Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42 Seite 767 ^^<r-;.~>.”>-»-'**«äe»«*»®^'"i . Dr Vlvch's WochrnfchrM untereinander zu verschieden, um. ein gemeinsames Ideal dazustellen. Rahel Levin, die bekannteste der von der „Neuen Freien Presse" erwähnten Frauen, hat jedenfalls nicht verstanden, sich in ein derartiges freiwilliges Ghetto zurückzuziehen, sieht nran von ihrem Uebertritt zum Christenthum ab, so berührt es doch jedenfalls peinlich, daß die damaligen Antisemiten, die Achim, Brentano, Fichte rc., die in gewissem Sinne die Vorläufer der jetzigen Bewegung waren, wenn die Formen dieser Bewegung ihnen auch keine Freude gemacht hätten, zu den Vertrauten ihres Salons gehörten. In dem bekannten Brief an ihren Bruder Robert gesteht sie ja auch zu, daß nicht das Volk, sondern die .Professoren, höhere Kreise und ihre Freunde die Träger der Bewegung seien. Es ist ja eine feinere Form der Eitelkeit, mehr mit seinem Geiste als mit seinen Juwelen zu glänzen, aber es ist schließlich dieselbe liebe Eitelkeit. Jede Zeit hat ihre Ideale und ihre besonderen Aufgaben, wir wollen deshalb dieser älteren Generation den edleren Lebensgenuß nicht nach ihrem Dahinscheiden mißgönnen, unser Leben indessen wird es nicht voll ausfüllen dürfen, unser Leben ist zu schwer und ernst geworden, um im Lebensgenuß Genüge zu finden, und sei es auch ein edlerer. Das deutsche Leben damaliger Zeit erschöpfte sich in einen esoterischen Literaturgenuß, an dem die Masse des Volkes nicht theilnahm, wie dies treffend unter Anderem in Buckle's Geschichte der Civilisation Englands dargelegt ist. Wohlweise Regierungen bannten so erfolgreich die Hexe Politik, daß alle Kräfte sich den Interessen der Literatur, widmeten und die Blüthe des Burgtheaters Hand in Hand mit dem Verfall des Gemeinsinnes ging. Es ist immer ein Zeichen der Stagnation, wenn die Literatur völlig Selbstzweck ist und den Zusammenhang mit den Aufgaben des Tages verliert. Bei der Demokratisirung der Gesellschaft, die sich täglich mehr. und mehr vollzieht, können wir auf diese verjährten Ideale nicht.zurückgreifen, wir müssen vorwärts und nicht rückwärts gehen. Ich lese eben von einem gewissen Josef Jzchak aus Saraki in Bessarabien, der vor einigen Tagen verstorben ist und der am Freitag Abend alle Armen aus der Synagoge mit sich nach Hause zu nehmen pflegte. Darin scheint mir doch ein noch edlerer Lebensgenuß zu liegen —• wenn man. hier noch das Wort Genuß anwenden darf, als in der Freundschaft Rahells zu Goethe. Hier könnten wir den Idealen unserer Vergangenheit zur Verwirklichung verhelfen, die sich merkwürdig mit den Idealen der Jetztzeit decken. Es geht unverkennbar — auch wenn man mit den Bestrebungen der socialdemokratischen Partei nicht einverstanden ist — ein starker socialer Zug durch die Welt. Es dürfte wohl eine der Ursachen der liberalen Niederlagen sein, daß man auf liberaler Seite diesen Zug nicht begriffen hat. Wir hätten ihm in doppelter Weise Rechnung zu tragen. Einmal durch die Fürsorge für die „Enterbten" unter unseren Glaubensgenossen, die ja zu allermeist unter der Bewegung leiden. Als Lueger sich noch nicht zu seiner jetzigen Höhe entwickelt hatte, wies er (Februar 1890) auf den natürlichen Interessengegensatz zwischen ärmeren und reicheren Juden hin. Es gilt diesen Gegensatz auszugleichen; außer der allgemeinen Menschenpflicht verpflichtet hierzu die Thatsache, daß die ärmeren für den Reichthum ihrer wohlhabenderen Glaubensgenossen leiden — und zwar leiden ohne entsprechende Gegenleistung. Aber auch eine politische Action ist am Platze. Der Gedanke eines politischen Zusammenschlusses der Juden wird ja bei allen Parteien auf Widerstand stoßen. Das darf uns indessen nicht hindern, im Gegentheil scheint es mir ein krankhafter Zustand, daß man auf jüdischer Seite den politischen Zusammenschluß nicht schon früher versucht hat. Daß wir formell dasselbe Recht haben, eine politische Partei zu bilden, wie andere, stehe außer Frage. Es ist aber auch eine politische Nothwendigkeit, eine derartige Parteibildung zu versuchen, nachdem man aus uns in so hervorragenden! Maße ein Versuchskaninchen für die innere Politik gemacht Hat. Zu Statten käme uns hiebei, daß unsere Interessen mit den allgemeinen Staatsinteressen und mit den Forderungen der Gerechtigkeit Hand in Hand gehen. Unser politisches Ideal wäre das allgemeine Wahlrecht. Dieses Ideal würde uns von der liberalen Partei trennen. Trotzdem diese uns gegenüber nicht immer ihre Schuldigkeit gethan hat, würden wir das bedauern. Aber höher als die liberale Partei muß uns das liberale Princip stehen. Es ist leider nicht zu leugnen, daß die deutsch-liberale Partei dieses Princip nicht immer hoch genug gehalten hat; den Anfang ihres Niederganges bedeutete nicht der Eintritt in das Coalitionsministerium, sondern die Thatsache, daß sie einen Taaffe über ein Wahlgesetz fallen ließ, das ihr zu liberal war. — Die „Deutschen" hätten allerdings vielleicht etwa zwanzig Mandate verloren — ein Beweis für die plutokratische Tendenz des jetzigen Wahlsystems; aber die liberale Idee, die bei der Wahrung der Staatsgrundgesetze in den Arbeitern ein neues Hilfscorps gewonnen hätte, wäre gekrüftigt worden. Aus der Erklärung des Gemeinderathes Stern geht hervor, daß Graf Taaffe gegen die Antisemiten Vorgehen wollte, wenn man von jüdischer Seite ihn im Kampfe gegen die deutsch-liberale Partei nicht gestört hätte. Was wollte Graf Taaffe in der liberalen Partei bekämpfen? Augenscheinlich, da er auch die Antisemiten bekämpfen wollte, nicht den Liberalismus, von welchem die liberale Partei ohnehin wenig Gebrauch gemacht hat, sondern er wollte die nationalen Answüchse befehden, die sich auch auf deutscher Seite geltend machten. Da man im Gemeinderath der Stadt Troppau eine Choleraverordnung nicht in - czechischer Sprache veröffentlicht wissen wollte, so war man jedenfalls nicht besser als die Czechen. Man hatte dabei kein Vertrauen zur Ueberlegenheit der deutschen Cultur, sonst hätte man sich weniger gegen den Verzicht auf die Wahlprivilegien gesträubt. Und wie sehr sticht der Eifer in der Angelegenheit von Cilli gegen die Lauheit ab, mit der man die Forderungen des Liberalismus vertrat! Wobei allerdings die Geringfügigkeit der Sammlungsergebnisse für Cilli beweist, daß das Deutschthnm da aufhört, wo die Opferwilligkeit beginnen soll. — Was geschehen ist, ist geschehen. Es war eine große Don Quixoterie der Juden, ihren eigenen Interessen die Interessen des Deutschthums voranzustellen, umsomehr als gerade in deutschen Kreisen, wie Herr von Chlumecky mit Recht erwähnt hat, der Antisemitismus besonders Boden gefaßt hat. Die Juden werden daher gut thun, sich in Zukunft nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch um sich selbst zu kümmern. Ihre Ideale werden hierbei nicht abgestandene Burgtheaterideale sein dürfen, sondern die idealen Forderungen der Gegemvart, nicht Rahel Levin, sondern Josef Jzchak aus Saraki. Der Nothschrei um richterliche Beamte. Die Tagesblütter brachten in der Vorwoche ein ofsicielles Communique, welches zweifellos den Weg ans dem Justizministerium genommen hat. In diesem Communique wird im Hinblick auf die bevorstehende Einführung der neuen Civilproceßordnung des Langen und Breiten ausgeführt, daß eine sehr erhebliche Vermehrung des Status oes Richterstandes sich als nothwendig erweisen, ebenso daß die Verbesserung der pecuniären Stellung der richterlichen Beamten damit verbunden sein wird. Schließlich wird darauf hingewiesen, daß ein Exodus der älteren Beamten, die sich' kaum dazu bequemen dürften, sich mit der neugeschaffenen Situation zu befreunden, und es vorziehen dürften, den „blauen Bogen" zu Wahlen, zu gewärtigen sei, daher die Avancementsverhültnisse sich ausnehmend günstig zu gestalten versprechen. Es wird diesermaßen die Werbetrommel gerührt, und den Abiturienten nahegelegt, sich ja keiner anderen Facnltät der Universität und nur ausschließlich der Jurisprudenz znznwendeu. Tie