Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Seite 749 einen christlichen Gemeinderath besitzt". Diese Aufforderung hatte zur Folge, daß Tausende und Tausende nach Maria-Enzersdorf strömten. Schon der erste Zug der Südbahn brachte mehr als 700 Personen, zumeist Frauen, und so ging es fort bis 11 Uhr. Auch in eigenen Wagen, in Fiakern und Einspännern kamen viele Leute gefahren. Die Kirche war zum Erdrücken voll, dicht gedrängt standen die Menschen, und vielen Frauen wurde in dem Gedränge unwohl. Um 11 Uhr begann das Hochamt zur Feier des Namenstages des Kaisers, woraus eine Predigt folgte. Der Prediger enthielt sich aber jeder Anspielung auf die Wiener Wahlen. Während des Hochamtes kamen zwei Frauen mit einem ungeheuren Lorbeerkranz, der später von zwei Herren um das Votivbild des Dr. Lueger befestigt wurde. Auf den weiß-rothen Schleifen des Kranzes steht: „Himmlische Mutter beschütze ihn!" Nachdem das Hochamt und die Predigt vorüber waren, drängten sich die Frauen zu dem Bilde, und viele derselben küßten es (!) Auch Nachmittags beim Segen war die Kirche wieder dicht gefüllt. Zur Rückbeförderung der Menge vom Brunner Bahnhofe aus waren vier Züge erforderlich. Eine Enttäuschung bereitete es den antisemitischen Frauen, daß Dr. Lue g er nicht persönlich nach Maria-Enzersdorf gekommen war, was seine Verehrerinnen bestimmt exwartet hatten. Dafür fanden seine Photographien, die in allen Formaten feilgeboten wurden, reißenden Absatz. Gnadengesuch für Leust. In der Stadt Hannover ist, wie das „Deutsche Volksrecht" berichtet, ein Gerücht verbreitet, wonach für den früheren antisemitischen Abgeordneten Leuß ein Gnadengesuch von Seite der Zuchthausbeamten in Celle, wo derselbe bekanntlich die ihm wegen wissentlichen Meineides, respective Anstiftung zum Meineide zudictirten 37a Jahre Zuchthaus verbüßt, eingereicht worden wäre. Hammerstein & Comp. Das „Berliner Tageblatt" vom 5. d. schreibt in einem bemerkenswerthen Artikel über diese saubere Gesellschaft: „Stöcker und Hammerstein, der Hofprediger und der politische Wortführer der auf ihre Kirchengläubigkeit und auf ihre Königstreue eingeschworenen Partei als die Schildhalter einer gegen den Herrscher und seinen ersten Rathgeber gerichteten Jntrigue, — fürwahr, dies sind zwei classische Beispiele für die Hinfälligkeit einer gewissen Anschauung, nach welcher Kirchengläubigkeit und echte Frömmigkeit, dagegen andererseits Liberalismus und Gottlosigkeit gleichbedeutend sind. Hat Herrn Stöcker seine unbeugsame Kirchengesinnung vor einem fahrlässigen Falscheid, vor zahllosen gerichtlich nachgewiesenen Gehässigkeiten sogar gegen Amtsbrüder geschützt? Sein eigener Parteigenosse Professor Dr. Brecher, einer von den Vätern der vielgepriesenen, gegen den Liberalismus gerichteten „Berliner Bewegung", sagt von diesem Verkünder des Wortes Gottes aus, daß er an ihm einen „bemerkensweithen Mangel an Offenheit und Wahrheitsliebe" beobachtet habe! Und dieser moralische Defect ist, wie der Augenschein lehrt, mit einer geflissentlich zur Schau getragenen kirchlichen und conservativen Gesinnung recht gut verträglich! Und wie die Herren v. Hammerstein und Stöcker vorbildlich geworden sind, davon hat man sich alle Tage zu überzeugen Gelegenheit. Was Herr v. H a m m e r st e i n im Großen, das bedeuten Leute wie der Herr Gerichtsassessor Pigulla im Kleinen. Bon Ersterem führt ein anderer würdiger Streiter für Gottesfurcht, Vaterland und Königstreue, nämlich Herr Liebermann v. Sonnenberg, in seiner antisemitischen Correspondenz vom 26. September wörtlich Folgendes aus: „Wie Alles bei diesem außergewöhnlichen Menschen, so haben auch seine Bergehungen einen Zug in's Großartige". Also ein Wechselfälscher, ein Betrüger, ein Verleumder und berufsmäßiger Ehrabschneider wie Herr v. Hammerstein ist nach der Ansicht des Herrn Liebermann v. Sonnenberg ein außergewöhnlicher Mensch, dessen Vergehungen" einen Zug in's Großartige haben! Ja, Herr von Hammerstein ist — ein Uebermensch! Vielleicht wird sich ein Vertheidiger in ähnlichem Sinne auch für den Affessor Pigulla finden, der einen unschuldigen Bäckerlehrling prügelt, sich gegen die Träger der Staatsgewalt vergeht, sich für einen „hohen Beamten" ausgibt und sich dabei auf seine Gesinnungstüchtigkeit beruft — er rühmt sich seiner Zugehörigkeit zur conservativen und antisemitischen Partei und droht mit Veröffentlichungen in der „Post" und „Staatsbürger- Zeitung". Man sieht, die Herren v. Hammerslein und Genoffen beginnen Schule zu machen! Aber die Zahl der Verächter aller sittlichen und aller staatlichen Gesetze aus jenem kirchlich frommen und streng conservativen Lager ist geradezu ungeheuerlich groß. Die Heldenthaten eines Grafen Gersdoiff, eines Wehr, eines Leuß, eines Partitsch sind noch unvergessen! Alle diese Herren waren geschworene Feinde des gottlosen Liberalismus; alle diese Herren erfrechten sich, zu Gericht zu sitzen gegen Jedermann, der nicht mit ihnen an demselben Strange zog. Von den Buschkleppern unter den Antisemiten im Deutschen Reiche wie in Oesterreich soll schon gar nicht die Rede sein, denn hier müßte man ganze Seiten mit bloßen Namensnennungen anfüllen, wollte man sie zum Appell antreten lassen! An der Spitze ihrer letzten Abendausgabe erörtert unter dem Schlagworte „Staatsanwalt und Gericht" die „National-Zeitung" den Fall Pigulla, bei welchem der Gerichtshof auf vier Monate und drei Wochen Gefängniß erkannte, nachdem der Staatsanwalt 300 Mark Geldbuße beantragt hatte. Angeklagt war der antisemitischeGerichtsaffeffor. Offenbar, wie das genannte Blatt bemerkt, einer jener antisemitischen Rowdies aus den gebildeten Ständen, die, leider nicht ganz selten, zu den angenehmsten gesellschaftlichen Erscheinungen von heute gehören. Der Angeklagte kam vor mehreren Monaten eines Morgens um vier Uhr die Alexandrinenstraße entlang, am Arme eine angetrunkene Dirne, er selbst aber nüchtern, so daß er nicht einmal die Entschuldigung des Rausches hat. Ohne jeden Anlaß mißhandelt er einen 14jährigen Knaben, der. nicht in so behaglichen Berhältniffen wie der Held der Geschichte, bereits an der Arbeit war. @tn Schutzmann versucht den Herrn Assessor zum ruhigen Nachhausegehen zu veranlassen, wird aber insultirt; auf die Polizeiwache gebracht, spielt der Ruhestörer sich auf den „hohen Beamten" hinaus, vor dem die Schutzleute Respect haben müßten; er widersetzt sich thätlich und schlägt nach einem Schutzmann. Eine Beschwerde über angebliche Ausschreitungen der Schutzleute gegen ihn unterläßt er kluger Weise; aber auf die gestrige Frage des Präsidenten, warum er dies gethan, wenn er im Rechte zu sein geglaubt, erwidert er, der künftige Richter, daß er vorausgesehen habe, gegen die Schutzleute doch nicht Recht erhalten zu können! Nach der Feststellung eines derartigen Thatbestandes beantragt der Staatsanwalt 300 Mark Geldbuße. „Gestern," so sagt nun die „National-Zeitung". antwortete die Strafkammer auf den Antrag des Staatsanwalts mit der Verurtheilung des Angeklagten zu vier Monaten und drei Wochen Gefängniß. Man dürfte allgemein den Eindruck haben, daß dieses wohlbegründete Urtheil gegen den Angeklagten zugleich eine unzweideutige Kritik des Verhaltens des Staatsanwaltes bedeute. Es ist erstaunlich und beklagenswerth, wie die Fälle sich häufen, in denen Staatsanwälte, bald durch verfehlte Schneidigkeit und bald durch ebenso verfehlte Milde, sich mit dem natürlichen Rechtsgefühl in Widerspruch setzen. Der Justizminister wird diese Erscheinung nicht unbeachtet lassen können." Stöcker und Hammerstein. „Ich versichere Sie, meine Freunde, der Fall Hammerstein ist nichts weiter als eine von der Judenpreffe inscenirte Theatermache; auf so etwas verstehen sich diese Herren ja meisterhaft, da ja die Theater Berlins jetzt auch schon durchwegs in jüdischen Händen liegen." So hat Herr Stöcker, der Mann mit dem Schwerte der Wahrheit", am letzten Freitag gesprochen. Die ,,Vossische Zeitung" bemerkt dazu: „Der „neue Luther" weiß nicht, was er redet. Eine jüdische Theatermache soll der „F a l l Ha mm er st ein" sein? Je nun, weiß Herr Stöcker wirklich nicht, daß Fräulein Flora Gaß, die Freundin des Herrn v. H a m m e r st e i n, die auch das liebliche Bild von Herrn Stöcker, wie er mit dem „Kreuzzeitungs"-Redacteur Arm in Ärm sein Jahrhundert in die Schranken fordert, unter ihren Schätzen birgt, zuerst zu Herrn v. Berlepsch ging? Ist Herr v Berlepsch ein Jude? Ach nein, und er hat auch nicht einmal mit einer schmutzigen Angelegenheit zu thun haben wollen. Der nächste Freund des Herrn Stöcker, Herr v. H a m m e r st e i n, hatte für die schriftstellerische Befähigung des Fräulein Flora Gaß, des früheren Baseler Studentenliebchens, keine Verwendung; aber für ihre körperlichen Reize hatte er Augen. Er spielte den interessanten Witwer, prüfte ihre Tugend in dem Austernkeller, versprach ber „Same“ die Ehe und erzählte ihr, da er im Frack und weißer Binde zu nachtschlafender Zeit bei ihr erschien, daß er eben vom Thee bei dem Minister v. Berlepsch komme .... Diesem Umstande hatte Herr v. B e r l e p s ch die Bekanntschaft von Frl. Flora Gaß zu danken. Da aber der Minister die „Dame" ebenso höflich wie er sie anhörte, zur Thür hinauscomplimentirte, wandte fie sich an conservative Freunde des Herrn v. Hammer st ein, auf daß er sein Eheversprechen erfülle. Bermuthlich hat Fräulein