Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021104--04987-3029201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 774 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 42 wie Sie: ich bin ordemlicher Professor an der hiesigen Universität Kotschubinsky," antwortete kaltblütig der Letztere. — „Das ist eine verfluchte Stadt: hier kann man die Juden von den Professoren nicht unterscheiden!" ... Beim Gouverneur wird Thee getrunken', einer der Anwesenden bemerkt, daß die Milch sehr gut sei, und erkundigte sich bei der Frau Seleny, wo sie die Milch beziehe. Die Wirthin antwortete, daß ihr die Milch eine Jüdin bringe. — „Wie! eine Jüdin bringt uns die Milch! Sie darf uns keine Milch bringen," sagte zornig der „liebenswürdige" Wirth und warf die Milchkanne mit Milch zu Boden. Des anderen Tages wurde natürlich der Jüdin gesagt, daß sie keine Milch mehr bringen soll. Ein paar Tage vergehen und Seleny constatirt die Thatsache, daß die Milch nicht mehr gut sei. so daß er vor der Gattin den Wunsch äußert, daß wieder dieselbe Jüdin die Milch bringen solle. Es stellte sich aber heraus, daß Niemand von der Dienerschaft die Adresse dieser abgewiesenen Milchsrau wußte. Der findige General telephonirte sofort, etwa um 9 Uhr Abends, dem Polizeimeister H. Bunin: „Man suche die jüdische Milchfrau ans. die so und so aussieht und führe sie sofort zu mir." Der Polizeimeister gab seinerseits den Befehl des Gouverneurs den säinmtlichen Schutzleuten und die ganze Polizei ist auf den Beinen; jeder der Polizeibeamten gibt sich alle Mühe, um die „Berbrecherin" zu finden, die sofort vor Seiner Exeellen; erscheinen muß. Die ganze Vorstadt Moldawanka (wo die Arbeiter wohnen) brachte man in Aufruhr und einem „Glücksvogel" Polizeirevier-Aufseher gelang es endlich, die Jüdin zu entdecken. Da es bereits gegen ein Uhr Nachts war. so sperrte man das „arme Weib" ins Gefängniß und um neun Uhr Früh führten der Polizeim-ister,Polizeirevier-Anssch er und zwei Schutzmänner oie„Berbrechecin" dem schrecklichen Gouverneur vor und nun begann folgender Dialog: „Hast Du mir früher Milch gebracht?" — „Juvohl, Euer Excellenz!" — „Fahre fort, mir auch fernerhin Milch -u bringen." — „Bei mir kcevirte die Kuh, Euer Ex'ellenz, ich habe keine Milch mehr." — „Da hast Du 103 Rubel, kauf' dir eine Kuh und bringe Milch." Die Poli^eibeauten rissen den Mund vor Erstaunen auf und sahen einander fragend an. Wien, 16. October 1895. Löbliche Red action! Auf Grund des § 19 P.-G. ersuche ich Sie, folgende Berichtigung in der nächsten Nummer Ihres Blattes erscheinen zu lassen: Es ist unwahr, daß ich für die antisemitischen Gemeinderathscandidaten gestimmt und eisrigst agitirt habe. Es ist unwahr, daß ich ein enragirter Antisemit bin und des lieben Gewinnes wegen es der Mühe werth finde, bei den Jüdinnen um die Kundschaft zu betteln, entschieden unwahr, daß ich jemals meine jüdischen Kundschaften beschimpft habe. Hochachtungsvoll I. Beutel II. Bezirk, Schreigasse. Wir nehmen mit Befriedigung die Erklärung zur Kenntniß, da es uns fern liegt, Herrn I. Beutel ein Unrecht zuzufügen. Die Redaction. Wie soll mau beten? Während der hohen Feiertage habe ich wiederholt die Wahrnehmung gemacht, daß die Art und Weise, wie die Gemeinde betet, im höchsten Grade reformwürdig ist. Da gibt es Leute, die Alles wissen wollen, und unbeschadet darum, ob der Nachbar in seiner Andacht gestört wird, den N i g e n der betreffenden Betstelle Vorsingen oder vorschreien und, was das Schrecklichste ist, falsch Vorsingen. Andere wieder zeigen ihre Fertigkeit im Textlesen, entledigen sich aber derselben nicht immer mit der größten Correctheit, und das Merkwürdigste dabei ist, daß diese Kategorie von Andächtigen stets mit Erlzugsgeschwindigkeit ihr Pensum erledigt. Ich war ganz sprachlos, als mein Nachbar die große Muffaf Roschhaschono Schemoneffra fertig brachte, bevor ich, der ich mich auch ein wenig auf's Hebräischlesen verstehe, es kaum bis zur Hälfte derselben gebracht habe. Es unterliegt keinem Zweifel, daß derartige Unarten, und so muß man sie nennen, die Andacht stören und man steht diesen Verhältnissen hilf- und machtlos gegenüber. Will Jemand nicht beten, so bleibe er hübsch still, es zwingt ihn Niemand dazu, aber so thun, als ob man beten würde und! ganze Stellen zu „überhuppern", wie der treffende Ausdruck lautet, ist doch nicht am Platze. Eine weitere Unart ist das sogenannte „Zuhalten" der Meschorerim — etwas Geschmackloseres als dieses Nachklingen des vom Cantor angegebenen Tones kann es nicht geben; ich möchte es das „Mauscheln" der Synagoge nennen. Wenn in einem solchen Moment ein Andersgläubiger den Tempel betreten und das hören würde, ich könnte es ihm nicht verdenken, wenn er in ein homerisches Gelächter ausbrechen würde. Anstatt zur Andacht zu stimmen, wird das Gegentheil erzielt. Sulzer, der Begründer unseres liturgischen Gesanges, hat das stets perhorrescirt, da der Zweck, dem Cantor eine Ruhepause zu reserviren, nicht erreicht wird. Die größte Unart aber ist das Hin- und Hergehen beim Verlesen der Thora. Keiner wird es in der Ordnung finden, wenn während der Predigt, und sei sie noch so mäßig, Geräusch verursacht oder gar hin- und hergegangen wird. Wenn man aber das Wort Gottes, die Bibel, verkündet, va scheint es Vielen gerade recht zu sein ein Plauscherl zu machen und Acht zu geben, wie viel der 36 oder I spendet. Damit im Zusammenhänge stehen die vielen unnützen Mischeberach. Jeder Vorgerufene lasse höchstens zwei Mischeberach machen, damit erstens der Cantor, der ohnehin an diesen Tagen viel zu leisten hat, nicht ermüdet und zweitens um mehr die Aufmerksamkeit auf das Lesen der Thora zu concentriren. Derjenige, der eine Spende machen will, möge sie collectiv in einem Mischeberach zusammenfaffen; das würde den Gottesdienst nicht unnöthig verlängern, ihn viel würdiger gestalten und dann der Großthuerei, der wir doch im Gotteshause vorerst aus dem Wege gehen sollen, ein Ziel setzen. Bor Gott sind wir Alle gleich, warum soll man auch an geheiligter Skätte daran erinnert werden, daß es sociale Unterschiede gibt? Man bete daher leise, vermeide jede Störung und sei stets des Satzes eingedenk: „Wisse, vor wem Du stehst". S. W. Versammlung ungarländischer Rabbinen. Budapest, 15. October. Heute Nachmittags hielten die Rabbiner der ungarländischen israelitischen R e l i g i o n s gemeinden eine Conserenz in Angelegenheit der Stellungnahme zu den kirchenpolitischen Gesetzen ab. Es hatten sich ungefähr 100 Rabbiner zu derselben eingefunden und wurden folgende Beschlüsse gefaßt: Die auf Schließung und Auflösung der Ehe bezüglichen mosaischen Gesetze bleiben auch ferner in ihrem Umfange aufrecht und bindend. Das Aufgebot der Ehe wird auch ferner beibehalten. Wenn die Brautleute in verschiedenen Orten wohnen, sind sie an beiden Orten zu verkünden und haben dieselben die erfolgte Verkündigung dokumentarisch nachzuweisen. Geburts-, Trauungs- und Sterbematrikel sind weiterzuführen, aus der Geburtsmatrikel ist die auf Abstammung bezügliche Rubrik wegzulaffen. Die Matriken werden sämmtlich vollständig unentgeltlich geführt. Alle Punkte des Vorschlages mit Ausnahme eines auf gemischte Ehen bezüglichen wurden einstimmig gefaßt. Letzterer, welcher lautet: „Eine gemischte Ehe kann, obwohl die Rabbiner deren Giltigkeit in ihrer bürgerlichen Beziehung vollkommen anerkennen, weder durch Trauung noch durch Segen oder eine andere religiöse Function die Weihe erhalten", wurde mit allen gegen Eine Stimme abgelehnt. Die Conferenz wird Freitag fortgesetzt. Der Kaiser in der Synagoge zu Agram. Anläßlich des Allerhöchsten Besuches in Agram wurde die israelitische Gemeinde durch den kaiserlichen Besuch im Tempel ausgezeichnet. Vor dem israelitischen Tempel bildeten weißgekleidete Mädchen mit Schärpen in nationaler Farbe Spalier. Der Kaiser wurde vom Rabbiner Dr. Jakobi und dem Vorsteher Siebenschein in den hell erleuchteten Tempel geleitet, wobei der Chor einen Lobgesang mit Orgelbegleitung anstimmte. Der Kaiser begab sich auf das Emporium, während der Banns und die Suite des Kaisers zurückblieben. Der Rabbiner dankre in croatischer Sprache dem Kaiser für die den Israeliten erwiesene Huld und sprach über ihn den Segen, worauf der Chor die Bolkshymne mit croatischem Text sang, unter deren Klängen der Kaiser sich entfernte. Beim Abschiede drückte er gegenüber dem Vorsteher und dem Rabbiner seine Befriedigung aus über das Gesehene. Die Menge begrüßte den Kaiser bei der Abfahrt mit stürmischen Ziviorufen.