Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 772 Dr. Blvch's Wochenschrift- Sir. 42 Landeshauptstadt beherbergt seit Kurzem 2000 Mann bosnisches Militär und die braven Mohammedaner folgen bekanntlich in puncto Fleischgenufses dem verruchten Beispiele der Juden und cffen nur Fleisch von geschachteten Thieren. Da hat denn die Grazer Stadtvertretung, welcher gegen ein entsprechendes Relutum die Sicherstellung der Verpflegung der Garnison obliegt, mit einem christlichen Fleischhauer die Lieferung geschächteten Fleisches abschließen müssen und dieser hat — nicht etwa einen Juden — sondern einen bosnischen Soldaten mit der Function des Schächtens betraut. Das ist doch ein lustiger Nachtrag zu der seinerzeit so sensationellen Grazer Schächtaffaire! Aber wir wiffen noch eine zweite lustige Episode desselben Genres: Dieser selbige Gemeinderath hatte der Grazer Judenschaft ausgetragen, eine Windemaschine zur Schonung der Thiere beim Niederwersen anzuschaffen. Um allen nachträglichen Recriminationen über die Qualität dieser Windemaschine zu entgehen, stellte es die Grazer Cultusgemeinde dem Gemeinderathe anheim, diese Maschine selbst zu beschaffen und erklärte sich zur Zahlung der Kosten per 150 fl. bereit. Bon dem Augenblicke an, wo die Cultusgemeinde in so bereitwilliger Weise auf die Intention des Gemeinderathes einging, ist es von der Anschaffung der Windemaschine und dem Vorwurf der Thierquälerei still geworden und Niemand denkt mehr daran, auf der Ausführung des Auftrages zu bestehen! — Nichts dauert ewig, auch die schönste Judenhetze wird schäbig! Judengelder für christliche Kirche. Unter dem Titel: „W ie man in Byzanz Kirchen baut" bringt die conservative Berliner „Socialreform" einen Artikel, dem Folgendes zu entnehmen ist: „Die ursprünglich völlig freiwilligen Sammlungen für die dem Andenken des alten Kaisers geweihte Kirche brachten nur klägliche Erträge. Da berief der Oberhofmeister der Kaiserin die Berliner Collectanten und hielt ihnen eine kleine, eindringliche Rede. Es handle sich darum, möglich viel Geld zusammenzubringen. Wenn sie auch Juden aufsuchten und von ihnen Geld bekämen, so schade das nichts. Die Collectanten ließen sich das natürlich nicht zweimal sagen. Jedenfalls ist ein ganzer Theil „unchristliches" Geld — der officiöse Kirchenhaubericht spricht euphemistisch von „50.000 Mark Beiträgen der Nichtprolestanten" — dem Kirchenbaufonds aus diesen Bemühungen zuqefloffen. Einer der ersten Geldspender soll der in Berlin wohlbekannte Herr Goldberger gewesen sein, den einst der Druckfehlerteufel zum Herrn Goldborger gemacht hatte. Es wurde übrigens versucht, den Freiherrn v. Mirbach von jeder Verantwortung dafür rein zu waschen. Es wurde behauptet, der Beschluß, auch bei Nichtprotestanten zu sammeln, sei wider seinen Willen gefaßt worden. Wäre dem wirklich so. hätte Freiherr v. Mirbach gut gethan, offen mit seinem Namen hervorzutreten. Jedenfalls hat er den Beschluß zur Ausführung gebracht und dadurch mit seinem Namen gedeckt. Trotz aller Weitherzigkeit, mit der die Sammlungen für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnißkirche veranstaltet wurden, wollte das nötbige Geld nicht Zusammenkommen, zumal der ursprüngliche Anschlag um immer neue Hnnderttausende überschritten wurde. Immer prunkvoller sollte der Bau werden, um den schlichten alten Kaiser genügend zu ehren.. Sogar an die freisinnig-social-demokratische Berliner Stadtverordneten-Versammlung trat Freiherr v. Mirbach heran, um sie zur Hergabe von 300.000 Mark zu bewegen. Er wendete sich zu dem Zwecke an den Mann, den er mit Recht für das einflußreichste Mitglied der Versammlung hielt, an den social-demokratischen Parteiführer Singer. Diese Nachricht konnte nur Uneingeweihten unglaublich scheinen. Der social-demokratische ..Vorwärts" meldete vor einigen Wochen, Freiherr v. Mirbach habe seinerzeit mit Singer und dem social-demokratischen Hutmachergesellen Borgmann wegen Bewilligung der 300.000 Mark verhandelt. Diese Nachricht ist. obwohl sie in fast alle Zeitungen überging, unwidersprochen geblieben. Wäre sie nicht wahr, so hätte Freiherr v. Mirbach sie sicher, ehe er seine vierwöchentliche Erholungsreise nach der Schweiz antrat, durch eines der ihm zur Verfügung stehenden Blätter dementiren lassen. Eine eigene Ironie der Thatsache wollte es. daß die Beziehungen des Oberhofmeisters der Kaiserin zu dem social-demokratischen Häuptling in dem Augenblicke bekannt wurden, als von . höchster Stelle alle guten Deutschen zum Kampfe gegen die vaterlandslose Rotte aufgerufen wurden, deren Führer eben dieser Singer ist. Stöcker und Bleichröder. Interessant ist die Aufklärung eines dem Fürsten Bismarck nahestehenden Blattes über die Gründe, welche den Fürsten abhielten, Slöcker's Bestrebungen zu begünstigen. Diese Aufklärung lautet: Da den Juden in der preußischen Verfassung eine Ausnahnrsstellung zugewiesen ist, so ist, wenn man sie nicht umbringen oder zur Auswanderung zwingen will, wie die Hugenotten und die Salzburger Protestanten, kein Minister in der Lage, amtlich gegen die Juden Stellung zu nehmen, zumal die Verfassung des deutschen Reichs die politische Gleichberechtigung aller Bete n t n u i s s e ausdrücklich verbürgt. Was hätte Fürst Bismarck also thun sollen, um den Beifall des Herrn Stöcker zu erwerben? Zudem ist dem Letzteren nicht unbekannt, daß Herr von B l e i ch r ö d e r im Jahre 1866, als unmittelbar vor dem Kriege der damalige Finanzminister von Bodelschwingh die Flinte ins Korn warf und König, Heer und Vaterland im Stiche ließ, zuversichtlich seine Karte auf die muthvolle Entschlossenheit der Bismarck'schen Politik und die Tapferkeit des preußischen Heeres setzte und die Mittel zum Kriege bereitstellen half. Das hat ihm die hochherzige Dankbarkeit Kaiser Wilhelm's I. niemals vergessen. Beim Friedensschlüsse mit Frankreich und auch bei manchen anderen politischen Anlässen hat Herr von Bleichröder dann wiederum sehr wichtige Dienste geleistet, er hat für patriotische Zwecke stets eine offene Hand gehabt, was unter Anderm auch aus Louis Schneider's bekanntlich von Kaiser Wilhelm selbst revidirten Memoiren ersichtlich — nach dem Allen war es also im höchsten Grade unpassend, in solcher Weise über Herrn von Bleichröder an den Kaiser zu schreiben. Herr Stöcker war jedenfalls nicht im Unklaren darüber, daß das von ihm getadelte Erscheinen der Hofgesellschaft a u f F e st l i ch k e i t e n im B l e i ch r ö d e r's ch e n H a u s e a u f dem ausdrücklichen Wunsche des verewigten Monarchen beruhte, der für alle diese Dinge doch wohl mindestens ebenso viel Einsicht, Tact und Berständniß besaß, wie derHosprediger. Daß Fürst Bismarck es ablehnte, Bestrebungen zu unterstützen, die auf die Bildung eines protestantischen Centrums neben dem katholischen hinausliefen, ist ihm in jenen Kreisen niemals vergeben worden. Dies zur historischen Richtigstellung. Arische Lebensmittelfälschung im Mittelalter. Die Art der Verfälschung der Maaren wird an einer Stelle eines Fastnachtsspieles so angegeben: „Dein saffran hast zu Fenedig gesackt, Und hast rintfleisch darunter gehackt, Und melst unter negelein gepets Prot, Und gibst für lorper hin geißkot, Und fichtenspen für zimmcntrinten, Und nimmst das laup von einer lintcn, Darmit tust du den Pfeffer meren, Tust unter mantel pfirsingkeren Und unter weinper muckenkops, Für muskat aichenlaubes knöpf Und muckenschwamen für rusin Und gibst hutzeln für feigen hin". Keller 1, 478. Im Jahre 1523 wurde berechnet, daß von den Handelsgesellschaften allein aus Lissabon 36.000 Centner Pfeffer, 24.000 Centner Zimmet u. s. w. erngeführt würden; diese Maaren würden vielfach verfälscht. Reichstagsacten 38,241—271, sin Frankfurter Archiv. > Hammerstein — ein außergewöhnlicher Mensch. Herr von Sonnenberg hatte vor einigen Tagen mit Bezug auf Herrn v. Hammerstein wörtlich Folgendes geschrieben: „Wie Alles bei diesem a n ß e r g c w ö h n l i chen M en s ch e n, so haben auch seine Vergehungen einen Zug ins Groß e." Wie diese merkwürdige Verherrlichung aufzufassen, commentirt Julius S t e t t e n h e i m in folgenden, der „Frankfurter Ztg." zur Verfügung gestellten Versen: So ist's! Der Herr von H a mm e r st e i n — Schreibt Sonne nberg, der Sänger — Ist extraordinär, ist kein Gewöhnlicher Bauernfänger. Zwar ist er, entre nous, kein Gemüth, Doch auch, dem Urtheil irutzend, Kein philiströser Alltagsbandit, Kem Gauner aus einem Dutzend. Er ist aus altem Stammbaum geschnitzt. Nicht aus dem Brennholz gezimmert Wie Einer, der vor Geschwornen sitzt. Und um den kein Mensch sich bekümmert. Als Edelspitzbub steht er da, Als Fledd'rer vom ältesten Adel, Ein oberer Zehntausendsassa, Ein Lump ohne Furcht und Tadel. Er unterschlug nicht kleinlich das Geld, Das man ihm gab zu verwalte», Großartig that er's als wie ein Held Hat er gleich Alles behalten.