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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 766 Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift Vor Allem muß constalirt werden, daß sich der „Jude" Fleischmann der Wählerversammlung nicht in „typischer Bescheidenheit" aufdrängte. Im Gegentheile. Es wurde an die jüngeren Herren der Appell gerichtet, die „Felberarbeit" den älteren Mitgliedern von den Schultern £u nehmen; man trug 6 Herren, darunter Herrn Blaschka, die fragliche Schriftsührerstelle an, dvch war Keiner gewillt, selbe anzunchmen, — der anwesende Schriftführer Herr Ulreich nannte den Namen des Herrn F. und richtete an. denselben gleichsam die Aufforderung, für diese Stellung zu candidiren. Diese Candidatur wurde durch die Herrn F. auszeichnende Probeabstimmung gutgeheißen, wodurch F. sich in der Meinung bestärkt sah, daß er sich geradeso als Candidat der Leitung betrachten könne, als die anderen accePtirtenCandidaten, wiewohl er vom ersten Augenblicke an so „bescheiden" war, sich nur als Nothcandidat zu füllen. _ Bei der Wahl blieb F. mit 37 Stimmen in der Minorität, ein Resultat, das jedem Jnsormirten aufsallen mußte, denn die Stimmen der Leitung, des Wahlcomite's und unserer Glaubensbrüder ergeben schon annähernd diese Zahl und wenn man noch bedenkt, daß einige christliche Mitglieder und einige Israeliten, die der Wählerversammlung nicht beiwohnten, notorisch für F. stimmten, so ergibt sich von selbst die Frage, was denn die Herren, die in der Probewahl für Herrn F. stimmten, veranlaßt haben mochte, ihn bei der Entscheidung im Stiche zu lassen? Wurde schon F. in seinen Erwartungen getäuscht, umso größer war das Erstaunen der unterstützenden Mitglieder durch den Verlauf der Plenarversammlung. Man verhandelte überidie Resolution, die den Verein als erzliberal hinstellen sollte, und da beliebte es Herrn Dr. Winkler, diese Kundgebung eine „Demüthigung" zu nennen; nun da sind wir ganz anderer Ansicht und fragen mit Verlaub, ob es denn den Herren gar so schwer fällt, sich rückhaltslos als liberal zu erklären und ob die unseren Glaubensgenossen versetzte moralische Ohrfeige vielleicht keine „Demüthigung" war? — Ein Verein fußt aus vollster Gleichberechtigung, wer gegen dieses hehre Princip verstößt, ist nicht im Stande, sich für Freiheit in Lied und Thal zu begeistern, und wenn Herr Ingenieur S t e m P f unseren Glaubensgenossen Mangel an Liebe zum Verein vorwirft, so klingt dies umso komischer, da er eben durch seinen Speech keine besondere Vereinsliebe bewiesen hat. Zuerst sollten unsere Glaubensgenossen in heutiger Zeit ihre Ehre als Juden zu wahren wisien, daun erst kommt die Liebe zu einem Gesangverein, die zu bethätigen dem Angegriffenen schwerer fällt als dem, der sich im Vollbesitze seiner durch die Religion bedingten „Superiorität" befindet, und wenn man glaubt, dem^Verein durch solche Redner unter uns Israeliten Freunde zu gewinnen, so ist man auf dem Holzwege. Wie wir erfahren, befaßt sich die Vereinsleitung mit Recherchen bezüglich der mit verwerflichen Mitteln betriebenen Gegenagitation, denn es.fällt auch dort auf, daß eine „Gruppe" stärker sein konnte, als alle maßgebenden Factoren. Wir wünschen und hoffen, daß der Wiener Männergesangverein seinen Traditionen auch in der Bethätigung seiner so schönen Devise ent- »prechen wird, dann soll es auch an uns nicht fehlen. Den beleidigten Glaubensgenoffen empfehlen wir aber, solidarisch eine ausgiebige Genugthuung zu fordern, denn sie haben sich eines Stammes und Glaubens nicht zu schämen, dem ein Mendelssohn-Bartholdy, Mayerbeer und Goldmark angehören, die bekanntlich auch gute „Musikanten" sind. Und nun nach dieser kleinen Abfchwenkung zum Capitel Wohlthätig keit! Ach, das ist ein trauriges Capitel! Das primitivste Anstandsgefühl mangelt Bielen, die sich Wohlthäter nennen, und cs kommt vor lauter von Edelmuth triefenden Handlungen gar nicht zu Wort. Eitelkeit heißt die Haupttriebfeder und benimmt der Gutthat den moralischen Werth. Was würden die Cavaliere und Aristokraten denken, wenn die Juden sich, brüsk von der mater admirabilis und dem katholischen Schulverein zurückzögen?! Wir haben so große, ernsthafte Pflichten auf uns lasten, daß wir ihnen mit dem Aufgebot aller verfügbaren Mttel und Kräfte kaum gerecht werden können. Für arme, hilflose, unglückliche Juden gilt es zu sorgen, denen die Thüren der- Arier erbarmungslos zugeschlagen werden. All die zahllosen, beträchtlichen Legate, Stiftungen und Stipendien „ohneUnterschied der Eonfefsron", wer wird nun darüber das Berfügungsrecht besitzen? Herr Dr. Karl Lueger, daß Gott erbarm! Durch all' diese Vermächtnisse und Spenden haben die Juden ausreichend für ihre feindlichen Brüder gesorgt und die Pflicht - der Nächstenliebe erfüllt, die nach jüdischer Anschauung nicht bei sich selbst anfängt. Unsere Besitzenden müssen nunmehr thcttkräftigst eingreifen, ihre Glaubcnsbrüder und Stammesangehörigen zu unterstützen, die von arischer Seite trotz der Millionen jüdischer Steuergelder nichts, gar nichts zu erwarten haben. In diesem, im allermenschlichsten Sinne ist das . corriger la fortune aufzufassen. Heine, der lose Spötter, schluchzte auf, wenn er der armen, hilfsbedürftigen Brüder gedachte. „Arm, krank und Jude!" Aber unsere Herren Großen wollen noch immer nicht aus den arischen Vereinen austreten. Diese Leisetreter und jammervollen Angstmeier fürchten, nach oben oder unten Anstoß zu erregen durch einen offenen, energischen, männlichen Schritt. Dem liegt die Verwandtschaft, jenem die Kundschaft im Ohr, das duckt sich und beugt sich, wie das Rohr im Winde. Wenn den einen eine lächerliche Eitelkeit festhält, wiegt sich der Andere in aussichtslosen Träumen von Candidatur, Landtag und Rathsstube; der hat verlernt, herzhaft „Nein" zu sagen, und der andere hat Rücksichten zu nehmen und verkriecht sich hinter ein Paar abgestandene Redensarten, die keine hohle Nuß werth sind, — Rück sicht — Vor sicht — Aus sicht-es gibt doch wahre Jammergestalten unter unseren Maßgebenden und Hochmögenden! Jeden Groschen, den Juden nichtjüdischen Zwecken zufvenden,; den entziehen sie ihren beklagenswerthen Brüdern. Sie haben eigentlich gar nicht das Recht dazu, sie sind nicht Wohlthäter, sondern eitle Hartherzige, die den Nothschrei im eigenen Hause überhören. Wissen sie denn nicht, wie unsere Feinde die Acte jüdischer Wohlthätigkeit für Arier auffassen und beurtheilen? „Das ist den Christen geraubtes und abgegaunertes Geld, das wieder rückerstattet wird." „Der feige Jude will sich von ihrem Zorn loskausen und vor ihrer Verfolgung einen Freibrief erlangen." Ueberlassen wir doch die Vorsorge für die nichtjüdischen Bedürftigen dem Hochadel und der Geistlichkeit, die wahrlich begütert genug sind, um die ihnen obliegenden Pflichten mit Leichtigkeit und ohne sich selbst das Geringste abgehen zu lassen, zu erfüllen. Traurig und beschämend, das Selbstverständliche mit Emphase predigen zu müssen. Von allem Vereinsleben, ob gesellig oder wohlthätig, haben sich die Juden vollständig und geschlossen zurückziehen, insoferne nichtjüdische Interessen dabei in Betracht kommen. Ihre Ehre fordert es gebieterisch von ihnen. Die Herren Arier sollen für ihre Armen gefälligst selber sorgen und wir für die unseren — was wir übrigens ohnehin gethan haben, aber nicht ausreichend, weil nicht ausschließlich! Für eine Zersplitterung der Kräfte wäre der gegenwärtige Augenblick sehr ungeeignet. Da ich Sie, Herr Redacteur, im Wesentlichen mit meinen Ausführungen im Einverständniß weiß, nachdem ich ja nur die Folgerungen aus Ihren Prämissen gezogen, ermächtige ich Sie gerne, diesen Brief, falls dies Ihnen zweckdienlich erscheint, in Ihrem Blatte zu veröffentlichen." Zyx. Nahet Tevin oder Joses I;rhak aus Sarski- Mau schreibt uns: Sie haben den Artikel der „Neuen Freien Presse" vom' 29. September a. c, welcher für das Verhalten der Inden in der neuen Aera Oesterreich's ein ernstes Programm zeichnete, in der „Oesterreichischen Wochenschrift" Nr. 40 reproducirt. Gestatten Sie mir zu demselben einige Bemerkungen : Mit dem Rath der „Neuen Freien Presse" soweit er angibt, was man vermeiden soll, können wir durchaus einverstanden sein. Es bedurfte allerdings nicht mehr des Eintretens der „Neuen Freien Presse", um Ihre Leser zu überzeugen, daß den Inden am wenigsten prunkvolles Auftreten ansteht, indessen wird der Mahnruf in denjenigen Kreisen hoffentlich wohlthätig wirken, die keine jüdischen Zeitungen lesen, sondern ihre Belehrung ausschließlich von Christen und aus politischen Zeitungen schöpfen. Für diese Kreise ist die Mahnung allerdings auch wohl nöthiger. Dagegen, können wir in den Frauengestalten, welche die „Neue Freie Presse" uns als nachahmenswerthe Beispiele hinstellt, nicht so unbedingte Ideale erblicken. Es ist gewiß lobenswerther, die Freundschaft Bauernfeld's oder Goethe's zu suchen, als die einer beliebigen Comtesse, wie das Leben von Rahel Levin, Fanny Eskeles rc. ja auch in der That von einem edleren Lebensgenuß zeugte. Indessen von einem freiwMgen Ghetto, welches die „Neue Freie Presse" mit Recht empfiehltwar das Leben dieser Frauen doch recht entfernt. Ich glaube, diese Franengestalten waren

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