Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 748 Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift zeigen, daß Diejenigen, welche durch Unterdrückung Anderer frei werden wollen, selbst die Freiheit verlieren. Die Freiheit für sich und die Bedrückung für Andere wollen — das ist ein innerer Widerspruch, der sich früher oder später rachen muß. Verharren die Deutschnationalen in ihrem Judenhasse, dann werden sie so sicher Knechte des Clericalismus, wie es die Christlich-Socialen geworden sind. Die Strafe der Völker für alle Judenverfolgungen war stets und unausweichlich das Joch des Clericalismus! Ueber diese Logik der Weltgeschichte kann auch der Freisinn der Deutschnationalen nicht hinweg. Man kann nicht liberal und antisemitisch zugleich sein, so wenig sich Licht und Finsterniß in demselben Raum vertragen. In der jüdischen Schrift heißt es: „Wenn der Jude leidet, leidet der Gottesgedanke!" Das will sagen: wenn irgendwo auf dem Erdenrunde ein Volk unterdrückt, geknechtet und verfolgt wird, so leiden darunter die göttlichen Ideen des Rechtes, der Freiheit und der Gerechtigkeit! Und diese Wahrheit wird sich an den Deutschnationalen so gewiß erfüllen, als das Judenthum nicht in seinen einzelnen Individuen, sondern in seiner Gesammtheit und in seinem historischen Berufe der Träger jener Ideen ist! Ein Schurkenstreich. Das „Fr. Bl." meldet aus Saaz, 1. October. Wie aus gewisien Vorfällen der letzten Zeit wohl bekannt, hat auch in unserer friedliebenden Stadt der moderne Giftpilz, Antisemitismus genannt, Boden gefaßt, und in einer ganz kurzen Spanne Zeit entwickelten sich hier eine Ortsgruppe des „Bundes der Deutschen in Böhmen", ein „Deutsch-volklicher Turnverein" und die „Saazer National-Zeitung", lauter Institutionen zur künstlichen Aufzüchtung des Racen- und Glaubenshasses nach bewährten Mustern. Was letztere betrifft, so bedürfte ich viel Zeit und Papier, um all die Lügengewebe aufzudecken, welche sie in ihren bisher erschienenen sechs Nummern mit und ohne Kunst gesponnen. Nur einen Fall kann ich hier hervorheben, der so recht charakteristisch zeigt, mit welchen Mitteln hier an der Ausbreitung des Antisemitismus und an der Aufreizung der breiten Volksschichten gearbeitet wird. In Nr. 5 des erwähnten Schandblattes war ein Brief aus K a a d e n vom 21. September abgedruckt, den angeblich ein gewiffer Hermann Heller an die Redaction der „National-Zeitung" gerichtet haben sollte. Der Brief lautet wörtlich: „Sie haben in Ihrem Blatte vom Donnerstag einen Artikel über mich gebracht und mich sowie meine Glaubensgenossen geschmäht! Ich warne Sie hiemit, dies nochmals zu thun, da ich gegen solche Christenhunde absolut die Staatshilfe anrufen mußte! Sie Dummköpfe! Sehen Sie denn nicht, daß, je mehr Sie uns schmähen, desto schwerer wir uns an so einer frechen Bagage rächen? In 50 Jahren seid Ihr unsere Knechte — Ihr werdet uns bedienen und froh sein, wenn wir Euch trockene Erdäpfel vorsetzen werden. Es kommt nach unserem Propheten die Zeit, wo alle Andersgläubigen vernichtet werden, und die Zeit kommt mit Riesenschritten; dann werden wir Euch Hunde abzahlen, was Ihr an uns verbrochen habet. Lassen Sie sich nicht einfallen, über diesen Brief ein Sterbenswörtchen verlauten zu lassen, sonst werden Sie, Herr Redacteur. auf offener Straße ermordet! Das wird Ihr Los sein. Die Juden sind noch muthig genug, um solche Gewaltacte zu strafen, und wehe Ihnen, wenn Sie nicht aufhören, Ihre Hetzen fortzusetzen. Merken Sie sich's! Ich bin Christ und freisinnig, und eben darum hatte ich ein doppeltes Interesse, zu erfahren, was denn eigentlich an der Sache Wahres sei, denn der Ton dieses Brieses erregte nicht nur hier in Saaz, sondern vielmehr noch in Kaaden ejne geradezu beispiellose Aufregung. Ich pstegte deshalb authentische Nachforschungen, welche zu dem bestimmten Resultate führten, daß Hermann Heller, ein in Kaaden wegen persönlicher Eigenschaften nicht besonders beliebter Geschäftsmann, den Brief nicht nur nicht geschrieben, sondern von demselben auch noch nach deffen Erscheinen gar keine Ahnung hatte. DaS Schriftstück ist nämlich nach bekannter antisemitischer Manier erzeugt worden, denn ein Brief genau desselben Inhalts erschien bereits im vorigen Jahre, ebenfalls einen Tag nach dem jüdischen „Versöhnungsfeste", in H ö ch st bei Frankfurt a. M. und wurde dort aus Concurrenzneid einem Juden, dem Inhaber des Süddeutschen Waarenhauses", unterschoben. Aber auch dieser Brief soll schon nachgebildet worden sein, und zwar einem antisemitischen Machwerke, das man den Gründern der „Allianz Israölite“ unterschob. Sie sehen also, daß es sich hier um ein ganz niederträchtiges antisemitisches Manöver handelt, und daß sich die Leute hiezu eine Persönlichkeit heraussuchten, welche ohnehin mißliebig ist, und durch deren Wahl die Sache eine größere Wahrscheinlichkeit bekam. Die feinen Herren haben ihr Ziel auch theilweise erreicht, da in Kaaden, besonders unter den niederen Schichten der Bevölkerung, eine Erregung platzgegriffen hat, die man für unmöglich gehalten hätte, und welche jeden Augenblick zu einer Explosion zu führen drohte. Noch heute hält die excessive Stimmung in Kaaden an, genährt durch die Thätigkeit fremder, hiehergesendeter antisemitischer Agitatoren. Dagegen muß hervorgehoben werden, daß der Bürgermeister Dr. Reif und dessen Stellvertreter Stadtrath Dr. K l i n g e r Alles aufbieten, um die Gemüthcr zu beruhigen und jedem Exceß vorzubeugen. Heller hat bereits die nöthigen Schritte bei der Staatsanwaltschaft in Brüx eingeleitet, und werde ich Ihnen, sobald von dieser Seite etwas vorgekehrt wird, nähere Mittheilung hierüber erstatten. Einstweilen genügt es, die Otffentlichkeit aufmerksam gemacht zu haben, wie man hier im intelligentesten Viertel Deutsch-Böhmens darauf hinarbeitet, um jeden Preis einen Judenscandal zu erzielen und so einen Boden für weitere Agitationen bei den bevorstehenden Landtagswahlen zu gewinnen. Nachschrift der Redactivn: „Die „Deutsche Zeitung" vom 8. October publicirt neuerdings dieses erlogene Machwerk antisemitischer Schurken unter der Spitzmarke: „Es gibt keine jüdischen Unarten". — Die biedern Germanen der „Deutschen Zeitung" identificiren sich mit dieser Schurkerei So waren die Antisemiten seit je. Wir erinnern an den niederträchtigen Weiner-Brief, den das Wiener „Deutsche Volksblatt" seinerzeit publicirt hatte, der bei Gericht sich als antisemitische Schurkerei herausstellte. So sind sie Alle! Gegen den Hetzruf der erblichen und< nicht erblichen Führer unserer Feinde: „Kauft nur bei Christen^ hatten wir das Princip: „Kauft auch bei Christen", um keinen Geschäftsmann zu schädigen. Wir fanden es natürlich, daß alle Menschen leben müssen und fragten nicht nach der Confession des betreffenden Gewerbsmannes. Gelegentlich der Wahlen wurden wir aber belehrt, daß die Rohheit der Hetzer und deren Gefolgschaft den Gipfelpunkt erreicht hat. — Die Geschäftsleute israelitischer Confession sind förmlich boycottirt und Pflicht eines jeden Juden ist es, seine Glaubensbrüder zu unterstützen. Da die Herren Antisemiten grundsätzlich so lange Feinde des jüdischen Capitals sind, als sie dieses nicht im eigenen Besitz haben, nehmen sie das Ausbleiben der jüdischen Kundschaft sehr übel auf. Als der christliche Fleischhauer Beutel im 2. Bezirk, Schreygasse, eine koschere Abtheilung errichtete, rcflcctirte er wohl hauptsächlich auf die jüdische Kundschaft, und es gelang ihm auch in verhältnißmäßig kurzer Zeit, sich unter unseren Glaubensgenossen eine bedeutende Clientel zu erwerben. Dies hinderte ihn jedoch nicht, für die antisemitischen Gemeinderathscandidaten zu stimmen und eifrigst zu agitiren. Die natürliche Folge hievon war, daß ihm alle jüdischen Kunden ausgeblieben sind und das reichlich aufgestapelte Fleisch vergebens seiner gewohnten Abnehmer harrt. Herrn Beutel ist der Ausfall in den bis nun bedeutend gewesenen Tageseinnahmen sehr unangenehm. Er nimmt deshalb keinen Anstand, seinen Jüdinnen persönlich die Aufwartung zu machen und sich nach dem Grunde ihres Ausbleibens zu erkundigen, obwohl ihm derselbe am besten bekannt sein dürfte. Ja! Des lieben Gewinnes wegen findet es selbst ein enragirter Antisemit, wie Herr Beutel, der Mühe werth, bei den Jüdinnen um die Kundschaft zu betteln, um sie dann umso bequemer beschimpfen zu können. So sind sie Alle! Für uns aber erwächst die Pflicht, unfern Bedarf nur bei unseren Glaubensbrüdern zu decken und wir müssen lebhaft agitiren, damit unsere gewerbetreibenden Glaubensgenossen, die unter dieser unseligen Strömung viel zu leiden haben, von uns kräftigst unterstützt werden. Eine Antisemiten-Wallfahrt. Am 6. September war, wie gemeldet, eine Wallfahrt antisemitischer Frauen nach Maria-Enzersdorf veranstaltet worden, um in der dortigen Franciscaner-Klosterkirche, wo sich bekanntlich auch ein Votivbild zur Erinnerung an die Rettung Dr. Lueger's bei einem Wagenunfalle befindet, für den „glücklichen Ausgang der Wiener Gemeinderathswahlen" zu beten. Neuerlich wurden in den antisemitischen Blättern die Wiener Frauen abermals aufgefordert, einer „Dankmefse" in der Kirche zu Maria- Enzersdorf beizuwohnen, „um Gott fürden glücklichen Ausgang der Wiener Gemeinderatbswahlen zu danken, und daß Wien wieder