Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 747 Ziehen wir uns zurück aus den Gasthäusern, wo der Geist des Weines und der Intoleranz die Gemüther erhitzt und wo eine etwas zu lang gerathene Nase einem echten Antisemiten schon als Provocation gilt. Ziehen wir uns zurück aus den Kaffeehäusern, wo bei Kaffee und Obersschaum dem Müßiggänge gehuldigt wird und wo die Kleinen, die da auch mitthun müssen, bei den Lascivitäten und Nuditäten der illustrirten Blätter zischeln und lachen und wo ihre reine Seele beschmutzt wird. Ziehen wir uns zurück vom Corso und dem Eislaufplatze, dem Weihnachtsmarkte und den Sylvestervergnügungen. Lassen wir die Brillanten nicht ans der Straße funkeln; Brillanten gehören in den Salon und nicht auf die Straße. Bleiben wir nicht in Rudeln auf der Gasse plaudernd stehen; das ärgert den Vorübergehenden und mancher rohe Geselle stößt oft absichtlich in einen Kreis plaudernder Frauen hinein, seine Action mit einem kräftigen Schimpfworte über „jüdische Unart" begleitend. Aber dieses Stehenbleiben auf der Straße, das laute Sprechen sind keine jüdischen Unarten, denn: „Es gibt keine jüdischen Unarten, es gibt nur menschliche Unarten". Doch der bös denkende Mensch ist nur zu sehr geneigt, das Judenthum auch für diese Unart verantwortlich zu machen. Hüten wir uns also, ein Berkehrshinderniß zu sein. Verbannen wir das Kartenspiel aus unserem Salon; er werde wieder die Pflegestätte herzerfreuenden geistigen Gedankenaustausches. Im 18. Jahrhundert, das m der Geschichte der Literatur „Das goldene Zeitalter" genannt wird, waren die Salons der Jüdinnen Rahel Lewin. Henriette Herz, Dorothea Mendelssohn der Mittelpunkt der hervorragendsten Geister Deutschlands und in den glänzenden Zeiten des Wiener Conqreffes waren neben den Salons der Fürstinnen Auersperg, Liechtenstein und Eszterbazy auch die Salons der Jüdinnen Pereira, Arnstein und Eskeles der^Sammelpunkt der damals so zahlreich anwesenden fremden Fürstlichkeiten, Diplomaten und hohen Geistlichkeit. Die jüdische Geschichte ist reich an edlen Frauengestalten und von Mirjam, der lieblichen Schwester Mosis und Deborah der Richterin, deren herrliche Kriegsgesänge sich noch bis in unsere Zeit erhalten haben, bis herab auf die Fanni Neuda, in deren ..Stunden der Andacht" eine hingebungsvolle Liebe für das Judenthum glüht, hat es immer Frauen gegeben, die durch ihre Begeisterung für das Judenthum, durch Heldenmuth und Opferfreudigkeit die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erregt haben. Diese edlen Frauengeftalten sollen jetzt unsere Borbildersein. Als einst die drei Engel unseren Stammvater Abraham' aufsuchten, um ibm frohe Kunde zu bringen, da fragten sie ihn, wo Sarah sei. ..Sie ist in ihrem Zelte", antwortete Abraham. Und in ihrem Zelte, bei ihrer Familie soll man auch jetzt die jüdische Frau finden. Ziehen wir uns in unser Zelt zurück! Der Affimilirunasproceß hat ein jähes Ende gefunden, und es soll nicht zum Schaden des Judenthums sein. Die jüdische Geschichte lehrt uns. daß die Zeit, in der das Judenthum, auf sich selbst angewiesen, zurückgezogen lebte, nicht seine schlechteste war. Damals blühte jüdisches Geistesleben. Reinheit der Sitten, Innigkeit der Familienbande. Die Geschichte ist die größte Lehrmeisterin, lassen wir uns von ihr belehren. Ziehen wir uns in unser Zelt zurück; pflegen wir die Familienbande, den häuslichen Sinn, die häusliche Geselligkeit und heben wir das religiöse Bewußtsein in unseren Kindern. Erziehen wir unsere Mädchen zur Einfachheit und Bescheidenheit. Streifen wir den Luxus ab und die Männer werden nicht mehr vor der Ehe zurückschrecken und dann wird auch der Aufruf zur Erbauung eines Mädchenheims für alleinstehende Mädchen, wie er jüngst in diesen Blättern erschienen, überflüffig werden. Zeigen wir unseren Gegnern, welch gesundes, widerstandsfähiges Volk wir sind. Das Volk, das eine ruhmreiche, fast 6000jährige Geschichte hinter sich hat, wird auch die jetzige antisemitische Strömung überdauern, sowie es einen Titus und Antiochus, einen Haman und Torquemada überdauert hat. Lassen wir uns durch den anscheinend so düsteren Ausblick auf die Zukunft nicht von den kommenden Ereignissen Niederdrücken. Lassen wir nicht die Köpfe hängen und unser Gemüth nicht einschüchtern. Das Auge blicke frei dem Gegner in's Gesicht und er soll darin nur die herrlichen Verse des Altmeisters Goethe lesen: Allen Gewalten Zum Trutz sich erhalten, Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen. Rosa F. Vom Jahrmarkt des Lebens. Graf Taaffe und die Juden. Wir haben in unserer vorigen Nummer das Interview eines ungarischen Zeitungs-Correspondenten mit dem Gemeinderathe Herrn Dr. Alfred Stern veröffentlicht. Herr Dr. Stern bestätigte in seinen Auseinandersetzungen die von der „Oesterreichischen Wochenschrift" schon wiederholt mitgetheilte Thatsache, daß Graf Taaffe den Juden für den Fall, daß sie die Opposition gegen die Regierung fallen ließen, als Compensation die energische Bekämpfung des Antisemitismus in Aussicht stellte. Wir können nur neuerdings auf Grund unserer eigenen Erfahrungen versichern, daß diese Eröffnung des Herrn Dr. Stern vollkommen auf Wahrheit beruht. Unsere Glaubensgenoffen, nicht blos jene in Wien, sondern auch jene in Mähren und Böhmen, haben damals den Antisemitismus für eine vorübergehende, nicht allzu bedeutende Bewegung gehalten und die Zumuthnna des Grafen Taaffe abgewiesen. Wir haben der Sache eine größere Bedeutung beigelegt. wir haben gewußt, daß die geweckter. Justincte der Brutalität nicht leicht einzudämmen sein werden. Heute ist alle Welt hierüber im Klaren. Der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch isi in Wort und Schrift stets für den Gedanken einer Verständigung der Juden mit der Regierung eingetreten. Wir dürfen heute daran erinnern, welche heftige Anfeindungen Dr. Bloch deshalb lange Jahre hindurch gerade von Seite seiner Glaubensgenossen zu bestehen hatte. Diejenigen, welche damals die Tragweite der antisemitischen Bewegung verkannten, haben jetzt kaum ein Reckt, dem Grafen Taaffe darüber Borwürfe zu macken, daß ibm der Antisemitismus nichts war als ein Stein im politischen Schachbrett, und daß er der Judenhetze nicht von allem Anfänge an mit aller Kraft entgegengetreten ist. Man konnte von diesem Staatsmann nicht verlangen, daß er jüdischer sei als dje Juden, die gegen Einen der Besten aus ihrer Mitte, aegen Adolf Fisch Hof, mit der größten Leidenschaftlichkeit Stellung genommen hatten, weil er dieselben Ideen propagirte, wie Dr. Bloch. Der Katzenjammer der Deutschnationalen. Die „Oesterreichische Rundschau" schreibt in ihrer Nummer vom 8. d. M.: „Komme nun, was kommen mag, klären sich die verworrenen Verhältnisse wie immer, verschlinge in Gottes Namen der Clericalismus auch die christlich-sociale Partei mit Haut und Haare», sowie das Judenthum seinen Beschützer, den Liberalismus, in die Grube gebracht hat — angesichts der ausgesprochen deutschfeindlichen Zusommensitzung der neuen Regierung, zu der die deutschnationale Partei selbstverständlich in eine verstärkte Opposition treten müßte, werden sich die neuen oder durch ehemals oppositionellen Zuwachs aufgefrischten alten Parteien nicht anders als deutschfeindlich und reactionär gestalten können, wollen sie überhaupt eines reqierungsmäsiiaen Einflusses auf die politischen Geschicke des österreichisch regierten Oesterreich theilhaftig werden. Damit, mit dem Verhältnisse der Regierung zu den jungen Parteien ist auch das Be r hält n iß der deutsch nationalen Partei zu jenen gegeben und sie wird, falls sie nicht die Kraft findet, aus sich selbst heraus eine politisch werthvolle nationale Organisation zu schaffen, gezwungen sein. Bundesgenossen im Kampfe für Deutschthum und Freiheit im Lager der bisherigen Gegner zu suchen und Bundesgenossen, die plötzlich etwas Anderes sein wollen, als eine ohne bestimmtes politisches Programm kämpfende Schaar von Judengegnern, entschieden zu bekämpfen". Das heißt im schlichten und ehrlichen Deutsch: die Deutschnationalen, die sich vom Clericalismus nicht verschlingen lassen wollen, werden ihre Bundesgenossen im liberalen Lager suchen. Da müffen wir denn die Deutschnationalen bei Zeiten auf eine gewichtige Thatsache aufmerksam machen. Auch die liberale Partei als solche segelt heute bereits im Fahrwasser des Clericalismus, auch sie ist, um regierungsfähig zu bleiben, reactionär geworden und zwischen Altliberalen und Christlich- Socialen besteht kaum noch ein wesentlicher Unterschied. Wirklich und aufrichtig liberal sind nur noch dieJuden, und wenn sich die Deutschnationalen zur Vertheidigung der Freiheit und der Bolksrechte nach tüchtigen Bundesgenoffen umsehen wollen, so I müssen sie ihre Zuflucht zu den — Juden nehmen.Es ist freilich die Frage, was im gegebenen Momente stärker sein wird: Die Liebe zur Freiheit, oder der Haß gegen die Juden. Ist aber die erstere die stärkere Macht, dann wird sich hier ein alter, j weltgeschichtlicher Proceß von Neuem vollziehen. Es wird sich