Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 756 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 41 des Herrn Rabbiner Dr. Hirsch in Karoline nthal durch ihren zeitgemäßen, gediegenen Inhalt die tiefste Wirkung bei den Festversammlungen hervorriefen und „ihre Auseinandersetzungen begeisterte Aufnahme fanden". Möge nur der angefachte Glaubensfunke lange weiter fortglühen und erwärmen zum Heile des Judenthums. E. B. Protznitz (Fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum des Rabbiners Dr. Hoff.) Unser allverehrter Rabbiner, Herr Dr. Hoff, hat vor Kurzem das fünfundzwanzigste Jahr seiner scelsorgerischen Thätigkeit in unserer Gemeinde zurückgelegt. Allgemein hieß es, der Cultusvorstand werde diesen Anlaß benützen, um Dr. Hoff in irgend einer Weise eine Ovation zu bereiten und sollte die betreffende Feier an dem Sukkothfeste stattfinden. Diese Feiertage sind aber vorüdergegangen und haben eine peinliche Enttäuschnng gebracht, denn die erwartete Ovation ist ausgeblieben. Dr. H o ff hat sich in seiner Eigenschaft als Seelsorger und Religionslehrer unbestrittene Verdienste erworben, durch sein conciliantcs Wesen verstand er es, sich die ganze Gemeinde zum Freunde zu machen, und es gibt Niemanden der für seine ersprießliche und segensreiche Wirksamkeit nicht Verständniß besäße. Der Cultus- Vorstand würde daher nur die Stimmung und die Gefühle der Gemeindemitglieder zum Ausdrucke bringen, wenn er Dr. Hoff in paffender Weise eine Auszeichnung zutheil werden ließe, die er sich wohl verdient hat, auf welche er Rechte besitzt in einer Zeit, wo auch die fünfundzwanzigjährige Thätigkeit eines simplen Commis oder Arbeiters Belohnung findet. Wenn unser Cultusvorstand dem Wunsche auf Ehrung Dr. Hoff's zu seinem Amtsjubiläum nachkommt, so ehrt er damit nicht nur den Jubilar, sondern auch sich selbst. Gerade in der Zeit des Racenstreites ist es erforderlich, daß wir diejenigen, welche sich an der Spitze unserer Cultusgemeinden befinden, hochachten und verehren, thun wir dies nicht, so verdienen wir den Tadel und Schimpf, mit welchen uns unsere Feinde regaliren. Hoffentlich wird diese wohlgemeinte, von dem Walten des Friedens in der Gemeinde eingegebene Anregung auf fruchtbaren Boden fallen. Wir unsererseits haben nie unterlassen, Dr. Hoff unsere unbegrenzte Hochachtung und Verehrung zu zollen und werden es — usque ad finem — weiter thun, unbeirrt um zeitweilige Strömungen, da wir uns hierin eins wissen mit dem Gros der Mitglieder unserer Glaubensbrüder. Eibenschitz Frau Johanna Braunes, BrauereiLesitzerin in Brünn, eine hochherzige Wohlthäterin, übt seit einer Reihe von Jahren Gutes an den hiesigen Firmen, denen sie Unterstützungen zusendet, ohne den Namen der Geberin nennen zu lassen; dem hierortigen Frauenvereine wendet sie namhafte Jahresbeiträge und anderweitige Spenden zu, um ihm die Ausübung von Werken der Liebe und Barmherzigkeit in größerem Umfange möglich zu machen. Nun hat Frau Johanna Braunes ihren frommen Opfersinn bekundet, indem sie prachtvolle silberne Kle Kodesch, mit Gold verziert, in den hiesigen Tempel spendete. Am 1. Neujahrsfesttage gab Herr Rabbiner Dr. Handl den Gefühlen der Dankbarkeit entsprechenden Ausdruck, führte das zur Ehre Gottes und seiner Lehre gespendete Opfergeschenk mit weihevollen Worten seiner heiligen Bestimmung zu und erflehte den Segen Gottes für die fromme Spenderin und edle Wohlthäterin. Der Iudenknabe. „Sag' Vater mir, wo ist mein Vaterland? Jst's denn nicht hier, ist's wo am fernen Strand?" „Warum mein Sohn? Fühlst du dich heimisch nicht? Jst's Sehnsucht nach der Fremde, die da spricht?" „Nein Vater, nein! Hier fühl' ich mich zu Hause, Hier hält es mich bei unserer stillen Klause. Doch hört' ich heute ein'ge Burschen sagen: „Wart' nur du Jud' wir werden dich schon jagen." Darf einer das, wieso?; wer gab ihm Recht? Bin ich nicht frei wie er? Bin ich des Ander'» Knecht?" „Frei bist du Sohn, doch nur zum Kampf geboren, D'rum stähle Herz und Hand, sonst bist du bald verloren. Furcht' niemand heut', laß diese Kläffer wüthen, Dein Gott — dein Kaiser wacht, er wird uns treu behüten. Lieb' nur das Land, die Stätte deiirer Jugend, Stirb auch, wenn es einst noth, für diese Mannestugend. Es ist ja wahr, woran sie stets uns mahnen, An Nilflußufern stand die Wiege uns'rer Ahnen. Doch wohnt keiu einzig Volk arr jener Stätte Wo sich sein erster Ahn' gebaut, sein rauhes B ctte!" I. F l e i s ch e r. Feuilleton. Alte Kleider? (Schluß.) Bernhard Ruffer und ich sind, wie Du weißt, gute alte' Freunde. Wenn auch zwischen Dir und Ruffers die Freundschüft einen Riß bekommen hatte, uns Söhne berührte das nicht, wir standen ja nicht auf geschäftlichem Standpunkte, wie ihr! — Die Wintervergnügungen hatten Bertha und mich mit Bernhard und Röschen zu verschiedenen Gelegenheiten zusammengeführt. Die Sympathie, die ich stets für Röschen empfand, genau so, wie sie Bernhard für Bertha hatte, steigerte sich zur Liebe, zur unauslöschlichen Liebe — Mutter Du versprachst mir ruhig zu bleiben — ich wollte nämlich grade wüthend vom Stuhle aufspringen — also zur unauslöschlichen Liebe, wiederholte mein Benno noch ä mal. Unserer Kindespflicht, fuhr er fort, waren wir uns bei diesem Schritte Wohl bewußt, aber so lange ich nicht mein Assessorexamen gemacht hatte, sollte die ganze Angelegenheit von beiden Seiten streng discret behandelt werden. Jetzt konnte ich es aber nit mehr aushalten — Benno, spring ich auf, dazu habe ich der studiren lassen, dazu das viele Geld ausgegeben, wo ich geglaubt Hab', Du wirst ä mal ä steinreiche Partie machen, damit Du mir das Leben erleichtern kannst? — Ich bin ä geschlagene Frau, ich bin ä geschlagene Frau, meine Kinder ästemiren ihre Mutter nischt mehr, ich bin ä geschlagene Frau, ich bin wie ä Verzweifelte hin- und hergelaufen. Wie ich so lamentire, da hat sich mein Sohn hingesetzt und ist dagesessen und gesessen und hat kein Wort gesprochen, — Und damit biste fertig, meinste? — rief ich empört, damit biste fertig? — osser!') — noch bin ich da — Hörste, noch bin ich da! Die Sache geht noch heute auseinander, das werd' ich besorgen und die Bertha soll mer was erleben, ä so ä dumme Gans, läßt sich meschugge') machen von Ruffers Bernhard, von ä Zähnzieher — auch ä Partie — ä Zustand, Unbemittelte gar gratis! — se soll mer nor kommen, spaß wird se was erleben! — Bertha war zu der Zeit grade im Lette-Verein zum Unterricht. Wie ich so weiter lamentire, steht mein Sohn auf und sagt mer: Ich hab's ja leider gewußt, Mutter, daß es nicht möglich sein wird, mit Dir im ruhigen Tone zu reden. Nu sprich also weiter mein Sohn, ich werd' wieder ruhig sein. Du weißt, liebe Mutter, wir Alle verehren Dich und lieben Dich, Du bist die sorgsame Hausfrau, die liebevolle Mutter, aber Du kannst unmöglich von uns erwachsenen Kindern verlangen, daß wir uns Dir so ganz willenlos ergeben! — Unsere Ansichten über die Lebensfrage gehen eben auseinander, Du frägst in erster Reihe nach Geld, wir nach Herz! — Wie es kommen würde, habe ich vorausgesehen, liebe Mutter, und dementsprechend auch meine Anordnungen getroffen. Ich habe um meine Versetzung nachgesucht und Bertha wird mit mir gehen und soll mir die Wirthschaft führen. So, meinste — nu ich sag' der jetzt schon, ich erlaub's nischt, ich geb's nischt zu, ein for allemal, nein! — Denken Se nur, mein Benjamin, der im halben Jahre Assessor werden soll, Ruffer's — Röschen! — Mein Sohn der Assessor! — Osser bekommt se 10.000 Thaler mit, ich glaub's nit, wenn's noch wenigstens 15.000 Thaler werden, aber ä so. Gegen das Mädel habe ich gar nichts, ä ganz schönes Kind, aber nit ä mal 15.000 Thaler — und mein Berthchen gar — ä Zahnzieher — ä Panoffe!* 2 3 4) — Was soll ich Ihnen sagen, mein Sohn ist versetzt geworden und meine Bertha hat mer so lange Zores^) ausgetheilt, geweint und gemacht und gethan, bis mir ist nichts anderes übrig geblieben als zu sagen: Schön, geh' mit und so ist se mitgegangen. Anstatt zu erleben Freud' an seine Kinder, sehen Se jetzt zwei unglückliche Familien: Wir und — Ruffers!"- Ruffer war ganz in sich gesunken. Er nickte stillschweigend, tiefbekümmert der Sarah zu. Thränen rannen ihm über seinen vollen grauen Bart. Mit einem schweren Seufzer stand Ruffer auf, drehte sich um und schüttelte schmerzbewegt den Kopf. Sarah, im Grunde genommen eine herzensgute Frau, sah den Ruffer verständißinnig, theilnahmsvoll an. „Man *) entschieden nicht. 2) verrückt. 3) Geschäft, 4) Kummer.