Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021104--04988-3029202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Dr. VLoch's Wochenschrift. ussswbv" Correspondenzen. Wien. (Momentbilder von der Straße). Um die Karmeliterkirche herum haben jeden Vormittag die Damen vom Stande ihre überlebensgroßen Leinwand- Schirme aufgespannt. Sie sitzen darunter auf umgestürzten Butten und obliegen eifrig ihrem Gewerbe und dem, was dazu gehört. Da wird gezählt — faule Zwetschken zwischen die guten hinein — und gewogen, aber fragt nur nicht wie. Diese Köchin bekommt ein Compliment—„Zuckergoscherl" oder so was — und die andere eine vollsaftigr Grobheit an den Kopf, — die ungnädigen „Gnädigen" werden durgehechelt, — die diversen Frau Sopherls und Wabis besitzen bekanntermaßen ohne Ausnahme jede ein Maul wie ein Messer. Die Wiener Marktweiber haben bereits längst ihren liebevollen Schilderer gefunden, der sich tief in die Psychologie der Fratschlerin versenkt hat und sogar das quadrillirte Unterfutter ihres Seelenlebens zum Gegenstände liebevoll eingehender Forschungen gemacht hat, daher wir uns ausschmückendes Detail füglich erlassen und gleich zur ersten Momentaufnahme schreiten können. Eine elegante Dame, die es nicht verschmäht, mit dem Einkaufskorb selber auf dem Markt zu gehen, die ist doch eine gute Hausfrau, nicht wahr? Nicht für zu nobel hält sie sich, selbst sieht sie dazu — ja, die gute, alte Zeit, wo der Kochlöffel das Scepter der Hausfrau war! Für diese Frau gilt auch, was der Dichter vom Manne sagt: „Mit jenem Herren steht es gut, der, was er besohlen, selber thut." Die Fratschlerinnen sind jedoch nicht mit Altmeister Goethe derselben Ansicht in diesem Punkt.Dasist keine Musterhausscau. bei Leibe nicht, sondern „eine jüdische Bisgurn, die den armen Madeln um die paar ehrlich (?)verdiente Netsch Körberlgeld neidig ist. . . Die Dame nähert sich einem Standel, wo Eier feil geboren werden. Sie prüft sorgfältig und verständig das Aussehen, um auf die Qualität und Frische Schlüsse zu ziehen. Das Marktweiberl wird nervös, aber sie hat so viel „Bültung", um an sich zu halten? Sie versichert die Gnädige der absoluten Frische ihrer Waare mit überftrömender Beredtsamkeit. Jeden Zweifel weist sie als Angriff auf ihre persönliche Ehrenhaftigkeit mit der Entrüstung der beleidigten Tugend zurück. ..Ah! da müßt i bitten! " Die Qualitätsfrage ist erledigt, man geht zur Preisfrage über. Das eherne Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt nicht blos für Nordbahn-und Creditactien, sondern auch für Eier und Zwiebel. 32 will man für einen Gulden ablassen — mehr nicht. Die „Jüdin" droht in Ohnmacht zu fallen. 34 will sie haben und macht Miene, fortzugehen. „Nehmen sas Gnädige," ruft ihr die Verkäuferin nach, erbittert, verzweifelt, sie verliert ihr bares Geld, die Eier kosten ihr selber viel, viel mehr u. s. w. Sie beginnt unter Klagen und Betheuerungen die Eier der „Jüdin" in den Korb zu zählen. Sie trennt sich von jedem einzelnen so schwer, als ob sie es selber gelegt hätte. Beim 33. Ei erhebt die Käuferin eine bescheidene Reclamation. Es weist einen Blutstropfen auf und scheint auch sonst nicht ein Ei erster Güte. Da braust der lange verhaltene Groll im Weibe aus dem Volke auf. „Umtauschen a no, das war so was? Gar ka Gspur von aner Idee! Schaut's dö gschnaufte, secante S . . jüdin an. Glaub'ns denn, dös san Mazzes. Da hams dös Eier mitsamt n'Bluatstropfen." Und schon rann der Dotter der unvorsichtigen Käuferin von der Nase herab und — krach! — hatte sie auch schon Nummer 34 mitsammt den Schalen mitten im Gesichte kleben und gelbe Bächlein rannen trübselig und dickflüssig die Wangen herab, einzeln oder auch sich vereinigend, wonach sie immer das Tempo ein wenig beschleunigten. Leider war kein Stenograph zur Stelle, der den Wortschwall — 350 Worte und was für Worte — jedes ein Nachttopf und kein leerer — die Minute! — ausgenommen hätte. Das Aufsehen, welches die Scene machte, war coloffal. Man weiß, wie die lieben Wiener sich für einen entflohenen Kanarienvogel interessiren und daß ein gestürztes Komfortabelroß für sie die Bedeutung eines weltgeschichtlichen Ereigniffes gewinnt. Der Karmeliterplatz war in Aufruhr, die Taborstraße vom Taumel ergriffen, der sich bis in die entlegensten Seitengäßchen fortpflanzte. Der Tramwayverkehr mußte sistirt werden und die Glocken, wenn wir nicht irren, wurden geläutet. Jeder wußte, daß etwas Großes geschehen sein müsse, aber die wenigsten was. Bermuthungen abenteuerlichster Art schwirrten in der Luft herum. „Der Lueger legt in der Karmeliterkirche die Profeß ab" — „die Socialisten haben das allgemeine und Seite 775 direkte Wahlrecht bekommen" — „Der Blasel ist zum Ministerpräsidenten ernannt worden und fahrt gerade sechsspännig mit weiße Schimmel und Vorreiter in die Hofburg! Hoch! hoch!" — Man hat zuverlässige Nachrichten darüber, daß zwei weiche Eier ins Gesicht nicht zu den Reizen dieses Daseins gehören. Zum Glück stand ein Mann der öffentlichen Sicherheit in der Nähe, der die ihm bekannte Frau — Hofräthin in seinen Schutz nahm und die allzu resche Eierdame arretirte und escortirte. Erneuertes Aufsehen und Spektakel. Ein kleines Bormittagsrevolutiönchen! Wir wollen nicht im mindesten daran zweifeln, daß der Polizist ebenso energisch eingeschritten wäre, wenn eine — Jüdin diese Art Eierspeise verabreicht erhalten hätte. Diesmal hatte eine Urwiener Christenfra n das zweifelhafte Vergnügen, mit der Auslese aus dem antisemitischen Schimpfwörterlexikon regalirt zu werden. Die Frau Hofräthin ist übrigens eine sehr distinguirte, feine Dame, die jedes Aufsehen vermeidet, und ihr, gerade ihr mußte s o was passiren. * * * Ein anderes Momentbildchen. Ein junges Mägdlein trippelt beflügelten Schrittes durch die Straßen. Sie ist offenbar Jüdin — gar kein Zweifel. Eine pikante orientalische Schönheit. Und der schöne, schwarze Zopf. So viel und so langes Haar. Es erregt sogar die Bewunderung der halbwüchsigen Straßenjugend. Die Rangen folgen ihr johlend, höhnend, schimpfend und schreiend. Ein besonders Frecher saßt sogar den Zopf mit seinen schmierigen Pfoten an, wiegt ihn mit Kennermiene in der Hand und fragt wohlwollend das zu Tode geängstrgte Mädchen; „Sarahleben, ist der auch echt?!" Allgemeine Heiterkeit ob dieses kostbaren Geistesblitzes. Schade, ewig schade nur, daß die junge Dame gar nicht Sarah hieß, keine Jüdin war, sondern das Töchterchen des gut katholischen SüdbahnbeamtenKikala. Der Antisemitismus hat, wre man sieht, für die christliche Bevölkerung auch seine Annehmlichkeiten. Gr.-Fr. Wien. (Jüdische akademische Lesehalle.) Freitag den 11. October übernahm in der ersten Ausschnßsitzung dieses Semesters Präses med. Heinrich Loebl die Leitung des Vereins. Dem Ferialausschusse und insbesondere seinen Leiter med. Karl Pollak wurde für seine umsichtige Thätigkeit der Dank und das Absolutorinm votirt. Die statutenmäßige Plenarversammlung wurde für Mittwoch den 23. Ocrober um 6 11 hr anberaumt. — Wir werden Gelegenheit finden, über diese ausführlich zu berichten und dabei ein Bild von der Thätigkeit des Vereins im letzten Semester zu entwerfen; wir können es nicht unterlassen, jene Kreise, die bei den jetzigen politischen Verhältnissen die Hoffnung verloren haben dürften, der Wiener Bevölkerung jemals den Antisemitismus abzugewöhuen. aufzufordern, die jüdische, akademische Lesehalle;u unterstützen. Es müssen im Anfänge dieses Semesters große Geldmittel aufgebracht werden, da die Lesehalle durch Veranstaltung von von Turn- und Fechtcursen für die körperliche Ausbildung ihrer Mitglieder sorgen will, ferner eine Menge neuer Zeitschriften zu abonniren beabsichtigt, sowohl solche in deutscher, als auch solche in böhmifcher. ungarischer und polnischer Sprache. Durch eine reichhaltige Bibliothek soll die Lücke, welche die jüdischen Studenten in ihrer Bildung bezüglich der jüdischen Geschichte und Literatur aufweisen. ausgefüllt werden, nnd'es wäredaherder Vereinsleitung höchst willkommen, wenn Zeitschriften und Bücher, eventuell unter der Bedingung, sie leihweise, für die Dauer des Bestandes der Lesehalle, zu überlassen, übersendet würden. Der Jahresbeitrag beträgt für „Förderer" fl. 5, doch sind auch kleinere Spenden erwünscht. Das Bereinslocal beffndet sich im IX. Bezirk, Harmoniegaffe 8. Wir schließen mit der Aufforderung. bei Hochzeiten, Festen und Wetten der jüdischen akademischen Lesehalle zu gedenken. Brünn. (Aus ärztlichen Kr ei sei:.) Bekanntlich bildet die Tnbecculose und Lungenschwindsucht, welche zu den verbreitetsten Krankheiten gehört und erwiesenermaßen den siebenten Theil aller Todesfälle ausweist, noch immer den; Gegenstand eingehendsten Studiums. Seit der epochemachenden Entdeckung des Koch'schen Tuberculins, welches sich jedoch für die Behandlung dieser furchtbaren Krankheit ungeeignet erwies, ist man allgemein, namentlich in den geschlossenen Heilanstalten, zum hygienisch-diätetischen Heilverfahren zurückgekehrt, da dieses bis jetzt die besten Heilresultate lieferte. Dieses Verfahren beruht in Wesenheit darin, den Organismus möglichst zu festigen und zu kräftigen, damit er den Kampf gegen den eingedrungenen Bacillus mit Erfolg bestehe,: könne. Um dieses Verfahren an Ort und Stelle genau zu studiren. hat sich der hiesige Arzt Med.-Dr. Fried zu längerem A isenthalte nach Deutschland begeben und will nunmehr ans Grund der gewonnenen günstigen Erfahrungen dieses H'ilversahren der Tuberculose und Lungenschwindsucht auch in die h'erländische Praxis einführen.