Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 776 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Nr. 42 Mistelbach.Ueberall, wohin wirauchblicken mögen,sehen wir - den Antisemitismus Gift-Blüthen treiben, wir sehen ihn, wie er alles! das, was schön, gut und edel genannt werden könne, vernichtet. So hat nun auch bei uns bereits schon vor längerer Zeit diese volksvernichtende Pest an Ausbreitung gewonnen und auch ihre schädliche Wirksamkeit entfaltet. Auf Einwirken des Sohnes des früher liberalen Bürgermeisters von Mistelbach, Herrn Othmar Straß er, wurde der Turnverein durch das Ausschließen dreier Juden „judenrein" gemacht und folgte diesem lobenswerthen Beispiele auch der hiesige Radfahrclub. Der Ausschluß der israelitischen Mitglieder bei diesem Vereine führte zu lebhafter Discussion in der hiesigen Bevölkerung, da unter den zwei Ausgeschloffenen sich der in allen Bevölkerungsschichten beliebte Cultusvorstand und Holzhändler Herr Ludwig Abeles befand. Die liberalen Mitglieder dieses antisemitischen Clubs, die Herren Franz Habrich, Lehrer in Mistelbach, Rudolf Wedra, Oberlehrer aus Eibesthal, Joses Dunkl, Baumeister, und Josef Fritschftru.,Weingroßhändler, beide aus Mistelbach, meldeten sofort nach dem erwähnten Beschlüsse ihren Austritt an. Als diese „famose" Ausschließung besprochen wurde, kam in den Gasthausgarten des Herrn Richard Rieder, in welchem eben diese Sitzung abgehalten wurde, Herr Leopold Weinmann, Kaufmann in Mistelbach. Er, der von nichts eine Ahnung hatte, ging auf den Tisch, an welchem der Radfahrclub berieth, zu und fragte, ob er sich niedersetzen dürfe, worauf ihm eine bejahende Antwort gegeben wurde. Kaum hatte er Platz genommen, stand der Vorstand des Radfahrclubs, Herr Josef Lock, Notariatscandidat, auf und befragte die Versammlung, auf Herrn Weinmann, der! ein Jude ist, hinzielend, ob auch Fremde der Versanimlung beiwohnen dürfen. Antwortend dahin, meinte Herr Habrich, daß erstens eine Versammlung nur in einem geschlossenen Locale stattfinden dürfe, und zweitens, wenn schon dieselbe öffentlich abgehalten wird, eine Tafel „Generalversammlung" anzubringen sei. Herr Weinmann antwortete dem Herrn Lock, daß er mit Vergnügen einigen Herren den Rücken kehre, und entfernte sich von diesem Tische. Der Radfahrclub klagte den Herrn Weinmann wegen Ehrenbeleidigung beim hiesigen Bezirksgerichte und wurde derselbe zu 100 fl. Strafe und in die Kosten verurtheilt. Herr Weinmann meldete gegen diese Verurtheilung l en Recurs an. Hoffen wir, daß die höhere Instanz hier wahrhaft Recht sprechen werde! 0. E. Rzeszow. Die Landtagswahl von Rzeszow wird hoffentlich dem Landesausschusse und der k. k. Statthaftere! in Lemberg so Manches zu schaffen geben. Bekanntlich errang der Gegencandidat des Krakauer Universitätsprofessors Dr. I. Rosenblatt eine Majorität von blos 12 Stimmen. Nun wurde diese winzige Majorität in Frage gestellt, da es sich in der Folge herausstellte, daß nicht weniger als 20 ungiltige Stimmen auf den Candidaten der sogenannten „christlichen Partei" abgegeben wurden. Dies bot einer ansehnlichen Gruppe von Bürgern natürlicherweise Anlaß, gegen die Wahl Protest zu erheben. Niemand unterderjüdischen BevölkerungRzeszows macht sich zwar ein Hehl daraus, daß dieser Protest den friedlichen Weg aller Pro'este wandeln wird; wir meinen — in den Papierkorb. Allein es sei dieser Schritt als ehrenhafter Abschluß der aufregungsvollen Campagne zu betrachten, die wir Juden in Rzeszow mit beispielloser Zähigkeit überstanden haben. Dieser merkwürdige Wahlkampf wirft ein ungemein charakteristisches Streiflicht auf die politische und sociale Stellung der Juden in Galizien und fördert besonders die bodenlose Heucheltet des polnischen Spießbürgerthums an^ den Tag, das im Rufen nach Assimilation der Juden sich nimmer sattschreien kann. Die Candidatur des jüdischen Professors wurde auf die harmloseste Weise in der Welt lancirt; wir hegten damit gar keinen Hintergedanken, es that uns nur leid, diesen ausgezeichneten Mann in der Gelehrtenstube verkümmern zu sehen, und deßhalb beschlossen wir, dieser markanten Persönlichkeit zur parlamentarischen Laufbahn aus Leibeskräften zu verhelfen. Professor Dr. Rosenblatt kam wirklich in die Wählerversammlung, die zur Vorstellung der Candidaten einberufen wurde, und eroberte sich im Fluge die Herzen. Die noch jugendlich elastische Gestalt, die männliche Energie und das Feuer, sowie die weithin vernehmbare, hellklingende Stimme, mit denen der wackere Professor der uralten Jagellonen-Universität sein fortschrittliches Programm entwickelte, hatten etwas Grandioses und Unwiderstehliches an sich, so daß sämmtliche Zuhörer sich hingerissen fühlten und stürmischer Applaus den Redner öfters unterbrach. Besonders erhebend wirkte der Moment, als Prof. Dr. Rosenblatt in seiner Candidatenrcde sowie in Beantwortung einer Interpellation mit Nachdruck betonie, er fühle sich m i t L ei b u n d S ee l e al s I ud e, als solcher sei er von feinem Vater ouferzogen worden und als solcher werde er sterben, trotzdem er in seiner politischen Wirksamkeit als polnischer Patriot stets bestrebt sein werde, in erster Reihe die a l l g e m e i n e n L a n d e s i n t e r e s s e n zu fördern. Dagegen bot der Gegencandidat Dr. Rosenblatt's einen kläglichen Anblick. Es ist dies ein 72jähriger Greis, dem es noch am Rande des Grabes nach dem parlamentarischen Lorbeer gelüstet; seine Kniee schlotterten, als er auf der Reduerbühne dastand, und über feine Programmrede sind die verschiedenartigsten Gerüchte im Umlauf, da Niemand in Rzeszow sich rühmen kann, in der Wählerversammlung ein Sterbenswörtchen davon vernomn en zu haben, so leise lispelte der arme Greis seine staatsmännische Weisheit hervor. Aber in einem Punkte vermochte ihm der reichbegabte Krakauer Gelehrte trotz seiner glänzenden Vorzüge nicht gleichzukommen; ja, Letzterer mußte in dieser Hinsicht seinem Doppelgänger weichen. Professor Rofenblatt ist ein simpler Jude und sein Gegencandidat konnte mit Stolz auf seine christliche Abstammung Hinweisen. Diese unüberbrückbare Kluft verschlang den jüdischen Candidaten. Er mißfiel unseren andersgläubigen Mitbürgern einzig und allein wegen seiner jüdischen Abstammung. Dem Zauber seiner hinreißenden Beredtsamkeit vermochten sie sich ebensowenig zu entziehen, als wir, die Glaubensgenossen des berühmten Professors; nur der Jude, der bestgehaßte Jude, den unser Candidat nicht verleugnen wollte, der stach sie in die Augen. Die Matadore der hiesigen christlichen Bevölkerung faßten es als Schande für die Stadt auf, im Landtage durch einen Juden vertreten zu sein. Sie machten kein Hehl daraus; im Gegentheil, sie prahlten laut damit, daß sie es zu so einen Scandal um jeden Preis nicht kommen lassen werden. Um diesen „Scandal" zu verhindern wurde nun ein fanatischer Kreuzzug in Scene gesetzt. Die alte, seit jeher in Verruf gerathene jesuitische Formel: Der Zweck heiligt die Mittel! wurde durch die Gegner. Dr. Rosenblatt's wieder zu Ehren gebracht. Man war in den Mitteln keineswegs wählerisch, Lüge und mannigfaltige Fälschungen waren an der Tagesordnung. Der Wahlkampf begann unter den günstigsten Vorzeichen; von religiösem Antagonismus wenigstens war vorher nicht die allergeringste Spur. Allein die Wortführer der christlichen Bevölkerung zogen den confessionellen Hader an den Haaren herbei. Ein Berg von Leidenschaften und wildestem Racenhaß wurde aufgewühlt, um die Candidatur „des Juden" niederzuschmettern. „Der erstbeste Bettler von der Straße, sofern er Christ und nicht ein Jude!" — das war die Parole des Tages. Man setzte geflissentlich die haarsträubendsten Schreckensgeschichten in Cours, man holte ans der historischen Rumpelkammer die altbewährten Blutmärchen gegen die Juden hervor. Alles, um die religiöse Brandfackel zu entfachen. So erzählte man beispielsweise den christlichen Wählern die „grausige Mär", die Juden hätten damit öffentlich geprahlt, daß sie die Kirche in ein Wirthshaus umwandeln werden, sobald es ihnen nur gelingt, die Wahl Dr. Rosenthal's durchzuführen. Die Urheber dieses Bubenstückes werden nunmehr ihr illoyales Vorgehen vor Gericht zu verantworten haben. Allein in der Hitze des Kampfes thaten diese falschen Gerüchte das Ihrige, indem sie die Gemüther vergifteten. Es verlautete anfangs, daß die Regierung der Candidatur des Krakauer Professors gegenüber eine Art „wohlwollender Neutralität" — wie die Diplomaten das Ding zu benennen pflegen —beobachten werde. Wir sind in der Lage, auf Grund von authentischer Seite eingeholter Informationen versichern zu können, daß von einer hohen und maßgebenden Persönlichkeit aus Negierungskreisen thatsächlich eine Erklärung in diefim Sinne abgegeben wurde. Allein noch in zwölfter Stunde gelang es der Partei des enragirtesten Racenhassts, die Regierung in ihr Fahrwasser mitzureißen; die „wohlwollende Neutralität" schlug iu offene Feindschaft um. Unerforscht sind die geheimen Wandelgänge der „höheren" Politik. Was bewog eigentlich die