Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 I. Wahr ist aber, daß ich zu Fuß um '/,8 Uhr Früh meine Stimme abgegeben habe. I. Wahr ist, daß ich nach 12 Uhr nicht mehr in Wien war. IH. Wahr ist, daß ich im „Neuen Wiener Tagblatt" eine Erklärung abgab, daß ich 100 fl. demjenigen bezahle, der mich am Wahltag nach 8 Uhr Früh am Wahlplatz gesehen hätte. Achtungsvoll Anton Winkler. Wien, 9. October. (Ein antisemitischer Exceß.) Ein antisemitischer Exceß fand kürzlich vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Leopoldstadt, Dr. Weiß, sein gerichtliches Nachspiel. Es war vor den letzten Gemeinderathswahlen; die Wirkung der antisemitischen Agitation zeigte sich in der Form und Ausdehnung dieses aus unbedeutender Ursache entstandenen Excesses. Der Möbelhändler Samuel P l -c t s ch i k verweigerte die Annahme eines schlecht reparirten Tisches, worauf der Ueberbringer des Tisches, der beim Tischlermeister Josef P r o f o ß in Lehre stehende Adolf Bernhard, sich in antisemitischen Beschimpfungen der Eheleute P l a t s ch i k erging. Rasch hatte sich eine nach Hunderten zählende Menschenmenge cmgefammelt. Die bei einem Canalbau beschäftigten Arbeiter kamen mit ihren Krampen herbei, ihr Rädelsführer Joses Neugebauer haranguirte die Menge mit den Rufen: „Man sollte die Juden niederhauen!", „Judengesindel!" u. s. w., als rechtzeitig eine herbeigeholte Polizei-Patrouille erschien, die Ne u g e b a u e r und einige andere Excedenten arr-tirte. Noch standen zahlreiche Menschen vor dem Geschäfte, als der Möbelhändler Mathias Wählet, ein Nachbar P 1 a t s ch i k's, vorüber kam und ins Geschäft desselben hineinrief: „Wenn ihr kein Geld habt, kauft nichts!" und „Der Jude ohrfeigt, aber er zahlt nicht!" Heute hatten sich nun in Folge einer Klage der Eheleute P l a t s ch i k der Tischlermeister Mathias Wählet, der Lehrjunge Adolf Bernhard und der Arbeiter Josef N e ugebauer wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. Der Richter verurtheilte Bernhard zu 48 Stunden Arrests und Wähle! zu 15 fl. Geldstrafe. Neugeb an er's Aufenthalt konnte nicht eruirt werden. Erlebnist eines antisemitischen Gemeinderathes. Einen Anserwählten der antisemitischen Partei, nämlich einen ihrer neugewählten G e m e i n d e r ä t h e, widerfuhr jüngst das Mißgeschick, die Früchte der von Lueger und Genossen ihrem Anhang gepredigten Anstandsregeln am eigenen Leibe verspüren zu müssen, und zwar nicht etwa in Folge eines Mißverständnisses. Bekanntlich fanden in der verflossenen Woche die Neuwahlen der Vorstehung der Wiener Schneider- Genossenschaft statt und standen sich hiebei als Bewerber um den mit 1200 Gulden dotirten Vorsteherposten zwei Antisemiten, der bisherige Vorsteher F e n z l und der Bezirksausschuß F u x a, gegenüber. Sonntag hielt der zum überwiegenden Theile aus Anhängern F u r a's bestehende „Verein der vereinigten Schneidermeister" im Gasthause „Zum König David" in der Unteren Augartenstraße eine Versammlung ab, in welcher wacker auf F e n z l geschimpft wurde. Der anwesende Schneidermeister und neugewählte antisemitische Gemeinderath Wenzel Kubik wollteFenzl vertheidigen, doch wurde seine Rede von allem Anbeginn durch lärmende Zwischenrufe unterbrochen. Da er trotzdem fortsetzte, so handelten die Anwesenden, wie ste es in den politischen Versammlungen der Antisemiten gelernt haben. Sie zerrten den unbequemen Widersacher von der Tribüne, gaben ihm einige Püffe und warfen ihn ohne Rücksicht auf seine gemeinderäthliche Würde auf die Straße hinaus. Sein Hut, der ihm während der Justificirung entfall n war, flog ihm nach auf das Straßenpflaster. Wien. Eine Notiz in dem Morgenblatt des „Deutschen Volksblatt" vom 3. d. M. unter der Marke „Antisemitisches" weiß von einem Bäcker Julis aus Königgrätz zu erzählen, dieser habe auf dem am 28. September in Prag stattgefundenen Bäckertage den Antrag gestellt, es seien in das czechische Bäckerorgan keine Annoncen von jüdischen Firmen aufzunehmen. Herr I. wies sodann auf die Gefährlichkeit (!) von jüdischen Verbindungen hin und beantragte schließlich, ein Begrüßungstelegramm an Dr. Lueger abzusenden. Als Beamter einer Preßhefefabrik habe ich zufällig das Vergnügen, Herrn Julis zu kennen, und kann Ihnen als Illustration zu den Ausführungen dieses gesinnungstüchtigen Mannes mittheilen, daß derselbe von einem hiesigen jüdischen Preßhefe-Erzeuger (Firma: Wien. Atzgersdorfer Preßhefe- Expedit Josefine Schönöerg) Preßhefe bezieht oder zumindest bis vor Kurzem bezogen hat. Allerdings dürfte diese Verbindung nicht so „gefährlich sein". Ll. Baden bei Wien. Im Curorte Baden bei Wien hetzt seit einiger Zeit ein vom Antisemitenführer Holler subventionirtes, deutschnationales Wochenblatt gegen die Juden und gegen die jüdischen Curgäste; wiederholt sind in dem Hetzblatte geradezu unverschämt freche Schmähartikel gegen die Curgäste erschienen; endlich haben sich einige Badener gefunden, die dem rücksichtslosen, verleumderischen Treiben des Antisemitenblattes einen Damm setzen wollen und hat Herr Johannes M ay erhole r als Redacteur seit 1. August d. I. ein Gegenblatt unter dem Titel „Freie Badener Bezirks-Rundschau" herausge¬ Seite 753 geben. Es ist aber nothwendig, daß dieses Blatt, welches den Kampf gegen das Antisemitenorgan in schärfster Weise führt, nicht nur von den Badenern, sondern auch von Wiener Curgäslen und Billenbesitzern, die alljährlich Baden besuchen, nach Kräften unterstützt wird, damit dasselbe in der Lage ist, sein Ziel, einerseits den unwahren Verdächtigungen energisch entgegenzutreten, anderseits fortwährend nachzuweisen, daß gerade im C u ro rte B a d e n der Antisemitismus nur zum Schaden der Einwohnerschaft und zum Ruin des Curortes beitragen kann, zu erreichen, was aber nur dann möglich ist, wenn dem Blatte die nöthrge Unterstützung von Allen, die an Baden ein Interesse haben, zu Theil wird, was wir bestimmt hoffen und wozu wir gerne das Möglichste beitragen wollen. Baden, 6. October. Je intensiver die Seele des Menschen die Erhabenheit der Wohlthätigkeits-Gesinnung empfindet, je tiefer der Sinn für humanitäres Wollen ihm in's Herz geprägt ist, umso schlichter und einfacher gibt sich der äußere Mensch kund und bildet zugleich einen wohlthuenden Gegensatz zu so Bielen, die nur als öffentliche Wohlthäter zu gelten streben. Als begründeter Beleg zu dem hier Geäußerten möge folgendes Schreiben, das wir uns hier zu reproduciren erlauben, dienen. Herr Maximilian Paul-Schiff schreibt an den Vorstand der israelltischen Cultusgemeinde Baden: „Löbl. . . . Indem ich dem löblichen Vorstande für die mir anläßlich des Tempelbesuches am Bersohnungstag zugedachte Ehre des Anfrufens zur Thora verbindlichst danke, beehre ich mich hiermit an Stelle der hierbei üblichen Thoraspenden beiliegend den Betrag von 200 fl. zu Gunsten der hiesigen israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten zu übermitteln. .. Diese schlichten Zeilen sprechen für sich selbst und könnten in Wahrheit als Musterbild für so Manchen dienen. Auch die Schwiegermutter dieses edlen Spenders, die hochherzige Frau Baronin Charlotte Königs- Wärter, erwies sich unserer Gemeinde gegenüber aufs Leutseligste. Eine Deputation ans dem Präsidium des hiesigen israelitischen Frauen-Wohlthätigkeits-Vereincs empfirg sie in höchst zuvorkommender Weise und bedachte biif n Verein mit einer bedeutenden Spende zur Unterstützung armer Wöchnerinnen. Diese beiden edlen Spender, sowie sämmtliche hochansehnliche Persönlichkeiten, welche an den hohen Feiertagen unfern Tempel besuchten und mit milden Spenden bedachten, mögen den gebührenden Dank in dem frohen Bewußtsein finden, daß Wohlihun eine ausgestreute Saat ist, die nebst dem bezweckten Guten auch unvergängliche Ehren für den Spender bringt. I. I. Prag. Wie uns vom Lande berichtet wird, hat der hohe k. k. böhmische Landesschulrath in Prag für den Religionsunterricht der israelitischen Schüler an Volks- und Bürgerschulen, und zwar in einem Orte, wo zusammen 18 israelitische Schüler die czechischen Volks- und Bürgerschulen besuchen, bestimmt: die Schüler seien nach Geschlechtern zu trennen und für jede Abtheilung Knaben und Mädchen besonders je eine Stunde w v ch e n t l i ch, und in einem anderen Orte, wo zwar die Schülerzahl kleiner ist, ebenfalls nach Geschlechtern gesondert, für jede Abtheilung je 1 Stunde alle vierzehn Tage normirt. Dabei arbeitet der Czechisirungsverein .bl-iroclur jednota cesko zidovskä“ mit aller Kraft an der Auflösung der noch wenigen israelitischen Schulen in Böhmen, damit die Juden ihre Kinder in die czechischen öffentlichen, reets katholischen Schulen schicken sollen. Ein Gesuch an den Landesschulrath, in welchem um 2 Stunden wöchentlich im ersten Falle und je 1 Stunde wöchentlich im zweiten Falle gebeten wurde, blieb im ersten Falle bisher erfolglos; trotzdem ein genauer Lehrplan dem Gesuche beigegeben war und auf das Volksschulgesetz hingewiesen wurde. Der zweite Fall ist noch nicht erledigt. Der Landesschulrath beharrt auf seiner Anordnung und die jüdischen Schüler müffen sich mit 1 Stunde wöchentlich begnügen. Genügt dies aber auch wirklich für den Religionsunterricht und die religiös-sittliche Erziehung?! Diese Frage überlassen wir anderen Personen zur Beantwortung. Prag. 6. October. Mit doppeltem Eifer rüsten sich die hiesigen Vereine für ihre Thätigkeit im herannahenden Winterhalbjahre. Der Centralverein, der im letzten Jahre mit seinen geselligen Abenden und vortrefflichen Borträgen einem tiefgefühlten Bedürfnisse entgegengekommen ist. hat in seiner letzten, ziemlich bewegten Ausschußsitzung die Kräftigung dieser neuen Institution beschlossen, und bei diesem Anlaß zeigte sich die! unbegreiflich vielseitige Thätigkeit des Geschäftsleiters Doctor Dr. Bloch's Wochenschrift.