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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. 42 Dr» BlOCh Jahrgang XU. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. - — Wien, 18. Orkober 1895. Wan abonnirl btt allen Pollanffallen des In- und Auslandes. VeMgsvrris siir Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 25 kr. Für'« Ausland: halbjährig 5 st. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4nial gespaltene Pelitzeile 18 kr. TS. ft. Postsparkassen-Aml Clearingverkehr Nr. 610.976. Nrdsrtion und Administration: Wien II., Llntrrr Ausartrnstratzr Io. Telephon-Nr. 6535. Inhalt: Leirarti ke!: Die Juden und die Vereine. — Rahel Levin oder Josef Jzchak aus Saraki. — Der Nothschrei um richterliche Beamte. — Ein antisemitischer Brief Stöcker's an Kaiser Wilhelm I. — Die semitischen Antisemiten David und Lazar Münzer. — Der Lehrplan für den israelitischen Religionsunterricht an den Mittelschulen in Galizien. — Ein letztes Wort zn dem Artikel „Der Religionsunterricht und die Apostasie". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Nemesis der Grazer Schächtbetze. Inden - gelber für christliche Kirche. Stöcker und Bleichröder, Arische Lebensmittelfälschung im Mittelalter. Hammerslein — ein außergewötmlicher Mensch. Das Hamansfest in Simanova (Galizien). Und nochmals der Ritualmord. Die Antisemiten aller Lchaltirnngeu. Ei» Wort des fei. Dr. Ad. Jellinek über die Wühl des Reichsrathsabgeordnetnr Dr. Bloch. Der Odessaer Zar. Jüdische Reger. Wie soll man beten. Versamm'ung ungarländischer Rabbinen. Der Kaiser in der Synagoge zn Agram. — C o r r e s p v n d e n; e n : Wien. Brünn, Mistelbach, Rzeszow, London, Paris, Berlin, Bukarest, Odessa, Aus Rußland. — Vermischtes: Wien, St. Polten. Prag, Preynitz. Mährisch-Ostrau, Biala, London, Galgöcz, Frankfurt a. M. — Feuilleton: Die Tortur durch die Hvssn ng. Wandlungen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Juden und die Vereine. Von einem angesehenen Glaubensgenossen empfangen wir die nachfolgenden beherzigenswerthen Zeilen: „Herr Redacteur! Gestatten Sie mir, meine Epistel mit einem offenen Ein' geständniß zu eröffnen. Ja, nur allzusehr haben Ihnen die Thatsachen Recht gegeben. Meinen traurigen Jrrthum und meinen mangelnden politischen Scharfblick einbekennend, kann ich es kaum als Entschuldigung gelten lassen, daß so falsch und schief, wie ich selber, Viele, allzu Viele geurtheilt haben. Wir hielten Sie für einen Schwarzseher, für Einen, der gern über's Ziel hinaus schießt und ließen an Ihren beherzigenswerthen Kaffandra-Rufen nur die journalistisch brillante Form gelten. Wir glaubten erst an das Gewitter, als es schwarz und bedrohlich sich über unfern Häuptern zusammenzog und donnernd sich entlud. Nun es beinahe zu spät, suchen wir zu schützen und zu bergen . . . Ich selbst habe unsere Gegner für Verblendete gehalten, die sich tief in eine Doctrin hineinverrannt haben, von der sie in absehbarer Zeit, sobald nur die bessere Einsicht, die vernunftgemäße. logische Erwägung wiederkehrt, zurückkommen müssen. Wie sehr habe ich mich geirrt! Das Nebel sitzt gar nicht im Kopf, sondern im Herzen. Sie, geehrter Herr Redacteur, haben seine Wurzeln schon vor Jahren bloßgelegt, die Situation scharf erkannt und überblickt.*) Und wie es damals Biele gab, denen Sie zu weit gingen, so ist nun der Umschlag eingetreten, weil auf den Wellenberg immer noch das Wellenthal folgt, und den Zweiflern von damals sind Sie heute gar nicht radical, nicht rücksichtslos genug. Das ist nun einmal die Natur des Menschen. Hätten wir Ihnen doch lieber gefolgt, als es noch Zeit dazu war, uns zusammengeschloffen, organisirt, als Juden gefühlt und gehandelt! Retten wir jetzt wenigstens in diesem allgemeinen Vernichtungskampfe, der gegen unsere politische, wirthschaftliche und gesellschaftliche Existenz mit fanatischer Erbitterung geführt wird und in dem wir nicht einmal wissen, wer Freund und wer Feind ist, was zu retten ist. Wenn unsere Gegner höhnisch über uns triumphiren, so wollen wir wenigstens mit dem König Franz sagen können: Tont est perdu fors l'honneur. *) Der alle, vielverlästerte Macchiavelli, bei dem alle Staatsmänner bewußt oder unbewußt noch in die Schule gegangen, vergleicht schön und treffend: Im Anfänge sind die Krankheiten schwer zu erkennen und leicht zu heilen, später leicht zn erkennen und schwer zu heilen. Die Ehre, jawohl, die Ehre des jüdischen Namens, die ist es, die wir noch zu vertheidigen haben, damit wir nicht zum Gespötte unserer Widersacher herabsinken. In den letzten Nummern Ihrer verbreiteten Zeitschrift haben Sie die Wege gewiesen, die aus diesem Wirrsal herausführen. Keine Flucht, sondern geordneter Rückzug! Sie haben ausgesprochen, wie die Juden sich gegen Arier und wie sie sich gegen Juden zu verhalten haben. Aber noch auf Eines hinzuweisen, das mir nicht genügend betont erscheint, möchte ich mir gestatten. Es betrifft das Berhältniß der Juden zu den unterschiedlichen Vereinen, in denen sie bisher noch geduldet waren, und das ein gründlich anderes geworden ist, da sich ja Alles verschoben hat. Die Juden dürfen nicht warten, bis sie hinausgedrängelt werden. Sie sollen geschlossen gehen. Das ist eine nicht abzuweisende Forderung. Geselligkeits- und Wohlthätigkeitsvereine gibt es, doch ist die Grenze nicht scharf zu ziehen, denn oft genug stellt sich die Geselligkeit in den Dienst der Nächstenliebe. Juden haben in christlichen Unterhaltungsvereinen heute absolut nichts mehr zu suchen. Im allerbesten Falle sind sie die stillschweigend. Geduldeten, und es entspricht nicht der Selbstachtung eines ehrlichen, freien Mannes, Gesellschaften anzugehören, denen er unangenehm und unbequem ist und die nur in Folge eines rudimentären Restes von traditioneller Wohlanständigkeit es ablehnen, ihn abzuschütteln. Wartet doch nicht, bis man Euch vor die Thür gesetzt hat, tretet mit Ehren und Anstand ab. Trotz aller gekünstelter Vertuschungsversuche reden die Vorgänge im Wiener Männergesangverein eine überdeutliche Sprache. Wer sich durch das gewisse herablassende, pseudojoviale Benehmen arischer Club- und Vereinscollegen, durch das „Opfer", das sie bringen, nicht verletzt fühlt, sondern im Gegentheile noch geehrt, der verdient gar kein besseres Schicksal, als dasjenige, welches seiner früher oder später unausweichlich harrt. Es ist sehr beklagenswerth, daß sich Juden finden, welche so wenig Solidaritätsgefühl besitzen, nm ihre angegriffenen Glaubensgenossen schmählich im Stiche zu lassen. Zur Bestätigung des Gesagten möge folgender Bericht dienen, welchen ich von eingeweihter und vollkommen vertrauenswürdiger Seite erhalten habe. Die Thatsachen sprechen deutlicher als alle Glossen; „Die in den letzten Tagen unrichtig dargeffellten Vorgänge bei der Neuwahl der Leitung im Wiener Männergesangvereine, wie auch der durch Nichts motivirte Rückzug der liberalen Tagesblätter und nicht in letzter Reihe die häßlichen Angriffe der antisemitischen Preßstimmen veranlassen mich, aus die leidige Wahlafsaire uuückuigreifen und Sie über manchen dunklen Punkt zn iniormiren.

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