihn an der Kehle gepackt, hatte in dem Rabbi förmlich alle L'bensfunctionen gelähmt; fast eine Stunde blieb er liegen, ohne einer Bewegung fähig zu sein. In der Angst vor einer Vermehrung seiner Qualen, im Falle er wieder cingefangen würde, dachte er daran, inseinen Kerker zurückzukehren. Doch die alte Hoffnung flüsterte ihm ihr göttliches „Vielleicht" in die Seele, das in allen Drangsalen Trost gewährt. War doch ein Wunder geschehen! Man durste nicht zweifeln. Er begann also wieder der möglichen Entweichung entgegen zu kriechen. Von Leiden und Hunger erschöpft, zitternd vor Angst zog er sich vorwärts. Und dieser grabähnliche Corridor schien sich räthselhaft zu dehnen! Und er hörte nicht auf, vorwärts zu gehen, immer in's Finstere zu schauen, in den Schatten dort unten, wo eine rettende Thür sein mußte. Ach, Ach! wieder erschallten Schritte, diesmal langsame, düstere. Die weiß-schwarzen Formen zweier Inquisitoren, mit langen, seitlich aufgebogenen Hüten, tauchten vor ihm aus der trüben Luft da unten auf. Sie unterhielten sich mit leiser Stimme und schienen über einen wichtigen Punkt i;t Controverse, denn ihre Hände bewegten sich. Bei diesem Anblick schloß Rabbi Äser Abarbanel die Augen; sein Herz schlug, als wollte es ihm zerspringen; seine Lumpen waren von kaltem Todesschweiß getränkt; er blieb keuchend, unbeweglich, längs der Mauern, unter dem Strahl einer Laterne ausgestreckt — unbeweglich, im Gebete zu dem Gotte König Davids. Bor ihm angelangt, blieben die Inquisitoren unter dem Licht der Lampe stehen, — durch einen Zufall, den zweifelsohne ihre Diskussion verursacht. Einer von den beiden, indem er seinem Gegner zuhörte, hatte gar den Einfall, den Rabbi anzusehen! Unter diesem Blick, dessen zerstreuten Ausdruck er nicht gleich begriff, glaubte der Unglückliche schon wieder die glühenden Zangen in seinem Fleisch sich verbeißen zu fühlen; er sollte also wieder Ein Wehgeschrei und Eine Wunde werden! Halb ohnmächtig, mit versagendem Athem, zuckenden Lidern, erschauerte er unter der Berührung dieses Kleides. Doch, ebenso seltsam wie natürlich, der Blick des Inquisitors war offenbar der eines Mannes, bei sich tief mit dem beschäftigt, was er antworten soll, der ganz absorbirt ist von dem, was er anhört; die Augen waren starr und schienen den Inden anznschauen, ohne ihn 5 u s e J) e n! In der Tqat, nach einigen Minuten setzten die unheimlichen Disputirenden mit langsamen Schritten und in leisem Gespräch ihren Weg fort nach dem Kreuzweg, von dem der Gefangene hergekommen; m a n h a t t e i h n n i ch t b e m e r k t! So daß diesen in der schrecklichen Verwirrung seiner Gefühle der Einfall durchzuckte: „Bin ich am Ende gar tobt, daß man mich nicht mehr sieht?" Eine grauenhafte Empfindung riß ihn aus seiner Lethargie: als er die Mauer neben seinem Gesicht betrachtete, glaubte er von den seinigen zwei wilde Augen zu sehen, die ihn beobachteten! . . . Jn tollem momentanen Entsetzen, gesträubten Haares, warf er den Kopf zurück . . . doch nein, nein; seine Hände betasteten die Steine und überzeugten ihn, er hatte nur noch den Reflex des Blickes des Inquisitors in seinen Augen und hatte ihn unbewußt aus zwei Flecken der Manec Projicirt. Vorwärts! Er mußte rasch dem Ende zukommen, wo er (krankhaft, ohne Zweifel!) die Befreiung vermuthete, zu jenem Schatten, der nur mehr etwa dreißig Schritte weit entfernt war. Er nahm also noch schneller, auf den Knien, den Händen, dem Bauch, seinen Leidensweg wieder auf, und bald kam er in die dunkle Partie dieses furchtbaren Corridors. Plötzlich empfand der Arme elende Kälte oben an den Händen, die er auf den Boden stützte; das kam von einem heftigen Luftzug, der unter der Thür hereinstrich, zu dem der Mauergang führte. — O Gott, wenn diese Thür sich in's Freie öffnete! Ein Schwindel der Hoffnung packte gewissermaßen das ganze Sein des bedauernswerthen Flüchtlings. Er prüfte sie von oben bis unten, ohne in dem Dunkel vor seinen Augen etwas unterscheiden zu können. — Er tastete, weder Schloß noch Riegel. — Ein Drücker! . . . Er richtete sich auf; der Drücker gab unter seinen Daumen nach; die schweigsame Pforte rollte vor ihm auf. „— Hallelujah! . . . murmelte der Rabbi mit einem tiefen Seufzer voller Dankgebete, als er auf der Schwelle stand und sah. Die Thür hatte sich in die Gärten geöffnet, in die Sternennacht, in den Frühling, die Freiheit, das Leben! Hier ging es auf die nahe Ebene, die sich bis zu den Sierras zog, deren zackige blaue Linien sich am Horizont profilirten; — dort war das Heil! . . . Ah, fliehen! Er würde die ganze Nacht durch die Citronenwälder laufen, deren Düfte jeder Hauch ihm zutrug. Einmal in den Bergen, war er gerettet. Er athmete die gute, heilige Luft; der Wind belebte ihn; seine Lungen dehnten sich. Er hörte in seinem Herzen, das sich weitere, das vtzni kora8 des Lazarus. Und um noch einmal Gott zu segnen, der ihm diese Gnade gewährte, hob er die Augen zum Firmament und breitete die Arme aus. Da glaubte er den Schatten seiner Arme sich zu ihm zurückdrehen zu sehen: — er glaubte zu fühlen, wie diese Schattenarme sich um ihn legten, ihn umwanden, — und daß er mit Zärtlichkeit an eine Brust gedrückt wurde. Eine hohe Figur stand in der That neben ihm. Vertrauensvoll senkt er seinen Blick auf diese Gestalt — und blieb keuchend, irr vor Angst, mit gebrochenem Blick, schlotternden Knien, vor Entsetzen geifernd stehen. Gräßlich! Er befand sich in den Armen des Großinquisitors selbst, des ehrwürdigen Pedro Arbuez d'Espila. der ihn ansah, das Auge großer Thränen voll, und mit der Miene des guten Hirten, der sein verirrtes Schäflein findet! . . . Der düstere Dominikaner preßte den unglücklichen Juden mit einem so glühenden Ausbruch von Erbarmen an sein Herz, daß die Spitzen des härenen Büßerhemdes unter der Kutte die Brust des Mönchs wundrieben. Und während Rabbi Äser Abarbanel, die Augen unter den Lidern ganz verdreht, vor Angst in den Armen des ascetischen Dom Arbuez röchelte und dunkel errieth, daß alle Phasen dieses verhängnißvollen Abends nichts als eine vorbedachte Marter gewesen! — murmelte ihm der Großinquisitor mit einem Ausdruck tiefsten Bor-

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