Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 750 Dr. Blvrtz's Wortzenfrijrift. Nr. 41 Flora Gaß, als sie erfuhr, daß Herr v. H a m in e r st e i n verheiratet sei, noch andere Absichten gehabt, als mit Hilfe seiner Freunde ihr Leben mit dem seinen zu verketten. Die „Judenpresse" hatte von allen diesen Dingen, auch von dem Inhalt der schönen Briese von und an Hammerstein keine Ahnung, als hervorragende Mitglieder der conservaliven Partei längst sicher darüber unterrichtet waren. Die „Leipziger Zeitung" redet von dem „tollen Auslegungsstückle in" des Herrn Stöcker. Sie kannte seine Ausführungen über den „Fall Hammer st ein" noch nicht. Wir wiederholen die Frage: Kann die conservative Partei noch ferner Herrn Stöcker in ihrer Mitte dulden? Findet sie selbst auf diese Frage keine klare Antwort, so wird die Antwort von der öffentlichen Meinung gegeben werden, und dabei wird oas alte Wort seine Geltung haben: Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du bist!" Böckel und Stöcker. Berlin, 7. October. Der antisemitische Abgeordnete Böckel erzählt in fernem Blatte, er sei aus der jüngsten Stöcker-Versammlung hinausgeworsen worden. Mau habe ihn einen Lumpen genannt und init Schlägen bedroht. Böckel's Erklärung schließt mit den Worten: „Der Herr Hofprediger ist gerichtet — das ist das Resultat seiner Versammlung." Zugleich kündigt Böckel eine Volksversammlung für Mittwoch an, in der er auf Stück er's Rede antworten wird. Hiezu hat Böckel Stöcker selbst eingeladen. HamMerstein's Briefe. Berlin, 7. October. Gegenüber der „Nation", welche behauptete, daß Hammerstein nahezu zweihundert Briefe zur Charakterisierung seiner früheren Freunde undParteigenoffen abgesplittert habe, will das Stöcker'sche „Volk" bestimmt erfahren haben, daß es sich um 378 Briefe handle, deren größte Mehrheit mit den stärksten Majestätsbeleidigungen angefüllt ist. Danach scheinen wirthatsächlich erst am Anfänge eines ins Ungeheuere wachsenden Scandals zu stehen. Theaterscandal in Baden bei Wien. Director Schreiber scheint durch seinen Aufenthalt in Graz antisemitischen Strömungen zugänglich geworden zu sein, was bei ihm früher nicht der Fall war. Ein Beweis seiner antisemitischen Gesinnung scheint die vor einigen Monaten willkürliche Kündigung des Vertrages mit dem beliebten Sänger Max Schönau zu sein, welche Kündigung einerseits peinliches Aufsehen erregte, andererseits aber im Proceßwege durch das Berliner Schiedsgericht aufgehoben wurde. > Gerade am ersten Neujahrstage, am 12. September l. I., erhielt Herr Schönau die erfreuliche Nachricht, daß der Proceß zu seinen Gunsten entschieden und sein Vertrag bis Palmsonntag 1896 giltig befunden wurde. Director Sch reib er ist auch verpflichtet, dem Sänger Schönau eine Benefice- Borstellung bis 1. October d. I. anzuberaumen und wieder zeigte sich die Grazer Schule, da er Herrn Schönau wissen ließ, daß die Benefice-Vorstellung gerade am Kol Nidre-Abend, also am heiligsten Feiertage der Glaubensgenossen Schönau's stattfinden werde und noch dazu in geradezu unerhörter Form, nämlich ohne jede Ankündigung am Theaterzettel, daß überhaupt eine Vorstellung als Benefice für Schönau stattfindet und ohne Mitwirkung Schönau's, was nach dem Gutachten der Verwaltungs-Direction deutscher Bühnenmitglieder Oesterreichs dem Director nicht gestattet ist und weshalb Herr Schönau die Kol Nidre-Benefice-Vorstellung nicht als solche anerkennen, sondern vom Director im Proceßwege Schadenersatz verlangen wird. Welch' unliebsames Aussehen aber Director Schreiber durch sein rücksichtsloses Vorgehen dem jüdischen Sänger gegenüber im Publicum erregt, das zeigte sich in einer für den Director nichts weniger als schmeichelhaften Weise am 2. d. M. bei der Aufführung der „Carlsschülerin". Nach längerer Pause trat Director Schreiber wieder auf, aber der Empfang war derart, daß er für einige Zeit genug haben wird. Der Director wurde fortwährend aus gezischt, und als man ihm einen mit Blumen gefüllten Korb überreichte, wurde vom Publicum nicht nur unaufhörlich gezischt, sondern auch „Hoch Schönau" gerufen. Es war damit öffentlich protestirt gegen das ungerechte Vorgehen des Directors seinem Sänger gegenüber. Und den Sänger Schönau kann doch von Seite semes Directors sonst gar kein Vorwurf treffen, als der, daß er keinen — Taufschein hat. Umsomehr müssen wir dies glauben, als seit Kurzem hier ein Sänger Namens Josef Rust engagirt ist, der blos den antisemitischen Theaterbesuchern gefällt und auch diesen nur — seiner antisemitischen Allüren halber; aber mit dem Sänger hat der Director eine merkwürdige Geduld, weil der antisemitische Gesangsverein „Liederfreunde" seinem Gesinnungsgenossen Rust Beifall klatscht. So aber kann es nicht lange bleiben. Die Badener Bühne wird auch von sehr vielen jüdischen Curgästen besucht und schon aus diesem Grunde verlangen wir, daß bei einem Schauspieler nicht seine Religion oder seine politische Gesinnung, sondern nur seine Leistungen maßgebend seien; und wenn diese Zeilen nicht genügen, dem Gerechtigkeitsgefühle des Directors auf die Beine zu helfen, werden wir zur passenden Zeit sämmtliche Mische Theaterbesucher dazu animiren, aus Liebe zu ihrer Religion, aus Pietät und Gerechtigkeitsgefühl vorläufig für eine Saison auf ohnedies oft fragliche Kunstgenüsse zu verzichten. Wem es paßt, daß die Juden zu seinem Jubiläum mit prächtigen Geschenken kommen, dem muß es auch passen, wenn ein braver Sänger und guter Familienvater als — Jude das Licht der Welt erblickt hat. Ein Erlebnitz im Eisenbahncoupä. Bon einem in der Nähe von Laibach wohnhaften Mitgliede der hohen österreichischen Aristokratie erhält das „Wiener Tagblatt" eine Zuschrift, in welcher ein charakteristisches Erlebniß des Herrn Einsenders mitgetheilt wird. Die Identität des Herrn Einsenders, Herrn Grafen L. in K., erscheint beglaubigt. Die Zuschrift lautet: „Löbliche Redaction! Am 2. d. M. fuhr ich nnt dem Personenzuge Wien-Triest von Marburg nach Laibach und war recht erfreut, einige Stationen hinter Marburg mich im Coupe zweiter Classe allein zu befinden. In einer kleineren Station, deren Namen ich nicht weiß, stiegen zwei Herren in das Coupe, die mir nicht bekannt sind, die ich aber an ihrer Sprache als Wiener erkannte und die ich am ehesten als gigerlmäßig angezogene Pülcher qualificiren würde. Ich bin kein Freund von Reisebekanntschaften und ingnorirte die Herren gänzlich, weiß auch nicht, um was sich ihre sehr lebhafte Conversation drehte, da ich ein schwaches Gehör besitze. Plötzlich richtete einer der Herren einige Worte direct an mich, die ich in Folge meines Gehörfehlers nicht verstand; und als ich dies dem Herrn sagte, setzten sich die beiden Herren, die bisher an der entgegengesetzten Seite des Coupes weilten, knapp an meine Seite und mir vi8-ä-vi8 und der eine schrie mir in die Ohren: „Hier st i n k t e s nach Juden!" Auf diese Apostrophe konnte ich natürlich nichts erwidern, drehte dem Herrn den Rücken zu und sah zum Fenster hinaus, worauf mein Vw-L-vw mich anbrüllte: „Kein Wunder — der Berwaltungsrath ist jüdisch, die Bediensteten sind Juden und die Passagiere sind: auch meistens Juden!" Ich glaube, der liebenswürdige Herr meinte damit die Südbahn. Ich blieb natürlich in meiner jedenfalls mehr reservirten als höflichen Stellung; dies schien den Herren jedoch nicht recht zu passen, denn der eine, der neben mir saß, fragte mich plötzlich: „Reisen Sie nach Jerusalem?" worauf der zweite bemerkte: „Natürlich, von Tarnopol nach Jerusalem zurGemeinderathswahl!" Jetzt erst wurde ich es inne, daß mich die geistreichen Mitpassagiere, weil ich eine etwas mehr als normale Nase besitze, welchen Fehler ich übrigens mit Sr. Durchlaucht dem Prinzen Alois Liechtenstein theile, für einen Juden hielten, und ich bat die zwei Herren zwar sehr entschieden, ' aber auch ebenso höflich, mich mit ihren zeitgemäßen Bemerkungen nicht zu molestiren, was keine andere Wirkung hatte, als daß der eine mir wieder zuschrie: „Wenn ein Saujud' von einem Christen angesprochen wird, so muß er sich dies zur Ehre anrechnen." Da wurde ich endlich des Haders müde, öffnete die Coupsthür und erklärte den Herren energisch, daß ich den Ersten, der mich mit seinen antisemitischen Tiraden belästigen würde, bei der Coupßthür hinauswerfen werde. Die beiden Urarier versuchten zwar die Thür zu schließen, da ich aber meinen rechten Fuß dazwischenhielt — worüber meine Hühneraugen eben nicht entzückt waren — gelang ihnen dies nicht. Auch ihr Rufen nach dem Conducteur blieb erfolglos und so begnügten sie sich endlich damit, sich auf ihre zuerst occüpirten Plätze zu begeben und von dort aus über „jüdische Unverschämtheit" zu raisonnireu. In Cilli, wo die beiden Luegerianer ausstiegen, übergab ich ihnen meine Karte mit der Bitte, ihre Beschwerde gegen mich bei der Bahnverwaltung oder bei Gericht anzubringen, wenn sie glauben sollten, von mir in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht worden zu sein. Und nun hätte ich die Bitte an die löbliche Redaction, zur Vermeidung derartiger Jntermezzis, die