Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 758 Nr. 41 doch noch immer mir Kopsfchütteln aufgenominme Unzweifelhafteste bestätigt, daß bei unseren Glaubensgenosse»^ im Osten das Hebräische noch eine lebende Sprache ist. Wie härte sich's sonst der Verleger beifallen lassen, einen hebräischen V o l k s kniender mit solch einer Fülle literarischen Inhalts herauszugeben, wenn nicht die breitesten Schichren des Volkes ihn lesen und verstehen und wirklich kaufen würden? Es muß uns aber diese Thatjache mit dem Kummer versöhnen, den uns unsere östlichen Brüder sonst verursachen. Es ist wahr, sie sind die Schmerzenskinder des modernen Jndcnthums. Wir müssen die Vorwürfe über ihre Sonderheiten anhören, ihre Leiden greisen unsere Nerven und — Börsen an; aber sie verdienen in vollem Muße diese Opfer. Die russischen und polnischen Juden erhalten das Judenlyum; sie sind der gottbegnadete Zweig der Diaspora, wie einst die Juden Spaniens. Jahrhundertelang, als das Talmudstudium das geistige Leben des Judenthums aussüllte, haben sie uns die Rabbiner g-geben: die Koryphäen der deutschen Reformbewegung, die wenigstens das eine Gute hatte, daß nicht die ganze deutsche Judenheit sich durch die Taufe von dem ihr unerträglich gewordenen Judenthum befreite, waren Söhne des Ostens; und heute wieder würden unsere kostspieligen theologischen Seminarien ohne Schüler sein und in unseren herrlichen Tempeln würden die Gesänge Zions nicht mehr gehört werden, wenn nicht polnische und russische Jünglinge die Leviten wären. Ja — es muß einmal öffentlich ausgesprochen werden — das Judenthum stünde gegenwärtig allen mittelalterlichen Angriffen ausgesetzl ohne Vertheidiger da, wenn nicht der Schutzgeist Israels ihn im Schooße einer ostgalizischen Gemeinde hatte erstehen lassen. Die Judenheit im Westen ist durch die Assimilation erkaltet, wie ehemals die Griechlinge in Palästina. Der jüdisch patriotische Funke, der vom Osten ausging, wo noch Alles Feuer und Flamme für die Religion ist, mußte sie erst beleben. Aber die eigentliche Mission unserer Brüder im Osten liegt doch erst in der Zutunft. Die fernere Existenz des Judenthums hängt von zwei Bedingungen ab: es muß ganz auf der Höhe der Euliur stehen und national sein, denn Cultur und Nationalität sind die zwei Elemente, welche jetzt den Organismus der Geschichte machen. Kein Zweig des jüdischen Stammes besitzt aber mehr Beweglichkeit und Energie, wie der polnisch-russische, und es wird nur eines leichten Anstoßes bedürfen und die russischen und polnischen Juden werden sich aus Kunst und Wissenschaft werfen uno darin maßgebend wirken; der jüdisch-nationale Gedanke kann aber gewiß nur durch sie verwirklicht werden, denn eine Nationalität muß vor Allem ihre eigene Sprache haben und unter den ruffisch-polnischen Juden lebt die hebräische Sprache wie in ihrer klassischesten Zeit, wie dieser Volkskalender zeigt. Nicht der kalendarische Theil desselben mit einem vollständigen Kalender der Orthodoxen, Katholiken und Juden, mit allen synagögalen Gebräuchen, auch nicht der gemeinnützige Theil mit den verschiedenen Tabellen für Handel und Verkehr geben dem vorliegenden Volkskalender seine cultureüe Bedeutung, sondern sein literarischer Theil. Es sind meist werthvolle Arbeiten in ungebundener wie gebundener Rede, Originale und Uebersetzungen aus anderen Sprachen. Von den prosaischen Aufsätzen sind die Bilder ans der Gasse wahre Cabinetsstücke, voll jüdischen Humors, und von den Gedichten sind diejenigen von S. L. Gordon, die das jüdische Schicksal zum Motiv haben, wie z. B. „Die Trennung", „Die Weide", Perlen der Lyrik. Bei der Meisterschaft, womit alle Mitarbeiter dieses Kalenders dle hebräische Sprache beherrschen und ihren poetischen Sinn, den sie in der Auswahl der Stücke bekunden, sind der Uebersetzungen in diesem Kalender zu viel. Uebersetzungen sind ja nur die Anfänge einer Literatur, die ersten Stilübungen einer literarischen Kindheit. Und die Uebersetzungen sind nicht einmal alle gelungen, gehen nicht in den Geist des Originals ein. So z. B. die Uebersetzung der Heine'scheu Romanze „Die beiden Grenadiere" für „Der Kaiser" im Originale gibt der Uebersetzer „H'Melcch". Nun bedeutet aber in Frankreich „Der Kaiser" nichr nur einen Fürstentitel, wofür allenfalls poetisch auch „Der König" gesetzt werden könnte, sondern ein Princip im Gegensätze zu Republik und Königthum. Und der Dichter hat in diesem Wort „Der Kaiser" die ganze Größe und Herrlichkeit dieses Principes andeuten wollen. Das Wort „Kaiser" hat auch das Bürgerrecht in der hebräischen Sprache erworben, es wird im Talmud gebraucht; es hat auch gerade soviel Silben und denselben Tonfall wie „Melech", so daß der Uebersetzer ganz gut anstatt „H'Melech" H'Kaiser hätte geben können. Wir finden auch Manches bei aller Vorlrefflichkeit der Arbeit in einem V o l ks kalender nicht am Platze. So z. B. eine lange Reihe von Aphorismen, welche den craffesten Pessimismus predigen. Mit Schopenhauer'schcr und Nietzsche'scher Philosophie darf aber tas jüdische Volk nicht vergiftet werden, es soll seinen Glauben an die Menschheit und den Sieg des Rechts und der Wahrheit behalten. Man wollte sogar Kohelet nicht in den biblischen Canon ausnehmen, wenn nicht der letzte Vers es gerettet hätte. Auch die Mängel dieses Kalenders verschwinden vor dem vielen Schönen und Guten, das er bietet, und wer sein Scherflein zur Förderung der hebräischen Literatur beitragen null, wird es nicht unterlassen, sich ihn anzuschaffen. - L. Briefkasten. Wien. „Ein aufmerksamer Leser" (?) Wären Sie das wirklich, so hätte Ihnen wohl kaum entgehen können, daß wir über das ausgezeichnete Gemälde von David Kohn „Betender Jude" bereits sehr ausführlich berichtet haben, als es im Kunstverein ausgestellt^ war. Sie „entdeckten" es im Schaufenster der KunsthandlungsfirmaHirschler am Graben, wo es lange nachher gerechtes Aufsehen erregte. Melnik. D. S. Danken für die Auskunft: Erzbischof Stadler in Sarajewo stammt also aus Drosau in Böhmen von jüdischen Vorfahren ab. — Erlassen Sie uns gütigst, auf das zweite recht uninteressante Thema nochmals zurückzukommen. Gruß! Wien. Dr. E. K—g., Stiegengasse. Wir bedauern aufrichtig den Fall, ohne jedoch in der Lage zu sein, abhelfen zu können. L. M. Dr. Sonnenfeld, Secretär des Herrn Baron Hirsch, ist Jude, aber kein Advocat, wohnt derzeit in Paris und hat früher in Budapest gewirkt. Wien. „Concipient Dr. K." Sie haben sehr sein herausgefunden, daß der Ausgang der Affaire Munk eine Art Aehnlichkeit aufweist mit der von uns vor einigen Wochen veröffentlichten Erzählung „Die Kehrseite der Medaille." Ural justitia — pereat mundi. Wien. „Musikfreund". Wir können Ihnen auf Ihre Anfrage nur wiederholt», daß die antisemitische Gesinnung der Mitglieder des Philharmonischen Orchesters längst allgemein bekannt ist. Einzelne wenige Ausnahmen kommen außer Betracht und ändern nichts an der Sache selbst. Wien. „Kein Allzuempfiudltcher". Daß Sie im Etablissement Ronacher durch die antisemitischen Lieder-Vorträge eines Herrn Waldemar sich in ihren heiligsten Empfindungen verletzt fühlten, ist für uns kein Grund, Sie zu beklagen. Es geschieht Ihnen ganz recht. Wien. „Löwenbräu". Ihnen haben wir eine ähnlich lautende Antwort zu geben. Sie wurden im Löwenbräu von Ihrem Tischnachbar, einem Geistlichen, insultirt und Provocirt. Glauben Sie, daß Ihnen dies bei Khuner z. B. hätte passiren können?? Vtewyork. Leop. Fr. Wir danken Ihnen verbindlichst für den Ausschnitt aus der „Newyorker Staatszeitung". Jenseits des großen Wassers beurtheilt man die Wiener Verhältnisse sehr richtig: „Es gibt nur Eure zutreffende Bezeichnung für ein solches Wahlresultal: Eine Katastrophe. Der politische und gesellschaftliche Bodensatz ist an die Oberfläche gestiegen, und das riesige Gemeinwesen der österreichischen Hauptstadt droht im antisemitischen Schlamme zu ersticken." Wien. „Dr. Flovuö". Der Wiener Mäunergesangvereiu ist genau so antisemitisch wie das Philharmonische Orchester, deshalb werden sich aber auch unsere Freunde, wie wir sie kennen, nicht im geringsten abhalten lassen, sich wie vorher vollzählig zu zahlenden Claqueuren dieser Körperschaften herzugeben. Vormerkungen zu den Concerten werden jetzt schon entgegengenommen. Sie müssen sich also beeilen, Herr Doctor, sonst bekommen Sie keine Sitze mehr. Brünn. Dr. M. E Herzlichen Dank für die sehr intercffauten und inftructiven Artikel. Für das Publicum unseres Blattes selbst aber sind derlei Facharbeiten nicht geeignet. Pilsen. I. B. Wenn mir Alles das was pro und eoutra in den Fremdenbüchern gehudelt und gesudelt wird, abdrucken wollten, hätten wir viel zu thun. Für Ihre gute Absicht verbindlichen Dank. Prag-Karolincnthal. Al- E—r. „Deutsches Lesebuch für d i e erste Classe österreichischer Mittelschulen", herausgegeben von Leopold Lampel, Director des k. k. Staats- Gymnasiums Wien, III. Bezirk, kommt auf Seite 107 vor Rückert's Gedicht „Vo m Bäum kein, das andere Blätter hat gewollt." Wir haben schon wiederholt, aber bisher leider erfolglos auf diese antisemitische Poesie ausmerksam gemacht. Wien. Herrn M. T. Unsere eingehenden Informationen lauten dahin, daß die reichen Geschwister und Verwandten, zu welchen auch Sie gehören, allerdings für den verblödeten Menschen nichts oder nur Minimales leisten. Auf diese Einfluß zu nehmen, sind wir leider nicht in der Lage. Dagegen steht fest, daß die israelitische Gemeinde Pr. die ganzen Unterhaltungskosten bestreitet. Das Verbot des Bettelns in der Gemeinde kann ihr nicht zur Last gelegt werden. Man theilt uns auch mit, daß der Bedauernswerthe von den Besuchern des israelitischen Gottesackers mit Spenden bedacht wird. Arische Provinz-Pfründner erhalten nur 10—20 Kreuzer monatlich, man lttui) auch bedenken, daß das Armenbudget der israelitischen Gemeinden den Gemeindehaushalt tief belasten. Wien. S. H. Ihrem Wunsche wird gern entsprochen werden. Nur ist die Sache nicht leicht und müssen wir schon für etwaige unausweichliche Jrrthümer im Anfang um Nachsicht bitten. Wien. Ein Israelit. Daß der Agent der Apollokerzenfabrik, ein gewisser A. Hornatschek, der die Leovoldstädter israelitischen Kausleute besucht und von diesen Aufträge erhält, das liebliche Wörtchen „Sanjud" mit Vorliebe im Munde führt, sei hiermit. Ihrem Verlangen gemäß zu allgemeiner Kenntniß gebracht- Wien. „A. P., Obmann." Ob die beiden Kunstpfeifer Herr Trammer und Herr Hernseld, welche Sie in ihrem humanitären Geselligkeitsvereine auftreten lassen möchten, Glaubensgenossen sind? Wir denken wohl. Wien, „Ottokar IX." Sie wünschen, daß wir unseren Glaubensgenossen, den Gypsgießer Ambros Bei, Währingerstraße, empfehlen mögen. Diese werden sich, wenn sich das Bedürfniß nach Lueger-Büsten bei ihnen einstellen wird, gewiß nur an diese Firma, welche den „schönen Karl" en gros verschleißt, wenden. Sehr verbunden. Israel Weiß, Gr.-Tapolczany. Sie haben Recht, jenes Wort stammt nicht vom Ober-Rabbiner Dr. Güdemann, sondern von dem alten Wessely. Dr. Bloch's Wochenschrift Hatsache auf's